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Toponyme Tatsachen.

Karte 1.

Alpenverein Südtirol (AVS), Landesverband für Heimatpflege, Südtiroler Schützenbund (SSB), Bauernbund (SBB) und Bauernjugend — kurz: die Arbeitsgruppe der Vereine für die Ortsnamenregelung — haben gemeinsam eine Straßenkarte für Südtirol herausgegeben, die einzig die historischen Toponyme des Landes berücksichtigt. Eine löbliche Initiative, zumal in dieser Angelegenheit endlich Tatsachen geschaffen werden. Das Druckstück liefert damit eine ernstzunehmende Diskussionsbasis für die Lösung des scheinbar Unlösbaren und stützt sich auf die wissenschaftliche Arbeit des italienischen Professors Bartaletti (Uni Genua).

Ob der Vorschlag freilich unverändert seinen Weg in ein Toponomastikgesetz finden kann oder nicht, wird einer politischen und gesellschaftlichen Diskussion entspringen müssen. Ich werde nicht müde zu wiederholen, dass diese und ähnliche Probleme nur im Konsens zwischen den Sprachgruppen nachhaltig und bei gegenseitigem Vertrauen lösbar sind. Erstrebenswert wäre, wie in diesem Blog bereits angeregt, auch eine genaue Untersuchung der Eindeutschung romanischer Ortsnamen in den ladinischen Ortschaften sowie im Vinschgau. Dabei geht es nicht darum, »natürliche« Entwicklungen, Anlehnungen und Verballhornungen rückgängig zu machen, sondern allfällige vorsätzliche »Übersetzungen« und Verfälschungen zu eruieren.

Letztendlich muss die Entscheidung jedoch politisch gefällt werden; außer dem zentralistischen Ansatz des Durnwaldervorschlags – der sämtliche Gemeindebezeichnungen über einen Kamm (und sich um wissenschaftliche Erkenntnisse gar nicht) schert – oder jenes der Union, gilt es etwa auch die basisdemokratische Lösung in Graubünden abzuwägen, wo jede Gemeinde frei den eigenen Ortsnamen und sogar die Amtssprache selbst festlegen kann. Vermutlich müsste man in Südtirol einen »konsensualen« Schlüssel festlegen, damit die jeweils kleinere Sprachgruppe nicht einfach von der größeren überstimmt wird.

Die Karte kann zum Preis von € 2.- (zzgl. € 1.70 Versandgebühr) beim Südtiroler Schützenbund bestellt werden.

Nachtrag: Die Karte weist einen makroskopischen Makel auf, der darin besteht, dass für die ladinischen Ortschaften die deutschen und italienischen Ortsbezeichnungen vermerkt wurden, umgekehrt ladinische Toponyme für Ortschaften außerhalb Ladiniens vollständig fehlen. Das ist als stümperhaft und kulturimperialistisch zu werten und stellt die Arbeit der Arbeitsgruppe in ein äußerst ungünstiges Licht.

Siehe auch:

Discriminaziun Kohäsion+Inklusion Minderheitenschutz Ortsnamen Politik Publikationen | | | | Grischun Ladinia | AVS Bauernbund BürgerUnion Schützen SVP | Deutsch

22 replies on “Toponyme Tatsachen.”

Ein großer Widerspruch ist es, dass ständig das Schlagwort “Zweisprachigkeit ist nicht Zweinamigkeit” hinausposaunt wird. Doch bei den ladinischen Ortschaften wollen die Herrschaften dann nicht mehr auf die Zweinamigkeit verzichten.
Wenn aber die deutschen Exonyme der ladinischen Ortschaften offiziell sein sollen, dann auch die ladinischen Exonyme deutscher Ortschaften, sonst ist es
die Hegemonie der einen ethnischen Gruppe über die andere. Genau das aber ist bei dieser Gruppe der Fall.
Konsequent die Orstnamen der Sprache der Bevölkerung – das ist das einzige, was als Recht und Gerechtigkeit bezeichnet werden kann.

http://www.noeles.net

hat eine interessante Rezension mit der Schlussfolgerung, dass es ein Stümperwerk ist.

Ladinische Exonyme werden nicht angeführt, dafür aber deutsche Exonyme bis in den hintersten Winkel – und vor den ladinischen Namen.
Also sichtbares Zeichen, dass die Gruppe bei Ladinien genau jenes nationalistische Verhalten an den Tag legt, das man den Italienern lauthals zum Vorwurf macht. In einigen Fällen sind auch nur die deutschen Namen angeführt, obwohl sich der Ort in Ladinien befindet. So Furcia (Gemeinde Mareo). Oder die “Ütia de Börz” wird germanisiert. Sie heißt aber Ütia de Börz. Die Tolomeis von deutscher Seite also.
Deutsche Namen für ladinische Bäche, Seen, Berge etc. sind flächendeckend angeführt, ladinische Exonyme jedoch nicht. Funes, Braies, Vandoies, Sorafurcia, Tluses – es sind alles historisch gewachsene Toponyme.

Da sind die Wanderkarten von Tabacco viel besser und wissenschaftlich korrekter. Und ohne diese Kolonialmentalität erstellt. Vor allem aber sind sie praxistauglich, weil detailliert und zuverlässig. Die Karte hier hingegen ist ein ideologisches Manifest des deutschen Chauvinismus.

ich ergänze hier nur kurz, dass ich nicht der Autor der genannten Rezension bin. Anderweitige Verdächtigungen mit Vorwürfen des “Wahns” u. dergl. mehr – die von einem exzellenten Niveau des “Experten” der Schützen zeugen – werden demnächst in einem Artikel auf noeles.net eine angemessene Antwort finden.

Die Diskussion im Forum des SSB habe ich inhaltlich recht anregend gefunden. Mit dem Autor der Karte habe ich mich bei anderer Gelegenheit argumentativ “duelliert” (es ging um seine “Altoatesinisierungsthese”), die Argumente der beiden Schreiber Corderes und Germania allerdings sind meines Erachtens in einem sehr polemischen und aggressiven Ton gehalten.
Vielleicht ist es aber ein Recht der Minderheit, pointierter zu formulieren.

Wissenschaftliche Werke – egal mit welchen Mängeln – als Stümperwerke zu bezeichnen, halte ich allerdings für verfehlt. Selbst der (oder das?) Prontuario enthält eine Fülle interessanter Informationen. So halte ich etwa die ladinische Herkunft und Verdeutschung meines Nachnamens für sehr stichhaltig: Pra monasteriale wird in Villnöß (woher der Name stammt) zu Pramstrahler.

Im Übrigen sollten wir uns der Tatsache stellen, dass es keine objektive Wissenschaft gibt, sondern jegliche Form der Wissensschaffung interessengeleitet ist.

PS: Die Tabacco-Karten mag ich nicht, da zumindest jene (älteren) Ausgaben, die ich habe, stets die italienische Bezeichnung vor die deutsche stellen.

“die Argumente der beiden Schreiber Corderes und Germania allerdings sind meines Erachtens in einem sehr polemischen und aggressiven Ton gehalten.
Vielleicht ist es aber ein Recht der Minderheit, pointierter zu formulieren.”

nein, “etwas polemisch”, nicht “sehr polemisch”.

Doch haben die Deutschen in Südtirol Jahrzehnte lang sehr polemisch, sehr aggressiv und häufig auch italienerfeindlich agitiert und auch Bomben gelegt. Und es war alles gut und recht und heldenhaft. Auch heute noch ist der Ton prinzipiell sehr polemisch, sehr aggressiv, überaus pathetisch und mit Slogans geschmückt, die ein Signal sind für den chauvinistischen Geist.

Warum müssten die Ladiner wieder einmal brav sein, unterwürfig, schön fragen, ob man darf?
Warum soll ein Ladiner nicht mal ein wenig auf den Tisch hauen – vor allem angesichts einer Publikation, die mit einem derart hohen Anspruch auftritt und alles andere immer als “faschistisch” abstempelt!?

“Im Übrigen sollten wir uns der Tatsache stellen, dass es keine objektive Wissenschaft gibt … ”

Ja und NEIN: Es ist viel zu einfach, alles zu relativieren. Es gibt sehr viele gesicherte Erkenntnisse. So etwa die, dass Braies, Funès, Eores, Sorafurcia etc. historische ladinische Namen sind. Und die, dass Kollmanns Ableitung von “Kurfar” falsch ist und eine Erfindung zwecks Anbringung des deutschen Namens.
Kollmanns Zickzack-Kurs bei seiner Verteidigung seiner Germanisierungsoperation hast du sicherlich gelesen, ich staune, dass Du das Sammelsurium aus “historisch” (mit Falschaussagen), “kein Platz”, “keine Zeit”, “Sieldungsgebiet”, “Amtstprache” (!), “nächste Karte” (auf dem pdf steht ganz klar, welche seine Absichten sind) kein unwissenschaftliches Vorgehen siehst.

Was die Karte betrifft: Ich bleibe ich also bei meiner Darstellung: Es ist ein Prontuario. Ladinien bis ins letzte Eck mit deutschen Exnoymen übersät, doch für die ladinischen Toponyme (selbst auf der Seiser Alm) kein Platz, kein Verständnis.
Sonst heißt es immer “Zweisprachigkeit ist nicht Zweinamigkeit” – so lange es darum geht, italienische Namen zu eliminieren.

Come volevasi dimostrare.

Quando affermai che alcuni (pochi, ma pur sempre degni di nota) toponimi italiani (e quindi tolomeiani) rispecchiavano precedenti nomi ladini o retoromanci, taluni mi definirono “Hobbyhistoriker” fascista.

p.s. Le nuove carte Tabacco antepongono il tedesco all’italiano, anche in località  quali Vadena e Laives. Lo trovo ugualmente giusto e ritengo queste carte topografiche le più corrette e rispettose della situazione sudtirolese (l’intenso flusso turistico ne è parte). Le Kompass sono molto pretestuose…

Hallo Matteo,

“Warum müssten die Ladiner wieder einmal brav sein, unterwürfig, schön fragen, ob man darf?”

Niemals unterstellt. Müssen und sollen die Ladiner auch nicht.

“Warum soll ein Ladiner nicht mal ein wenig auf den Tisch hauen – vor allem angesichts einer Publikation, die mit einem derart hohen Anspruch auftritt und alles andere immer als ”faschistisch” abstempelt!?”
Der “Faschismusbegriff” der Schützen und der ihnen nahe stehenden Menschen war bereits des Öfteren im Forum des SSB Anlass für kritische Auseinandersetzungen. Ich persönliche halte das Autoritarismuskonzept Adornos für sehr plausibel. Und nach dessen Maßstäben… Ich habe mühevoll lernen müssen, dass es sehr sinnvoll ist, nie die Person, sondern immer “die Sache” in Frage zu stellen. Und dieser Grundsatz ist von den beteiligten Personen wohl zu wenig respektiert worden. Und ganz offensichtlich wird der derzeitige Zustand in Ladinien wie in Südtirol von einem (großen?) Teil der Bevölkerung als legitim empfunden. Ich denke, wir sind uns darüber einig, auf welchen Gründen dies beruht.

“Es ist viel zu einfach, alles zu relativieren. Es gibt sehr viele gesicherte Erkenntnisse. So etwa die, dass Braies, Funès, Eores, Sorafurcia etc. historische ladinische Namen sind.”
Und was ergibt sich aus dieser Erkenntnis? Fraglos wissenschaftsimmanente Schlussfolgerungen, die politische Auswirkungen haben KÖNNEN. Doch die politische Wirksamkeit muss erst geschaffen werden.

“Doch haben die Deutschen in Südtirol Jahrzehnte lang sehr polemisch, sehr aggressiv und häufig auch italienerfeindlich agitiert und auch Bomben gelegt. Und es war alles gut und recht und heldenhaft. Auch heute noch ist der Ton prinzipiell sehr polemisch, sehr aggressiv, überaus pathetisch und mit Slogans geschmückt, die ein Signal sind für den chauvinistischen Geist.”

Ist es denkbar, dass Du die “Deutschen” (als welchen z.B. ich mich nicht bezeichne) mit der veröffentlichten “deutschen” Meinung gleich setzt? Seit mindestens 20 Jahren ist mir kein denkender Mensch deutscher Muttersprache mehr begegnet, der ein solch holzschnittartiges Bild von der Südtiroler Geschichte vertritt.

Ich habe nichts gegen eine sprachwissenschaftliche Diskussion, an der ich allerdings mangels profunder Kenntnisse nur passiv teilnehmen kann. Die politischen Schlussfolgerungen bzw. Einschätzungen von Kollmann und den beiden anderen Herren kann man teilen oder nicht. Interessant wäre eine Diskussion über tatsächliche oder angebliche Fehlableitungen.

Wie mit der Problematik umgegangen werden soll, ist letztlich eine politische Frage. Wie Ètranger nicht müde wird zu betonen, braucht auch die Südtiroler Gesellschaft ihren verbindenden und nicht ihren trennenden Gründungsmythos. Vielleicht kann es gerade der Umgang mit der Frage der Ortsnamen sein.

Beste Grüße

Werner

“ganz offensichtlich wird der derzeitige Zustand in Ladinien wie in Südtirol von einem (großen?) Teil der Bevölkerung als legitim empfunden. Ich denke, wir sind uns darüber einig, auf welchen Gründen dies beruht.”

ja.

“Und was ergibt sich aus dieser Erkenntnis? Fraglos wissenschaftsimmanente Schlussfolgerungen, die politische Auswirkungen haben KÖNNEN. Doch die politische Wirksamkeit muss erst geschaffen werden.”

Der Kern der Angelegenheit: Wenn die falschen Behautungen versucht wird, Toponyme zu deligitimieren, verlässt man die Sprachwissenschaft und wendet sich der Politik zu bzw. der politischen Agitation. Hier wird die Toponomastik mißbraucht.

“Ist es denkbar, dass Du die ”Deutschen” (als welchen z.B. ich mich nicht bezeichne) mit der veröffentlichten ”deutschen” Meinung gleich setzt?”

Ja, war verkürzt geschrieben, aber nicht gemeint, da ich die vielen Dissidenten der “deutschen Seite” (nennen wir sie so, der Bequemlichkeit halber) kenne.

“Seit mindestens 20 Jahren ist mir kein denkender Mensch deutscher Muttersprache mehr begegnet, der ein solch holzschnittartiges Bild von der Südtiroler Geschichte vertritt.”

Oh, ich habe einige bzw. mehrere getroffen, nicht zuletzt mehrere unter den Kollegen Journalisten. Du glaubst gar nicht, welche Meinungen es noch gibt.

“Wie mit der Problematik umgegangen werden soll, ist letztlich eine politische Frage. Wie Ètranger nicht müde wird zu betonen, braucht auch die Südtiroler Gesellschaft ihren verbindenden und nicht ihren trennenden Gründungsmythos. Vielleicht kann es gerade der Umgang mit der Frage der Ortsnamen sein.”

Ja, das ist politisch. Wobei das Kriterium historisch bedingten Wert hat. So
waren bis 1918 keine ladinischen Toponyme und keine ladinische Sprache auch nur minimal anerkannt. Es wurde ja alles eingedeutscht (es gibt auch heute noch Anhänger dieser Konfession). In den Archiven in Brixen oder Innsbruck wird man so nach vielen Orts- und Flurnamen in ladinischer Form vergeblich suchen.

Zum Gründungsmythos:

Braucht man Mythen? Man braucht Gegenmythen, ja, denn es gibt viele Mythen, die die Trennung verherrlichen und den Kampf gegen die Walschen.
Die Ladiner oft auch deshalb angefeindet, weil sie zu den Italienern nicht die feindlichen Distanz hielten wie viele Deutsche. Und weil die Sprache neulateinisch war. Da ist aber immer noch sehr viel Weg zurückzulegen. Wenn ich denke, dass zb. der Aiut Alpin auch deswegen angefeindet wurde, weil er auch mit der CAI-Bergrettung zusammenarbeitete … aber die Gründungsmythen sind immer eine eigene Geschichte. Es sollte halt nicht so gehen – doch viele zielen darauf ab – wie in Ex-Yugoslawien, wo ein Gründungsmythos (Schlacht am Amselfeld) zur Rechtfertigung wurde, um die Moslems zu vertreiben.

n bel salüt
Mateo

… da oben habe ich mich verschrieben, ordentlich auch.
Eine “Rechtfertigung” kann es nicht sein, höchstens ein Vorwand – und ein emotionaler Griffpunkt, um die Bevölkerung mit Panikmache, Hass und dem Mythos des “Ewigen Ofpers” zu mobilisieren.

Hierzu ein Text von mir.

http://www.gfbv.it/3dossier/bosnia/handke.html

Dazu muss gesagt werden, dass ich einmal Handke mochte. Doch dann hat er sich ideologisch verrannt. Jetzt habe ich wieder einen Artikel geschrieben, kommt in der nächsten Ausgabe von pogrom raus. Ein wenig verspätet halt, denn die deutsche Presse von der NZZ bis zum Spiegel hat schon mehrere ausgezeichnete Artikel über den Heine-Preis veröffentlicht. Doch eine bestimmte Linke tut sich sehr schwer, sich von ihren Mythen zu befreien und zu distanzieren. Womit wir ja beim Thema sind. Ich sage, Mythen sollten Teil der Kultur und der Literatur sein. Nur bei Indigenen jedoch gehören in der Regel Mythen zu den postiven Erscheinungen des politisch-gesellschaftlichen Lebens.

lg
Mateo

Die Diskussion, die zu diesem Thema entfacht wurde freut mich; wenngleich ich selbstredend nicht mit allen Positionen einverstanden bin, sind sie ein Beitrag zu einer »Lösung«. Ich habe von Toponymen »Tatsachen« gesprochen, nicht weil sie wisschenschaftlich unwiderlegbar sind, sondern weil hier im wahrsten Sinne des Wortes Fakten geschaffen wurden, auf deren Basis man eine Diskussion aufbauen kann. Wir haben jetzt – wenigstens von einer Seite – eine Grundlage, die wir dem Prontuario gegenüberstellen können, und zu deren Verbesserung wir alle beitragen können.

Selbstverständlich ist der Kollmann-Vereine-Vorschlag ideologisch-politisch, obschon er auf einer zweifelsfrei wissenschaftlichen Arbeit aufbaut (selbst wissenschaft ist stets politisch). Doch auf seiner Basis könnten wir danach trachten, eine noch gerechtere, eine noch bessere Lösung zu finden. Für Ladinien etwa hat Mateo recht eindeutig aufgezeigt, wo die Grenzen dieser neuen Landkarte sind. Ich selbst hatte in Anlehnung an Valentin bereits darauf hingewiesen, dass uns womöglich auch eine genauere Untersuchung österreichisch-ungarischer Eindeutschungswut (v.a. im Obervinschgau) ins Haus steht. Niemand außer die Urheber selbst sehen also wahrscheinlich im Kollmann’schen Werk das Endgültige. Unleugbar ist es jedoch ein wertvoller Beitrag zu einer demokratischen Auseinandersetzung, denn letztendlich wird jede Entscheidung politisch sein!

Und in diesem Sinne bleibe ich vorerst bei meinem »Bündner« Vorschlag, die Toponomastik den Gemeinden zu überlassen, denn jede Gemeinschaft sollte mit ihrer eigenen Sensibilität dafür sorgen dürfen, durch den Namen ihres Ortes einer politischen, wissenschaftlichen, historischen und sozialen Kultur Ausdruck zu verleihen.
Wie eben in der Schweiz, mit dem Vorteil, dass sich die meisten Gemeinden für einen historischen Namen entschieden haben, dass auf kommunaler Ebene eine ernsthafte Diskussion geführt wird (Verantwortung macht mündig!), aber auch mit der Möglichkeit (Gefahr?), dass sich jemand weltlichen Notwendigkeiten beugt (Beispiel: Interlaken). Wie dies eben schon immer war.

Hallo pérvasion

Und in diesem Sinne bleibe ich vorerst bei meinem »Bündner« Vorschlag, die Toponomastik den Gemeinden zu überlassen, denn jede Gemeinschaft sollte mit ihrer eigenen Sensibilität dafür sorgen dürfen, durch den Namen ihres Ortes einer politischen, wissenschaftlichen, historischen und sozialen Kultur Ausdruck zu verleihen.
Wie eben in der Schweiz ….

Ich kenne das Beispiel Schweiz, war ja auch dort, finde das Modell gut aber nicht ganz auf Südtirol anwendbar. Das Modell sollte aber zum Nachdenken anregen. Die Deutschschweizer haben übrigens nicht die rätoromanische Schweiz mit offiziellen deutschen Namen überzogen. Und nicht den Ticino und auch nicht umgekehrt. Gleichberechtigung – in der Schweiz ist das weithin realisiert.

Nun, die Straßennamen in meiner Gemeinde (wie in allen Gemeinden der lad. Täler) sind nur ladinisch. Als ich dann in Bozen die Verträge für Strom, Gas, Wasser etc. machte, wurde die rein ladinische Adresse von all diesen Ämtern sofort und sogleich und ohne übrhaupt zu fragen in die deutsche Form gebracht.
Gewissen Medien deutschen jeden Hofnamen, jedes Joch ein … “wie heißt das auf Deutsch?”, kam so einmal eine recht “temperamentvolle” Journalistin zu mir. Meine Antwort: “Gibt es nicht.” “Aber es muss doch einen deutschen Namen geben.” “Nein. Warum müssen? Warum müsst Ihr alles eindeutschen”?
Wahrhaftig, würde ein Italiener so tun, so käme rasch die übiche Tolomei-Litanei.

Also gibt es noch sehr viel zu tun. Vor allem aber ein Prinzip hat sich in Südtirol noch gar nicht rumgesprochen: Man sollte den anderen gewähren, was man für sich selbst fordert. Die karte der Schützen ist ein Beispiel dafür, ein eminentes.

Positiv hervorzuheben ist die Verwendung der Toponyme durch die Tageszeitung “Dolomiten”. Werde ich an gegebener Stelle würdigen.

mt

hallo schneeflocke,

habe Deinen Diskussionsbeitrag im Schü-Forum gesehen. Aber wie du siehst, geht man darauf lieber nicht ein. Ich beobachte das Forum ja schon länger (beteilige mich nicht, wenn ich darüber schreiben will, sollte ich nicht die Hände im Spiel haben).

Als Du Diskussionen / den Streit mit dem sog. “Wissenschaftler” hattest (der eher ein ideologischer Agitator ist denn ein philologisch präzis arbeitender Mensch), hat er Dich dann auch privat mit Mails belästigt? Ich höre mich ein wenig um, könnte für einen Artikel recht dienlich sein. wenngliche seine Widersprüche und Wutanfälle völlig ausreichen.

gruß

Hallo Mateo,

nein, eigentlich nicht. Aber es ging damals auch nicht um sein Leib- und Magenthema; die Intensität des Konfliktes war geringer.

Welche Teile des Schweizer Modells findest Du übrigens nicht anwendbar? Ich war vor ziemlich genau zwei Jahren in der Val Müstair (wir sind am Furon gewandert). Sehr angetan war ich von der Fülle rätoromanischer privater An- und Aufschriften (Gasthäuser, Restaurants, Geschäfte).

Deutlich sichtbar wurde, dass es rätoromanischer Boden war. Schweizerisch (mit vielen Schwyzer Flecklis, aber rätoromanisch.

Auch nicht eins zu eins übertragbar, aber zum Nachdenken anregend.

hallo,

ich möchte dieses Jahr ein wenig in die Gegend dort, Nationalpark und Engadin.

http://www.nationalpark.ch/

Es stimmt, es fängt schon bei Müstair an: Die Fülle privater UND öffentlicher rätoromanischer Anschriften belegt einen ganz anderen Umgang mit der eigenen Identität wie auch eine andere Freundlichkeit gegenüber der Minderheit seitens der Mehrheiten. Denn während hier die Ladiner von italienischer Seite als Italiener gesehen wurden und von deutscher Seite als Tiroler, die die falsche Sprache hatten und deshalb politisch nicht zuverlässig waren, weshalb man sie am besten rasch germanisieren sollte, wurden in der Schweiz das Rätoromanische offiziell als 4. Landessprache anerkannt. Bis heute hat man dort immer wieder große, wichtige Gesten gesetzt, so in der Schaffung der Rätoromanischen Nachrichtenagentur (mit ca. 10 Beschäftigten), die von der öffentlichen Hand finanziert wird und für die rätoromanischen Medien den Marktnachteil bedeutend reduzieren … Hier gibt es nichts derlei. Oder RF und TV rumantscha (mit meinem Freund B. Cathoms als Chef) mit 90 Angestellten. Man vergleiche mit dem hervorragenden Minderheitschutz hier …

Das Schweizer Modell müsste man ein wenig aufweichen, um mehr zweisprachige Schilder zu ermöglichen.
Also eine Prozentlösung …
doch die wollen die Rechten in Südtirol nicht, denn damit würden sie die deutschen Namen für ladinischen Ortschaften verlieren. Und das geht den blindwütigen Propheten des Deutschtums nicht runter. So mischt man ein ideologisches Sammelsurium zusammen aus historisch, Siedlungsgebiet, Amtssprache, als “faschistisch eingestuft” (um historische ladinische Namen zu killen wie Braies). Du weißt ja selbst, wie sehr gewissen Ideologien ein ideologisches Gebräu aus Halbwahrheiten, Verdrehungen, ein wenig Fakten … Haider z.B., aber auch sein Vorbild. Und auch der herr Benito …

Ich habe geschrieben, es sei an der Karte eine ethnische Namenssäuberung durchgeführt worden. Übertrieben?

Die Schützen hatten tatsächlich die “ethnische Namenssäuberung” gefordert. Siehe die PE der GfbV:

http://www.gfbv.it/2c-stampa/02-3/021009de.html

“Oder RF und TV rumantscha (mit meinem Freund B. Cathoms als Chef) mit 90 Angestellten. Man vergleiche mit dem hervorragenden Minderheitschutz hier …”

So eine Personalausstattung würde ich mir auch für unser Institut wünschen… Nicht immer gelingt es, trotz der unzweifelhaften Qualitäten der externen wie internen MitarbeiterInnen über die mangelnde Masse hinweg zu täuschen… ;-))

Je mehr ich mich mit der Schweiz beschäftige, desto interessanter wird sie. Wobei ich – beruflich bedingt – vor allem das Verhältnis zwischen direkter und repräsentativer Demokratie, aber auch den Sozialstaat und kollektive Arbeitsbeziehungen meine.

Ich denke, dass ich meine “Austrophilie” durch eine “Helvetiophilie” ergänzen sollte…

W

W

in Österreich ist man nicht einmal so weit, die Erkenntnisse eines Verfassungsgerichtes zu akzeptieren – s. Ortstaflen in Kärten, wo seit Jahren auch vom BK Schüssel nur die Wege gesucht werden, um das Urteil nicht umzusetzen.
Ich würde deshalb in Minderheitenfragen ersetzen statt ergänzen:

http://www.gfbv.it/2c-stampa/2006/060130de.html

ah, noch was habe ich rausgefischt:

http://www.gfbv.it/2c-stampa/1-00/25-1-dt.html

natürlich mögen die micht nicht, eh kloar.

“Ich würde deshalb in Minderheitenfragen ersetzen statt ergänzen.”
Konzediert, Herr Kollega. Auch wenn Wien unbeschreiblich ist, ich Praha und Trst liebe und mir Josef K. näher steht als der Kaufmann Ill.

Auf http://www.prokaernten.at/ fölt noch ein mit T… beginnanda Nome. Oba vielleeeeicht san da Hea Kollega jo diesbezüglich übazeugenda ;-))

Aber ich trainiere schon mal: Hopp Schwyz.

wobei, das möchte ich festgestellt wissen, Kollega, um Mißverständnisse zu vermeiden, ich ja Wien liebe, v.a. die Kultur der Jahrhundertwende und später, Mahler, Schönberg, Berg … grad der Mahler mit böhmischen, wienerischen, jüdischen Elementen in seiner Musik war ja Vertreter des multikulturellen Österreich, den schon damls die Deutschnationalen, Antisemiten und Nazi-Vorläufer wild attackierten, sowie ein Vorläufer jener multikulturellen Entwicklungen, die das 20. Jh. prägen sollten.
Doch seit dem 1. Weltkrieg werden alle Minderheiten, die Ansprüche erheben, in Österreich als staatsgefährdend betrachtet.
Die Extreme dieser Tendenz sind die sogenannten “Heimatverbände” in Kärnten, so auch der Abwehrkämpferbund. Dass nun gerade diese Extremisten bei gewissen Vereinen in Südtirol als Wahrheitsquelle hingestellt werden, wenn es um die Slowenen geht, sagt ja alles über diese Vereine.

So zitiert einer dieser Chauvinisten:
“Literatur: Kärntner Abwehrkampf 1918/19 – Volksabstimmung am 10. Oktober 1920, Ausstellungskatalog, Völkermarkt 1984; Kärntner Landesarchiv (Hg.), Der 10. Oktober 1920, 1990.”

als würde man hier MSI zum Wahrheitsverkünder machen.

Eben, heute ist vom alten Österreich der Zeit von Haydn, Mozart, Beethoven bis Mahler und Schönberg so gut wie nichts übriggeblieben – außer die Reproduktion durch Konzerte. ein Symbol dafür: Das Schicksal der Klimt-Bilder.

Austria nuda.

So, habe eine Ergänzung gefunden.

Mahler äußerte einmal, er sei dreifach heimatlos: “als Böhme unter den Österreichern, als Österreicher unter den Deutschen und als Jude in der ganzen Welt.”

Mahler wurde ja aus dem Amt des Hopferndirektors gejagt, weil er Jude war. Die katholische Hauptstadt der Donaumonarchie war eine der großen Brutstätten des Antisemitismus (auch Ende des 20. Jh. war Wien die Brutstätte des neuen Antisemitismus).

Wien bleibt Wien – die fürchterlichste aller Drohungen.

Wobei, Herr Kullega, es durchaus ö Traditionen gäbe, an die in Südtirol anzuknüpfen lohnte, etwa die Multikulturalität.
Über die “demokratischen” und kulturellen “Defizite” des alten und neuen Ö kann durchaus diskutiert werden. Nur: Auf “südtirolerisch” (= österreichische Schlamperei zur Potenz) werden wir uns nicht davonwursteln können. Jede Diskussion über die Lage hierzulande kann vom historischen Substrat nicht abstrahieren – im Guten wie im Bösen. Woran sollten wir sonst anknüpfen?
Ab morgen lasse ich – zumindest für vier Tage – Wien auf mich wirken.

ja, die multikulturelle Seite Österreichs wird in Südtirol einfach übergangen. Ich aber sage: Kultur ist multikulturell, überall, sonst ist sie nicht KULTUR großgeschrieben, sondern nur der verlängerte Arm von volkstümlichen Traditionen.

Besuche unbedingt auch das Jüdische Museum !

Alt werden wollte ich in Wien nicht, aber die Toten haben dort a schöne Ruh: der Zentralfriedhof ist einen Besuch wert.

und die Ottakringer Brauerei, ja

und das Teehaus hinter dem Stephansdom

und fahr mit der U 6 (alte Stadtbahn), die Stationen sind ein schönes Denkmal der Architetkurgeschichte.

Nun, die Straßennamen in meiner Gemeinde (wie in allen Gemeinden der lad. Täler) sind nur ladinisch. Als ich dann in Bozen die Verträge für Strom, Gas, Wasser etc. machte, wurde die rein ladinische Adresse von all diesen Ämtern sofort und sogleich und ohne übrhaupt zu fragen in die deutsche Form gebracht.
Gewissen Medien deutschen jeden Hofnamen, jedes Joch ein … ”wie heißt das auf Deutsch?”, kam so einmal eine recht ”temperamentvolle” Journalistin zu mir. Meine Antwort: ”Gibt es nicht.” ”Aber es muss doch einen deutschen Namen geben.” ”Nein. Warum müssen? Warum müsst Ihr alles eindeutschen”?
Wahrhaftig, würde ein Italiener so tun, so käme rasch die übiche Tolomei-Litanei.

Ich kann mich erinnern, dass ich einst den Einwand gemacht habe, dass leider auch die Ladiner ihre Ortsnamen bereitwillig eindeutschen – was ich für falsch halte und leider Nachahmer findet. Da hat Herr Taibon behauptet, das stimme nicht.

Heute war ich zufällig auf der Homepage der Gemeinde Urtijëi und siehe da, in der deutschen Version sind alle Straßennamen germanisiert – und dies vonseiten jener Institution, die diese Namen verantwortet. Sowas kann nur Kopfschütteln verursachen.

Adressen Urtijei.

Zu allem Überfluss lautet der Seitentitel auch noch »Gemeinde St. Ulrich – Comune di Ortisei – Chemun de Ortijei [sic!]«. In dieser Sprachreihung und mit diesem Schnitzer.

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