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Die Zeit(ung) hat keine Schuld.

In der dieswöchigen Ausgabe der ff holt der aus Südtirol stammende Zeit-Redakteur Ulrich Ladurner unter dem Titel „Die Berge haben keine Schuld“ wieder einmal zu einem Rundumschlag gegen Südtirol und seine Bewohner aus. Ja, man kann es tatsächlich so sagen, denn differenziert wird in Ladurners pseudopsychologischen Analysen offenbar grundsätzlich nicht.

Einmal mehr unterstellt er seinen Landsleuten pauschal und ohne einen Hauch von Ironie (zumindest keine, die sich mir erschließt), ignorante, selbstverliebte Hinterwäldler zu sein. Sätze wie

Die Südtiroler sind stolz auf ihre Provinzialität.

Warum sollte er [Anm.: der Südtiroler] sich der Welt öffnen, wenn er bisher doch sehr gut damit gefahren ist, sich ihr nicht zu öffnen.

Selbstbezogenheit ist für Psychologen wie für Politikwissenschaftler eine negative Kategorie, die schwerwiegende Folgen für die Betroffenen haben kann. Südtiroler aber glauben, dass negativ nicht gleich schädlich bedeutet.

belegen diesen Befund. Bizarr ist das Schauspiel vor allem deshalb, weil Ladurner beinahe in jedem Absatz schonungslos offenbart, dass es ihm bisweilen selbst genau an jenen Attributen fehlt, bezüglich welcher er bei „den Südtirolern“ einen Mangel verortet. Dass Ladurner durch diese Taktik den Beweis anstrengt, sich selbst ebenfalls nicht der Provinzialität seines Herkunftslandes entziehen zu können und Teil dieser retardierten Gesellschaft zu sein, wage ich zu bezweifeln. Irgendwie formuliert Ladurner seine abstrusen Thesen sogar recht geschickt, denn seine „Argumentation“ ist dahingehend apodiktisch, als dass er jeden Zweifel an seiner Diagnose – wohl auch den meinen – als Beweis für die Richtigkeit seiner Aussagen umzudeuten vermag. Der Südtiroler bestätige nämlich seine Provinzialität unter anderem auch dadurch, dass er Kritik an dieser nicht gelten lasse. Umgekehrt könnte man aber auch argumentieren, dass es eines der untrüglichsten Zeichen eines provinziellen Geistes ist, andere pauschal der Provinzialität zu bezichtigen. Ich bin der Letzte, der eine differenzierte und vielfach auch notwendige Kritik an der Nabelschau, am „Mir-sein-mir“ nicht zu schätzen weiß, aber was Ladurner da von sich gibt ist eine Art Thomas Bernhard für die Löwinger-Bühne statt fürs Burgtheater.

Gerne strapaziert der Journalist Belege, die ohne Zusammenschau mit anderen Realitäten überhaupt nichts aussagen:

Umfragen nach interessieren sich die Südtiroler kaum für internationale Politik.

Diese Feststellung ist beispielsweise nur relevant, wenn sich das Verhalten der Südtiroler maßgeblich von jenem in anderen Ländern unterscheidet. Sollte in anderen Gebieten das Interesse nahezu Null sein, wäre „kaum“ ja bereits eine positive Errungenschaft. Besser noch aber beweist folgender Absatz, wie beliebig Ladurner Phänomene für seine Zwecke interpretiert.

Es ist eine Tatsache, dass junge Südtiroler gerne Dialekt schreiben. Ob bei Facebook, bei Twitter oder in SMS-Nachrichten. Ausgerechnet in den sozialen Netzwerken des Internets, die das Symbol für die Globalisierung sind. Der Dialekt hingegen steht für das Lokale. Der totalen Entgrenzung im Internet setzt der Südtiroler die Grenze des Dialekts entgegen. Wir bleiben wir! Das ist keine Hinwendung zur Welt, sondern eine Abkehr. Es ist kein Schritt zur Offenheit, sondern einer in die Isolation.

Es mag stimmen, dass heute mehr als früher im Dialekt geschrieben wird. Dies aber offenbar zu einer Südtiroler Eigenart machen zu wollen, die noch dazu Ausdruck eines (bewussten und gewollten) Isolationismus – vor allem junger Menschen – sei, ist lachhaft.

Einige Gedanken dazu:

  • Verstärkte dialektale Ausdrucksweisen in informellen Online-Konversationen sind kein Südtiroler Phänomen und beschränken sich auch nicht auf die deutsche Sprache. Das ist eine weltweite Tendenz.
  • SMS und E-Mails stehen der mündlichen Konversation sehr nahe, ja ersetzen diese bisweilen. Ergo verwendet man auch ähnliche bzw. dieselben Ausdrucksmittel. Das, was Ladurner da zu beobachten glaubt, ist also kein neues, durch (un)bewusste Entscheidung herbeigeführtes Verhalten. Es ist lediglich die Übertragung eines längst bestehenden Kommunikationsverhaltens auf ein anderes Medium.
  • SMS und E-Mails – ja sogar (halb)öffentliche Facebookdiskussionen – sind oft mehr privater bzw. persönlicher Natur. Die neuen Medien werden zu einem Großteil zur Kommunikation mit dem engsten Umfeld genutzt, obwohl theoretisch die Möglichkeit bestünde, mit der ganzen Welt zu interagieren. Nur weil das Internet das Symbol der Globalisierung schlechthin ist, kann man daraus keine Notwendigkeit ableiten, es ausschließlich global nutzen zu müssen respektive widerspricht eine lokale Nutzung einer globalen nicht.
  • In dieser Form der Konversation ist der Dialekt viel nuancenreicher als die Hochsprache, da er eng mit unserem Umfeld und der lokalen/regionalen Kultur verknüpft ist.
  • Dialekt ist meist unsere Muttersprache und somit die Sprache der Intimität. Hochdeutsch hingegen ist die Sprache der Distanz.
  • Obwohl SMS und E-Mails oft „verschriftlichte“ Konversation sind, mangelt es der Schriftsprache daran, spontan und unkompliziert Emotionen bzw. Gefühle auszudrücken, da Mimik und Gestik entfallen. SMS, aber auch Twitter-Nachrichten, verfügen über eine begrenzte Anzahl von Zeichen. Daher behilft man sich des Dialektes, welcher diesbezüglich viel effizienter ist. Ähnlich begründet sich der Gebrauch von Emoticons.
  • Diese Entwicklung ist eine, die viele Sprachwissenschaftler mit großer Spannung verfolgen und eigentlich bloß konservative Sprachpuristen negativ und als „Bedrohung“ oder „Verfall“ empfinden.
  • Und selbst wenn der Griff zum Dialekt eine bewusste Entscheidung ist, muss diese nicht notwendigerweise eine rückwärtsgewandte sein. Der Rückgriff auf das Regionale (zu beobachten bei Produkten, Kreisläufen, Bürgerbeteilung – aber auch der Sprache) ist zwar eine Reaktion auf die bzw. ein Korrektiv zur Globalisierung, aber nicht zwingend ein Signal für Isolation. Im Gegenteil: Obst vom Biobauern und Multikulti gehen oft Hand in Hand.
  • Wenn man möchte, kann man den jugendlichen Hang zum Dialektschreiben auch als eine Art Rebellion verstehen. Ein n. c. kaser hat auch alles klein, ein H. C. Artmann im Dialekt geschrieben. Ein Aufbegehren also gegen die starren Normen, wie und was man zu schreiben hat – was etwas subkulturiges an sich hat. Wobei laut einer Schweizer Studie Bildung und Alter beim Verfassen von Dialektnachrichten in den neuen Medien kaum eine Rolle spielen. Das Phänomen zieht sich nämlich durch alle Schichten.

Man sieht also, dass es für den Gebrauch des Dialekts im Internet mannigfaltige Gründe gibt. Für Ladurner jedoch ist klar: Die jungen Südtiroler isolieren sich von der Welt. *facepalm* (um im Internet-Dialekt zu bleiben :facepalm: )

Da ich nicht davon ausgehe, dass Ladurner Dialekt für grundsätzlich etwas Schlechtes hält, sehe ich keinen Grund, warum man in einem informellen Kontext nicht auch schriftlich Dialekt verwenden sollte. Es geht doch vielmehr darum, im jeweiligen Kontext die jeweils passende Sprachebene zu finden. Und da sehe ich bei den wenigsten Dialektschreibern (zu denen ich mich auch zähle) Schwierigkeiten. Südtiroler, die im Forum von www.tageszeitung.it Dialekt schreiben, schreiben im Forum von www.derstandard.at Hochdeutsch. Sie haben im Facebookchat gleichzeitig den Schulfreund, mit dem sie sich im Pusterer Dialekt unterhalten und die Urlaubsbekanntschaft aus Norddeutschland, mit der sie hochdeutsch kommunizieren. Sie verfassen eine Online-Bewerbung auf Hochdeutsch und ein E-Mail an die Fußballkollegen im Dialekt. Das ist weder ein Problem, noch ein Widerspruch und schon gar kein Ausdruck von Isolation, sondern einer von „innerer Mehrsprachigkeit“. Diese Fähigkeit zur Diglossie gereicht den Sprechern/Schreibern wissenschaftlich nachweisbar zum Vorteil, was die Sprachkompetenz betrifft.

Das alles kann man vielerorts nachlesen. In der Presse, in der NZZ, ja sogar in der Zeit. Die Zeit(ung) hat also keine Schuld.

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9 replies on “Die Zeit(ung) hat keine Schuld.”

… der Maßstab für guten Journalismus ist wohl weitgehend verloren gegangen, die (Zeit)ung kann nichts dafür? Gibt es eigentlich noch verantwortungsbewusste Damen und Herren in den Redaktionsstuben die was zu sagen haben? Oder entscheidet kurzlebiges Auflagen/Profit-Denken?

… soviel zur Medienlandschaft und Meinungsvielfalt im Allgemeinen!
Die aktuelle ff-Ausgabe (33-2015) ist grundsätzlich zu begrüßen! – Von Herrn Ladurner wünsche ich mir, dass er selbst auch die vielen weiteren und wertvollen Beiträge zum Thema Berge liest!

bei ladurner muss ich immer wieder an chimamanda adichie und ihren großartigen ted-vortrag „the danger of the single story“ denken.

ladurner ist ein paradebeispiel dafür.

the problem with stereotypes is not that they are untrue but that they are incomplete.

es ist genau so, als ob ladurner immer und immer wieder die geschichte von den hungernden, kriegsgebeutelten afrikanern erzählen würde und diese somit die single story für den ganzen kontinent wird.

Immerhin habe ich durch Ladurner erfahren, dass ich provinziell (und stolz darauf!) bin, dass ich am Status Quo in Südtirol nichts ändern will und mich nicht interessiert, was hinter den Bergen geschieht. Ich wusste es nicht. Aber laut Ladurners Definition sind alle Südtiroler so, die Mühe, seine Pauschalisierung wenigstens ein bisschen einzuschränken, macht er sich erst gar nicht — auch wenn Südtirolerinnen höchstens »mitgemeint« sind.

Nachdem Ladurner selbst auch Südtiroler ist (womit seine pauschale Diagnose auf ihn zurückfällt), fällt mir dabei das Zitat ein, wonach Provinz da sei, wo Provinzler Provinzler Provinzler schimpfen.

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