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L’Italia chiamò! Sì!

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Bild: Frei nach Emil Rau (KI-generiert)

von Werner Pramstrahler

Es ist vollbracht. Mittlerweile »emotionslos« stelle ich fest, dass die emotionale Zugehörigkeit des überwiegenden Teils der »Südtiroler:innen« zum italienischen Staat erfolgreich vollzogen ist.

Ganz selbstverständlich und bewegt wird von rodelnden Olympiamedaillengewinner:innen die antiösterreichische Hymne mitgesungen, der Sieg der Nation gewidmet und dem neuen italienischen — bezeichnenderweise nicht ladinischen — Eiskanal gedankt. Begleitet wird dies von der offiziellen Anerkennung durch »Südtiroler« politische Entscheidungsträger:innen sowie von einer vor nationaler Symbolik triefenden Medienberichterstattung — dies entspricht ganz offensichtlich der Erwartung des überwiegenden Teils der Landsleute.

Marginalisiert sind die rechten wie die linken Widerständler:innen gegen den banalen Nationalismus: die rechten »Gegenbanalnationalist:innen« mit Abgrenzungsschwierigkeiten zu identitärem und ausländerfeindlichem Gedankengut, im besten Fall kaisertreu und gottesfürchtig; die linken — mich inklusive — ohne Organisationsmacht und wohl zu abstrakt.

Niemanden überrascht oder stört es, wenn österreichische und deutsche Medien von Italiener:innen sprechen und schreiben — Italiener:innen nach innen wie nach außen. Setzt sich diese Entwicklung fort — und warum sollte sie das nicht? —, wird »Südtirol« zu jenem Land, das offenbar gewünscht wird: nostalgisch anmutende, an den ehemals tirolerischen Kern erinnernde Architektur und Bräuche sowie italienisches Flair, Lebensart und Küche — bei gleichzeitig angenehmerweise noch vorhandenen Deutschkenntnissen eines Teils der Bevölkerung; des ohnehin polyglotten, hochmobilen Bildungsbürgertums und einiger weniger resilienter Sturköpfe in einigen Tälern.

Bitter.


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Comentârs

9 responses to “L’Italia chiamò! Sì!”

  1. Martin Brugger avatar
    Martin Brugger

    Sehr, sehr bitter – aber: ausgezeichnet offengelegt!

  2. artim avatar
    artim

    Wie problem-los für viele in Italien und nicht für nur alte und neue Nationalfaschisten der Umgang mit Haltung und Text der aktuellen Staatshymne ist, ist bekannt.
    Die Muster der Überformungen und die Praxis der symbolischen Gewalt und Herrschaft, der Ungleichwertigkeit und Eliminierung von Menschen aufgrund ihrer Zugehörigigkeit (Geschlecht, Ethnie…) auch.
    Leistungen zu erbringen oder sich zu freuen reichen offenbar nicht.
    Dabei werden Leistungen der Südtiroler Sportler-innen ja nicht nur angeeignet. Es hat zudem auch Negation der eigenen Identität und ständig nationalistisches Bekenntnis, wie auch das Absingen einer Hymne mit menschenverachtendem und verfassungsfeindlichem Inhalt.

  3. Karl-Heinz Voelker avatar
    Karl-Heinz Voelker

    Des Menschen Wille ist sen Himmelreich.

    Die Tourismuswerbung Tirols hatte nicht so unrecht neulich.

    Was soll ich als Urlauber in einem alpinen Landstrich, dessen Bewohner lieber mediterran sein woillen?
    Dann waehle ich mir lieber ein anderes Reiseziel.

    1. Karl-Heinz Voelker avatar
      Karl-Heinz Voelker

      Das war u;U; ungerecht, denn es scheint tatsaechlich Urlauber zu geben, die z.B. im ueberkandidelten San Candido neapolitanische Kueche erwarten.
      Es waere aber fair, hier eine kontraere Sichtweise zu Wort kommen zu lassen, ich denke hier z.B. an Herrn Lobis , dessen Beitraege hier stets einen gewissen Unterhaltungswert hatten. Schade, dass er sich so rar macht!

      1. artim avatar
        artim

        Interessant
        Die Darstellung hier von (eigener) Anspruchshaltung und in Zuschreibungen.

  4. Martin Piger avatar
    Martin Piger

    Dass man als Südtiroler nach aktuellem Stand italienischer Staatsbürger ist, bleibe unbenommen. Hier geht es aber um mehr, hier geht es um den Willen “Italiener” zu sein. Italiener in diesem Sinn ist sprachliches, kulturelles Italiener Sein auf einem bestimmten historischen Hintergrund. Das ist schließlich das, was gemeint ist, wenn von italienischer Seite immer wieder die sogenannte italianità bemüht wird:

    Ohne im Einzelnen die Eckpfeiler dieser italianià aufzuzählen, sei nur darauf hingewiesen, dass einige davon in glattem Widerspruch zu historischen Fakten stehen.

    Durch den Geheimvertrag von London wird die “Grande Guerra” eben nicht der Abschluss der italienischen Einigung, sondern ganz bewusst ein erster Kolonialkrieg des jungen Italien, das ja erst dadurch entstanden ist, dass es erklärtermaßen alle Italienischsprechenden befreien wollte.
    Die von Italien ständig wiederholte Umdeutung der Geschichte anzunehmen oder zu tolerieren bedeutet für einen Südtiroler nichts weniger als seine eigene Geschichte zu leugnen. Ein Südtiroler, der z.B. die italienische Hymne mitsingt, singt dabei eigentlich gegen sich selber.

    Es geht absolut nicht um Dinge, die mit über 100 Jahren zeitlich schon zu weit weg sind, um für uns heute noch Bedeutung haben zu können. Die Ereignisse von vor über 100 Jahren bilden eigentlich das Grundprogramm für vieles, was heute abläuft. Ein historisch unhaltbares Kontextualisieren der Ereignisse von damals muss daher heute für ständige Missverständnisse und Konflikte sorgen.

    Die Politik, aber auch die Historiografie in Südtirol arbeiten hier häufig als Handlanger der kontinuierlichen Umformung der Südtiroler zu dem, was wir hier mit den olympischen Spielen so plakativ erleben. Anstatt, dass man ca. 100 Jahre nach dem 1. Weltkrieg, den zeitlichen Abstand dazu genutzt hätte, dass sich die italienische und die tirolische Nation endlich auf Augenhöhe begegnen würden, jenseits eines vergangenen Nationalismus, geben die Tiroler den andauernden Assimilierungsforderungen nach, ihre Identität auf und unterwerfen sich der italianità. Die Italiener hingegen nehmen die Ereignisse von 1915-18 nämlich sehr ernst und begehen das Gedenken (halt nach ihrer Lesart) daran immer weiter mit einem ungebrochenen Nationalismus.

    1. artim avatar
      artim

      @Martin_Pliger

      Fürwahr eigentlich bis heute wirkmächtig.
      Es reicht Geschichte zu le:sen, nochmal zu lesen, auch anders bzw. weiter zu lesen.
      Den Vertreibungs- und Kolonialismus-Gedanken haben wir bereits z.B.auch bei Garibaldi und nicht erst beim nationalfaschistischen Führer eines Mussolini.
      Denn von Anfang an hatte es doch eine Geisteshaltung der Auslöschung von Vielfalt im Staatsgebiet; inneren Kolonialismus, insbesondere im Süden, 1861–1865 mit gewaltsamer militärischer Niederschlagung von Bauernaufständen und Bourbonen-Loyalisten, mit Gräultaten, Deportationen, Straf- und Todeslagern (Fenestrelle, Piemont).
      Nach den Feldzügen von 1866 und 1870 setzte sich diese Aggressionspolitik in Ostafrika (Eritrea, Somalia) und der Italienisch-Türkische Krieg (1911–1912) um Libyen fort.
      Die letzte Kolonialprovinz (BZ) von heute war also nicht das erste Opfer des Königreichs Italien (s.o. Pilgers Beitrag).

      Gilt es als Italiener- bzw. Tirolerschaft nicht auch diese “Eckpfeiler dieser italianià aufzuzählen” und damit umzugehen?

  5. G.P. avatar
    G.P.

    Tja, was soll man dazu sagen? In einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung “Kleine Zeitung” wertet es LH Kompatscher schon als großen Erfolg, dass es bei Olympia gelungen sei, neben Anterselva auch den Namen Antholz führen zu dürfen. Südtirol, wie weit bist du (schon) gesunken? Südtirol, quo vadis?
    Und so nebenbei, Meloni lobt er über den grünen Klee …

  6. tokville avatar
    tokville

    Der Unterschied zwischen “Staatsbürger eines Landes” sein und “Zugehörigkeit zu einer Nation” ist wichtig. Meloni nimmt nie das Wort “paese”, also “Land” in den Mund, wenn sie von Italien spricht, wie das die meisten anderen Regierungschefs tun, wenn sie von ihrem Land sprechen, sondern immer nur von Nation. Ihr anzugehören muss jeden Bürger mit Stolz erfüllen und alles muss zur höheren Ehre der Nation gemacht werden : die olympischen Spiele, die Brücke über die Meerenge von Messina usw. Dass die Zugehörigkeit zu einer Nation eine subiektive Entscheidung ist, dass es also ein Zugehörigkeitsgefühl des Einzelnen braucht, will sie gar nicht in Betracht ziehen.
    In Südtirol schreitet die Italianisierung unaufhaltsam fort. Abgesehen vom Sport. Das sagte mir auch ein Schweizerischer Universitätsprofessor a.D. , der seit Jahrzehnten Urlaub in Meran und Brixen macht. Als Schweizer ist er ja besonders aufmerksam auf diese Dinge. Ein zufällig anwesender Politiker der Grünen wollte ihm widersprechen und wies auf die vielen wichtigen Positionen hin, die von Vertretern der SVP eingenommen werden. Der Mann hatte nicht verstanden , worum es geht. Der Professor ist einfach mit offenen Augen und Ohren durch die Städte und Dörfer gegangen, in die Geschäfte, Gasthäuser, mit Bussen gefahren, ins Krankenhaus gegangen, usw. , und da ist ihm aufgefallen, dass das Land immer italienischer wird. Und das ist ja auch das Ziel aller italienischen Parteien, ob rechts oder links. Die einen wenden eine Umarmungsstrategie an, die anderen eine aggressivere, die sich aber wunderbar ergänzen. Und wir? Und unsere SVP? Die brüstet sich mit immer neuen Errungenschaften für unsere Autonomie, worüber sich besonders der Herr Urzí freut. Sie lassen es zu, dass die deutsche Sprache immer mehr zur Hilfssprache verkommt, sie sprechen gar nicht mehr über die Toponomastik, um die Italiener nicht zu ärgern, sie lassen es zu, dass Berufsgruppen wie z. B. Psychologen und Ärzte, , die ihre Ausbildung in Österreich gemacht haben, um eine Anerkennung ihres gesamten Studiums kämpfen müssen und schikaniert werden .

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