Autonomer Märchenonkel.

Unter dem Titel “Autonome Misswirtschaft” listet Gerhard Mumelter in einem Artikel auf Salto die politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Skandale der autonomen Region Aosta auf und kommt zum Schluss:

Fest steht: was in Aosta passiert, führt deutlich vor Augen, dass die besonders in Südtirol verbreitete Überzeugung, autonome Regionen würden effizienter regiert, nichts anderes ist als ein liebgewonnenes Märchen.

Es ist in dreifacher Hinsicht rätselhaft, was Mumelter mit dieser Schlussfolgerung, die er auch bereits in der Einleitung des Artikels strapaziert, sagen möchte.

Wohl nicht einmal der überzeugteste Autonomist behauptet, dass es einen zwingenden Kausalzusammenhang zwischen autonomer und effizienter Verwaltung gibt. So wie es keine Gewissheit gibt, dass demokratische Wahlen immer und überall das optimale Ergebnis bringen. Mumelters Logik anwendend könnte man also schreiben:

Fest steht: die Wahl Donald Trumps führt deutlich vor Augen, dass die besonders in der westlichen Welt verbreitete Überzeugung, demokratische Systeme wären die beste Regierungsform, nichts anderes ist als ein liebgewonnenes Märchen.

Auch ist es keineswegs gesichert, dass im Umkehrschluss zentralistische Systeme automatisch effizienter sind. Und dabei müsste man sich jetzt nicht einmal auf die Sowjetunion berufen. Viele Studien und Rankings zeigen hingegen eine recht auffällige Korrelation zwischen Kleinstrukturiertheit und Verwaltungsqualität. Auch Aosta schneidet darin nicht so katastrophal ab, wie von Mumelter dargestellt.

Doch am Ende ist dieser ganze Diskurs ohnehin überflüssig, da er implizit von der verqueren Annahme ausgeht, dass Selbstverwaltung nur dann gerechtfertigt sei, wenn sie effizienter oder besser funktioniert als die Alternative dazu. In einer Demokratie geht es nicht um die subjektiven Parameter richtig oder falsch bzw. gut oder schlecht. Es geht um gewollt und nicht gewollt. Und um Eigenverantwortung sowie die Ermächtigung des Demos. Selbst wenn Südtirol die am schlechtesten verwaltete Provinz/Region Italiens wäre, würde das gerade unsere Autonomie, die aus einer völlig anderen Motivation heraus entstanden ist, nicht im geringsten delegitimieren.

Siehe auch: [1]

8 Replies to “Autonomer Märchenonkel.”

  1. Harald, Dir wird wohl nicht das ganze Gerede und Argumentiere über die Province/Regioni “virtuose” entgangen sein, das derzeit in Italien einzige salonfähige Argument der Autonomisten, dem Aosta einen Bärendienst erwiesen hat.

  2. Sehr treffend kommentiert, Harald, einschließlich der Ironie zu Trump und der Demokratie. Genau so ist es: das Volk – sprich die Mehrheit der Bürger – können sich irren und haben das Recht darauf. Zumindest irren sie sich nicht so häufig wie gewählte Vertreter. Es geht bei territorialer Autonomie um demokratisch besser legitimierte Selbstregierung und – verwaltung einer Region, nicht um eine wie immer definierte “Effizienz”. Die Aostaner haben vergleichbar mit Südtirol fleißig immer wieder eine Mehrheitspartei an der Macht bestätigt, was bekanntlich Klientelismus und Vetternwirtschaft fördert. Im Übrigen bringt Mumelter als Beispiel für Misswirtschaft in Aosta nur das Spielkasino von Saint Vincent. Da könnte Südtirol schon mit einigen Beispielen mehr aufwarten. Ohne die UV in Schutz nehmen zu wollen: “Effizienz”, saubere Verwaltung (an der Spitze) und die Leistungsfähigkeit der Autonomie als politisches System sind verschiedene paar Schuhe. Es kommt auch wesentlich darauf an, wie eine Territorialautonomie geregelt ist.

  3. Volle Zustimmung mit Harald.
    cum hoc ergo propter hoc

    Wollte mich aber eigentlich nur melden weil ich den Titel gelungen und witzig fand. Bravo!

  4. Aus Mumelters Artikel:

    Mit ihren 130.000 Einwohnern bezahlt die Region 4668 Bedienstete – ein abnormes Verhältnis.

    Also ich finde das Verhältnis auch abnorm — so abnorm, dass ich mich frage, ob Mumelter nicht eine Stelle vergessen hat.

  5. Für italienweite Schlagzeilen sorgte die Verhaftung des leitenden Staatsanwalts Pasquale Longarini wegen Bestechung.

    Was hat der leitende Staatsanwalt mit der Autonomie zu tun? Ist die Staatsanwaltschaft nicht zentralstaatlich organisiert?

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