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Flüchtlingskrise und Rechtsextremismus in Südtirol.

Seit Monaten flüchten Menschen aus den Krisenregionen im Nahen Osten nach Europa und auch zu uns nach Südtirol, wo man versucht, die — im Vergleich zu benachbarten Regionen in Österreich und Deutschland relativ wenigen — Geflüchteten im Land zu verteilen. Die damit zusammenhängende Verunsicherung mancher Südtirolerinnen versuchen nun rechtsextremistische Parteien und Bewegungen immer dreister für sich zu nutzen, um hierzulande Fuß zu fassen.

  • Schon mehrere Wochen ist es her, dass die neofaschistische CasaPound an Flüchtlingsunterkünften in Südtirol (zum Beispiel in CasaPound fora!Pfitsch) Banner und Plakate mit fremdenfeindlichen Parolen anbrachten;
  • Die prekäre Situation am Bozner Boden, wo die Geflüchteten mit illegaler Prostitution und einer gewissen Vernachlässigung des Quartiers durch die Gemeindeverwaltung zusammentreffen, versuchen die Neofaschistinnen nun schon seit geraumer Zeit für sich auszuschlachten, indem sie sich als Garantinnen für Recht und Ordnung gerieren. Ihre menschenfeindlichen Ansichten wurden kürzlich durch ein Fest konterkariert, an dem auch die Geflüchteten beteiligt waren;
  • Diese Woche führte der »Veneto Fronte Skinhead« auch in Bozen, wie in Städten Oberitaliens, eine Einschüchterungsaktion durch, bei der vor dem Sitz verschiedener Hilfsorganisationen (Volontarius, Caritas…) die Silhouetten toter »Italiener« deponiert und Flugblätter bedrohlichen Inhalts hinterlegt wurden;
  • Die vom Land organisierte Informationsveranstaltung zum Flüchtlingsthema in Urtijëi missbrauchte (unter dem Beifall zahlreicher Anwesender) der Bozner CasaPound-Chef Andrea Bonazza für eine Show in eigener Sache. Ein Video, das im Netz kursiert, zeigt, wie unbeholfen und tatenlos die Verantwortlichen, einschließlich Soziallandesrätin Martha Stocker und ihr Kollege Florian Mussner, auf diese dreiste Provokation reagierten. Auch im Nachhinein war vonseiten des Landes keine Verurteilung des Vorfalls zu vernehmen.


Gerichte, Politik, Medien und Zivilgesellschaft scheinen zu versagen, wenn es darum geht, den menschenfeindlichen Extremisten Einhalt zu gebieten. Erst kürzlich wurde ein Wiederbetätigungsverfahren gegen Bonazza, der Kontakte zur »Goldenen Morgenröte« pflegt, eingestellt, obwohl er sich in einem Radio-Interview offen als Hitler- und Mussolinifan geoutet hatte. Unbehelligt blieben er und seine schwarzbraunen Kameraden auch in Zusammenhang mit den Vorfällen rund um den Auftritt von Matteo Salvini in Bozen.

Siehe auch:

Faschismen Migraziun Mitbestimmung Racism Recht Solidarieté Soziales | | Andrea Bonazza Florian Mussner Martha Stocker Matteo Salvini | | Südtirol/o | CPI Lega SVP | Deutsch

41 replies on “Flüchtlingskrise und Rechtsextremismus in Südtirol.”

Pegida ist in Südtirol angekommen.
Jetzt bitte auch berichten wo und wie Hilfe geleistet wird.

@pervasion @ortler
Nach Ansicht des Videos mit Andrea Bonazza https://www.facebook.com/166617106696126/videos/1076536409037520/(Vielen Dank an pervasion für die Verbreitung dieses wichtigen Dokuments) und vor allem der Reaktionen von Publikum und Podium denke ich, dass es von Vorteil ist diese rechtspopulistische Strömung in Gewand von internationaler Solidarität mit einem klaren Begriff zubenennen. In Deutschland nennt man diese Bewegung PEGIDA in Südtirol casapound und auf deutschsprachiger Seite? Ja wie eigentlich.

Die Politik ist aufgefordert eine deutliche Reaktion auf diese Tendenzen zu zeigen. Einfache Lösungen wie Grenzen schliessen werden nicht funktionieren.
Gefragt ist der Pragmatismus des Helfens:
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fluechtlingskrise-jetzt-koennen-wir-alles-in-frage-stellen-kolumne-a-1065027.html

@pervasion:
Man muss es also doch verstehen, oder?

In Deutschland nennt man diese Bewegung PEGIDA in Südtirol casapound

Pegida und CasaPound sind zwei unterschiedliche Phänomene, wiewohl beide der (neu-)rechten Szene zuordenbar sind. Man muss nicht alles übersetzen.

Ich stimme dir zu, bei der klaren öffentlichen Positionierung gegen rechtsextremes Gedankengut gibt’s hierzulande noch viel Luft nach oben, auf allen Seiten.
Ausgesprochen befremdlich finde ich die ohrenbetäubende Stille der zuständigen Landesrätin nach dem Einschüchterungsversuch vom VFS gegenüber Caritas u Volontarius, die ihren Job im Auftrag der Landesregierung machen.

… es ist eine “nebensächliche Kleinigkeit”: – das hier gezeigte Emblem ist wohl offensichtlich aus dem Hause CP ! ?
Interessant, dass in diesem Falle, sozusagen als Geschmacksverstärker, >SÜDTIROL< in allen drei Landessprachen angewandt wird …

Ich frage mich, wie man als Anwesender auf eine solche Show reagieren sollte. Bonazza hat, soweit ich verstanden habe, nichts gesagt, woran man sich stoßen könnte(den Satz zwischen 0:20 und 0:25 habe ich nicht verstanden). Darauf hinzuweisen, dass er ein Faschist ist, wird nicht reichen. Daran erinnern, dass faschistoide Regimes ein Grund sind, warum Menschen auf der Flucht sind? Habt ihr bessere Vorschläge?

Ein guter Vorschlag wie ich finde. Man muss den Fschismus und Nationalisus sichtbar machen, bevor er sich durch die Hintertür in denSalonen breit macht. Leute wie Bonazza terrorisieren, die Menschen hier und jetzt, indem sie deren Ängste befeuern und Ressentiments schüren, ganz genau wie die Leute von Daesh. Spätestens wenn Bonazza von internationaler Solidarität spricht würde man sich die Antifa wünschen.

Ich habe mit zwei der Anwesenden gesprochen. Einer von beiden (ein höflicher Mensch, der unter “normalen” Umständen anderen niemals ins Wort fallen würde…) hat Bonazzas Monolog irgendwann laut unterbrochen und gemeint, das sei eine Veranstaltung, bei der es darum gehe, wie St. Ulrich Flüchtlinge aufnimmt und bei der die Situation am Bozner Boden nichts zur Sache tue, weshalb er jetzt als Ulricher Bürger endlich seinen Standpunkt darlegen wolle – das wurde vom Saal mit zustimmendem Applaus bedacht. Eine, wie ich finde, gute Art zu reagieren.
(Seiner Einschätzung nach war die allgemeine Stimmung im Saal Bonazzas Aussagen gegenüber übrigens jeweils zur Hälfte befürwortend bzw. ablehnend.)
Zur Frage, wie auf solcherlei Auftritte reagiert werden kann, finde ich auch die von @schierhangl vor ein paar Tagen verlinkte (gute!) Publikation sehr aufschlussreich.

Naja, ob die Erfahrung an einem anderen Standort grundsätzlich (!) fehl am Platz ist, weiß ich nicht — schließlich war am Podium ja auch der BM einer Gemeinde, die schon Flüchtlinge aufgenommen hat (weiß jetzt nicht mehr welche).

Aber Herrn Bonazza & Co. hätten die Verantwortlichen (Stocker, Mussner…) des Saals verweisen können, da die Veranstaltung nicht für Bozner, sondern für betroffene BürgerInnen aus der Gemeinde gedacht war. Schon gar nicht hätte man bei seiner Show mitspielen und ihm Rede und Antwort stehen dürfen.

Wenn Faschismus-Antifaschismus Hälfte/Hälfte sind finde ich das mehr als besorgniserregend. Es ist absolut… krass!

Das kann man sich doch nicht so einfach machen: Faschismus-Antifaschismus!!??!!
Die Rede von Bonazza hat ja genau da angesetzt, mit Ängsten Stimmung zu machen. Und wenn nun die Hälfte des Saales diese Ängste als real sieht, hat das noch nicht unbedingt mit Faschismus zu tun.
Man sollte sehr aufpassen, die Verunsicherung der Menschen nicht als Rassismus auszulegen, denn dadurch könnte aus Angst wirklich Hass werden.

Und was die Show betrifft, hast du sicher recht, das hätte es nicht gebraucht. Obwohl, ich denke in so einem Kontext kann man die Ansichten des CASAPOUND noch am besten widerlegen, oder wenigsten widersprechen.

Naja, ob die Erfahrung an einem anderen Standort grundsätzlich (!) fehl am Platz ist, weiß ich nicht — schließlich war am Podium ja auch der BM einer Gemeinde, die schon Flüchtlinge aufgenommen hat (weiß jetzt nicht mehr welche).

Nein, sie ist grundsätzlich nicht fehl am Platz. Was ich unterstreichen wollte, ist die klare und angemessene Reaktion eines Bürgers, der Bonazzas platzeinnehmendem Auftritt wirksam Einhalt geboten hat. Das schließt ganz und gar nicht aus, dass vonseiten des Podiums anders reagiert werden hätte sollen.

Wenn Faschismus-Antifaschismus Hälfte/Hälfte sind finde ich das mehr als besorgniserregend. Es ist absolut… krass!

Einerseits stimme ich dir zu, andererseits dürfen Stimmungen auf einer Veranstaltung auch nicht eins zu eins auf den effektiven Umgang der Bevölkerung mit Flüchtlingen umgelegt werden. Vielen im Saal war nicht bekannt, wer Bonazza eigentlich ist und rhetorisch hat er es geschickt angepackt – einzelne Aussagen waren nicht für alle in ihrer ganzen (faschistischen) Bandbreite durchschaubar (und auch darin liegt die Gefahr, das ist schon klar). Breiten Applaus (über die 50% hinaus) gab es auch bei völlig gegenteiligen Aussagen. Gerade deshalb fand ich die Reaktion des Bürgers gut, weil “anschlussfähig” und wirksam.

Ich hab nix gegen den »Bürger« — ganz im Gegenteil. Obwohl das von ihm angeführte Argument (es geht nicht um den Bozner Boden) nicht ganz nachvollziehbar ist, war er mutig und hat sich gewehrt. Davon brauchen wir viel, viel mehr.

Ich hab aber was gegen die anderen, speziell die Mitglieder unserer Landesregierung, die nichts gegen die CPI-Show unternommen haben.

Dass nicht alle wussten, wer Bonazza ist, ist ein Argument.

sehe ich auch so. selbst wenn die hälfte des saales dem casa-pound-typen beifall geklatscht hat, würde ich nicht so weit gehen, sie als faschisten zu bezeichnen. vielmehr hielte ich das sogar für einen riesigen fehler.

Danke für die Antworten. Ich habe ein paar Punkte herausgepickt und versucht dazu einige Überlegungen anzustellen. Für weitere Anregungen bin ich dankbar :)
1)Viele Teilnehmer wissen nicht wer Bonazza ist, und welche Gesinnung er vertritt. Aus seinen Aussagen lässt sich nicht unbedingt darauf schließen.
Deshalb ist es wichtig, klar zu machen mit wem man es zu tun hat. Dass er eine Bewegung vertritt, deren Anhänger sich selber als ”Faschisten des dritten Jahrtausends” bezeichnen, die solche Veranstaltungen für Propagandazwecke zu nutzen versucht. Man könnte anmerken, dass die Punkte die er anspricht thematisiert werden sollten, aber es muss klar sein, dass eine faschistoide Gesinnung niemals die Lösung sein kann sondern immer Teil des Problems ist. Stichwort: Unterdrückung deutscher und ladinischer Kultur im Faschismus. Menschen flüchten vor Barbaren die eine ähnliche Weltanschauung wie Bonazza haben, solchen Leute müssen in Grenzen gewiesen werden.
2) Seinen Auftritt stören, bzw. unterbrechen.
Dazu würde ich auch tendieren. Nur, man riskiert dabei, dass es zum Eklat kommt und läuft Gefahr das Bild des linken Störenfrieds zu geben, vorallem wenn man nicht aus dem Ort kommt. Während Bonazza, rein oberflächlich betrachtet, sich nichts zu Schulden kommen lässt und andere aussprechen lässt. Disziplin vs. Chaos. Ich glaube, da sind viele Südtiroler geneigt sich auf die Seite des ”Angegriffenen” zu stellen, egal wer er ist.
3) Des Saals verweisen
Ich glaube das ist sehr schwierig, bzw. nicht möglich, da es eine öffentliche Veranstaltung ist. Aber ich lass mich gerne eines Besseren belehren.
4) Ihm nicht Rede und Antwort stehen.
Das war wirklich unerträglich anzusehen, aber wie will man das begründen. Solange er sich korrekt verhält, hat er auf einer Informationsveranstaltung das Recht informiert zu werden. Die Begründung, dass er ein Faschist ist, würde zu kurz greifen. Das würden sie als Denkverbot, Meinungsterror etc. deuten und könnte ihnen in die Hände spielen.

Bozner CPI-Mitglieder (Bonazza & Co.) waren vorgestern Abend auch beim Flüchtlings-Informationstreffen in La Val (Wengen). Anders als in Urtijëi haben sie dort jedoch keine Show abgezogen… ob dies verhindert wurde oder ob sie es nicht vorhatten, ist schwer zu sagen.

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