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Paritätische Schule — mit der Brechstange.

Senator Francesco Palermo (PD/SVP) hat einen Frontalangriff auf eine der Grundsäulen der Südtirolautonomie gestartet: Am Konvent vorbei, wo sich von den Open Spaces über die Workshops bis zum Konvent der 33 eher die gegenteilige Haltung abzeichnet, hat er im italienischen Senat einen Verfassungsgesetzentwurf zur Abänderung des Autonomiestatuts vorgelegt, mit dem das muttersprachliche Unterrichtsprinzip nur noch vordergründig erhalten bleibt. Darüber hinaus soll aber an jeder Südtiroler Schule der Antrag von 15 Familien (bzw. den Eltern von mindestens 15 Schülerinnen) genügen, um eine mehrsprachige Sektion zu erzwingen.

Sollte die Initiative von Erfolg gekrönt sein, wird nicht mehr — einigermaßen behutsam — mit CLIL-Modellen experimentiert werden, sondern mit der (juristischen) Brechstange ein paritätisches Modell durchgesetzt, dem sich (wie hier prognostiziert) auf Dauer wohl kaum jemand wird entziehen können. Palermos Vorstoß für ein À-la-Carte-Schulsystem nach Wunsch der Eltern sieht offenbar auch keine Asymmetrie nach katalanischem Vorbild vor, sondern eine gleiche Stundenzahl in der Minderheitensprache Deutsch und in der Staatssprache Italienisch.

Während der Senator mit mehreren Vorstößen zur Ratifizierung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen gescheitert war, steht zu befürchten, dass er mit dieser Änderung des Autonomiestatuts zu Lasten der deutschsprachigen Minderheit in Rom offene Türen einrennt.

Siehe auch:

Bildung Kohäsion+Inklusion Minderheitenschutz Mitbestimmung Plurilinguismo Politik Scola | CLIL/Immersion Südtirolkonvent | Francesco Palermo | | | PD&Co. SVP | Deutsch

17 replies on “Paritätische Schule — mit der Brechstange.”

eines vermisse ich in dieser diskussion und zwar, dass es für dieses vorhaben keine verfassungsänderung brauchen würde. unsere schulen sind autonom und könnten dieses vorhaben, so sie wollten, bereits “morgen” umsetzen.

um gesetze mit verfassungsrang zu ändern sollte es, so hoffe ich, mehr brauchen als so einen blindschuss. da sollte/muss die latte schon höher hängen.

Ich bin mir nicht so sicher, dass z.B. eine deutsche Schule in Südtirol heute am Art. 19 des Autonomiestatuts vorbei einen paritätischen Zug einführen könnte. Laut Palermos Vorschlag wäre sie dann auf Wunsch der Eltern dazu gezwungen.

Ich bin mir nicht so sicher, dass z.B. eine deutsche Schule in Südtirol heute am Art. 19 des Autonomiestatuts vorbei einen paritätischen Zug einführen könnte.

Das ist im Dekret des Präsidenten der Republik vom 10. Februar 1983, Nr. 89, Art.9 Abs 1 und Art 12 Abs 8., geregelt bzw. im darauf folgenden Legislativdekret vom 24. Juli 1996, Nr. 434 und im Gesetzesvertretendes Dekret vom 19. November 2003, Nr. 345.

Die Provinz verfügt die Änderungen der Lehr- und Prüfungspläne sowie der Unterrichtszeiten einschließlich der Einführung neuer Unterrichtsfächer für die Schulen einer jeden Sprachgruppe. Die entsprechenden Vorhaben werden dem Minister für den öffentlichen Unterricht zur Einholung des im Artikel 19 Absatz 8 des Statutes vorgesehenen Gutachtens des Obersten Rates für den Öffentlichen Unterricht mitgeteilt.[…]

Demnach sind die Schulen in der Gestaltung ihres Unterrichts und ihrer Lehrpläne autonom. Es wird zwar explizit auf Art. 19 des Autonomiestatuts verwiesen, einen Verstoß der paritätischen Schule gegen Art. 19 kann ich jedoch nicht erkennen. Das ist schlichtweg vom Gesetzgeber nicht vorgesehen. Wenn schon, dann müssten Gerichte darüber befinden. Der Gesetzestext allein gibt da m.E.n. keinerlei Aufschluss.

Auf jeden Fall kann man feststellen, dass eine Verfassungsänderung diesbezüglich volkommener Schmarrn ist.

Laut Palermos Vorschlag wäre sie dann auf Wunsch der Eltern dazu gezwungen.

Jaja, die Eltern sollen über den Unterricht entscheiden. Ganz tolle Idee. Warum nicht gleich die Wirtschaft, oder die Kirche. Da müsste Palermo schon mehr ändern als nur Art. 19 des Autonomiestatuts.

Also ich weiss nicht: als Vater von 4 Kindern, die in Südtirol zur Schule gegangen sind, wundere ich mich über die Resultate nach 12 Schuljahren mit Italienisch als FREMDsprache. Die Sprache bleibt den Kindern wirklich fremd. Ich persönlich würde eine -freiwillige immersive Schule durchaus befürworten. Letztlich lernt man Sprachen am besten dadurch, dass man sie benutzt. Wie Jessner-Schmid in der Eurac gesagt hatte: die Motivation ist entscheidend für den Spracherwerb. Wenn Italienisch aber als Marssprache erscheint, die eh niemand braucht, hab ich auch keine Motivation, es zu lernen.

Die Sprache bleibt den Kindern wirklich fremd

Das liegt wohl vor allem am Unterricht als an etwas anderem, natürlich nur Subjektiv, aber ich konnte schon nach 4 Jahren besser Englisch als Italienisch, und das trotz bedeutend weniger Stunden.

Wenn Italienisch aber als Marssprache erscheint, die eh niemand braucht, hab ich auch keine Motivation, es zu lernen.

Das liegt wiederum daran dass es das ist, junge Italiener verlassen massenweise das Land, wohl nicht ohne Grund.

@LIBERTE.dem stimme ich ja beidem zu, kein Problem! erster Punkt trifft genau die Motivation, die ich erwähnt habe. Würde ein Fach auf italienisch unterrichtet werden, fällt die “Paukerei” bezüglich der Sprache ansich weg. Zweiter Punkt hängt von der Lebsengestaltung ab: Ich habe sehr viele Kunden in Italien, die gut zahlen, da kommt die Motivation schon! :-)
Ich spreche seit Lämgerem von einer “friedlichen Apartheid”, die wir in ST haben. Haben SIE italienische Freunde? Wir leben komplett getrennt. Das tut einer Gesellschaft nicht gut, unabhängig davon, WIE es zur heutigen Situation gekommen ist.

Haben SIE italienische Freunde?

Ja, ich und ich habe kein Problem mit Ihnen zu sprechen. Weil sie nicht aus der, mit der weltbesten Autonomie und zweisprachigkeit gesegneten, Provinz Südtirol kommen und deshalb auf unerklärliche Weise in der Lage sind so eine Sprache zu sprechen über die in Südtirol anscheinend noch nicht viel Bekannt ist, ich glaube sie fängt mit E an…

Simon, ich kenne Deine Position dazu und verstehe sie auch grundsätzlich in Bezug auf die spezielle Situation STs. Wenn aber auf f r e i w i l l i g e r Basis 2sprachige Schulen besucht werden können, bin ich dafür. Kein Zwang! Z.B. eine solche Oberschule pro Bezirk, Da die Eltern doch das letzte Erziehungsrecht haben, sollten solche Dinge schon liberal und nicht restriktiv gehandhabt werden. Auch das Kind m u s s nicht in solche Schulen gehen, denn es wird so eine Entscheidung durchaus mitgestalten können.

Das wird ja immer (un)lustiger:

Darüber hinaus soll aber an jeder Südtiroler Schule der Antrag von 15 Familien (bzw. den Eltern von mindestens 15 SchülerInnen) genügen, um eine mehrsprachige Sektion zu erzwingen.

Und als nächster Schritt genügen dann 30 Familien (bzw. die Eltern von mindestens 30 Schülerinnen), um die deutsche Sprache ganz abzuschaffen.

Alternative Schulmodelle kann es immer geben, aber auf privater Basis. Da gibt es die Montessori- die Waldorfschule, es könnte also auch italienisch-deutsche, italienisch- englische, deutsch-englische, oder Italienisch-Deutsch-Englischschulen geben. Aber dann bitte mit Aufnahmetest zwecks Überprüfung der vorhandenen Sprachkenntnisse und dann aber privat finanziert bzw. von der öffentlichen nur Hand gefördert.
Es ist nämlich nicht einzusehen, dass die öffentliche Schule das Grundgerüst (Unterrichtsstunden) in zunehmendem uns ausreichendem Maße finanziert bekommt, diese Ressourcen aber qualitativ ungenügend ausgenutzt werden, sodass immer wieder andere und zusätzliche Modelle angedacht und vor allem finanziert werden sollten. Wirtschaftlich betrachtet müssten unzuverlässig funktionierende Systeme entweder überarbeitet oder ausgetauscht werden. Mit welchem Recht wird von der zahlenden Allgemeinheit verlangt immer wieder Neues auf schlecht funktionierendes Altes draufzupacken? Das nennt man unwirtschaftlich arbeiten. Zuerst muss einmal der Sprachunterricht in den Grund- und Mittelschulen didaktisch völlig neu aufgestellt werden, dann kann man an Neues denken. Dies zusätzlich zum gesamtgesellschaftlichen Aspekt, den Simon bereits beleuchtet hat.

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