von Andreas Leiter Reber
Wir haben die Linie gehalten? Wie widersprüchlich und selbstgerecht kann man bitte sein?
Ein Abgeordneter, der jugendliche Neonazis in seinen Keller einlädt und ganz offensichtlich keine Aufklärung betreibt, sondern selbst das White-Power-Zeichen lächelnd in die Kamera zeigt, würde anderswo aufgrund massiver öffentlicher Aufschreie längst zurücktreten müssen. Sogar in Österreich. Nicht aber bei uns in Südtirol. Warum?
Weil Südtirols Gesellschaft quer durch alle Schichten — übrigens genauso wie die meisten Medien — extreme Positionen und Sager von Politikern toleriert, die Verquickung von Parteien mit faschistisch-reaktionären Netzwerken duldet oder sich zumindest nicht offen dagegen stellt.
Einzelne, meist aus dem politisch bekennend linken Spektrum, äußern sich, den meisten aus der bürgerlichen Mitte scheint JWAs Neonazikoketterie egal zu sein — im besten Fall “ischs holt olm der gleiche Tepp” — und die selbsterklärten Patrioten schweigen.
Am Ende sind die braunen Kellerbilder innerhalb der Szene Werbung für den 56-jährigen JWA. Genauso wie der private Besuch der STF-Jugendsprecherin beim sommerlichen Maskenball in Schnellroda mehr dient als schadet.
Apropos Szene, mich persönlich stört es noch mehr, dass mit JWA nicht nur ein Landtagsabgeordneter, sondern ein ehemaliger Landeskommandant und aktiver Schütze die Neonaziszene stützt. Ganz einfach deshalb, weil ich an einen vermeintlich geschichtsbewussten und werteorientierten Tiroler höhere Ansprüche stelle, als an einen Politiker. Zugleich werden die vielen aufrichtigen und heimatverbundenen Schützen erneut in die Nähe dieses braunen Fahrwassers gerückt.
Vom ORF zu den Vorkommnissen befragt, meint der SVP-Parteisekretär und Fraktionssprecher Harald Stauder, dass „wir als SVP die Linie gehalten hätten“, um im selben Satz gleich noch politisches Kapital schlagen zu wollen, indem er dem TeamK und den Grünen eins mitgibt.
Dabei ist es gerade die SVP, die rechtsextreme Positionen hoffähig macht und damit das breite öffentliche Schweigen maßgeblich mitverantwortet:
Die SVP hat die Abgeordneten von Fratelli d’Italia in die Landesregierung und zum stellvertretenden Landeshauptmann gewählt. Sie hat damit jenen Regierungsverantwortung in Südtirol gegeben, deren Parteijugend den Marsch auf Rom feiert und Fascholieder singt.
In der Landeshauptstadt bekennen sich die rechtsextremen Koalitionspartner der SVP offen zu Casapound.
Aber das ist vielleicht bezeichnend für uns in Südtirol:
Rechtsextrem und Faschos sind immer die anderen. Genauer gesagt, die der anderen Sprachgruppe.
Für Knoll und Co sind es die italienischen Rechten, für Bianchi und Co die deutschen Rechten.
Dabei unterscheiden sich viele Parolen, KI-generierte Grafiken und Slogans oft lediglich in der Sprache und selbstverständlich an den (National-)Farben.
Und die SVP hofiert die — und regiert mit den einen und verurteilt scheinheilig die anderen. Machterhalt wahrlich um jeden Preis und um jedes Ideal.
Wäre der politische und mediale Aufschrei groß, vor allem aber ehrlich und konsequent, müssten deshalb in Südtirol viele zurücktreten. Bis hinauf in die Regierung – und da wird’s auch für die meisten Journalisten und Medien eng. Weshalb ich mir politisch gar nichts erwarte. Und auch medial wird es bei ein paar Anstandsberichten bleiben, damit’s nicht ganz peinlich wird.
Und die SVP wird weiterhin unkommentiert behaupten können, sie würde die „Linie halten“.
Aber ja, auch ein Slalom ist eine Linie und damit passt’s für das opportunistische Südtirol wieder. Wir sind eben doch mehr Italien als uns lieb ist. Besonders jene, die es am wenigsten sein wollen.

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