Categories
BBD

Menasse und wir.
Quotation 143

Was hat ein Bewohner des Veneto mit einem Sizilianer zu tun? Was sind ihre gemeinsamen nationalen Interessen? Was ist das nationale Interesse der Südtiroler als Passitaliener, das sie von den angeblichen nationalen Interessen der Tiroler im österreichischen Bundesland Tirol unterscheidet? Das europäische Projekt hat gerade am Beispiel Tirol gezeigt, wie absurd dieser Pass-Nationalismus ist und wie die Rekonstruktion von identitätsstiftenden Kulturräumen funktioniert. Nationen funktionieren nicht, das hat sich in der Geschichte erwiesen: Entweder sie brechen auseinander wie Italien, Spanien oder Großbritannien, oder sie verlagern die inneren Konflikte nach außen und begehen die größten Menschheitsverbrechen, die es in der Geschichte je gab. Das hat sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt, und genau dagegen wurde die europäische Union gegründet.

Wir können Menschen aus dem portugiesischen Alentejo, aus Tirol oder vom Peloponnes nicht mehr auseinanderdividieren, wir können nicht mehr sagen, jeder von ihnen hat andere Ansprüche auf das Leben. Das, was sie gemeinsam haben, muss in einem europäischen Parlament in Rahmenbedingungen und in Recht gegossen werden. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen müssen die Menschen die Möglichkeit haben, an ihrem Lebensort gestaltend einzugreifen. Der Lebensort ist nicht die Nation, der Lebensort ist die Stadt beziehungsweise die Region, beispielsweise Tirol.

Ich stelle mir ein Europa der vernetzten Regionen vor, die Regionen sind die politischen Verwaltungseinheiten. Die Region ist der überschaubare Lebensbereich, in dem sich eine gemeinsame Kultur oder Mentalität gebildet hat. Ein Europa der Nationen macht ja Demokratie unmöglich, weil eine große und mächtige Nation in der EU viel mehr durchsetzen kann als eine kleine. Das bedeutet: Rahmenbedingungen, die das gemeinsame Parlament festlegt, und subsidiäre Demokratie in den Regionen.


Robert Menasse im dieswöchigen ff-Interview von Georg Mair, Auszug.

Siehe auch:
Medien Mitbestimmung Nationalismus Politik | Quote | Georg Mair Robert Menasse | ff | Italy Nord-/Osttirol Sicilia Südtirol/o Venetien-Vèneto | EU Euregio | Deutsch

16 replies on “Menasse und wir.
Quotation 143

Bleibt zu unterstreichen, dass Menasse von einer Region Tirol und nicht von einem Freistaat Südtirol spricht, als für bbds Ziel, aber nicht für bbds Weg, oder?

Ich spiele auf meinen Kommentar von neulich an, was denn eine „Region“ sei, und was provinziell.

Ok, sorry, Du hast Recht.
Menasse verwendet einen Begriff der „Regionalität“, der meiner Vorstellung einigermaßen nahe kommt, während der Freistaat meinem Regionalitätsbegriff nicht entspricht. Soweit ich Menasse im Landboten und sonst und auch in diesem Interview verstehe, sind Regionen provinz- bzw. bundeslandübergreifende Gebilde. Anderswo (Bayern meinetwegen) gibt es da sicher Interpretationsfreiraum, aber beim Beispiel Tirols ist Menasse doch sehr explizit. Ich frage mich, ob er von bbd da nicht fälschlich interpretiert wird.

wie wird er denn von bbd interpretiert?
auch denke ich nicht, dass menasse etwas fixes und festes im kopf hat. andererseits, wenn wir regionalität denken, dann müssen wir sie schon aus rein technischen gründen irgendwie eingrenzen. und ich glaube, dass auch menasse hier den willen der bevölkerung als ausschlaggebend erachtet, wo diese grenzen sind. er spricht ja auch von politischen verwaltungseinheiten.

Ach komm, hunter, Ihr präsentiert Menasse doch immer als Leuchturmtheoretiker für Euer Selbstbestimmung-für-Freistaat-Projekt. Das bilde ich mir jetzt doch nicht ein.

@ bzler
Wo siehst du denn einen großen Widerspruch zwischen den Aussagen Menasseas und BBD?
Menasse will den Nationalstaat aufbrechen und zwar nicht auf der Ebene der üblichen Euregio-Rhetorik sondern grundlegend. Dass Regionen unabhängige, souveräne in die EU eingebettete Einheiten werden können ist eine sehr wirksame Methode den Nationalstaat aufzubrechen. Den drei Ländern Tirol, Südtirol und Trentino stünde es dann frei ihre Zusammenarbeit, ohne Nationalstaat, so zu gestalten wie sie es wünschen. Ist dies heute möglich?
Lies mal das BBD-FAQ zu diesem Thema durch.

… vielleicht darf man noch hinzufügen:
Region = überschaubares Gemeinwesen …
R = … ohne eigenen Außenminister (wann werden die dz. 28 (!) reduziert ?
R = natürliches Gegenpendel zu einem starken EUROPA mit einer Stimme im Weltorchester !

@niwo und pérvasion: ich kenne beide Verweise, bin ja nicht das erste Mal auf dieser Seite. Vielleicht ist Euch aufgefallen, dass Menasse in dem Interview nicht nur vermieden hat, von einer „Region Südtirol“ zu sprechen, sondern auch konsequent von Transnationalität zu verweisen, statt auf dem vorher gebrauchten Begriff der Postnationalität zu beharren? Regionalisierung muss keine Kampfansage an die heutigen Staaten sein, Regionalisierung muss in erster Linie gelebt werden. Das hat nichts mit Sonntagsredeneuregios zu tun, sondern mit der eigenen, alltäglichen Wahrnehmung und Infragestellung des räumlichen Horizonts. Wenn das Ziel ein Europa der Regionen sein soll, dann sollte die Aufwertung der Region und nicht Abschaffung bestehender Verwaltungsstrukturen im Mittelpunkt der Debatte stehen. Bbd sind sicher nicht die einzigen, die diese Südtirol-zentrische Zukunftsvorstellung propagieren, aber diejenigen, die dadurch einen der interessantesten Ansätze verwässern, was leider kontraproduktiv auf mich wirkt.

Das war kein Deutsch. Ich versuche es nochmal:

Vielleicht ist Euch aufgefallen, dass Menasse in dem Interview nicht nur vermieden hat, von einer ”Region Südtirol” zu sprechen, sondern auch konsequent auf den vorher gebrauchten Begriff der Postnationalität zu benutzen? Vielmehr spricht er jetzt vom Kompromiss-bereiteren Begriff der Transnationalität.

Das war jetzt zwar noch immer kein Deutsch, aber ich hab’s (← kein Deppenapostroph!) trotzdem verstanden. ;)

Zugegeben, die Nuance hatte ich nicht bemerkt — nämlich, dass Menasse diesmal statt von einer nachnationalen von einer transnationalen Demokratie gesprochen hat. Welcher Wert dem beizumessen ist, weiß ich freilich nicht, aber dass wir Menasse völlig grundlos quasi vereinnahmen würden, kann man so wohl nicht stehen lassen… auch und gerade angesichts der Tatsache, dass er (a) zumindest in Vergangenheit von nachnationaler Demokratie gesprochen hat und dass er (b) ausdrücklich gesagt hat, dass die Unabhängigkeitsprozesse in Schottland, Katalonien und Baskenland seiner Vision einer europäischen Republik nicht widersprechen. Was genau er jetzt mit Transnationalität meint müsste man herauszufinden versuchen — vielleicht helfen ja seine kommenden Stellungnahmen, dies zu verstehen. Wobei dies wahrscheinlich nicht die Position von BBD ändern würde.

Der Lacher geht an Dich! Autsch. Ob ich dieses Wochenendsmartphonegetippe doch besser bleiben lassen sollte? Den Rest müssen wir jetzt nicht weiter zerreden. Lass uns zum anstehenden Nationalfeiertag unseren Frieden finden, um uns ins Post-… bzw. Trans-… Europa zu träumen.

Mit der heutigen Rede Menasses auf Schloss Prösels (»die Nationen sind tot«) dürfte der Zweifel ausgeräumt sein, ob er an den bestehenden Staaten festhalten und nur mehr Transnationalität fördern würde… oder ob er eben doch von der Überwindung der nationalstaatlichen Ebene ausgeht.

Ja, in der Tat bemerkenswert. Auch hat er uns Phantasielosigkeit vorgeworfen und ist uns die Definition des Begriffs „Region“ bewusst schuldig geblieben. Ein Auftrag, nach neuen Konzepten von Regionalität zu suchen, anstatt sich alten, unbewährten Konzepten zu verpflichten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.