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Ausstellung: Back to Rojava.

Im Meraner Ost West Club (OWC) wird am Freitag, den 30. September ab 19.30 Uhr Back to Rojava zu sehen sein, eine Ausstellung von medico international, Civaka Azad, attenzione photographers und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Wir stellen uns an die Seite von Kobanê, weil sich dort die Möglichkeit eines demokratischen Gemeinwesens jenseits von radikalreligiöser Gewalt und nationalistisch-korruptem Autoritarismus abzeichnet: Einem Gemeinwesen, das neue und inklusivere Formen der Demokratie erprobt; ein Demokratiemodell, das beginnt, von den existierenden Minderheiten und ihren Differenzen her zu denken – jenseits der Herrschaft einer Mehrheit und jenseits der europäischen postkolonialen Nationalstaatsmodelle.

Die Kurd_innen Syriens, jahrzehntelang die Ausgeschlossenen unter den Ausgeschlossenen, haben jetzt ihr Recht auf eine eigene Stimme, auf kulturelle Sichtbarkeit und auf eine selbstbestimmte politische Existenz erobert.

Auszüge aus dem Begleitheft.

Die Ausstellung wird im Rahmen der üblichen Öffnungszeiten des Clubs auch während der kommenden Wochen zu sehen sein.

Siehe auch:

Colonialismi Democrazia Kohäsion+Inklusion Minderheitenschutz Nationalismus Politik Religiun Selbstbestimmung Solidarieté Termin | | | | Kurdistan | OstWestClub | Deutsch

32 replies on “Ausstellung: Back to Rojava.”

Der Text macht den Eindruck, dass die Kurden hier zur Projektionsfläche für die eigene Ideologie missbraucht werden. Ist ja nichts neues, vielmehr die Dauersünde der Linken seit 70 Jahren.

Das Wunder menschlicher Sprache – syntaktisch einwandfrei und doch völlig gehaltlos:
“Die Geschichte hat bewiesen, dass sich jede wirkliche Demokratie immer auch aus der Möglichkeit ihrer selbst begründet, […]”.

“Die Geschichte hat bewiesen, dass sich jede wirkliche Demokratie immer auch aus der Möglichkeit ihrer selbst begründet, […]”.

Du bist doch ein Verfechter komplexer Darstellungen. Diesem Anspruch wird das Zitat durchaus gerecht. Es besagt, dass Demokratie als Prozess zu verstehen ist, nicht nur als ein für allemal gesetzte Herrschaftsform. Demokratie ist nur dann lebendig, also wirklich, wenn sie einen institutionalisierten Rahmen für die eigene Weiterentwicklung schafft. Diese gelingt, zum Beispiel, durch die Anwendung von bestehenden und das Ermöglichen und Erproben von neuen demokratischen Instrumenten.

Du bist doch ein Verfechter komplexer Darstellungen.

Nein gar nicht. Ich bin Verfechter gehaltvollen Denkens. Das macht mich eher zum Feind aufgebauschten Geschwurbels, bei dem Pseudokomplexität in der Sprache die Gehaltlosigkeit des Gedankens verschleiert (dem Leser, allzuhäufig auch noch dem Schreiber selbst).

Diesem Anspruch wird das Zitat durchaus gerecht.

In dem von mir eben dargelegten Sinne – ja, durchaus.

Es besagt, dass Demokratie als Prozess zu verstehen ist, nicht nur als ein für allemal gesetzte Herrschaftsform.

Das besagt der zitierte Satz (auch den ausgelassenen Rest hinzugenommen) nicht. Oder von mir aus: für mich nicht. Jedenfalls ist mir nicht nachvollziehbar, wie du von dem Satz (und von mir aus seinem Kontext) zu dem gelangen kannst, was du da schreibst. Da ich den Satz weiterhin für unsinnig halte – vielleicht ist das, was du darlegst ja interessanter:

wenn sie einen institutionalisierten Rahmen für die eigene Weiterentwicklung schafft. Diese gelingt, zum Beispiel, durch die Anwendung von bestehenden und das Ermöglichen und Erproben von neuen demokratischen Instrumenten.

Da muss ich zuerst mal nachfragen: Was ist mit “institutionalisiertem Rahmen” gemeint? Die Verfassung? Und was meinst du mit “demokratischen Instrumenten”?
Oder vielleicht noch basaler (eine Frage, auf die der verrückte Erdogan mal eine komische Antwort gab): Ist Demokratie Zweck oder Mittel?

Was ist mit “institutionalisiertem Rahmen” gemeint?

Damit sind sowohl unterschiedliche Rechtsquellen (ausgehend von den Verfassungen und dem Völkerrecht bis hin zu Gemeindesatzungen und Verordnungen) als auch Verwaltungen gemeint, die für die Umsetzung der Normen zuständig sind bzw. den konkreten Rahmen dafür schaffen, dass die Norm Anwendung finden kann. Banales Beispiel: Damit ein Parlament gewählt werden kann, ist ein dafür zuständiger Verwaltungsapparat notwendig, der die entsprechenden Ressourcen bereitstellt und die erforderlichen Abläufe arrangiert.

Und was meinst du mit “demokratischen Instrumenten”?

Gehen wir, sehr vereinfachend, von einer demokratischen Dreifaltigkeit aus: repräsentative, direkte und deliberative Demokratie. Jeder dieser Demokratiebausteine hat seine je eignen Instrumente, die es den Menschen ermöglichen, Demokratie im jeweiligen Sinne zu praktizieren. Als da, zum Beispiel, wären:
– Wahl der politischen RepräsentantInnen – ich wähle eine Gemeinderätin, die an meiner Stelle politische Entscheidungen trifft (Instrument der repräsentativen Demokratie).
– Stimmabgabe zu konkreten Sachfragen – ich stimme darüber ab, ob in meinem Dorf ein öffentliches Schwimmbad gebaut werden soll (Instrument der direkten Demokratie).
– BürgerInnenforum – ich beratschlage (= deliberieren) gemeinsam mit anderen interessierten/betroffenen BürgerInnen, wofür ein zur Verfügung stehendes Areal in meinem Dorf genutzt werden soll und wir erarbeiten unterschiedliche Optionen (Instrument der deliberativen Demokratie).

Ist Demokratie Zweck oder Mittel?

Scherzfrage, richtig? Natürlich beides. Und auch das besagt das Zitat, um das wir hier kreisen.

Scherzfrage, richtig? Natürlich beides. Und auch das besagt das Zitat, um das wir hier kreisen.

Nein, keine Scherzfrage, wirklich nicht. Ich verstehe überhaupt nicht, wie etwas (ohne Äquivokation) zugleich Mittel und Zweck (im strengen Sinne) sein kann. Mir fällt auch kein Beispiel dafür ein.

Falls es dir um einen sprachphilosophischen Disput geht, muss ich dich leider enttäuschen, dazu fehlen mir Feldkompetenz und Leidenschaft.

Für mich ist Demokratie jedenfalls insofern Zweck und Mittel zugleich, als dass der Begriff sowohl die Begründung und das Ergebnis demokratischer Praktiken als auch den Prozess des Ausübens ebendieser Praktiken meinen kann.

Falls es dir um einen sprachphilosophischen Disput geht, muss ich dich leider enttäuschen, dazu fehlen mir Feldkompetenz und Leidenschaft.

Nein, es geht mir um die diskursive Klärung von Begriffen. Dazu ist m.E. jeder der sprechen kann fähig. Zweck ist, mich/sich selbst und andere besser zu verstehen.

Für mich ist Demokratie jedenfalls insofern Zweck und Mittel zugleich, als dass der Begriff sowohl die Begründung und das Ergebnis demokratischer Praktiken als auch den Prozess des Ausübens ebendieser Praktiken meinen kann.

Ja ok, dann zeigt sich ja hier eben doch der Nutzen der Sprachanlyse: die griffige Formel “Demokratie ist Mittel und Zweck” ist halt nur möglich, weil du, wenn du “Demokratie ist Mittel” sagst, mit dem Ausdruck “Demokratie” etwas anderes meinst, als wenn du sagst “Demokratie ist Zweck”.

Dass “demokratische Instrumente” Mittel sind, liegt ja auf der Hand (“Instrument” ist ja nur ein anderer, ggf. weniger abstrakter, Ausdruck für “Mittel”). Mittel zu was? “Demokratie” oder “um wirkliche Demokratie zu realisieren” o.dgl. scheint dann also die Antwort zu sein. Der Zweck legitimiert üblicherweise die Mittel.
Die Frage ist aber: Wie wird der Zweck legitimiert? D.h.: Warum soll Demokratie realisiert werden? Wie begründet sich, dass Demokratie verwirklicht werden soll?

Diese Frage, um die du und viele andere sich drücken wollen, indem sie sie als Scherzfrage beiseite wischen, ist die Grundfrage der Politischen Philosophie (oder zumindest eine ihr sehr nahestehende Frage). Mich interessiert es nun einmal, von Leuten, die Demokratie als ein so hohes Ideal darstellen und über demokratische Instrumente, Praktiken usw. gar so viel zu sagen wissen – mich interessiert es, zu hören, was sie auf diese basale Frage zu antworten haben.

Ich muss nicht verhehlen, dass ich in gerade diesen Fragen eine Leidenschaft habe. Mich wundert eher noch, wie einfach es sich unsere Zeit doch macht. Der Eindruck ist, dass noch der frühneuzeitliche Gottesglaube besser (rationaler) begründet war, als der zeitgenössische Glaube an das absolute Ideal von Demokratie, von Demokratie als einer causa sui…

Na denn, machen wir weiter.

Die Frage ist aber: Wie wird der Zweck legitimiert? D.h.: Warum soll Demokratie realisiert werden? Wie begründet sich, dass Demokratie verwirklicht werden soll?
Diese Frage, um die du und viele andere sich drücken wollen, indem sie sie als Scherzfrage beiseite wischen, ist die Grundfrage der Politischen Philosophie (oder zumindest eine ihr sehr nahestehende Frage).

Um diese Frage konnte ich mich gar nicht drücken, weil du sie mir erst jetzt gestellt hast. Deine erste Frage lautete nämlich:

Ist Demokratie Zweck oder Mittel?

Während du also zuerst wissen wolltest, ob Demokratie Zweck oder Mittel ist, willst du nun wissen, was der Zweck der Demokratie ist. Darauf antworte ich dir, im Rahmen dessen, was eine des Sprechens (auch des Lesens und Schreibens) mächtige Person kann, gerne. Oder besser gesagt, ich lasse Tom Christiano antworten:

Democracy realizes a kind of equality among persons that all can share allegiance to even when they disagree about many matters relating to substantive law and policy. Since democracy realizes equality in a highly public manner and publicity is a great and egalitarian value, the equality realized by democracy trumps other kinds of equality.

Christiano, Tom, “Democracy”, The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Spring 2015 Edition), Edward N. Zalta (ed.)

Demokratie soll demnach realisiert werden, weil sie Gleichberechtigung schafft. Das öffnet uns nun die Tür, was sag’ ich, das doppeltürige Tor, um für den Rest des Jahres weiter zu diskutieren: Über das real verfügbare Ausmaß an Gleichberechtigung in den aktuellen Demokratien; darüber, was notwendig ist, um wirkliche Gleichberechtigung zu schaffen; darüber, was wirkliche Gleichberechtigung überhaupt heißt…

Während du also zuerst wissen wolltest, ob Demokratie Zweck oder Mittel ist, willst du nun wissen, was der Zweck der Demokratie ist.

Das stimmt, entschuldige, da hatte mir meine Erinnerung einen Streich gespielt. Kein Wunder bei dem Genussmittelkonsum, den ich pflege. Macht aber nichts, da die Fragen so eng zusammenhängen, dass ein Argumentschritt ausreicht, um von der einen, zur anderen zu gelangen.

Während du also zuerst wissen wolltest, ob Demokratie Zweck oder Mittel ist, willst du nun wissen, was der Zweck der Demokratie ist.

Nicht ganz. Nach dem Zweck von Demokratie fragen, heißt danach fragen, zu welchem Zweck Demokratie als Mittel (“Instrument”) dient. Das hattest du ja schon beantwortet, indem du behauptetest, Demokratie (in der einen Wortbedeutung) sei ein Mittel, um “wirkliche”, “lebendige” Demokratie (in der anderen Wortbedeutung) zu realisieren. Wenn Demokratie ein Zweck (im strengen Sinne) sein soll, macht es doch gar keinen Sinn mehr, nach dem Zweck dieses Zweckes zu fragen.
Deshalb war meine Frage diese: Wenn du behauptest, Demokratie sei Zweck – wie begründest du diese Behauptung? Mit welchen Gründen kann man Leute davon überzeugen, dass Demokratie Zweck politischen, staatlichen etc. Handelns ist?

Christiano, Tom, “Democracy”, The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Spring 2015 Edition), Edward N. Zalta (ed.)

Demokratie soll demnach realisiert werden, weil sie Gleichberechtigung schafft.

Und das was der da behauptet machst du dir einfach mal so zu eigen? Das stellt auf die obige Frage doch überhaupt keine Antwort dar. Mithin widersprichst du dir selbst, denn Christiano stellt Demokratie in diesem Zitat als bloßes Mittel dar, während du früher behauptet hattest, Demokratie sei (auch) Zweck, ja mehr noch, sie sei zugleich Mittel und Zweck.
Wir sind jetzt dem Abschluss schon nahe genug gekommen, dass deine Befürchtung gedämpft werden kann:

Das öffnet uns nun die Tür, was sag’ ich, das doppeltürige Tor, um für den Rest des Jahres weiter zu diskutieren:

Denn jetzt ist klar, dass der eigentliche Zweck gar nicht Demokratie, sondern “Gleichberechtigung” sein soll. Und Demokratie ist jetzt nur noch Mittel, um Gleichberechtigung zu realisieren. (Das beste Mittel? Nein. Und damit erledigt sich vermutlich auch die Argumentation dieses Typen. Aber egal.)
Wir brauchen darüber nicht weiter diskutieren, keine Angst. Aber ich bin mir fast sicher, dass man auf dem Wege nicht weit kommen wird, jedenfalls höchstens tiefer in die Ideologie. Glaubst du denn wirklich, es sei leichter, zu zeigen (begründen), warum Gleichberechtigung (oberster) Zweck des politischen Handelns sein soll, als zu zeigen, warum Demokratie dies sein soll?
Was deinen (scheinbar) Unwillen betrifft, diese Dinge lange und ausführlich zu diskutieren (vielleicht betriffts auch nur die Diskussion mit mir): Ernsthafte Themen brauchen Ihre Zeit. Der Hinweis ist angebracht, dass über diese Fragen seit Jahrhunderten, nein: seit Jahrtausenden, diskutiert wird. Der “Rest des Jahres” scheint mir angesichts dessen bedeutungslos.

Über das real verfügbare Ausmaß an Gleichberechtigung in den aktuellen Demokratien; darüber, was notwendig ist, um wirkliche Gleichberechtigung zu schaffen; darüber, was wirkliche Gleichberechtigung überhaupt heißt…

Könnte man tun, muss man aber nicht. Sollte man aber, wenn man in politischen Fragen denken und nicht bloß Ideologie reproduzieren möchte.

Ich unterbreche ja nur ungern…

no thang. ich denke, das war nun sowieso abgeschlossen.

doch a propos denken: Würde es dir was ausmachen, zwischendurch auch mal wieder an die Antwortfunktion zu denken?

ich hatte tatsächlich daran gedacht, aber dachte auch, dass ich es so richtig mache: ich klickte in der Spalte rechts (“COMENTà‚RS”) auf den Beitrag, auf den ich antworten wollte und ging davon aus, dass das direkt darunter eingeblendete Kommentarfeld sich dann auch darauf bezieht. Tut mir leid, kann die Technik hier wohl nicht richtig bedienen und weiß auch nicht, ob es dieses Mal korrekt ist.

Danke, lieb von dir, dass du mir zum Abschluss noch die eine oder andere Belehrung mit auf den Weg gibst, vielleicht hilft’s à  la longue ja gegen

(scheinbaren) Unwillen

und

Widersprüchlichkeit

Ah, eins noch: Gleichberechtigung erlaube ich mir – selbstverständlich unbegründet und ideologisch – als einen Wert an sich zu definieren.

vielleicht hilft’s à  la longue ja gegen
(scheinbaren) Unwillen

Der wurde kurz- und mittelfristig wohl eher noch befördert, habe ich den Eindruck. Das ist erfahrungsgemäß so, liegt wohl an mir, macht aber nichts, ich hatte ja schon bemerkt, das Langfristige zählt.

Widersprüchlichkeit

Glaube ich nicht. Widersprüchlichkeit/Widerspruchsfreiheit sind nicht Fragen des Wissens (somit auch nicht durch Belehrung zu beheben/erzielen), sondern der (intellektuellen) Haltung – der Denkungsart. Ich freue mich, dass sich die Gelegenheit bietet, hier ein Zitat des Weisen vom Königsberge zu platzieren: “Maximen des gemeinen Menschenverstandes […]: 1. Selbstdenken; 2. An der Stelle jedes andern denken; 3. Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken. Die erste ist die Maxime der vorurteilfreien, die zweite der erweiterten, die dritte der konsequenten Denkungsart. […] Die dritte Maxime, nämlich die der konsequenten Denkungsart, ist am schwersten zu erreichen, und kann auch nur durch die Verbindung beider ersten, und nach einer zur Fertigung gewordenen öfteren Befolgung derselben, erreicht werden. Man kann sagen: die erste dieser Maximen ist die Maxime des Verstandes, die zweite der Urteilskraft, die dritte der Vernunft.”
Ich weiß, man soll keine Zitate ohne Erläuterung stehen lassen, aber ich wüsste nicht, was sich hier noch ergänzen ließe, ohne zu verschandeln.

Ah, eins noch: Gleichberechtigung erlaube ich mir – selbstverständlich unbegründet und ideologisch – als einen Wert an sich zu definieren.

Ich höre da fast schon Stolz heraus? Nun, ich selbst erlaube mir keine Selbstverständlichkeiten (das ist mein Stolz). Aus dem Zitat des Alten dürfte auch hervorgehen, weshalb. – Ich weiß wohl, dass es sich gut anfühlt, die “richtigen” Meinungen als selbstverständlich zu deklamieren; alles schmeckt gut, wenn es schön in Moralin eingelegt ist, wie das bei “Gleichberechtigung”, “Gerechtigkeit” und dergleichen ja fast schon von Haus aus der Fall ist, jedenfalls heutzutage.

Disclaimer: Antwortfunktion nach bestem Wissen und Gewissen bedient… :-/

Das ist mal eine Haltung, die ich ohne weiteres (auch ohne dies begründen zu können) als »löblich« bezeichnen würde. Allerdings ist es auch eine äußerst anstrengende Haltung, die es erforderlich macht, sich jeglicher Tradition zu entledigen und alles von Anfang an neu zu denken. Man muss dann quasi (aber was sage ich »quasi«, man muss es mit aller Konsequenz!) immer wieder das Rad neu erfinden. Und — doch wozu sage ich das? — man muss natürlich auf jegliches Vorurteil verzichten.

Ah, eins noch: Gleichberechtigung erlaube ich mir – selbstverständlich unbegründet und ideologisch – als einen Wert an sich zu definieren.

Weshalb soll Gleichberechtigung kein Wert sein? Die Frage ist ob es ein Ziel einer Gesellschaft sein sollte, ich finde ja.
Weiter oben hat Sabine aber mehr Gleichheit gefordert, mich würde interessieren Gleichheit worin? Weshalb, wem nützte es?

Weiter oben hat Sabine aber mehr Gleichheit gefordert, mich würde interessieren Gleichheit worin? Weshalb, wem nützte es?

Wo hab’ ich Gleichheit gefordert?
(Ich nehme an, mit Sabine bin ich gemeint 😉)

@pérvasion

Allerdings ist es auch eine äußerst anstrengende Haltung, die es erforderlich macht, sich jeglicher Tradition zu entledigen und alles von Anfang an neu zu denken. Man muss dann quasi (aber was sage ich »quasi«, man muss es mit aller Konsequenz!) immer wieder das Rad neu erfinden. Und — doch wozu sage ich das? — man muss natürlich auf jegliches Vorurteil verzichten.

Ich antworte gerne auch auf Ironie, gerade auch weil Ironie immer (anders als die Lüge) auch Wahrheit enthält. Deine Einlassung wirft jedenfalls einige interessante Punkte auf. Erstens bin ich nämlich ein Fan des gepflegten Vorurteils und der Tradition. Wie passt das mit der Forderung nach Begründetheit “von allem” zusammen? Bin ich hier nicht nun selbst inkonsequent? Nun, das hängt davon ab, was genau ich mit jener von mir konstatierten Begründetheitsforderung meine.
Wir haben zunächst ja die Situation, die in der Philosophie als “Münchhausen-Trilemma” verhandelt wird: Da alles, was überhaupt als Begründung für etwas anderes angeführt werden könnte, selbst wiederum begründet werden will, scheint es endlos zu werden; dafür ist nicht genug Zeit gegeben. Abgesehen von Letztbegründungsargumenten, die aber nur in einigen wenigen Kontexten ziehen, scheint mir das richtig zu sein.
Vollständige, absolute Begründetheit eines Wissenssytems ist jedenfalls das Ideal. Aber ist es etwas neues, dass Ideale nie “perfekt” realisiert werden können? Hält uns das davon ab oder lässt es uns resignieren, das Ideal dennoch anzustreben? Nein, ich denke nicht. Ich denke sogar vielmehr, die prinzipielle Nichtrealisierbarkeit des Ideals als solchen (also die Unmöglichkeit der “perfekten” Realisierung des Ideals) ist wesentlich für das Ideale, will sagen: für die Funktion, die Ideale für das endliche Wesen Mensch erfüllen. Ideale sind die Zielpunkte des menschlichen Strebens. Geistiges wächst nämlich (anders als materielles) nicht “von unten”, sondern von oben her.
Das will letztlich nur sagen: dass wir die vollgültige umfassende Begründetheit unserer Meinungen nicht erreichen können, soll uns nicht davon abhalten, die bestmögliche Begründung anzustreben. Das heißt: nicht bewusst und absichtlich (oder gar mit stolz) dogmatisch abbrechen, keine vulgären Begründungszirkel akzeptieren usw.
Wir können die Begründungsarbeit nicht in infinitum leisten. Deshalb Vorurteil, deshalb Tradition. Unter dem starken Begründungsbegriff von oben ist ja “Vorurteil” dasjenige, was nicht abschließend begründet ist. Das entbindet uns natürlich nicht von der kritischen Prüfung desselben… Vorurteile und Tradition: Statt Kant jetzt Nietzsche (denn so schön das Kant-Zitat war, für manches war er blind): Ich verlasse mich auf das Vorurteil als Mittel, nicht als Wahrheit.

Um doch nochmal den Bogen zurück zu schlagen: Der Glaube, Gerechtigkeit, Gleichheit, Gleichberechtigung, Demokratie, Toleranz usw. usf. seien “Werte an sich”, keiner Begründung bedürftig, absolut gültig, selbstverständlich usw. usf. – das sind eben Vorurteile unserer Zeit (“selbstverständlich” nur ein anderer Name für “Vorurteil”). Aber nur 150 Jahre zurückgeblickt, und man erkennt, dass es nicht immer Selbstverständlichkeiten waren. Oder nur 2’500 km nach Osten geblickt und man sieht, dass sie es nicht sind. Nicht das ist das Problem, sondern die Weigerung, sich hier ernsthaft Gewissheit zu verschaffen. Das wird sich spätestens dann zeigen, wenn diejenigen Akteure der Weltgeschichte wieder stark werden, die auf all das pfeifen.

Wo hab’ ich Gleichheit gefordert?
(Ich nehme an, mit Sabine bin ich gemeint 😉)

Doch keine so gute Idee einen Kommentar Tage später nur aus den Erinnerungen zu produzieren.
Aber seis drum, es ist dir, oder vielmehr der englischen Sprache, ein Irrtum unterlaufen, im Zitat wird nämlich sehr wohl von equality gesprochen.

Since democracy realizes equality in a highly public manner and publicity is a great and egalitarian value, the equality realized by democracy trumps other kinds of equality.

Wobei natürlich das egalitarian auf “Gleichberechtigung” hindeutet.

@Liberté

Wobei natürlich das egalitarian auf “Gleichberechtigung” hindeutet.

Ich würde annehmen, der Autor bezieht sich damit auf die Position bzw. Strömung in der politischen Philosophie und Ethik, den Egalitarianism.
(“Gleichberechtigung” nennen die Angelsachsen übrigens in der Regel “equal rights”, was eher Anlass zum Nachdenken über die, ich würde nicht sagen “Fehler”, aber in tieferen semantischen Schichten der Deutschen Sprache liegenden Inklinationen – wenn man überlegt, warum es “Gleichberechtigung” und nicht “gleiche Rechte”. In diesem Fall Ungünstige, würde ich sagen.).

Im Kontext gelesen lässt sich einigermaßen verlässlich behaupten, dass Christiano von Gleichberechtigung spricht

Nein, er meint Gleichheit. Gleichberechtigung erscheint in jenen (angelsächsischen) Denklinien als Folge von Gleichheit. Es handelt sich um einen begriffs-/ideengeschichtlichen Lexikonartikel und der ganze Artikel ist von der klassischen Bedeutung von “equality” im angelsächsischen politischen Diskurs durchzogen, siehe allein Kap. 2.2.3

Equality bedeutet sowohl Gleichheit als auch Gleichberechtigung

Ich halte es übrigens, das hatte ich gerade noch vergessen zu schreiben, für eine richtige Unsitte, derartige Fragen ständig mit Links auf Wörterbücher oder Wikis entscheiden zu wollen. Die Frage ist gar nicht, ob der Ausdruck “equality” manchmal auch als “Gleichberechtigung” übersetzt wird. Die Frage ist, was das mit dem Wort “equality” bezeichnete Konzept (Begriff) in der politischen Philosophie/Theorie für eine Semantik trägt. Welcher politische Sachverhalt damit bezeichnet ist. Es gibt einen riesigen, kategorialen Unterschied zwischen Gleichheit und Gleichberechtigung, und es macht überhaupt keinen Sinn, so zu tun, als ob gerade die Angelsachsen derartige Unterschiede in ihrer elaborierten politischen Sprache verwischen würden.

Vollständige, absolute Begründetheit eines Wissenssytems ist jedenfalls das Ideal. Aber ist es etwas neues, dass Ideale nie “perfekt” realisiert werden können? Hält uns das davon ab oder lässt es uns resignieren, das Ideal dennoch anzustreben? Nein, ich denke nicht.

So ähnlich sehe ich es auch. Doch du hast doch zunächst das Gegenteil eingefordert, nämlich absolute Begründetheit — und zum Beispiel Sabina nicht zugestanden, aufgrund von (politischer) Tradition »Gleichberechtigung« als Wert an sich zu bezeichnen.

So ähnlich sehe ich es auch. Doch du hast doch zunächst das Gegenteil eingefordert, nämlich absolute Begründetheit — und zum Beispiel Sabina nicht zugestanden, aufgrund von (politischer) Tradition »Gleichberechtigung« als Wert an sich zu bezeichnen.

ok, da muss ich noch mal den langen Thread durchlesen. Ich habe es so in Erinnerung (und so hätte ich es auch gemeint), dass ich nach Begründungen gefragt habe und sabina sich dem durch die Bemerkung “Gleichberechtigung erlaube ich mir – selbstverständlich unbegründet und ideologisch – als einen Wert an sich zu definieren” entzogen hat.
Nochmal: nach Begründungen fragen heißt nicht sofort: absolute Letztbegründung verlangen. Und daraus, dass uns keine abgeschlossene Begründung möglich ist, folgt nicht, dass wir gar nichts begründen können oder müssen.

Bezeichnend für die Konfliktlinie ist der letze absatz des Artikels. Die Wurzel des Konflikts scheint von wirtschaftlicher Natur zu sein.

Unvereinbare Visionen
Tatsächlich verfolgt die PYD in Syrien eine politische Vision, die sich schwer mit der politischen Realität im kurdischen Nordirak in Einklang bringen lässt. Sie beruft sich auf die Idee einer konföderalistischen Demokratie, wie sie Abdullah Öcalan entworfen hat. Diese basiert auf umfassender lokaler Autonomie, in der alle Teile der Gesellschaft durch eine demokratische Graswurzelstruktur ein Mitbestimmungsrecht erhalten.

Im Irak hingegen verwaltet die patriarchal geführte DPK von Präsident Masud Barzani die Öleinnahmen mittels Vetternwirtschaft, um sich die Loyalität der Begünstigten zu sichern. Barzanis höchstes politisches Ziel scheint sich darin zu erschöpfen, die Kontrolle über jene irakischen Gebiete zu festigen, um die bis heute mit Bagdad gestritten wird.

aus demselben WOZ-Artikel.

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