Flüchtlinge — die Endlösung.

Georg Dekas, seines Zeichens presserechtlich verantwortlicher Chefredakteur der Internetplattform Unsertirol24, verantwortlicher Direktor der BAZ (Burggräfler Zeitschrift – Athesia) und Mitarbeiter im Gesundheitsressort (!) von Martha Stocker (SVP), hat eine dreiteilige Artikelserie zur Flüchtlingsthematik (»Debatte«) verfasst, die es in sich hat:

  • Im ersten Teil mit dem Titel »Einwanderer, nicht Flüchtlinge«, vertritt Dekas die Auffassung, dass es sich beim Menschenstrom aus Afrika und dem Orient, mit dem Europa täglich konfrontiert ist, nicht um Flüchtlinge handle. Er untermauert dies mit abstrusen — aber nicht neuen — Argumenten, wie der Tatsache, dass es sich bei den »angeblichen« Flüchtlingen meist um »junge, gesunde, starke Männer« mit Smartphone handle. Frauen seien oft »modisch gekleidet« und hätten eine Dauerwelle. Als ob es merkwürdig wäre, dass vor allem junge Männer dazu bereit sind, die riesigen Strapazen auf sich zu nehmen (und sie wenigstens teilweise auch zu überleben), die die vom Westen aktiv behinderte Flucht mit sich bringt. Oder dass es Menschen, die ihre Heimat verlassen, wichtig ist, mit ihren Verwandten über ein Handy in Kontakt zu bleiben.
    Auch die vielen Menschen aus Europa, die im Laufe der Zeit nach Amerika ausgewandert seien, so Dekas, habe man damals nicht als Flüchtlinge, sondern als Aus- bzw. Einwanderer bezeichnet. Was man aber wohl nur dann erstaunlich finden kann, wenn man außer Acht lässt, dass die Genfer Flüchtlingskonvention erst in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts verabschiedet wurde.
  • Was mit der Begriffsbestimmung des ersten Teils beabsichtigt war, deutet sich im zweiten (»Das Drama Afrika«) an, wo Dekas zwar noch einräumt, dass sich die europäischen Kolonialmächte grobe Grausamkeiten hätten zuschulden kommen lassen — aber nur, um sogleich festzustellen, dass dies aufgrund des damit zusammenhängenden »schlechten Gewissens« lediglich den Blick auf das Wesentliche verstelle, nämlich: Dass Afrikanern 2.000 Jahre kulturelle Entwicklung (wozu? worauf?) fehlten, wir die Einwanderer aus dem schwarzen Kontinent und aus dem Nahen Osten »kaum brauchen« können und vor allem, dass wir den Einwanderungsstrom mit Waffengewalt (!!) stoppen und unseren politischen (kolonialen?) Einfluss in Afrika wieder verstärken müssten (warum?). In wenigen Sätzen wird wieder die alte, plumpe und längst überwunden geglaubte Rechtfertigung für die Unterjochung der minderwertigen »dritten Welt« durch die weißen Herrenmenschen aus dem Hut gezaubert. Selbst die Tötung schwarzer Jugendlicher durch weiße Polizisten in den USA wird als »Folge der erzwungenen Einwanderung« verharmlost und nicht als Ausdruck von nie überwundenem Vorurteil.
  • Mit dem zweiten Artikel wurde ganz gezielt dem dritten (»No Way — Australien macht es vor«) der Weg bereitet, wo die Bekämpfung von Flüchtlingsströmen mit Waffengewalt näher beschrieben wird. Der australische Premier Tony Abbott, neuer Darling der europäischen Rechten, habe den für die Einwanderer (als ob jemanden wie Dekas deren Wohlergehen interessieren würde) teuren und gefährlichen Bootsüberfahrten ein Ende gesetzt — nicht mit einer neuen Willkommenskultur, sondern mit Nulltoleranz und »mit scharfer Munition«. Waffengewalt, die »auch Familien, Kinder und Jugendliche« auf den Booten treffe, wird als Lösung für die Flüchlings… pardon… Einwanderungsströme präsentiert, was wohl bedeutet, dass wir AfrikanerInnen im Mittelmeer einfach erschießen sollen. Denn:

    Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Europa das Gleiche [wie Australien] tun wird müssen. Als erste Maßnahme. Die zweite liegt, wie gesagt, in der Mitgestaltung der politischen Verhältnisse in den Ursprungsländern. Aber das ist noch schwieriger als die Einwanderer stoppen.

Ich bin echt fassungslos. Während wir mit einer humanitären Katastrophe ersten Ranges konfrontiert sind und das offizielle Südtirol nicht ansatzweise seinen Beitrag dazu leistet, wird hier jede Ursachenforschung beiseite gelegt, um den plumpesten, grausamsten und rassistischsten aller Lösungsansätze zu präsentieren. Sollen diese Menschen doch dort bleiben, wo sie herkommen, während Europa, die USA und China ihnen die Lebensgrundlagen entziehen — und wenn sie versuchen, sich dagegen zu wehren oder sich erdreisten, an unserem Wohlstand teilhaben zu wollen, gehen wir einfach mit militärischer Gewalt gegen sie vor. Ganze 2.000 Jahre angeblichen Entwicklungsvorsprungs reichen anscheinend nicht für einen kleinen Funken Menschlichkeit. Aber bitte — bitte! — wundern wir uns demnächst wieder, wenn in der Aussichts- und Perspektivlosigkeit Afrikas und des Nahen Ostens terroristische Organisationen gedeihen.