Rom ficht Bildungsgesetz an.

Wenige Tage nachdem Rom Teile des sogenannten Sozialomnibusses angefochten hat, wird nun auch das kürzlich verabschiedete Südtiroler Bildungsgesetz ins Visier genommen. Die Abschaffung (bzw. Freistellung) der Ziffernnoten verstoße gegen staatliche Zuständigkeiten, weshalb die Regierung von Matteo Renzi einmal mehr das Verfassungsgericht anruft.

Es ist an dieser Stelle natürlich unerheblich, ob wir schriftliche Bewertungen oder Ziffernnoten bevorzugen. Es geht darum, dass Südtirol — wieder einmal — nicht die Möglichkeit hat, eigenständig zu entscheiden, sondern ungefragt umzusetzen hat, was in Rom beschlossen wird.

Nachtrag: Insgesamt wurden drei Punkte des Bildungsgesetzes angefochten. Neben der Benotung (Art. 3, Abs. 2) beanstandet Rom auch Regelungen zur Bewertung der Schulführungskräfte (Art. 1, Abs. 2) und zur Lehreranstellung (Art. 4, Abs. 4).

Siehe auch: [1] [2] [3]

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  • ProEuregio

    … man könnte beinah jedem Beitrag folgenden bereits übermittelten Kommentar wieder und wieder und wieder dranhängen:
    … die einzige umsetzbare Vision ist Südtirol als Region Europas ohne nationale Bevormundung:
    – Keine teuren Abgeordneten und Senatoren in Rom, – keine aufreibenden, teuren und aussichtslosen Auseinandersetzungen mit der Zentralregierung und dem Verfassungsgericht usw. usw. …!
    Außer, – wir wollen weiterhin „die Besten in Italien” sein …? …!

    • mika

      die einzige umsetzbare Vision ist Südtirol als Region Europas ohne nationale Bevormundung

      Was ist denn mit “Region Europas” gemeint (wohl nicht “Europaregion”)? Eine “Region Europas” wäre ja wohl der maximalen Bevormundung (Heteronomie) durch die EU ausgesetzt? Das ist sicherlich eine umsetzbare Vision, aber nicht “die einzige”. Sofern Autonomie, also volle Souveränität realisiert werden soll, ist die einzig umsetzbare Vision die eines Nationalstaates. Autonomie setzt Nationalstaatlichkeit voraus.

      • ProEuregio

        … mit Region ist ein überschaubares Gemeinwesen gemeint welches regional handelt und als Teil Europas global denkt!
        … Ohne aufgeplustertes Gehabe mit eigenen Außen- und VerteidigungsministerIn!
        … Freilich müsste die EU dann zunehmend von Leuten regiert und verwaltet werden, welche keine Nationalisten sind, – Andalusier, Bayern, Elsässer, Katalanen, Schotten und natürlich weiterhin Luxemburger, Malteken usw. …

      • hunter

        autonomie setzt nationalstaatlichkeit voraus

        warum?
        es gibt doch auch heute schon zig “willensnationen”, die sich nicht national im sinne eines unveränderlichen merkmals definieren. im grunde hat es nationalstaaten so gut wie nie gegeben. höchstens island und japan kamen annähernd hin.

      • bzler

        @ProEuregio: Warum, um Gottes Willen, sollte eine Region kein Außenministerium haben? Das Verhältnis zu den Nachbarregionen pflegt sich von selber? Oder bleibt das die unwichtigste Nebenaufgabe des Regionalpräsidenten wie sie es bereits heute für den LH ist?

      • mika

        @hunter

        warum?
        es gibt doch auch heute schon zig „willensnationen“, die sich nicht national im sinne eines unveränderlichen merkmals definieren. im grunde hat es nationalstaaten so gut wie nie gegeben. höchstens island und japan kamen annähernd hin.

        Sie haben völlig recht. Freilich sind ja auch die “Willensnationen” eben dies: Nationen, und möglicherweise ist das mit dem “unverändlichen Merkmal” unglücklich formuliert. Ich würde behaupten: Ein solches findet sich auch bei jedem Beispiel für “Willensnationen”.
        Voraussetzung ist halt, dass man nicht den Nation-Begriff der Nationalsozialisten übernimmt, um dann “kritisch” zu behaupten: Nationalität sei nur ein “soziales Konstrukt”, da es das “unveränderliche Merkmal” ja “an sich” gar nicht gebe, um dann im nächsten Schritt den Sein-Sollens-Fehlschluss von “soziales Konstrukt” auf “abzuschaffen” zu machen..

        Aber sei’s drum. Das Argument, das ich machen wollte, war eigentlich das Analogie-Argument: Autonomie im politischen Sinne setzt Nationalstaatlichkeit voraus, genau so wie Autonomie im individualethisch/-handlungstheoretischen Sinne personale Identität voraussetzt (Kant).

      • mika

        @ProEuregio

        … mit Region ist ein überschaubares Gemeinwesen gemeint welches regional handelt und als Teil Europas global denkt!

        Ist das mit “regional … global” nicht einfach eine Platitüde, der genauer betrachtet kaum ein Sinn abzugewinnen ist? Das wäre mein Verdacht. “Gemeinwesen” ist übrigens nur ein anderes Wort für “Nation”. Genauer gesagt: beide Begriffe bezeichnen das selbe, aber in unterschiedlicher Perspektive betrachtet.

        … Freilich müsste die EU dann zunehmend von Leuten regiert und verwaltet werden, welche keine Nationalisten sind, – Andalusier, Bayern, Elsässer, Katalanen, Schotten und natürlich weiterhin Luxemburger, Malteken usw.

        Aber das sind doch großenteils erstrangige Beispiele für Nationalismen oder für welche, die problemlos aktivierbar sind – oder ist mir da jetzt die Ironie in Ihrer Rede entgangen? Der Punkt ist doch der: Schon durch die Verwendung dieser Volks-Bezeichnungen sind Sie doch schon im Nation(al)-Denken. Und das ist auch gar nicht falsch so. Denn was haben Sie denn, wenn Sie darauf noch verzichten? Wer das auch noch abschaffen will, der vernichtet halt jegliche Identität. Aber das ist ja letztlich das Ziel linker Umformer, denn angeblich ist ja auch Identität nur ein “soziales Konstrukt”; bemerkenswerterweise verzapfen das grade diejenigen, die im nächsten Atemzug dann von “pluralen” und “hybriden” “Identitäten” faseln..

      • ProEuregio

        @mika:
        … ich schrieb “überschaubares Gemeinwesen”, wo man seinen Beitrag leistet (Sozialgemeinschaft)! – Zum Unterschied von – sich einer NATION zugehörig zu fühlen, immer dann und wie man es gerade braucht, – wenn “etwas herausschaut” oder wenn man findet “die Tricolore steht einem gerade gut” …!
        Als Tiroler von südlich des Brenner habe ich “natürlich” ein gestörtes Verhältnis zur Italienischen Nation, – deshalb meine Vision von einem Europa der Regionen!
        – Und zugleich (hier schon x-mal zum Ausdruck gebracht: woran krankt Europa? – Genau, an gar einigen (zu vielen) Nationen welche glauben wichtiger zu sein als die ganze EU zusammen …!
        Dem entsprechend “ernst genommen” wird nun eben die EU im globalen Gefüge …!

      • mika

        @ProEuregio

        … ich schrieb „überschaubares Gemeinwesen“, wo man seinen Beitrag leistet (Sozialgemeinschaft)!

        Verstehe. Ich stimme Ihnen da völlig zu, das ist die auch in meinen Augen wünschenswerteste Vision. Das beißt sich aber ja nicht mit “Nation”, allenfalls wenn man darunter den korrupten, vorteilsheischenden Bürger versteht, den Sie da beschreiben:

        – Zum Unterschied von – sich einer NATION zugehörig zu fühlen, immer dann und wie man es gerade braucht, – wenn „etwas herausschaut“ oder wenn man findet „die Tricolore steht einem gerade gut“ …!

        Solche Typen würden aber genau so ein “Europa der Regionen” (oder was auch immer sonst) kaputt machen.

        Genau, an gar einigen (zu vielen) Nationen welche glauben wichtiger zu sein als die ganze EU zusammen …!

        Die (für mich nicht wünschenswerte) Lösung für dieses Problem wäre eben die Schaffung einer EU-Nation, inkl. EU-Nationalgefühl usw. … Das historische Beispiel oder Vorbild für solche Prozesse wäre wohl Deutschland.

        Als Tiroler von südlich des Brenner habe ich „natürlich“ ein gestörtes Verhältnis zur Italienischen Nation, – deshalb meine Vision von einem Europa der Regionen!

        Verständlich. Allerdings, was man aus Ihren Worten leicht herausliest: Sie scheinen ein wenig an der Unmöglichkeit eigener national(staatlich)er Identifikation zu leiden. Gut, Ihnen gefällt der Ausdruck “Nation” nicht, aber was Sie mit “Region” meinen, scheint genau so gut “Nation” genannt werden zu können. Von der Funktion her sehe ich kaum einen Unterschied.

      • An alle: Bitte (wie von unseren Diskussionsregeln aka Netiquette vorgesehen) beim Beantworten eines Kommentars die jeweils »nächsthöhere« Antwort-Schaltfläche benützen. Zugegebenermaßen nicht immer bequem, im Moment aber nicht anders lösbar. Danke.

      • @mika

        Du verwendest die Begriffe »Staat«, »Nation« und »Nationalstaat«, als wären sie bedeutungsgleich/deckungsgleich. Wenn du sagen würdest, dass Autonomie »Staatlichkeit« voraussetzt, könnte ich dir bedingt zustimmen. Wenn du hingegen von »Nationalstaatlichkeit« sprichst, muss ich dir widersprechen.

        Auch ist eine »Willensnation« zwar eine (spezielle Form von) »Nation«, obschon ich den Begriff missverständlich finde, aber definitiv kein »Nationalstaat«.

      • @schierhangl

        @bzler:
        Zustimmung und sehr gute Idee, finde ich: ein euregionaler Aussenminister!
        Das konsensuelle Prinzip der 6er und 12er Kommission würde dadurch erhalten und auf eine rechtliche Basis gestellt, weitere Prinzipien könnten sein:
        – Transparenz
        – EU- Konkordanz
        – Überparteilichkeit durch Beteiligung von Oppositionsmitgliedern

      • mika

        @pervasion

        Du verwendest die Begriffe »Staat«, »Nation« und »Nationalstaat«, als wären sie bedeutungsgleich/deckungsgleich.

        Naja, sagen wir ungefähr so: nicht bedeutungsgleich (Intension), aber deckungsgleich (Extension).

        Wenn du sagen würdest, dass Autonomie »Staatlichkeit« voraussetzt, könnte ich dir bedingt zustimmen. Wenn du hingegen von »Nationalstaatlichkeit« sprichst, muss ich dir widersprechen.

        Naja, ich argumentiere eben, dass ein autonomer Staat ein “Wir” voraussetzt, und Nation ist m.E. nur ein anderer Name für “Wir”.

        Auch ist eine »Willensnation« zwar eine (spezielle Form von) »Nation«, obschon ich den Begriff missverständlich finde, aber definitiv kein »Nationalstaat«.

        Ja, ok, vielleicht ein Streit um Worte. Allerdings halte ich nicht nur den Ausdruck “Willensnation” für missverständlich/unglücklich, sondern auch den Begriff selbiger für inkonsistent. Ich meine, es kann so etwas wie eine “Willensnation” gar nicht geben (oder anders herum gesprochen: genauer betrachtet wären alle Nationen “Willensnationen”..). Mir fallen auch ad hoc keine Beispiele dafür ein. Die hier dann gern ins Feld Geführten sind m.E. kein überzeugenden Kandidaten.

        salvatorische Klausel: Was den Streit um Worte oder Begriffe angeht, ist mir Wikipedia keine Autorität, schon gar keine wissenschaftliche..

        (Hoffe, ich habe die Antwort-Funktion nun richtig bedient.)

      • Nationalstaat bezeichnet seit der Französischen Revolution die idealistische Vorstellung einer (weitgehenden) Übereinstimmung von ethnischer Gemeinschaft (Nation, Volk) und territorial-rechtlicher Herrschaft (Staat). Obwohl auf dem Selbstbestimmungsrecht der Völker beruhend, ist der Begriff N. politisch-historisch durch Absolutheitsansprüche (einer Nation gegenüber anderen Nationen) und Intoleranz gegenüber Minderheiten stark belastet.

        Ich hoffe, die Bundeszentrale für politische Bildung, die sich wiederum auf »Schubert, Klaus/Martina Klein: Das Politiklexikon. 6., aktual. u. erw. Aufl. Bonn: Dietz 2016« beruft, ist eine vertrauenswürdige Quelle. Aber eher nicht.

        Ich könnte noch den Duden anbieten:

        Nationalstaatsgedanke, der – Idee, dass die Bevölkerung eines Staates ethnisch homogen sein sollte

      • mika

        @pervasion

        Ich hoffe, die Bundeszentrale für politische Bildung, die sich wiederum auf »Schubert, Klaus/Martina Klein: Das Politiklexikon. 6., aktual. u. erw. Aufl. Bonn: Dietz 2016« beruft, ist eine vertrauenswürdige Quelle. Aber eher nicht.

        Die BpB? Nein. Definitiv nicht. Ich weiß leider, wie da gearbeitet wird. Es ist eine Schande. Den Duden sollte man auch allenfalls für Rechtschreibfragen in die Hand nehmen (aber dann doch lieber einen 20 Jahre alten).
        Ich sag ja gar nicht mal, dass Sie einfach unrecht haben. Ich sage allenfalls, dass da viel mehr und durchaus auch ganz anderes drinsteckt. So einfach ist es mit derartigen Begriffen halt nicht. Und deshalb ist es mit so etwas wie dem Duden hier einfach nicht getan. Und das was Sie da aus der BpB-Publikation zitieren, das erscheint mir semantischer Irrsinn, was ich da lese..
        Deshalb: Wenn Sie sich die Zeit nehmen wollen (wie es alle ernsten Dinge erfordern), würde ich einen Blick ins Historische Wörterbuch der Philosophie, Band 6, empfehlen. Das widerlegt nicht, ich wiederhole mich, was Sie sagen – es zeigt nur, dass ich auch nicht Unrecht habe mit dem, was ich im Nation-Begriff denke..

      • Soviel Verständnis ich auch für deine Ansprüche und Differenzierungen habe kannst du doch nicht in eine Diskussion einsteigen und voraussetzen, dass die anderen DiskussionsteilnehmerInnen deine — sich nicht am allgemeinen Konsens orientierenden —Definitionen kennen und womöglich auch noch teilen, ohne, dass du sie zuvor erläutert hast. Und nein, du kannst auch nicht erwarten, dass man Bücher wälzt, um mit dir in Abweichung von allgemein anerkannten Definitionen eine Diskussion zu führen.

      • @schierhangl

        ISt die nationale Frage eine bürgerliche Frage? Was ist das Vaterland?

        …. die bürgerliche Klasse eine ausgesprochen nationale Klasse war. Sie unterstützten ihre Kämpfe gegen Regionalismus und Lokalismus, sagten aber zugleich voraus, dass die nationale Beschränktheit der Bourgeoisie ihrerseits den Produktivkräften Fesseln anlegen würde.

        Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben.

        http://www.arbeitermacht.de/rm/rm45/nationalismus.htm

  • m.gruber

    … das ist ja eine interessante posse!

    ich liefere ein wenig kontext:
    das bildungsgesetz ist gemessen an derzeitigen unterrichtsstandards extrem innovativ und geht weit über die bloße vergabe von noten hinaus: möglichkeit der aufhebung altersbezogener klassenverbände, möglichkeit der abschaffung des sitzenbleibens, möglichkeit der abschaffung von noten in ihrer heutigen form. gemessen an wissenschaftlichen erkenntnissen sollten wir bereits seit ca. 100 jahren unseren unterricht so gestalten.

    … umd jetzt kommts. all das wurde vor ca. 5,6 jahren an der mittelschule obermais unter direktorin pulyer per kollegiumsbeschluss eingeführt. die rechtliche grundlage bildete die autonomie der schulen. es hat daraufhin nur wenige monate gedauert, bis das schulamt (das südtiroler schulamt) ordentlich druck gemacht (rechtliche schritte) hat und sich die mittelschule obermais fügen musste.

    … und nun bekommt die landesregierung den selben wind zu spüren.

    eigentlich lustig, wenn’s nicht so traurig wäre. wird das bildungsgesetz gekippt ist das echt eine vertane chance und noch dazu zukunftsblind, denn italien und auch alle anderen westlichen länder werden früher oder später ihr bildungssystem sowieso genau in diese richtung reformieren.

    • Steve

      möglichkeit der abschaffung des sitzenbleibens, möglichkeit der abschaffung von noten in ihrer heutigen form

      denn italien und auch alle anderen westlichen länder werden früher oder später ihr bildungssystem sowieso genau in diese richtung reformieren.

      Zwei-Klassen-Bildungssystem, ich hör dich kommen…sollte das wirklich so eintreten.
      Meine Meinung!

      • m.gruber

        warum? was haben diese änderungen mit einem 2-klassen-bildungssystem zu tun?

      • hunter

        schließe mich der frage an.

      • Steve

        Ich werde jetzt nicht in aller Ausführlichkeit antworten, da sich
        1.) dieser Beitrag zu weit vom ursprünglichen Thema entfernte und
        2.) sich solche Diskussionen erfahrungsgemäß im Sand verlaufen, sobald es in die Tiefe geht (vergleiche etwa die Diskussion um das Zinsgeldsystem). Wiir können das aber gerne mal bei einem Bier (oder zwei) besprechen.

        Nur soviel:
        Ich bin der Meinung, unser Schulsystem ist nicht grundsätzlich falsch, aber hoffnungslos veraltet bzw. vor 100 Jahren erfüllte es noch seinen Zweck, heute nur mehr teilweise und gehört daher reformiert.
        ABER: Ein gutes Bildungssystem muss man sich leisten WOLLEN (können wäre in den Industriestaaten sicher nicht das Problem…). Was ich hingegen beobachte, ist im Gegenteil eine Beschneidung der Ressourcen mittels Salamitaktik und eine Reihe von Fehlentscheidungen (angefangen bei der 5-Tage-Woche…). Auch die Wunderwaffe “Inklusion” sehe ich in der derzeitigen Form als gescheitert an, Begabtenförderung findet praktisch nicht statt. Fördermaßnahmen nach Gesetz 104 bzw. 170 führen nicht dazu, dass die Kinder ihre Schwäche ausgleichen , sondern sich auf der Beschreibung bzw. Diagnose ausruhen, da sie praktisch eh nicht durchfallen können (bis auf wenige rühmliche Ausnahmen, wo idR aber äußerst engagierte Eltern dahinterstehen). Andere Eltern drohen mit Rekurs, also senkt man irgendwann die Anforderungen soweit ab, bis wirklich jede/r durchkommt. All das hat in den letzten Jahren zu einem merklichen Abfall zumindest in den MINT-Fächern geführt (hatte heuer in der 1. Klasse MS das erste Mal Kinder dabei, welche nicht einmal mehr eine Länge mit dem Lineal einzeichnen konnten). Die vielbeschworene Kompetenzorientierung, Fehlanzeige. Vielmehr das reflexartige Hochschnellen der Hände und “Wie geht das?”, anstatt die “erworbenen” Kompetenzen zur Problemlösung einzusetzen.
        Wenn nun das Sitzenbleiben abgeschafft wird bzw. so wie ich es verstanden habe, soll das Kind nur alle drei Jahre sitzenbleiben können, dann wird das Kind in der schönen Theorie zwar drei Jahre lang versuchen, die Rückstände aufzuholen, de facto aber die Rückstände, anstatt nur ein Jahr, drei Jahre lang aufhäufen und dann gar keine Chance mehr haben, die Rückstände irgendwie aufzuholen. Nachdem aber an den Ressourcen noch weiter gespart werden wird (da ja alles über die “Inklusion” gelöst wird), werden die Klassenräte (wie in den letzten Jahren bereits zu beobachten) die Anforderungen weiter absenken, damit auch diese Kandidaten weiterkommen. Wenn dann auch noch die Noten abgeschafft werden,….ich denke, der rote Faden ist klar geworden.
        Irgendwann wird dann das Niveau der öffentlichen Schule so weit abgesunken sein, dass jeder, der es sich leisten kann, sein Kind auf eine Privatschule schickt, da es dort zumindest noch die Chance hat, etwas zu lernen, et voilà, das Zwei-Klassen-Bildungssystem ist da.
        Nich falsch verstehen: ich bin sehr wohl der Meinung, dass man unser derzeitiges Bildungssystem reformieren muss und auch kann (das genannte Auflösen der starren Klassenverbände könnte, richtig umgesetzt, ein positiver Ansatz sein). Allerdings funktioniert das nicht, indem man Makulatur betreibt, gleichzeitig die Ressourcen kürzt und mittels “Inklusion” lediglich einen neuen Anstrich verpasst, die Gesellschaft und insbesondere die Eltern die Entwicklung (was auch Verpflichtung bedeutet) nicht mitgehen, sondern im Gegenteil in den Schule ein Feindbild konstruieren und gegen die Lehrpersonen arbeiten.

        Wie gesagt, ich könnte hier noch viel weiter ins Detail gehen, aber wenn dann nur in einer gemütlichen Runde (der Kommentar ist eh schon wieder viel zu lang geworden…).

      • hunter

        ok. jetzt versteh ich. ganz unrecht hast du nicht. die abwärtsspirale was den anspruch betrifft, beobachte ich auch. dennoch müssten die reformen nicht notwendigerweise zu dem führen, was du schreibst – aber sie werden es wahrscheinlich, da man in der bildungslandschaft selten das gesamte sieht. das war schon bei der fünf-tage-woche so. gegen diese ist im prinzip nichts einzuwenden. man hat dabei ja auch immer wieder auf andere länder verwiesen, die auch fünf-tage-woche haben. nur hat man dabei halt “übersehen”, dass deren schulkalender länger ist und die gesamtstunden geringer. in italien presst man nun mehr stunden als anderswo in weniger wochen als anderswo.
        ähnlich verhält es sich mit der kompetenzbewertung. es geht fast immer nur darum, “moderne strukturreformen” zu machen – man kümmert sich aber dabei wenig um das drumherum, da man sich ja bereits die umstellung als “großen wurf” auf die fahnen heften kann.
        zudem hat die hattie-studie ja auch gezeigt, dass man hauptsächlich bei den lehrpersonen ansetzen muss. denn wenn es da defizite gibt, nützen die ganzen strukturreformen nichts. ist ja klar: ein guter, motivierter lehrer bringt mit 25 leuten in der klasse mehr zuwege als ein schlechter, demotivierter mit 15. die klassengröße ist zwar ein faktor. der viel größere faktor ist hingegen die person, die vor der klasse steht.

      • Libertè

        Um an den Lehrern etwas zu ändern müsste man es erleichtern diese loszuwerden, da haben dann aber wieder (linke) Gewerkschaften etwas dagegen.
        Am Ende wird nichts daran vorbei führen oben beschriebene Entscheidungen den Schulen selbst zu erlassen und privat Schulen im selben Rahmen zu finanzieren wie öffentliche.

      • m.gruber

        @Steve:
        Ich möchte einen anderen Blickwinkel und gleichzeitig eine Kritik einbringen.

        Aus deinem Beitrag wird mMn deutlich, dass du Sitzenbleiben und Noten als unabdingbares Instrument zur Leistungs- und Motivationsgenerierung bei Kindern siehst und mit dem Wegfall eben dieser Instrumente einen Verfall des Bildungsniveau konstruierst.

        Daraus wird aber zugleich deutlich, was Noten und Sitzenbleiben in ihrer jetzigen Form sind. Es sind Druckmittel (“dann bleibst du sitzen”, “dann bekommst du eine schlechte Note”) und zugleich eine Barriere, da mittlerweile gefühlt in jedem Stellengesuch ein nichtssagender Bachelor verlangt wird. Noten und Sitzenbleiben sind ein Stempel, den du ggf. ein Leben lang mit dir rumträgst.

        Und ich möchte in Frage stellen, ob dies gerechtfertigt ist: wenn du nämlich eine Hose kaufst brauchst du zwei Zahlen: die Bundweite und die Länge. Aber in Mathematik gibt’s nur eine Ziffer. Um deinen Arsch zu vermessen benötigst du zwei Zahlen, bist aber der Meinung man könnte die mathematischen Fähigkeiten eines Kindes in eine Zahl packen? Das ist ein gravierendes Problem.

        Du kannst zu deinem Schluss nur kommen, wenn du auch der Meinung bist, dass Menschen grundsätzlich nur unter Druck bereit sind Leistung zu erbringen bzw. ihre “Defizite” auszugleichen und, dass ein Schulzeugnis (Noten und Sitzenbleiben) in irgend einer Form die Bewertung der Fähigkeiten eines Menschen zulässt.

        Menschen einen Wert zuzuweisen ist nichts weiter, als der feuchte Traum einer neoliberalen Leistungsgesellschaft, hat aber mit Bildung recht wenig zu tun. Das sollte man nicht vergessen.

        Ein weiterer Grund gegen Noten ist, dass diese nicht der intrinsischen Motivation förderlich sind: werde ich für etwas belohnt (Note), so bleibt meine Motivation aus, wenn ich keine Note dafür bekomme. Wir konditionieren unsere Schüler auf Noten (Belohnung, extrinsische Motivation) zu lernen. Dies ist ein vollkommen falscher Ansatz und der Grund dafür, warum Schüler plötzlich das Interresse an einer Materie verlieren, wenn diese Belohnung ausbleibt.

        Ein weiteres Absurdum, das mit Noten einhergeht ist das sog. “Teaching for the test”. Lehrer vermitteln keine Bildung mehr, sondern bereiten Schüler auf standardisierte Tests vor.

        Die Gefahr einer Privatisierung der Schule besteht immer, aber das liegt sicherlich nicht daran, dass man seine Bildungseinrichtungen reformiert. Wie bei jeder Reform steht der tatsächliche Impact in den Sternen, aber die Grundvoraussetzungen sind das Risiko wert. Sprich: die Zeit ist reif.

      • @schierhangl

        @liberte:
        Eine Schule ohne Lehrer als Lösung des Zuständigkeitsproblems?
        Lehrer für politische Misstände verantwortlich zu machen ist wohl sowas wie die Rechnung ohne den Wirt machen, leisten sie doch die wichtigste Arbeit im Ausbildungsprozess.
        Der Fall bestätigt die Notwendigkeit der nach transparenten Richtlinien organisierten Bildungspolitik. Vielleicht ist es aber auch ein Beispiel dafür, dass durch Zuständigkeit alleine nicht alles besser wird.
        Klare Kriterien für Stellenvergabe, Bezahlung nach Leistung, Anschluss an deutschsprachige Fortbildungsmöglichkeiten, Zugang von deutschsprachigen und englischsprachigen Muttersprachlern zum Schulunterrich, Lehrplanerstellung, akademische Evaluierung nicht nur von Sprach-, sondern auch Sachunterricht etc. sind nur Beispiele möglicher Ziele einer zukünftigen Bildungspolitik.

        Um ein funktionierendes Gemeinwesen garantieren zu können, müssen zudem folgende Fragen beantwortet werden:
        Wie werden Kinder für einen arbeitsmarkt gebildet, der durch Digitalisierung möglicherweise bis zu 50% an Arbeitsplätzen einbüsst? Welchen Wert hat Bildung im Allgemeinen?
        P.S.: https://www.theguardian.com/commentisfree/2016/aug/08/grammar-schools-arent-fit-for-the-world-of-the-future

        Eine öffentliche Schule, die nicht schon frühzeitig in ein Zweiklassenschulsystem aufgetrennt wird, ist gerade im vergleich zu Österreich eine Säule gesellschaftlichen Zusammenhalts und sozialem Frieden. Im besten Fall lernen Arbeiterkinder im gemeinsamen Lernen und Debattieren mit Kindern aus höhergebildeten Schichten voneinander und garantieren eine durchlässige Gesellschaft. Andernfalls riskiert man eine Klassengesellschaft mit einer Vergrösserung der sozialen Schere.

      • Libertè

        wenn du nämlich eine Hose kaufst brauchst du zwei Zahlen: die Bundweite und die Länge. Aber in Mathematik gibt’s nur eine Ziffer.

        Sie sind in der Mathematik anscheinend nicht sehr weit Gekommen.

      • Eine Schule ohne Lehrer als Lösung des Zuständigkeitsproblems?

        Bitte was?

      • wenn du nämlich eine Hose kaufst brauchst du zwei Zahlen: die Bundweite und die Länge. Aber in Mathematik gibt’s nur eine Ziffer.

        Sie sind in der Mathematik anscheinend nicht sehr weit Gekommen.

        m.gruber meint ja nicht, dass es in der Mathematik nur eine Ziffer gebe, sondern als Note für die Mathematikerfolge/-kenntnisse.

      • Libertè

        Daraus wird aber zugleich deutlich, was Noten und Sitzenbleiben in ihrer jetzigen Form sind.

        Was wären denn Alternative Druckmittel?
        Des weiteren bezweifle ich das Noten, und in der Konsequenz daraus Sitzenbleiben, ein Druckmittel sind, die Note an sich ist mit relativ wenig persönlichen Nachteil für einen Schüler_in verbunden, der Nachteil entsteht erst am Arbeitsmarkt oder bei der Universitätswahl.

        Noten und Sitzenbleiben sind ein Stempel, den du ggf. ein Leben lang mit dir rumträgst.

        Ja, das wird halt immer so sein, deal with it, Resileszenz und das Akzeptieren von Tatsachen muss man auch einmal lernen.

        Du kannst zu deinem Schluss nur kommen, wenn du auch der Meinung bist, dass Menschen grundsätzlich nur unter Druck bereit sind Leistung zu erbringen bzw. ihre „Defizite“ auszugleichen und, dass ein Schulzeugnis (Noten und Sitzenbleiben) in irgend einer Form die Bewertung der Fähigkeiten eines Menschen zulässt.

        Das sind doch zwei völlig verschiedene Themen, was treibt einen Menschen an und das andere was ermöglicht es das Wissen eines Menschen zu quantisieren.

        Menschen einen Wert zuzuweisen ist nichts weiter, als der feuchte Traum einer neoliberalen Leistungsgesellschaft, hat aber mit Bildung recht wenig zu tun. Das sollte man nicht vergessen.

        Und da kommen wir der Sache näher, als Liberaler ist es oftmals schwer dies zu akzeptieren, doch der Liberalismus lebt davon das sich Menschen frei Entwickeln, und davon das Menschen unterschiedlich sind, dies hat ganz natürlich zufolge das sich manch einer besser Entwickelt als der andere, im akademischen Bereich wie im Sport dort fordern wir ja auch nicht das jede_r die 100m in 15sec läuft, aber keiner schneller laufen darf. Das wäre doch eine schreckliche Welt, wo man sich nicht frei ausleben darf.

        Dies ist ein vollkommen falscher Ansatz und der Grund dafür, warum Schüler plötzlich das Interresse an einer Materie verlieren, wenn diese Belohnung ausbleibt.

        Aber sollen wir nur lernen für das wir interesse zeigen, unabhängig von der Notendiskussion?

        Ein weiteres Absurdum, das mit Noten einhergeht ist das sog. „Teaching for the test“. Lehrer vermitteln keine Bildung mehr, sondern bereiten Schüler auf standardisierte Tests vor.

        Dies ist ein Paradoxon, einerseits möchten wir eine gleichwertige Ausbildung, andererseits kann diese Gleichwertigkeit eben nur mithilfe eines zentralen Testes sichergestellt werden.

        Die Gefahr einer Privatisierung der Schule

        Worin liegt denn die Gefahr einer privaten Schule? Wie wird damit die Freiheit der Bürger_innen eingeschränkt wenn es Privatschulen gibt?

        Lehrer für politische Misstände verantwortlich zu machen ist wohl sowas wie die Rechnung ohne den Wirt machen, leisten sie doch die wichtigste Arbeit im Ausbildungsprozess.

        Nein, unfähige Arbeitskräfte muss man entlassen können, ich werde dies jetzt wohl hoffentlich nicht logisch herleiten müssen?

        Der Fall bestätigt die Notwendigkeit der nach transparenten Richtlinien organisierten Bildungspolitik.

        Nein, es braucht eine QA am Ende der Ausbildung, den Weg dorthin kann man doch den mündigen Bürger_innen überlassen.

        Wie werden Kinder für einen arbeitsmarkt gebildet, der durch Digitalisierung möglicherweise bis zu 50% an Arbeitsplätzen einbüsst? Welchen Wert hat Bildung im Allgemeinen?

        Dies sind Fragen die sich jede_r selbst stellen kann, dies müssen nicht wir als Nation aka “Gemeinschaft” klären.

        Eine öffentliche Schule, die nicht schon frühzeitig in ein Zweiklassenschulsystem aufgetrennt wird, ist gerade im vergleich zu Österreich eine Säule gesellschaftlichen Zusammenhalts und sozialem Frieden.

        Ich persönlich bevorzuge auch das ital. System der gemeinsamen Mittelstufe, aber es ist sicher nichts was man aufgrund imaginärer Klassen der Gesellschaft benötigt oder gar aufzwingen muss.

        Andernfalls riskiert man eine Klassengesellschaft mit einer Vergrösserung der sozialen Schere.

        Die soziale Schere entsteht doch nicht am Schultyp, weshalb sollen “reiche” eher ein Gymnasium besuchen als “arme”? Wenn dem so ist dann nur weil sich naturgemäß die “schlaueren” eher in der “reicheren” Gruppe befinden.

      • Libertè

        m.gruber meint ja nicht, dass es in der Mathematik nur eine Ziffer gebe, sondern als Note für die Mathematikerfolge/-kenntnisse.

        Ok, wobei natürlich Mathematik ein schlechtes Beispiel da es dort einfach ist festzustellen wie viel jemand kann (Aufgabe richtig; richtiger Ansatz; falsch), und es keine Herausforderung ist dies auf eine Note zu bringen.

      • hunter

        @m.gruber

        Es sind Druckmittel („dann bleibst du sitzen“, „dann bekommst du eine schlechte Note“) und zugleich eine Barriere, da mittlerweile gefühlt in jedem Stellengesuch ein nichtssagender Bachelor verlangt wird.

        das ist für mich etwas zu undifferenziert und ein wenig wiedersprüchlich zugleich. die von steve beschriebene tendenz der niveaunivellierung führt ja gerade dazu, dass viele abschlüsse heute nichtssagend sind. noten sind vielerlei. sie sind auch ein feedback sowohl für den lehrer als auch für die schüler. für den lehrer, damit er/sie einschätzen kann, ob das gelehrte/gesagte auch bei den schülern angekommen ist. für die schüler, wie sie im vergleich zu den anforderungen in bestimmten bereichen stehen. nicht zuletzt sind noten aber auch befähigungsnachweise. eine art “dipolom”, die bestätigen sollen, dass ich das geforderte wissen, die geforderten fähigkeiten auf einem bestimmten gebiet habe. von einem chirurgen verlangen wir ja auch, dass er sich – bestätigtermaßen – ein bestimmtes wissen über anatomie angeeignet hat, bevor er/sie jemanden aufschlitzen darf.

        Noten und Sitzenbleiben sind ein Stempel, den du ggf. ein Leben lang mit dir rumträgst.

        nicht wirklich, oder? ich hab mein maturazeugnis ein einziges mal gebraucht – bei der inskription. meine anderen zeugnisse habe ich nie gebraucht. und dass ich für die inskription an einer universität einen befähigungsnachweis brauche, finde ich gut und in ordnung.

        Du kannst zu deinem Schluss nur kommen, wenn du auch der Meinung bist, dass Menschen grundsätzlich nur unter Druck bereit sind Leistung zu erbringen bzw. ihre „Defizite“ auszugleichen und, dass ein Schulzeugnis (Noten und Sitzenbleiben) in irgend einer Form die Bewertung der Fähigkeiten eines Menschen zulässt.

        druck spielt bei der leistungsfähigkeit eine rolle. wieviel und ob positiv oder negativ ist jedoch von mensch zu mensch verschieden. das hängt von zu vielen faktoren ab alsdass man diesbezüglich allgemeingültige aussagen treffen könnte. ein fehler, der in der bildungspolitik sehr oft gemacht wird ist, zu glauben, das patentrezept gefunden zu haben. wenn man davon überzeugt ist, liegt man falsch. das ist wohl das einzige, das sich in bezug auf bildung mit sicherheit sagen lässt. natürlich sind noten allein unzureichend, die fähigkeiten eines menschen zu bewerten (was wir – siehe mein beispiel chirurg – bisweilen halt tun müssen). aber auch verbale bewertungen und kompetenzbewertungen sind unzureichend. wir sollten verstehen, dass noten noten sind. und nichts anderes. sie machen einen menschen nicht besser oder schlechter, sondern sind einfach nur ein feedback zu bestimmten fähigkeiten. müssten wir noten für den 100-meter-lauf vergeben, würde bolt eine 10 und ich wohl eine 5 oder 6 bekommen. na und?

        Menschen einen Wert zuzuweisen ist nichts weiter, als der feuchte Traum einer neoliberalen Leistungsgesellschaft, hat aber mit Bildung recht wenig zu tun. Das sollte man nicht vergessen.

        wie gesagt: du siehst das meines erachtens zu undifferenziert. noten haben sehr wohl mit bildung zu tun und wir brauchen diese art von befähigungsnachweisen um gewisse ansprüche (erinnere abermals an mein beispiel mit dem chirurgen), die unserer gesellschaft funktionieren lässt, geltend machen zu können. das problem ist, wenn man noten sozusagen “absolut” setzt und sie mit bildung gleichsetzt. das geht natürlich nicht, denn bildung ist, wie du richtig sagst, viel komplexer.

        Ein weiterer Grund gegen Noten ist, dass diese nicht der intrinsischen Motivation förderlich sind:

        intrinsische motivation ist der stärkste lernmotor. keine frage. dennoch muss/soll nicht notwendigerweise jede kenntnisvermittlung intrinsisch motiviert sein. sämtliches tun des menschen ist eine kombination aus extrinsischer, intrinsischer, leistungs- und interessensmotivation. wir sollten daher auch lernen, mit diesen unterschiedlichen motivationen umzugehen (stichwort langeweile, frustrationstoleranz usw.). auch das gehört für mich zur bildung. es geht nicht um entweder-oder, sondern um sowohl-als-auch.

        Ein weiteres Absurdum, das mit Noten einhergeht ist das sog. „Teaching for the test“. Lehrer vermitteln keine Bildung mehr, sondern bereiten Schüler auf standardisierte Tests vor.

        das ist wiederum teil des dilemmas und tatsächlich in manchen bereichen ein problem. andererseits brauchen wir eben gewisse standards, die aussagekräftig sind. oder wie würdest du zum beisspiel ein europaweites anerkennungssystem für berufs- und bildungsabschlüsse regeln?

      • Steve

        dennoch müssten die reformen nicht notwendigerweise zu dem führen, was du schreibst

        Das wollte ich mit meinem Kommentar auch nicht ausdrücken, war wohl missverständlich geschrieben.

        aber sie werden es wahrscheinlich, da man in der bildungslandschaft selten das gesamte sieht.

        THIS! Klar könnten die Reformen das Bildungssystem auch verbessern, aber voraussichtlich wird man wieder nach dem Motto “Für unsere Kinder nur das Beste – nur der Lehrer darf nichts kosten!” vorgehen und die Reformen vorrangig dazu nutzen, Kosten zu sparen bzw. Ressourcen einzusparen.

        das war schon bei der fünf-tage-woche so. gegen diese ist im prinzip nichts einzuwenden. man hat dabei ja auch immer wieder auf andere länder verwiesen, die auch fünf-tage-woche haben. nur hat man dabei halt „übersehen“, dass deren schulkalender länger ist und die gesamtstunden geringer.

        Oder dass in Finnland nach jeder 45-Minuten-Einheit 15 Minuten Bewegung an der frischen Luft auf dem Programm stehen.
        Oder dass man in England unter Nachmittagsunterricht Hausaufgabenhilfe, Schulkapelle oder Schulsport versteht (also Sachen, die bei uns die Vereine übernehmen. Und weil die Vereinsmeierei eben ein typischerweise rein deutsches Phänomen ist, finden diese Sachen z.B. in England eben in der Schule statt. Bei uns hingegen lässt man mittlerweile die beiden Institutionen gegeneinander konkurrieren…ein Wahnsinn).
        Oder…

        ähnlich verhält es sich mit der kompetenzbewertung. es geht fast immer nur darum, „moderne strukturreformen“ zu machen – man kümmert sich aber dabei wenig um das drumherum, da man sich ja bereits die umstellung als „großen wurf“ auf die fahnen heften kann.

        Richtig. Von Frau Foppa hört man ja nach ihrem Einzug in den Landtag auffällig wenig zu Bildungsfragen. Höchstens, wenn sie die (vermeintlich) geringen Italienischkenntnisse der deutschsprachigen SchülerInnen ankreidet. Auch Frau Kasslatter Mur ist in der Versenkung verschwunden (wobei, zu ihrer Entschuldigung kann man anführen, dass sie sich mittlerweile aus der Politik zurückgezogen hat).

        Um an den Lehrern etwas zu ändern müsste man es erleichtern diese loszuwerden,

        Sofern du die unfähigen meinst, bin ich auf deiner Seite. Dieses Problem löst man aber nicht, indem man jetzt das Sitzenbleiben abschafft.

        Am Ende wird nichts daran vorbei führen oben beschriebene Entscheidungen den Schulen selbst zu erlassen und privat Schulen im selben Rahmen zu finanzieren wie öffentliche.

        Wenn du private Schulen durch die öffentliche Hand fördern lässt, wird aber auch das Schulamt mitreden wollen und dann hast du den gleichen Effekt/Qualitätsverlust. Dann kannst du es auch gleich bei den öffentlichen Schulen belassen.

        Aus deinem Beitrag wird mMn deutlich, dass du Sitzenbleiben und Noten als unabdingbares Instrument zur Leistungs- und Motivationsgenerierung bei Kindern siehst und mit dem Wegfall eben dieser Instrumente einen Verfall des Bildungsniveau konstruierst.

        Nein. Ich bin sehr wohl der Meinung, dass man Sitzenbleiben und Noten guten Gewissens abschaffen kann, nur müssen diese Schritte am ENDE eines umfassenden Umdenk- und Reformprozesses in Schule, Politik und Gesellschaft stehen. Zum jetzigen Zeitpunkt würde man hingegen den fünften Schritt vor den ersten setzen und das muss schiefgehen.
        Man kann das mit dem Euro vergleichen: an sich eine gute Sache, nur hätte man vor der Einführung die verschiedenen Wirtschaftsräume und Rahmenbedingungen angleichen müssen, anstatt davon auszugehen, dass dies nach der Einführung schon von alleine passieren würde. Den Schlamassel sieht man jetzt. Gleiches mit den Schulreformen: man kann nicht das Sitzenbleiben abschaffen und dann darauf setzen, dass SchülerInnen, Eltern und Gesellschaft schon “nachreifen” werden.

        Daraus wird aber zugleich deutlich, was Noten und Sitzenbleiben in ihrer jetzigen Form sind. Es sind Druckmittel

        Ich gehe sogar einen Schritt weiter: die ganze Schule ist ein Zwangssystem verpflichtender Besuch bis zum 14. Lebensjahr (oder 15 oder 16 oder 18 ? Hab den Überblick verloren), wobei die tägliche Unterrichtszeit so und so lang geht, das Schuljahr von dann bis dann dauert, diese und jene Fächer unterrichtet werden…und zwar für JEDEN. Und ein Zwangssystem funktioniert, wie der Name schon sagt, nur mit Zwängen. Das ist nicht schön und ich befürworte das auch nicht, aber man kann nicht die Druckmittel wegnehmen und erwarten, dass das System in seiner bisherigen Form unverändert weiterläuft.

        und zugleich eine Barriere, da mittlerweile gefühlt in jedem Stellengesuch ein nichtssagender Bachelor verlangt wird. Noten und Sitzenbleiben sind ein Stempel, den du ggf. ein Leben lang mit dir rumträgst.

        Und warum wird der Bachelor vorgeschrieben? Weil durch die Noteninflation die Fachkenntnisse entsprechend abgefallen sind. Wo früher MS-Abschluss Standard war und zu meiner Zeit Matura, ist es jetzt halt ein akademischer Grad.
        Desweiteren ist der “Bätscheler” ohnehin nur formale Anforderung. Die “guten” Jobs werden über AC vergeben, KMUs stellen nur mehr befristet ein und schauen, ob sich der Kandidat bewährt und die kleinen Klitschen müssen ohnehin jeden nehmen, der sich meldet. Und nach dem ersten Job fragt keiner mehr nach den Noten, sondern nur noch “Was hast du bisher gearbeitet/ was kannst du?” Von daher kann man den “Stempel” recht zügig abwischen.

        bist aber der Meinung man könnte die mathematischen Fähigkeiten eines Kindes in eine Zahl packen?

        Das habe ich nie gesagt, und gerade deshalb sollte man Noten eben als das verstehen, was sie eigentlich sind: eine Rückmeldung über die eigenen Fähigkeiten und nicht die Zuschreibung eines Wertes.

        Du kannst zu deinem Schluss nur kommen, wenn du auch der Meinung bist, dass Menschen grundsätzlich nur unter Druck bereit sind Leistung zu erbringen bzw. ihre „Defizite“ auszugleichen und,

        Solang wir uns in einem Zwangssystem bewegen, bin ich prinzipiell dieser Meinung, ja.

        Menschen einen Wert zuzuweisen ist nichts weiter, als der feuchte Traum einer neoliberalen Leistungsgesellschaft, hat aber mit Bildung recht wenig zu tun.

        Lassen wir das mal so stehen, aber wer fordert denn diese “Wertzuweisung”?
        Nehmen wir einen typischen Elternsprechtag:
        Ich: “Also, wir haben bisher im Unterricht dies und jenes besprochen, dann dieses Projekt durchgezogen, damit sollte ihr Kind jetzt in der Lage sein, folgende Anforderungen zu bewältigen. Im 2. Semester würde ich dann gerne folgendes durchnehmen…”
        Elternteil: “Und wie sind jetzt die Noten?”
        Ich: :-/

        Was ich damit sagen will: wenn wir eine wirkliche Bildungsrevolution haben wollen, dann muss ein Umdenken in der gesamten Gesellschaft stattfinden. Da reicht es dann nicht, ein paar Sachen hinzuwurschteln, die zudem mehr Schaden als Nutzen bringen. Solang die Schule als Zwangssystem verstanden wird, werden wir nicht weiterkommen, im Gegenteil…

        Dies ist ein vollkommen falscher Ansatz und der Grund dafür, warum Schüler plötzlich das Interresse an einer Materie verlieren, wenn diese Belohnung ausbleibt.

        Denkfehler: wenn das Kind nur wegen der Note lernt, dann war auch vorher schon kein Interesse da, folglich gibt es keines zu verlieren.

        Ein weiteres Absurdum, das mit Noten einhergeht ist das sog. „Teaching for the test“. Lehrer vermitteln keine Bildung mehr, sondern bereiten Schüler auf standardisierte Tests vor.

        Das ist aber kein grundlegendes Problem von Noten, sondern von INVALSI.

        Sprich: die Zeit ist reif.

        Politik/Eltern/Gesellschaft mMn aber noch nicht.

        Anschluss an deutschsprachige Fortbildungsmöglichkeiten, Zugang von deutschsprachigen und englischsprachigen Muttersprachlern zum Schulunterrich

        ??? Ich verstehe den Einwand nicht. Ich hatte immer deutschsprachige Fortbildungen. Oder meintest du Fortbildungen im deutschsprachigen Ausland? Außerdem kenne ich genügend bundesdeutsche/österreichische Lehrämtler, die hier die Stammrolle bekommen haben (oft noch vor den Südtirolern, die in Italien ein Diplomstudium absolviert haben…).

        Wie werden Kinder für einen arbeitsmarkt gebildet, der durch Digitalisierung möglicherweise bis zu 50% an Arbeitsplätzen einbüsst? Welchen Wert hat Bildung im Allgemeinen?
        P.S.: https://www.theguardian.com/commentisfree/2016/aug/08/grammar-schools-arent-fit-for-the-world-of-the-future

        Ich habe jetzt nicht den ganzen Artikel gelesen, aber er kritisiert das englische Bildungssystem hinsichtlich der Selektion bzw. Gliederung? Verstehe nicht ganz, was das mit Abschaffung der Noten zu tun hat…
        Um auf deine Fragen zu antworten: wenn 50% der (sicher vorwiegend simplen) Arbeitsplätze wegfallen, müssen eben neue Arbeitsfelder erschlossen werden, die höhere Bildung voraussetzen. Daher klare Antwort: Bildung muss ein wertvolles Gut sein. Nachdem die Schule aber wahlweise als Feindbild, Reisebüro oder Kinderbetreuungseinrichtung konstruiert wird, bewegen wir uns wohl in die entgegengesetzte Richtung.

        Was wären denn Alternative Druckmittel?

        Das Ziel wäre ja, grundsätzlich von den Druckmitteln wegzukommen. Nur funktioniert das in einem Zwangssystem halt nicht…

        Worin liegt denn die Gefahr einer privaten Schule? Wie wird damit die Freiheit der Bürger_innen eingeschränkt wenn es Privatschulen gibt?

        Dass es eben solche geben wird, die sie sich leisten können und solche, die nicht. Damit zementierst du soziale Undurchlässigkeiten und gefährdest irgendwann den sozialen Frieden.

      • hunter

        Das Ziel wäre ja, grundsätzlich von den Druckmitteln wegzukommen. Nur funktioniert das in einem Zwangssystem halt nicht…

        ich bin dennoch verfechter eines kanons (eines basis- bzw. überblickswissens oder wie immer man das heißen mag), der immer irgendwie mit zwang zu tun hat. ich glaube jedoch, dass dieser kanon die voraussetzung für ein flexibleres und offeneres system in den höheren schulstufen ist. von einer wahlfreiheit von ganz unten an und dass jeder nur noch tut, was ihn/sie interessiert bzw. ihm/ihr gefällt – davon halte ich wenig. die wahlfreiheit sollte kommen, je weiter oben man ist und gipfelt im tertiären bildungssektor.

        im moment geht der trend leider in die umgekehrte richtung. schulen glauben (nach anglo-amerikanischem vorbild) immer mehr wahlfreiheit bieten zu müssen (in südtirol gibt es nach der mittelschule 189 möglichkeiten – das ist wahnsinn), während die universität verschult wird und von zwangslehrveranstaltungen, zwangszeiten und zwangsscheinen geprägt ist. ebenfalls ein wahnsinn.

      • @schierhangl

        Um an den Lehrern etwas zu ändern müsste man es erleichtern diese loszuwerden, da haben dann aber wieder (linke) Gewerkschaften etwas dagegen.

        liberte

        Nein, unfähige Arbeitskräfte muss man entlassen können

        liberte

        Nicht nur Druckaufbau und Sippenhaftung einer Berufsgruppe, sondern auch Leistungsanreize könnten eine MEthode sein, um den Lehrerberuf interessanter zu machen.
        – Vergütung nach Schüleranzahl bei Wahlfächern
        – Vergütung nach Fachrichtung
        – Abgeltung arbeitsintensiver Fächer (auch eine Forderung von Gewerkschaften)
        – Vergütung nach Anteil von Integrationsschülern
        – Vergütung nach ausserprovinzieller Berufserfahrung

        P.S.: Übers Intelligenz gepachtet haben und blöd sein dürfen wenn man sich zu helfen weiss gibt Genetik und Zwillingsforschung Antwort http://www.zeit.de/2015/23/intelligenz-vererbung-iq

        Ist Neoliberalismus eine Religion oder eine Ideologie?

  • rüegg

    Versäumnisse von 1946, Stichwort Selbstbestimmung.
    http://www.heise.de/tp/artikel/49/49118/1.html
    Das ist doch die Ursache für all die Probleme die es gibt und solange wir noch bei Rom sind.

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