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Logischer Reinfall.
Interpretation der Ergebnisse des Massentests

An dem dreitägigen Massenscreening (sowie an den Antigen-Schnelltestungen am 18. und 19. November) haben 343.227 Menschen (davon 332.410 in Südtirol ansässige Personen) teilgenommen. Das sind rund 62 Prozent der ansässigen Bevölkerung und 64 Prozent, wenn man alle durchgeführten Tests auf die Einwohnerzahl Südtirols bezieht. Die Schnelltests, die in den kommenden drei Tagen durchgeführt werden, sollen zu dieser Quote noch dazugerechnet werden. 350.000 Testungen hatte sich der Sanitätsbetrieb zum Ziel gesetzt. Mit ihrer regen Teilnahme hat die Südtiroler Bevölkerung ein schönes Zeichen der Reife, Mitverantwortung und Solidarität gesetzt.

Unerwarteterweise lag der Anteil der positiv Getesteten nur bei 0,93 Prozent (3185 Personen). Bei den in Südtirol ansässigen Personen waren es 0,91 Prozent (3035 Personen). Sanitätsdirektor Florian Zerzer hatte nämlich im Vorfeld der Aktion sogar bis zu zehn Prozent Positive prognostiziert und von 35.000 Personen gesprochen.

Die Verantwortlichen sind mit ihren Einschätzungen tatsächlich weit daneben gelegen. Dieser Umstand veranlasste UnserTirol24 zur hämischen Schlagzeile “Zerzers Reinfall” und angesichts der niedrigen Positivitätsrate fordern unzählige Kommentatoren in den Online-Foren und sozialen Netzwerken die sofortige Aufhebung sämtlicher Einschränkungen (Geschäfte auf, Masken ab usw.). Sie feiern das Testergebnis und sprechen davon, dass das der Beweis dafür sei, dass die Politik nur Panikmache betreibe.

Also entweder hab ich jetzt einen kompletten Aussetzer und bin einem kolossalen Denkfehler aufgesessen oder aber all jene, die meinen, dass die niedrige Rate ein Grund zum Aufatmen sei, liegen mit ihrer Einschätzung völlig daneben.

Wir können zunächst davon ausgehen, dass das Ergebnis aufgrund der enorm großen Stichprobe einigermaßen repräsentativ ist. Verfälschungen können sich aber durch das Phänomen der Falsch-Positiven und Falsch-Negativen ergeben. Das Ausmaß dessen zu berechnen, überlasse ich den Statistikfreaks.

David Gruber errechnet auf Basis von Sensitivität (96,52 %) und Spezifität (99,68 %) der verwendeten Testkits rund tausend Falsch-Positive und weniger als 100 Falsch-Negative.
Markus Falk hingegen wird auf Salto zitiert, dass er von bis zu 30 Prozent Falsch-Negativen ausgehe, da der Antigen-Schnelltest im Gegensatz zum PCR-Test erst bei einer höheren Virenlast anspricht und Personen, die sich erst kurz vor dem Test infiziert haben somit durch den Rost fielen.

Weiters könnte es sein, dass jene Gruppe von Menschen, die den Hygienemaßnahmen skeptisch gegenübersteht und sich nicht daran hält, und somit ein höheres Infektionsrisiko hat, ziemlich deckungsgleich mit jener ist, die den Test verweigert. Wenn diese Annahme stimmt, würde das die Positivitätsrate etwas erhöhen.

Die hohe Zahl negativer Befunde mag für den jeweils Einzelnen eine gute Nachricht sein, aber was die Rückschlüsse auf die einschränkenden Maßnahmen und die Natur der Krankheit betrifft, ist die niedrige Positivitätsrate doch eine verdammt schlechte Nachricht.

  • Es bedeutet nämlich, dass die Infektion wohl viel gefährlicher ist, als angenommen, weil es das große Heer der Asymptomatischen offenbar gar nicht gibt. Die Zahl der symptomatischen Fälle (Ich gehe davon aus, dass ein Großteil der derzeit durch PCR-Tests bestätigten 11.624 aktiven Fälle symptomatisch ist.) übersteigt jene der asymptomatischen (Wiederum mit der Annahme, dass der Großteil der bei den Massentests infizierten Fälle asymptomatisch ist, da ja nur solche Menschen an den Tests teilnehmen sollten. Hochgerechnet auf alle Ansässigen wären das 4.900.) derzeit um ein Vielfaches. Wobei wiederum die 11.624 aktiven über einen längeren Zeitraum “gesammelt” wurden, was die Rechnung wieder etwas relativiert. Der Trugschluss “wenige (asymptomatische) Fälle = gutes Zeichen” war bereits bei vorhergehenden großangelegten Testungen (z. B. Grödner Studie zu Antikörpern) medial allgegenwärtig. Meist hieß es bezüglich der Infektionen/Antikörper in den Schlagzeilen: “Dunkelziffer niedriger als befürchtet”. Dabei wäre doch eine hohe Dunkelziffer (also Menschen, an denen die Infektion spurlos vorübergeht/vorübergegangen ist und die man nur durch Massenscreenings findet) ein gutes Zeichen.
  • Es bedeutet auch, dass bereits eine niedrige einstellige Zahl an Infizierten das Südtiroler Gesundheitssystem – wie gegenwärtig der Fall – an seine Belastungsgrenze bringt. Das ist erschreckend. Falls wir eine Situation wie die jetzige hätten, weil 10 bis 20 Prozent aller Südtirolerinnen und Südtiroler infiziert sind, wäre das ein Hinweis darauf, dass es eine hohe Durchseuchung bräuchte, um dem System seine Grenzen aufzuzeigen und dass ein Großteil der Menschen die Infektion unbeschadet und unbemerkt übersteht. Dem ist aber offensichtlich nicht so.
  • Gleichzeitig wird es jetzt wahrscheinlich auch so sein, dass viele dem obigen Trugschluss zum Opfer fallen und die Maßnahmen nicht mehr mittragen wollen bzw. sie nicht mehr einhalten, was zu einer neuerlichen Verschärfung der Situation in den Krankenhäusern führen könnte. (Aber genau um das zu verhindern, veranstalten wir ja diesen Zirkus).
  • Zudem könnten sich die Menschen zu sehr in Sicherheit wiegen. Zwar werden durch die Tests tausende positiv Getestete in häusliche Isolation geschickt, aber dennoch kursieren weiterhin etliche tausend Infizierte – darunter auch Falsch-Negative – unbemerkt.

Der einzig positive Aspekt der Geschichte ist, dass wir die Infektionsketten mit relativ wenigen Menschen in Quarantäne/Isolation durchbrechen und somit – falls die Zahlen in absehbarer Zeit sinken – eine vorsichtige Öffnung in vielen Bereichen wagen könnten. Das frustrierende daran ist wiederum, dass die grundlegende Organisation sowie Kommunikation und in Folge das Contact-Tracing in Südtirol überhaupt nicht funktionieren und wir somit die notwendige, nahezu lückenlose Identifikation und Nachverfolgung positiver Fälle – wenn nicht schleunigst nachgebessert wird – komplett vergessen können.

Siehe auch:      

Feuilleton Gesundheit Medien Service Public Solidarieté | Coronavirus Covid-Stats | Florian Zerzer | Salto Social Media UT24 | Südtirol/o | Land Südtirol Sabes | Deutsch

10 replies on “Logischer Reinfall.
Interpretation der Ergebnisse des Massentests


dieser Umstand spielt gewiss auch eine Rolle

Sehr gute Analyse!
Gut wäre noch, wenn sich David Gruber und Markus Falk einigen könnten, wer Recht hat. Die “Berechnungsmodelle” der beiden stehen sich ja diametral gegenüber.
Das Volk hat geliefert, jetzt warte ich darauf, dass endlich die Politik und die Sanität liefert. Will heißen, dass die Pannen weniger werden und vor allem, dass die Kommunikation und das Contact-Tracing endlich zu funktionieren beginnen. Realistisch gesehen wird das wohl ein Wunschtraum bleiben.

Was die Maßnahmen betrifft, so muss aber festgestellt werden, dass diese in Südtirol so rigoros (eben bis zur Übertreibung, dass jeder Mensch eine Maske im FREIEN aufhat) eingehalten werden wie nirgendwo sonst. In Deutschland Anfang Herbst hat kaum ein Mensch daran gedacht, eine Maske im Freien aufzusetzen. Habe zwischen Sommer und Herbst einen Tag mit meiner Familie in München verbracht und im englischen Garten waren hunderte Leute OHNE Maske und Abstand beim Lederhosenyoga. Außer in Bahn und in den Geschäften hab ich fast keine Masken gesehen. Ich wohne in Meran und da ist die Infektionsrate mit am Höchsten. Aber wenn ich aus dem Haus gehe, sehe ich alle mit Maske auf, was ja wie gesagt im Freien laut Experten außer bei Ansammlungen nichts bringt. Im Geschäft, im Bus und bei der Arbeit habe ich seit den Maßnahmen noch NIE jemanden gesehen ohne Maske. Man muss sich schon die Frage stellen, wo die ganzen Infizierten also herkommen (bzw. was diese strengen Maßnahmen also nützen). Wahrscheinlich also bei Treffen im eigenen Zuhause, sonst ist es nicht möglich.
Ich habe gerade eine schnelle und vereinfachende Rechnung im Vergleich mit Schweden und Italien gemacht (angenommen Südtirol hätte genau 500.000 EW, Schweden 10 Mio. und Italien 60 Mio.).
Bei Südtirol habe ich die Daten von sabes.it hergenommen und bei Schweden und Italien die der WHO, es handelt sich in allen Ländern um die Gesamtzahlen seit Auftreten der Pandemie.
Wenn Südtirol in etwa so viel Einwohner wie Schweden hätte, hätten wir 429200 Fälle positiv Getesteter und 9480 Todesfälle. Vergleich zwischen Italien, Südtirol und Schweden, wenn Italien und Südtirol in etwa gleich viel Einwohner (ich habe mit genau 10 Millionen EW gerechnet) hätten wie Schweden:

Südtirol: 429.200 positive Fälle 9480 Todesfälle
Italien: 234.808 positive Fälle 8303 Todesfälle
Schweden: 208.295 positive Fälle 6406 Todesfälle

Schweden hat ja auch mit steigenden Zahlen zu kämpfen und hat höhere Zahlen als seine Nachbarn. Es hat allerdings nicht die sozialen, psychologischen und wirtschaftlichen Schäden. Die Zahlen von Südtirol sind schon ziemlich beeindruckend, wieso haben wir so viele Fälle und Schweden im Vergleich (ohne Maske, ohne geschlossene Schule, alle sind in den Großstädten völlig frei ohne Schutz unterwegs, auch in Geschäften und Bahn) so “wenige”?
Irgend etwas kann hier nicht zusammenstimmen, denn der Virus ist überall derselbe. Entweder sind die Schutzmaßnahmen wie Maske völlig überbewertet, wie ja schon zig Mediziner sagen (vor allem im Freien beinahe sinnlos, warum also diese Maßnahme?), oder die Zahlen sind falsch, oder aber in Südtirol geht was anderes schief und die Menschen schlagen im “Geheimen” und privatem Umfeld völlig über die Stränge und feiern Privatpartys usw. ohne Ende. Also sozusagen im Freien den überbraven Bürger mit Maske auf 1000 Meter Entfernung spielen und zuhause Party feiern. Ich persönlich kenne niemanden der das tut.
Interessant wäre zu wissen wie stark die Herdenimmunität ist, die kann ja nur durch eine Blutprobe (Antikörpertest) festgestellt werden soweit ich weiß.
Und vor allem: wieso hat das wie immer überbrave Südtirol diese Zahlen, und das freie Schweden eben die anderen? Bringen bestimmte Maßnahmen wie Mundschutz etwa nicht so viel und sollte der Fokus vermehrt auf die älteren bzw. kränklichen Personen, Hygienemaßnahmen wie Händewaschen und Aufklärung z.B. wegen Privatfeiern gelegt werden?

Ich selbst stehe sehr skeptisch zu den Maßnahmen, bin aber trotzdem zum Test gegangen. Wie gesagt aus Solidarität. Deshalb glaube ich auch, dass die knapp 354.000 getesteten Bürger und die 99.03 Prozent an Menschen ohne Coronavirus einen guten Querschnitt ergeben. Die unterschiedliche Handhabung in Bezug auf Testung und Zahlen, Interpretationen usw. in verschiedenen Ländern und Regionen, macht es schwer einen Überblick zu behalten. Ein Beispiel sind die asymptomatisch getesteten und die Meinung sie wären starke Virenverbreiter, das wurde zumindest scheinbar in einer Studie aus Wuhan widerlegt:

https://www.nature.com/articles/s41467-020-19802-w

Auszug aus der Testreihe:

A total of 1174 close contacts of the asymptomatic positive cases were traced, and they all tested negative for the COVID-19.

Das würde sämtliche Aussagen von Gänsbacher und co. widerlegen, wo behauptet wird, dass asymptomatisch positiv getestete Personen genauso Virenverbreiter sind wie symptomatische…

Ich hatte nie Kontakt zu einem symptomatischen Patienten. Habe mich dennoch infiziert. Ich war jedoch vier Tagen vor Auftreten erster Symptome in einer Schulklasse, von der sich im Nachhinein herausstellte, dass 11 von 25 positiv waren.

Trotzdem scheint es so, dass asymptomatische Menschen eine viel geringere Viruslast haben als symptomatische. Was einem logisch vorkommt, wurde ja durch diese Studie untermauert, immerhin im bekanntesten Wissenschaftsjournal der Welt publiziert. Da hast du mit deiner Klasse etwas Seltenes erlebt, bisher scheint es so, dass viel mehr Lehrpersonen und Kindergartenpersonal betroffen ist als die Kinder selbst.

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