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Ein Gespenst namens Freiheit?

Außer meinem Leserbrief ist zum Thema Freistaat in der dieswöchigen ff auch einer von Georg Lezuo erschienen, der die Meinung vieler — vor allem »alternativer« — Südtirolerinnen (Beispiele: 1/ 2/) gut zusammenfasst. Aus diesem Grund eignet er sich für einen Kommentar ganz besonders. Der Wortlaut:

Wenn es bereits in Südtirol in seinem heutigen Zustand als mutige Tat gilt, Gedanken, die den Mächtigen nicht genehm sind, offen auszusprechen; wenn mir wohlmeinende Menschen davon abraten, mich als Lehrer über Führungsstil und Entscheidungen innerhalb der lokalen Schulhierarchie auszulassen; wenn man nicht allzu selten herbem, respektlos Spott ausgesetzt ist, weil Akzent und Tonfall das Hochdeutsch als Erstsprache verraten, dann frage ich mich: Wie wird es sein, wenn derart kleinkarierte, intolerante Spießer unumschränkte Herren im kleinen, engen, kontrollierbaren Land wären?
Ein solcher Freistaat ähnelte eher einem Gruselkabinett, ja einer Hölle auf Erden. Sollte es in der Tat zur Entstehung eines Freistaates kommen, täte ich womöglich etwas, womit ich in jüngeren Jahren in meinen Gedanken gespielt habe: Ich würde meine Koffer packen und mir für den Rest meines Lebens anderswo eine Bleibe suchen. Irgendwo, wo ich mich frei fühlen würde.

Georg Lezuo, Bozen

Da ich nicht glaube, dass Herr Lezuo den Südtirolerinnen grundsätzlich bescheinigen möchte, schlechtere Menschen zu sein — Rassismus unterstelle ich ihm nicht — muss doch irgendwie anders erklärbar sein, dass »in Südtirol in seinem heutigen Zustand als mutige Tat gilt, Gedanken, die den Mächtigen nicht genehm sind, offen auszusprechen«. Lassen wir mal die Frage offen, ob Lezuos Aussage wirklich zutrifft: Ich persönlich trete mit meinem Blog ziemlich vielen auf den Schlips, eine auch nur indirekte Bedrohung oder Benachteiligung habe ich jedoch noch nie erlebt. Den wenigsten Humor und die geringste Gelassenheit bringen regelmäßig — leider! —  im weitesten Sinne Oppositionelle und nicht die SVP auf. Nehmen wir trotzdem mal an, Herrn Lezuos Aussage stimmt, und trifft auf Südtirol auch noch in einem höheren Maße zu, als auf andere Regionen des Kontinents*. Was jedenfalls relativ unstrittig scheint, ist, dass wir in Südtirol ein Machtproblem haben — ein Problem der Machtkonzentration. Eine einzige Partei vereint über einen ungewöhnlich langen Zeitraum eine ungewöhnlich große Macht auf sich: Dass dies zu Filz, Freunderlwirtschaft und den Problemen führen kann, die Herr Lezuo nennt, liegt auf der Hand.
Die entscheidende Frage, die man sich nun stellen muss, ist, aufgrund welcher Voraussetzungen diese Konstellation entstehen konnte. Die Antwort darauf sollten alle kennen: Minderheit im Nationalstaat, kalter Wind aus Rom, Zusammenhalt, Autonomie und schließlich: Sammelpartei. Eine solche Partei gibt es in Liechtenstein und in Luxemburg nicht, es gibt sie nicht in Nordtirol oder in der Schweiz. Ja nicht einmal in Bayern, obwohl einige Parallelen zweifellos bestehen (die SPD hat aber nicht mit der CSU fusioniert).

Warum also geht Herr Lezuo davon aus, dass die Unabhängigkeit diese Situation erhalten, ja noch verstärken würde, anstatt sie ein für alle Male auf den Müllhaufen der Geschichte zu verbannen? Seine Schlussfolgerung greift zu kurz: Warum ist die Volkspartei — entgegen ihrer statuarischen Grundsätze — zwar für den Ausbau des derzeitigen Systems, aber gegen die Loslösung vom Nationalstaat? Könnte es vielleicht auch daran liegen, dass dann der soziale Kitt, die Rechtfertigung für ein demokratisch so unnatürliches Konglomerat abhanden käme?

Siehe auch: 1/ 2/

* was ich nach 6 Jahren in der Schweiz nicht ohne weiteres bestätigen würde

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19 replies on “Ein Gespenst namens Freiheit?”

Sì, questa mentalità :
1- Da per scontato che la situazione debba necessariamente peggiorare dopo l’indipendenza, cosa che tu hai adeguatamente controbattuto.
2- Si basa sul principio del “grande fratello” Italia che ci controlla amorevolmente. Come se in Italia non esistesse un forte condizionamento del dibattito pubblico da parte dei partiti, dei poteri forti e su alcuni temi anche della Chiesa. Come se fosse possibile esprimere apertamente il proprio dissenso nei confronti del potente di turno senza temere conseguenze… (ricordate la Gelmini, che vietava agli insegnanti di commentare il proprio operato? Ricordate la “macchina del fango”? Ricordate l’Editto bulgaro? Provate a dire apertamente cosa ne pensate del potente di turno giù in Sicilia…).

Ok, ora ho detto anche troppo: ora ricominceranno con la storia dell’Italien-Bashing proprio quelli che questo genere di situazioni le conoscono bene (e le deprecano). Facciano pure, ma ricordiamoci che tutto il mondo è paese nell’autoreferenzialità  del potere e nel rifiuto del dissenso…

P.S: quella sull’accento germanico è una scemenza che non vale la pena di essere commentata…

Verehrter pérvasion,
zuallererst ein großes Kompliment zu Ihrem Leserbrief in der heutigen FF über die Aussage von Herrn Dall à“ bzgl. der Kleinstaaterei! Ich nehme mein frühere Aussage zurück, wonach Sie und der Blog der Brennerbasisdemokratie zwar auf höchstem Nineau, aber eben ein Debattierklub sei, der sich nicht der Öffentlichkeit und damit Sichtbarkeit stellt. Voilà¡!
Die überaus wichtigen Themen, welche Sie hier erarbeiten, sind es wert, einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht zu werden. Bedenkend, dass die allerwenigsten Menschen über das Lesen einer Tageszeitung hinauskommen, ist ein Leserbrief allemal ein gutes Mittel für Themendiskussionsgrundlage und zur Meinungsbildung.
Zu Georg Lezuos Schlussfolgerung erkenne ich jenes Muster wieder, das allenthalben zu hören ist: Die Leute sind nun von den “Politikern” enttäuscht, (SEL, Kaufleute Aktiv, Gefälligkeitsurbanistik, Vetternwirtschaft, Klungelei und Schmarotzertum usw. usf.) und sagen, dass eh alle Politiker gleich seien!
Also wenden sich die Menschen von der Demokratie ab, und verweigern sich bei Wahlen.
Sie haben immer diesselbe Partei und deren Politiker gewählt, und nun einzugestehen, dass sie jahrzehntelang Fehler begangen haben, ist zu schwer,
da stellen sie lieber alle unter Generalverdacht.
Bisher hatten doch niemals Politiker anderer Parteien die Chance, sich zu beweisen! Die absoluten Mehrheiten haben doch erst den Filz und die “Italienischen Zustände” in der Politik ermöglicht. Ja, hier hat sich die SVP viel von Italien abgeschaut!
Ehrlichkeit, Gradlinigkeit und Integrität waren bisher nicht gefragt, man fiel auf die Sonntagredner und ihren vollmundigen Versprechungen und Beteuerungen herein.
Was nun?
Es liegt an uns allen, den Menschen aufzuzeigen, dass
1. Demokratie einen zu hoher Wert hat, um sie aus Enttäuschung über eine Kaste pauschal abzulehnen.
2. Die Wähler es in der Hand haben, wer sie die nächsten 5 Jahre vertritt, oder eben nicht vertritt, sondern nur die eigenen Interessen
3. Macht unweigerlich zu Mißbrauch führt, wenn sie nicht jederzeit erkennbar durch das Volk gegeben und genommen wird
5. Jede Regierung, die man wieder loswerden kann, einen starken Anreiz hat, sich so zu verhalten, dass man mit ihr zufrieden ist. Und dieser Anreiz wegfällt, wenn die Regierung weiß, dass man sie nicht so leicht loswerden kann.
4. Wer sich nicht mit Politik befasst, die politische Parteinahme, die er sich ersparen möchte, bereits vollzogen hat : er dient der herrschenden Partei.
6. Dies eingedenk, sollten die Wähler 2013 der SVP mal einige Parlaments-, Senats- und Landtagsmandate verwehren, und anders wählen.

Der Reinigungsprozess und die neuen Perspektiven wären eine große Chance für unser Land, und ich meine, das hätte es sich verdient!

Mit großer Wertschätzung Barbara Klotz

Verehrter pérvasion,
zuallererst ein großes Kompliment zu Ihrem Leserbrief in der heutigen FF über die Aussage von Herrn Dall à“ bzgl. der Kleinstaaterei! Ich nehme mein frühere Aussage zurück, wonach Sie und der Blog der Brennerbasisdemokratie zwar auf höchstem Nineau, aber eben ein Debattierklub sei, der sich nicht der Öffentlichkeit und damit Sichtbarkeit stellt. Voilà¡!
Die überaus wichtigen Themen, welche Sie hier erarbeiten, sind es wert, einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht zu werden. Bedenkend, dass die allerwenigsten Menschen über das Lesen einer Tageszeitung hinauskommen, ist ein Leserbrief allemal ein gutes Mittel für Themendiskussionsgrundlage und zur Meinungsbildung.

Es war nicht das erste, und wird auch nicht das letzte Mal sein, dass ich mich in einem Leserbrief äußere. Dennoch ist BBD ganz bewusst ein Debattierclub — das ist für mich nichts Abwertendes.

Die absoluten Mehrheiten haben doch erst den Filz und die ”Italienischen Zustände” in der Politik ermöglicht. Ja, hier hat sich die SVP viel von Italien abgeschaut!

Ich glaube nicht, dass der Filz und die Freunderlwirtschaft etwas speziell Italienisches sind, wenngleich Korruptions- und Transparenzrankings Italien diesbezüglich fürgewöhnlich eher schlechte Noten ausstellen.

Es liegt an uns allen, den Menschen aufzuzeigen, dass
1. Demokratie einen zu hoher Wert hat, um sie aus Enttäuschung über eine Kaste pauschal abzulehnen.
2. Die Wähler es in der Hand haben, wer sie die nächsten 5 Jahre vertritt, oder eben nicht vertritt, sondern nur die eigenen Interessen
3. Macht unweigerlich zu Mißbrauch führt, wenn sie nicht jederzeit erkennbar durch das Volk gegeben und genommen wird
5. Jede Regierung, die man wieder loswerden kann, einen starken Anreiz hat, sich so zu verhalten, dass man mit ihr zufrieden ist. Und dieser Anreiz wegfällt, wenn die Regierung weiß, dass man sie nicht so leicht loswerden kann.
4. Wer sich nicht mit Politik befasst, die politische Parteinahme, die er sich ersparen möchte, bereits vollzogen hat : er dient der herrschenden Partei.
6. Dies eingedenk, sollten die Wähler 2013 der SVP mal einige Parlaments-, Senats- und Landtagsmandate verwehren, und anders wählen.

Einverstanden.

hab das ding schon auf facebook kommentiert. mach ichs hier halt nochmal:

unheimlich intelligenter leserbrief. mit der betonung auf unheimlich. dieses “die ganze welt ist ja so weltoffen, außer …” erinnert mich immer an ebenso tiefgründige sager wie “früher war alles besser” oder auch “nichts wird mehr so sein, wie es einmal war”. ganz toll.
ich nenne das zynisch-überspitzt immer “reversen rassismus”. glücklicherweise kann dieser geheilt werden, wenn die davon betroffene person die nicht existierende brennergrenze hinter sich lässt und die welt bereist. wobei er oder sie dann feststellen wird, dass diese nun einmal nicht so weltoffen ist. gott, wie mich dieses gesudere nervt und es mich immer wieder erstaunt, wie man den widerspruch einer derartigen aussage zur vermeintlich eigenen weltoffenen haltung nicht zu erkennen vermag. beati pauperes spiritu.

Bravo für diesen Artikel und bravo an hunter für seine treffende Zusatz-Analyse. :clap:
Ja leider ist diese Stimmungs-Melange in Südtirol in sogenannten “weltoffenen” und “verbal manifestierten toleranten” Kreisen überproportional verbreitet.
Man ist ja so weltoffen und bei uns ist dummerweise alles so kleinkariert und hinterwäldlerisch. Auch mir stinken Selbstbeweihräucherungen à  la SVP und Dolomiten Berichterstattung, trotzdem gibt es auch in vielen peripheren Tälern und Dörfern regelmäßig Kulturangebote auf höchstem Niveau. Und siehe da, Leute denen man es nie zutrauen würde, waren auch schon in Indien oder Peru, ohne diese Erfahrungen nun immer als Flucht vor dem ach so engen Südtirol deklarieren zu müssen. In Gesprächen mit Angehörigen aus der bäuerlichen Welt habe ich häufig sogar wesentlich mehr Lebenserfahrung, Alltags-Toleranz und Weitblick erkennen können als von frustrierten Angehörigen der “latte macchiato” Fraktion.

In Gesprächen mit Angehörigen aus der bäuerlichen Welt habe ich häufig sogar wesentlich mehr Lebenserfahrung, Alltags-Toleranz und Weitblick erkennen können als von frustrierten Angehörigen der ”latte macchiato” Fraktion.

dem ist wohl nichts hinzuzufügen. :clap:

Cosa vuol dire “latte macchiato” Fraktion? E’ un’espressione tipica sudtirolese o pantedesca? Si potrebbe tradurre con “borghesia radical-chic”?

@ Freistaatler: Ich kann zwar verstehen, dass es dir ein Bedürfnis ist, diesen Artikel zu besprechen. Ich für meinen Teil sehe darin allerdings keinen Sinn: Je mehr man nämlich über Stereotype spricht, die jemand anderes einem selbst zuordnet, desto mehr kann man selber dem Fehler verfallen, mit Stereotypen zu hantieren. In deinem Beispiel hat der Journalist Fleischhauer einen eher erbärmlichen Artikel über die Havarie des Kreuzfahrtschiffes, das Versagen des Kapitäns Schettino und über einen angeblichen damit zusammenhängenden, nationalen italienischen Charakter geschrieben (der vom Klima und der Sprache beeinflusst werde). Die Repubblica hat diese randseitige Kolumne auf SPON aufgenommen und darüber — übertrieben beleidigt — reagiert, Berlusconis Revolverblatt “Il Giornale” dann der Auflage wegen obigen Stumpfsinn daraus produziert.
Alle Kommentatoren, seien es Deutsche oder Italiener, regen sich nun aber nicht etwa über die Journalisten auf (hier eben Fleischhauer und Sallusti), sondern in bester nationalistischer Manier über “die Italiener”, oder “die Deutschen”. Jedes verlorene Wort über diese Angelegenheit ist daher eines zuviel, à  mon avis.

@tuscan:
Dieser Begriff wird im Deutschen für meist jüngere Leute verwendet, die in hippen In-Cafes und Bars sitzen, irgendetwas mit Medien machen, meistens auch gut verdienen und eher dem links-grünen Spektrum zugeordnet werden. “Typische” dafür sind auch deren Ansprüche, sie treten für eine Bessere Welt ein, kaufen nur Öko- und Bioprodukte, fahren aber mit einem breiten SUV zum Einkaufen, usw.
In diesen Kreisen hat sich der Latte Machiatto als hippes Getränk etabliert, deswegen auch der Name.
Hier ein Artikel dazu.

@Beppi:
Bei den zwei Artikeln ist sehr amüsant, oder auch besorgniserregend, dass diese nur den ersten Teil von Fleischhauer zitieren und sich darüber empören. Dass der Artikel in der zweiten Hälfte aber viel revidiert und den ersten Teil klar als Provokation kennzeichnet, wird aber einfach unter den Tisch gekehrt. Außerdem sind manche Passagen leicht satirisch und müssten eigentlich jedem Journalisten auffallen.
Ich frage mich, wer hier gegen wen hetzt…

Ich glaube nicht, dass der Filz und die Freunderlwirtschaft etwas speziell Italienisches sind, wenngleich Korruptions- und Transparenzrankings Italien diesbezüglich fürgewöhnlich eher schlechte Noten ausstellen.

Verzeihung, aber “eher schlechte Noten” ist mir etwas zu beschönigend.

Italiens Noten sind bei solchen Rankings vielmehr desaströs. Es liegt meist gleichauf mit Ländern, die sogar sogenannte Schwellenländer wie Musterstaaten erscheinen lassen.
Beispiel: Italien rangiert auf Platz 67 hinter Ruanda und vor Georgien!

ich möchte kurz noch einmal meine these über die ”intoleranten toleranten”, die ”selektiv wahrnehmer” und den ”reversen rassismus” anhand eines beispiels illustrieren:

markus lobis bezeichnet den obigen leserbrief in seinem blog http://zigorimedia.wordpress.com/ als den ”leserbrief des [doch noch recht jungen] jahres”

zudem attestiert er georg lezuo, den nagel millimetergenau auf den kopf getroffen zu haben.

vor knapp einem jahr schrieb der selbe markus lobis auf seinem blog http://markus-lobis.blog.de/ anlässlich der polemiken um die 150-jahr-feiern italiens folgenden brief an die italienischsprachigen landesräte:

Sehr geehrter Herr Landesrat Bizzo,
Sehr geehrter Herr Landesrat Tommasini,

wenn Sie nächstens mit einem durch die leidige ethnische Frontstellung eingeschränkten Mandat zu den nationalen Feierlichkeiten nach Rom reisen, bitte ich Sie, auch mich zu vertreten.

Obwohl ich mich nicht als Italiener fühle, ist mir das schöne Mittelmeerland mit seinen sympathischen Menschen ans Herz gewachsen. Ich wünsche der großen Kulturnation Italien und allen Italienern einen feierlichen und ungetrübten Geburtstag und bin überzeugt, dass sich dieses großartige Land bald vom politischen Alptraum befreien wird, der über ihm lastet.

Und richten Sie bitte aus, in Rom möge man sich wegen Durnwalders Abwesenheit keine Sorgen machen. Der kommt schon wieder.

Wenn es etwas zu holen gibt.

Markus Lobis, Mitbürger/Weltbürger

dazu einige gedanken, dir mir bei der lektüre dieser beiden einträge durch den kopf gegangen sind:

lobis scheint dem lezuo-artikel vollinhaltlich zuzustimmen. wenn dann die unabhängigkeit südtirols ein horrorszenario ist, heißt das doch, dass allein die zugehörigkeit zum italienischen staat die situation in unserem land erträglich macht. d.h. italien, das land das von seiner politischen elite so heruntergewirtschaftet wurde, dass es nun unter ”vormundschaft” steht, das land, das über mehr als ein jahrzehnt von einem mann regiert wurde, der im restlichen europa bestenfalls als ”clown” und schlechtestenfalls als ”mafioser wahnsinniger” wahrgenommen wird, das land, welches tatsächlich eine der großartigsten kulturnationen unseres kontinents ist, diesen ruf aber aufgrund obiger umstände mehr als nur zu verlieren droht, ist also der garant für weltoffenheit und pluralität in südtirol? kann mir das bitte der herr lobis oder der herr lezuo erklären. ich versteh’s nämlich nicht.
einmal ganz abgesehen von den aspekten, die pervasion in seiner analyse so wunderbar darstellt. (die existenz der svp (und somit der filz) legitimiert sich allein durch die zugehörigkeit zu italien. parteienpluralität bei unabhängigkeit ist wahrscheinlich – und somit auch eine entfilzung)

weiters ist lobis überzeugt,

dass sich dieses großartige Land bald vom politischen Alptraum [sic!] befreien wird, der über ihm lastet

eine aussage, die ich 100%ig teile, wenngleich ich nach der neuerlichen wiederwahl berlusconis meine persönlichen hoffnungen schon einigermaßen gedämpft sah. denn es ist ja nicht so, dass dieser mann sich in sein amt geputscht hätte – er wurde immer wieder in (mehr oder weniger) demokratischen wahlen von den italienischen bürgern – den sympathischen Menschen – gewählt.

interessant ist jedoch, dass für die südtiroler diese ”überzeugte” hoffnung offensichtlich nicht gilt.

wenn kleinkarierte, intolerante Spießer unumschränkte Herren im kleinen, engen, kontrollierbaren Land wären

heißt es da in einer pauschalierenden art und weise, die man sonst eigentlich nur von spießern und kleinkarierten menschen – um nicht zu sagen rassisten – kennt.

einzige lösung: auswandern

wenn in italien allerdings bekennende faschisten in den reihen der regierungsparteien (!) im parlament sitzen, gilt das prinzip hoffnung

bitte noch einmal erklären, denn ich versteh auch das nicht!

dieses intellektuelle trauerspiel erinnert mich an eine abmoderation des großartigen armin wolf in der zib2:

in österreich scheint es einen automatismus zu geben, wonach regierungsmitglieder nach drei jahren regierungstätigkeit einen verdienstorden erhalten (wäre auch mal einen artikel wert pervasion). ebenso parlamentarier.

als reaktion auf die verleihung an zwei spö oder övp minister kam eine pressemitteilung der fpö, in der diese die verleihung als hohn gegenüber den bürgern bezeichnete.

gleichzeitig wurde aber auch h.c. strache ein verdienstorden für seine 10-jährige mitgliedschaft im parlament verliehen. dazu wieder eine fpö presseaussendung: der orden sei voll und ganz verdient!

daraufhin meinte wolf sinngemäß:
und einen weiteren verdienstorden bekommt demnächst die fpö verliehen – und zwar für ihre kohärenz. das wetter.

kawumm.

p.s.: das ”kurz” im eingangssatz bitte nicht ernst nehmen :engel:

Anch’io in realtà  sono d’accordo con Beppi, ma forse — in quanto sudtirolesi — potremmo anche avere un ruolo di mediazione, per spiegare fuori dagli schemi «nazionali» che cosa è successo. Se Fleischhauer ha scritto un fondo prescindibile e stupido, nel quale però tematizza il pregiudizio per portarlo volutamente a un livello assurdo (rivolto anche contro i tedeschi, definiti «unni») — e la Repubblica deve aver frainteso — Sallusti fa quello che sa fare meglio, disinforma e diffama: al contrario di quanto sostiene, infatti, Fleischhauer non ha mai scritto che i tedeschi sono una razza e gli italiani no, il titolo dello Spiegel (né di uno degli articoli in esso contenuti) è «italiani codardi» e il numero in questione non è uscito nella giornata della memoria. Il direttore che fornisce una piattaforma a un tale personaggio (in prima pagina!) non poteva che chiamarsi Vittorio Feltri, uno che da fondatore di Libero si è fatto portavoce di campagne razziste e xenofobe davvero memorabili. Gli italiani e i tedeschi con tutto questo non c’entrano nulla.

potremmo anche avere un ruolo di mediazione, per spiegare fuori dagli schemi «nazionali» che cosa è successo

Du überschätzt hier meines Erachtens die Rolle der Südtiroler*. Gegen diese medialen Mechanismen sind “wir” ziemlich machtlos: Schau Dir an, wie es “uns” mit Plankensteiners Mameli-Hymne, dem Bürgermeisterposten von Bocher, dem Durnwalder-Sager zur 150-Jahr Feier der Einigung, den diversen Klotz-Aktionen ergangen ist. Alle diese Meldungen haben — ungeachtet ihrer Belanglosigkeit — vermittels reißerisch-boulevardesker Berichterstattungen fast immer verheerende Stürme der Entrüstung ausgelöst, gegen die wenig auszurichten war. Man sollte froh sein, dass “wir” dieser Naturgewalt einmal nicht ausgesetzt sind. Hier (wenngleich mit besten Absichten) vermitteln zu wollen hieße, sich freiwillig den zermürbenden Sog der noch quicklebendigen nationalen Stereotype auszusetzen. Und dass “wir” zuerst genug damit zu tun haben, unsere eigenen Neurosen und fixen Ideen auszukurieren, bevor “wir” gefestigt als “ehrlicher Makler” auftreten können, dürfte schließlich auf der Hand liegen.

___________
* Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Südtiroler (“wir”) fasse ich hier stark vereinfachend — und körpermetaphorisch — als Einheit aller drei Sprachgruppen auf. Dies u. a. deshalb, da solcherlei Vereinfachungen im medialen Diskurs sehr verbreitet sind.

Lieber Beppi, ich glaube du überschätzt hier meine Fähigkeit zur (Selbst-)Überschätzung. Ich wollte nicht sagen, dass wir Südtiroler uns auf institutioneller oder medialer Ebene einschalten und als Mediatoren anbieten sollten — vielmehr sehe ich die von mir angesprochene Rolle schon in einem Blogeintrag (bzw. in meinem obigen Kommentar in italienischer Sprache) erschöpft. Es sollte mehr ein symbolischer Akt sein, der vielleicht den einen oder anderen erreicht, der über eine Suchmaschine hierher gelangt, als eine große Geste, die — wie du richtig sagst — ohnehin aussichtslos wäre.

heißt das doch, dass allein die zugehörigkeit zum italienischen staat die situation in unserem land erträglich macht.

Hier gilt es noch anzufügen, dass besagte Personen, die tatsächlich diese These vertreten (z.B. Lobis und Konsorten) vielfach von der Notwendigkeit von selbstbestimmten Menschen im individuellen Sinne sprechen, also von Menschen, die zu einer bestimmten Kritikfähigkeit und Zivilcourage fähig sind. Sich selbst sehen diese Vertreter wahrscheinlich als Prototypen des mündigen, engagierten Staatsbürgers. Desto grotesker und nicht nachvollziehbarer erweist sich das unumstössliche Mantra besagter Vertreter, dass das Leben in Südtirol nur aufgrund der Zugehörigkeit zu Italien halbwegs erträglich ist.
Auf die Idee, und dies wird von pérvasion in seinem Beitrag vorzüglich aufgezeigt, dass ein wesentlicher Teil der Missstände in Südtirol (Existenz einer Sammelpartei, die über Jahrzehnte an der Macht ist und daraus entstehende Verfilzung, krampfhaftes Anders-Sein Müssen als Minderheit innerhalb eines Nationalstaates, ethnische Grundausrichtung der Gesellschaft usw.) eine direkte Folge der Zugehörigkeit Südtirols zu Italien ist, kommen besagte Prototypen des mündigen, guten Staatsbürgers nicht. Dass es nun in Südtirol doch eine stetig wachsende Anzahl von Menschen aus verschiedensten weltanschaulichen Milieus gibt, die die Zugehörigkeit Südtirols zu Italien in Frage stellen, scheint die AnhängerInnen der These “das Leben in Südtirol ist nur aufgrund der Zugehörigkeit zu Italien erträglich”, doch einigermaßen zu verwirren.

Hier gilt es noch anzufügen, dass

die selbstbestimmungsambitionen meist weit entfernter völker von besagten menschen oft gutgeheißen und unterstützt werden. nicht, dass ich derartige ambitionen nicht gut heiße – im gegenteil, aber ich orte einmal mehr “selektive wahrnehmung”.

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