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Doppelte Beleidigung.
Quotation 139

Ich wohne in Innsbruck, und wenn ich in Südtirol auf der Durchreise bin, weil ich in mein Heimatland Italien fahre, mache ich mir oft so meine Gedanken bezüglich der “italienischen” Übersetzungen von Südtiroler Ortsnamen. Auf mich als Italienerin, die zudem als Übersetzerin arbeitet, machen diese so genannten italienischen Toponyme einen äußerst grotesken Eindruck, und ehrlich gesagt, fühle ich mich durch sie oft peinlich berührt. So auch im Fall von “Rio Pusteria”, von dem in Ihrer Zeitung [der TAZ] unlängst die Rede war. Jene, die dieses “Rio Pusteria” verteidigen, begründen dies unter anderem damit, dass die rein deutschen Namen Gitschberg und Jochtal “für Italiener nicht aussprechbar” seien. Bei einer derartigen Argumentation wird mein Schamgefühl durch eine weitere Emotion bereichert. Diese nennt sich ‘Beleidigung’, weil die Italiener pauschal für sprachlich untalentiert erklärt werden. Ein konstruierter Begriff wie “Rio Pusteria” beleidigt also Deutsche UND Italiener: Die Deutschen, weil sie ihn als Symbol des Sprachimperialismus empfinden; die Italiener, weil man ihnen die Authentizität einer Region und rein deutsche Namen nicht zumuten möchte. Ich möchte insbesondere die Südtiroler Touristiker bitten, auch an jene Italiener zu denken, die diese Heuchelei mit den Pseudotoponymen schon längst durchschaut haben und sich davon ausdrücklich distanzieren möchten.

— Giovanna Rinaldi, Innsbruck

Der Text ist heute als Leserbrief in der Tageszeitung erschienen und wurde hier mit Zustimmung der Verfasserin wiedergegeben.

Siehe auch:

Medien Ortsnamen Wirtschaft+Finanzen | Good News Italianizzazione Zitać | | TAZ | Nord-/Osttirol Südtirol/o | | Deutsch

20 replies on “Doppelte Beleidigung.
Quotation 139

Sehr geehrte Rinaldi,

vielen Dank für Ihre Mail.

Es tut gut auch mal eine positives Feedback, nach jener von Herrn Constantini, von einer Italienerin zu hören ☺︎

Mit freundlichen Grüßen
Florian Mair

Ich habe mal die Mail für meinen Namensvettern vorformuliert, damit er sich wieder wichtigeren Themen, wie die der Farbe der Geranie an den Hotelbalkonen und dem riesigen Defizit der Meransner Hallenbads, widmen kann…

Frau Rinaldis Leserbrief sollte Pflichtlektüre für alle sogenannten “Marketingexperten” bei der SMG sein.

Und nicht nur bei der SMG… sondern auch bei den vielen Restaurants und Erzeugern, die glauben, man müsse Schlutzkrapfen als Mezzelune, Tirtln als Frittelle und Kaminwurzen als Affumelli verkaufen. Lustig ist ja, dass die Bezeichnungen Schlutzkrapfen, Tirtl und Kaminwurze auch einem deutschen Touristen wenig sagen dürften… also müsste man sie konsequenterweise auch in’s (Hoch-)Deutsche übersetzen.

Kaminwurze gibts in jedem grösseren dt. Supermarkt und ist in D längst bekannt. Schlutzkrapfen kann sich jeder denken, unbekannt waren mir bisher Tirtl. Das Rezept habe ich mir eben aus dem Internet aufgeschrieben und wird demnächst getestet. Nein, wir Deutsche kennen und mögen Österreich und Südtirol inkl den Originalnamen der Erzeugnisse! ;)

Ganz meine Rede, Strassmann… ich meine ja nicht im Ernst, dass man unsere regionalen Speisen »eindeutschen« soll. Aber genauso wie du keine Spinatteigtaschen (statt Schlutzkrapfen) und ich keine [bayerische] Käsecreme (statt einem Obatzten) bzw. keinen neapolitanischen Fladen (statt einer Pizza) will, ist es im Sinne von Frau Rinaldi eine Beleidigung, den Italienern Affumelli, Mezzelune und Frittelle zu verkaufen.

… aber in erster Linie Pflichtlektüre für sehr viele unserer italienischer Mitbürger (siehe Rückbenennung in “Siegesplatz” 2003). – “I toponomini non si toccano” usw. usw. …

Die Verantwortlichen haben sich für Rio Pusteria aus rein google-technischen Gründen entschieden! Mit den Suchwörtern “sciare” und “pusteria” soll das Skigebiet bei der google-Suche als erste Seite erscheinen. Die Touristiker nehmen sich also die Kulturlosigkeit heraus, Örtlichkeiten nach google-Suchkriterien zu benennen. Dabei sei Folgendes klar gestellt: Es geht hier keineswegs um deutsche oder italienische Namen: Eine analoge Kulturlosigkeit haben wir auch beim sogenannten “Meraner Land”! Auch hier wurde die historische Gebietsbezeichnung Burggrafenamt aus markt- (nunmehr auch google-) technischen Gründen zum “Meraner Land”. Diese Entscheidung der burggräfler Touristiker unterscheidet sich wohl kaum von jener der Mühlbacher: Beide Geschehnisse untermauern, dass wir uns hüten sollten, Touristikern & C. das Feld in diesen Bereichen zu überlassen. Insbesondere wenn die Mikro-Ortsnamenregelung den Gemeinden überlassen werden soll besteht die Gefahr, dass die örtlichen Tourstiker diesen Kulturfrevel fortführen…

Diese Personen sollten sich mal ernsthaft mit SEO auseinandersetzen, was mehr gebraucht wird hat ein höheres Ranking

Es wird immer verzwickter…
DE: Meraner Land
IT: Merano de dintorni
EN: Merano and Environs
NL: Merano en Omgeving

Die Karte unter der Namensbezeichnung wechselt je nach Sprache zwischen DE und IT. Den Niederländern ist eher Deutsch zuzumuten und den Engländern eben eher Italienisch.

Die werden sich schon was dabei gedacht haben.
Fazit: Die Quadratur des Kreises erscheint dagegen wie ein Kindergeburtstag und im Zweifelsfall gilt: Besser mehr Übersetzen als weniger…

Hallo,

ich lebe in Kalifornien. Hier gibt es jede Menge spanische Ortsnamen (von den spanischen Seefahrern und Moenchen so benannt, die von Mexiko aus im 18. und 19.Jh. nach Norden vorgedrungen sind): San Francisco, San Jose, Los Angeles, San Diego, San Carlos, Modesto, Manteca, Sonoma…um nur einige zu nennen. Dazu gibt es einige Ortsnamen, welche aus verschiedenen Native American (bzw. Indianer)-Sprachen uebernommen wurden, z.B. Yosemite National Park, Malibu, Shasta County, Tuolumne County…Fuer keinen dieser Namen gibt es eine englische Version (obwohl sie z.T. mit amerikanischer Betonung ausgesprochen werden). Fuer die US-Amerikaner, die ja eigentlich nicht fuer ihre Fremdsprachenkenntnisse beruehmt sind, kein Problem…

Die beinahe flächendeckende Übersetzung bis auf die Ebene von Weilern und Kleinstsiedlungen und unbedeutenden Bergen und die Beharrung auf diesen Übersetzungen dürfte im demokratischen Kontext weltweit wohl einzigartig sein. Mir ist zumindest kene Region bekannt, die diesbezüglich mit Südtirol vergleichbar ist. Nicht mal in Regionen mit weniger demokratischen Rahmenbedingungen fällt mir auf Anhieb ein Beispiel ein, das es mit Südtirol aufnehmen könnte. Traurig, aber wahr.

Auch in Süditalien funktioniert das ohne Probleme. Man möge nur nach Sizilien oder Kampanien schauen, wo alles voll mit griechischen, arabischen und sonstigen nicht-romanischen Ortsnamen ist. Ich denke, ein Neapolitaner wäre zutiefst beleidigt, wenn jemand allen Ernstes seine Heimatstadt in Cittanova in Campania umbenennen wollte.

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