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Touristisch überhitzte Alpen?

Die Südtiroler Grünen haben kürzlich eine wichtige Debatte über die Grenzen im Tourismus angestoßen, dessen Überhitzung hierzulande schon lange im Verdacht steht, einer nachhaltigen ökologischen, kulturellen, gesellschaftlichen und sogar wirtschaftlichen Entwicklung im Weg zu stehen.

Die Alpen drohen, sich immer mehr nur noch zum Vergnügungspark der umliegenden — dicht besiedelten — Regionen  zu entwickeln und ihre eigene »Mittelpunktqualität« einzubüßen.

Als Negativbeispiel für Südtirol nennen die Grünen etwa Nord-/Osttirol. Doch bei genauerem Hinsehen liegt unser Landesteil (an der Bevölkerungszahl gemessen) bei den jährlichen Übernachtungen bereits deutlich vor seinen Nachbarn in der Europaregion: Eurostat bescheinigt Südtirol für 2015 — je 1.000 Einwohnerinnen! — rund 8.200 Übernachtungen mehr, als Nord-/Osttirol und ganze 26.900 mehr, als dem Trentino. Das sind fast doppelt soviele.

Das Balkendiagramm zeigt nicht etwa eine Auswahl, sondern die ersten 35 Plätze in der Statistik. Da liegt Südtirol europaweit nur hinter den drei insularen Mittelmeerregionen Südliche Ägäis, Balearen und Ionische Inseln (Korfu). Besser vergleichbare und weniger einseitig ausgerichtete Regionen wie Nord-/Osttirol, Trentino, Aosta, Kärnten, Vorarlberg oder Venetien liegen in dieser Wertung weit abgeschlagen hinter uns.

Solche Zahlen — selbst wenn die Bemessung an der Einwohnerinnenzahl nicht die einzig mögliche und sinnvolle sein mag — sollten wir uns in einer wichtigen Debatte, wie jener über die quantitative Einschränkung des Tourismus, die wirtschaftliche Diversifizierung und die Lebensqualität in den Alpen unbedingt vergegenwärtigen.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/

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21 replies on “Touristisch überhitzte Alpen?”

wollte nur kurz dran erinnern, dass sowohl hans heiss als auch ich aus gastwirtsfamilien stammen und daher alles andere als leicht reden haben ;-) Liebe grüße und danke fürs aufgreifen des themas!

@libertè
ich glaube, dass es mehr darum geht, wieviel an tourismus ein gebiet verträgt, sodass viele menschen vom tourismus leben können und nicht fürchten müssen, dass die schiere masse genau das kaputt macht, weswegen die touristen eigentlich zu uns kommen. das ist nämlich ein relativ schmaler grat, den man schon immer wieder abchecken sollte.

ich habe auf meinen reisen um den globus nicht wenige gebiete gesehen, die sich ihrer faszination selbst beraubt haben. den touristen ist das wurscht. die ziehen dann einfach weiter an den nächsten “unverbrauchten” ort.

ein gutes beispiel ist candi dasa auf bali. oder mit abstrichen auch yangshuo in südchina. auch in einigen orten in thailand habe ich diese tendenz gesehen. man hat es übertrieben. die attraktivität ging verloren und die touristen waren weg.

ich denke also schon, dass es einen gedanken wert ist, darüber zu reden, wieviel südtirol verkraftet. gerade deshalb, damit der tourismus eines unserer standbeine bleibt.

ich glaube, dass es mehr darum geht, wieviel an tourismus ein gebiet verträgt, sodass viele menschen vom tourismus leben können und nicht fürchten müssen, dass die schiere masse genau das kaputt macht, weswegen die touristen eigentlich zu uns kommen. das ist nämlich ein relativ schmaler grat, den man schon immer wieder abchecken sollte.

Genau dazu ist Kapitalismus gemacht 😉
Ich überlasse die Entscheidung wo dieser Grad lieber dem Markt als irgendwelchen obergscheiden Grünen

Nicht “der Markt” hat die Natur zerstört, sondern gierige Menschen und deren Komplizen.

@tiroler bua

ja schon. aber wer hat sie dazu verleitet, raubbau an der natur zu begehen? die logik des marktes, oder?

zur klarstellung: freier markt ist sehr gut und eine der grundvoraussetzungen für unsere demokratie und unseren wohlstand. gleichzeitig braucht es aber korrektive, die die darwinistischen marktlogiken etwas abfedern.

nach meinen berechnungen ist die aussage bezüglich nord- und südtirol käse und die grünen haben recht:

laut tirolwerbung gab es im tourismusjahr 2014/2015 im bundesland tirol 45,6 millionen nächtigungen. die einwohnerzahl beträgt laut statistik austria 739.002.
Das heißt, dass es pro 1000 einwohner 61.705 nächtigungen gibt.

laut smg gab es in südtirol 2015 29,5 millionen nächtigungen. die einwohnerzahl beträgt laut istat 520.891. das heißt, dass es pro 1000 einwohner 56.634 nächtigungen gibt.

Ehrlich gesagt wäre ich da mit selbstgebastelten Statistiken ein bisschen vorsichtig… die Aufgabe von Eurostat ist es doch gerade, uneinheitlich erhobene Daten aus den Mitgliedsländern zu harmonisieren. Zum Beispiel wird meines Wissens in Österreich auch die Erwerbslosenquote anders berechnet, als etwa in Südtirol. Deshalb sind entsprechende Daten von Astat und Statistik Austria nicht miteinander vergleichbar, während Eurostat durch Angleichung der Parameter versucht (!), die Vergleichbarkeit herzustellen. Was natürlich nicht heißt, dass nicht auch Eurostat mal danebenliegen kann.

mag sein. und bei arbeitslosenzahlen ist es auch etwas komplexer.
ich kann mir aber nur schwer vorstellen, wie man einwohner und nächtigungszahlen “anders” zählen kann. noch dazu, dass ein so wesentlich unterschiedliches ergebnis dabei rauskommt.

poste doch mal die eurostat-quelle. dann könnte man dem ganzen vielleicht auf den grund gehen.

A bissl unübersichtlich ist die Eurostat-Seite schon… kann grad die Statistik pro 1.000 EW nicht mehr finden. Aber auch die absoluten Zahlen dürften dir weiterhelfen, denn da scheinen für Nord-/Osttirol nicht die von dir genannten 45,6 Millionen Übernachtungen auf, sondern 35,4 Millionen.

Eine mögliche Art, um Nächtigungen anders zu zählen, wäre beispielsweise (Klein)kinder den Eltern zuzuschlagen (oder meinetwegen mit dem Faktor 0,5 zu multiplizieren) gegenüber einer “vollen” Übernachtung in der jeweils anderen Region.
Oder man gewichtet Voll- bzw. Halbpension und Zimmer mit Frühstück anders.
Bei Stundenhotels kann man auch darüber streiten, ob das als Nächtigung zählt oder nicht.
Bei Campingplätzen kann es auch ein Unterschied sein, ob man einen Bungalow mietet, einen Wohnwagen hinstellt oder nur sein Zelt aufschlägt.

Keine Ahnung, ob das wirklich so gehandhabt wird, aber das fiele mir auf Anhieb so ein…

ich habe wegen der diskrepanz die tirol werbung angeschrieben und antwort erhalten:

Artikel 2 der EU-Verordnung zur Tourismusstatistik (692/2011) besagt, dass in die EU-weite Tourismusstatistik die Dienstleistungen der kurzzeitigen Beherbergung der NACE-Gruppen 55.1 (Hotels, Gasthöfe und Pensionen), 55.2 (Ferienunterkünfte und ähnliche Beherbergungsstätten) und 55.3 (Campingplätze) fallen.

Das schließt Privatquartiere und Private Ferienwohnungen von dieser Erhebung aus und wenn du diese Unterkunftsarten zusammenzählst, kommst du auf die 10 Millionen….

Oder anders ausgedrückt: In Österreich werden auch Nächtigungen in Privatquartieren und Privaten Ferienwohnungen erfasst, was international nicht üblich ist, weil solche Betriebsformen woanders entweder nicht existieren oder die Erhebung in solchen Einrichtungen nicht finanziert wird.

Auch in den Zahlen für Südtirol sind (gem. EU-Verordnung) die Privatvermieter nicht enthalten. Man müsste also wohl noch beim Astat nachfragen, ob es hierzulande Erhebungen gibt, die auch die Privatvermieter berücksichtigen.

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