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Aushängeschild Dorothea Wierer?

Südtiroler Athletinnen sind selbstverständlich frei, sich von Kopf bis Fuß in grünweißrote Farben zu tunken — und es ist auch nichts Besonderes, dass ihnen der Landeshauptmann zu einem Erfolg gratuliert. Wenn Arno Kompatscher (SVP) Dorothea Wierer aber zu ihrer Goldmedaille bei der WM in Antholz nicht nur beglückwünscht, sondern — wie geschehen — auch als »Aushängeschild« für Südtirol bezeichnet, wird es problematisch.

Schließlich fühlt sich Wierer als Italienerin und unterstreicht dies — ausdrücklich! — auch mit ihrem Wegzug aus Südtirol. Zudem erklärt sie Südtirolerinnen pauschal zu überzeugten Italienerinnen:

Sie fühlen sich nicht als Deutsche, würden niemals den österreichischen Pass annehmen, sind aber Südtirolerin: gibt es einen Teil von Ihnen, der nicht italienisch ist?

Dass ich das rollende R nicht aussprechen kann ist das einzige… vielleicht Unitalienische. Meine Leidenschaft ist voll und ganz italienisch, angefangen beim Trikolore-Herz, das ich auf meinem Gewehr angebracht habe. Ich möchte nie starr wie eine Deutsche sein. Viele denken, dass wir Südtiroler uns nicht als Italiener fühlen. Ach was. Außerdem wohne ich jetzt in Predazzo [Trentino], ich bin ins Dorf meines Mannes gezogen (Skiman Stefano Corradini, Anm. d. Red.).

aus einem Interview mit der Gazzetta dello Sport vom 18. Jänner 2018. Übersetzung von mir.

Ist das die Außendarstellung, die sich der LH für Südtirol wünscht? Und: Was ist eigentlich aus dem Projekt geworden, eigene Südtiroler Sportmannschaften zu gründen?

Siehe auch:
Außendarstellung Nationalismus Politik Sport | Doppia Cittadinanza Zitać | Arno Kompatscher | LPA | Italy Südtirol/o Trentino | SVP | Deutsch

12 replies on “Aushängeschild Dorothea Wierer?”

Zum einen kann man von LH Kompatscher nicht erwarten, dass er über den Tellerrand hinausblickt. Und zum anderen ist er ja auch selber ziemlich italophil eingestellt.

Da Frau Wierer mit einem Trentiner (!) verheiratet ist, dürfte es doch verdammt noch mal ihre Sache sein, wie sie Ihre Leidenschaften definiert. Und dass Politiker sich mit erfolgreichen Sportlern umgeben, ist ebenfalls kein typisches Südtiroler Phänomen. Hinzu kommt, dass man politisch und gesellschaftliche Aussagen von Spitzensportlern nie überbewerten sollte – der Autor dieses überflüssigen Kommentars versucht jedoch gerade dies.
Ich jedenfalls fühlte mich beim Lesen dieser Zeilen um mehrere Jahrzehnte zurückversetzt; die Notwendigkeit im Jahre 2020 eine von einer erfolgreichen Sportlerin getätigten Aussage auf ihre „Südtiroler Identität“ zu hinterfragen, lässt Gedankengut erkennen, das eigentlich schon zu Grabe getragen sein müsste. Die Annahme international erfolgreiche Südtiroler Sportler wären einverstanden eigene Südtiroler National(?)mannschaften zu gründen, zeigt wie weltfremd der Autor des Kommentars eigentlich ist.

und unterstreicht dies — ausdrücklich! — auch mit ihrem Wegzug aus Südtirol.

diesen zusammenhang finde ich auch einigermaßen schräg, wenn nicht deplatziert.
zum anderen folgt die aussage dann doch wieder einer gewissen logik. und zwar jener des „ius soli“ wenn man so will – im gegensatz zum „ius sanguinis“. wierer lebt im trentino – also ist sie trentinerin. ungeachtet ihrer herkunft – ius soli eben. so wie mein freund abdel südtiroler ist, obwohl er nicht hier geboren ist. zu sagen, sie wäre südtirolerin, obwohl sie nicht hier lebt, wäre im übertragenen sinne ius sanguinis. oder umgelegt auf abdel. er bliebe immer marokkaner und könnte nicht südtiroler sein.
dennoch muss ein wegzug nicht notwendigerweise ein beabsichtiger bruch sein. der kann viele gründe haben – von privaten bis wirtschaftlichen.

diesen zusammenhang finde ich auch einigermaßen schräg, wenn nicht deplatziert.

Du findest schräg bzw. deplatziert, dass Wierer diesen Zusammenhang herstellt? Oder dass ich ihn herstelle?

dass du ihn herstellst. inwiefern „ausdrücklich“. das doch kein „hinweis“, wenn ich mit meinem lebenspartner zusammenziehe. die wahl des domizils kann doch viele gründe haben. ich bin auch nicht aus dem stubai weg, weil es mir dort nicht gefallen hätte.

Ist mir klar. Aber Wierer hat eben ausdrücklich einen Zusammenhang zwischen ihrer Italianität und dem Wohnort hergestellt: seht her, wie wenig ich eine steife Deutsche bin, ich bin sogar zu meinem Mann ins (»italienische«) Predazzo gezogen.

Ich bin wie du der Meinung, dass eine Person, die im Trentino lebt, in erster Linie Trentinerin ist — genauso wie dieses Ius-Soli-Prinzip auch für Südtirol gilt. Selbstverständlich kann sich Wierer gleichzeitig weiterhin auch als Südtirolerin fühlen, doch der von ihr hergestellte und von mir nur zur Kenntnis genommene Zusammenhang (Wohnortwechsel/Italianität) ist ein Indiz dafür, dass sie sich von der Vielfalt der Südtiroler Identität bewusst lossagt, um sich »national« eindeutig zu definieren.

Insofern ist die Aussage in meinen Augen relevant.

Da Frau Wierer mit einem Trentiner (!) verheiratet ist, dürfte es doch verdammt noch mal ihre Sache sein, wie sie [i]hre Leidenschaften definiert.

Wierers (übersteigerter) Nationalismus und die Einordnung ihrer Leidenschaft sind ihre Sache, und zwar unabhängig davon, mit wem sie verheiratet ist. Erster Teil des ersten Satzes in meinem obigen Artikel:

Südtiroler Athletinnen sind selbstverständlich frei, sich von Kopf bis Fuß in grünweißrote Farben zu tunken […]

Und dass Politiker sich mit erfolgreichen Sportlern umgeben, ist ebenfalls kein typisches Südtiroler Phänomen.

Habe ich auch nicht behauptet. Zweiter Teil des ersten Satzes in meinem obigen Artikel:

[…] und es ist auch nichts Besonderes, dass ihnen der Landeshauptmann zu einem Erfolg gratuliert.

Hinzu kommt, dass man politisch[e] und gesellschaftliche Aussagen von Spitzensportlern nie überbewerten sollte – der Autor dieses überflüssigen Kommentars versucht jedoch gerade dies.

Ich finde, dass ich die Aussagen nicht überbewerte — sondern im Kontext beurteile, ob die Vereinnahmung Wierers durch Landeshauptmann angesichts ihrer problematischen, pauschalisierenden Aussagen in Ordnung ist.

Ich jedenfalls fühlte mich beim Lesen dieser Zeilen um mehrere Jahrzehnte zurückversetzt; die Notwendigkeit im Jahre 2020 eine von einer erfolgreichen Sportlerin getätigten Aussage auf ihre „Südtiroler Identität“ zu hinterfragen, lässt Gedankengut erkennen, das eigentlich schon zu Grabe getragen sein müsste.

Zweifacher Einspruch. Erstens: Wie gesagt ist die Identität (oder Nichtidentität) von Sportlerinnen definitiv ihre Privatsache. Problematisch wird es erst, wenn der Landeshauptmann Frau Wierer zum Aushängeschild für Südtirol — genauer gesagt: für Südtirols Sportwelt — erklärt. Nur in diesem Lichte sind meine Betrachtungen zu verstehen. Zweitens: Frau Wierer spricht im GdS-Interview nicht nur von ihrer eigenen Identität, sondern vereinnahmt ihrerseits die Südtirolerinnen und wertet die Identität von anderen Menschen ab. Dies zu kritisieren, halte ich für sehr zeitgemäß.

Die Annahme[,] international erfolgreiche Südtiroler Sportler wären einverstanden eigene Südtiroler National(?)mannschaften zu gründen, zeigt[,] wie weltfremd der Autor des Kommentars eigentlich ist.

Haben Sie genaue Daten? Oder worauf stützen Sie ihre Aussage? Ich meinerseits nehme gar nichts an, sondern erhebe eine politische Forderung, die im Landtag mehrheitsfähig sein dürfte und auch von der Partei des Landeshauptmanns vorgetragen wurde.

Es ist gängige Praxis von drittklassigen Medien, Profisportler zu politischen Aussagen zu drängen. Wir erleben das immer wieder, v.a. im Wintersport. Dass Sie, obgleich Ihrer durchaus vorhandenen Intelligenz, sich auf ein derartiges Niveau begeben, spricht Bände und zeigt Ihre politische Verblendung.
Da in 2 Monaten neuerdings Wahlen anstehen, dürfte die Tatsache, dass sich die Politik im Lichte von erfolgreichen Sportlern (zu Hause!) sonnt, ebenso wenig verwundern. Und Frau Wierer hat meines Wissens in etlichen anderen Interviews von ihrer Heim-WM gesprochen, also frage ich mich warum hier von Ihnen dermaßen niedrige Banalitäten unnötig polemisiert werden. Warum können wir uns nicht einfach freuen, dass wir eine solch tolle Athletin haben?!
Sollte Ihnen jedoch daran liegen wahre Missstände aufzuzeigen, wäre das Aufgreifen des verpassten Sponsorings durch IDM ein Volltreffer gewesen, aber dann stünde Ihr heißgeliebtes Thema „Südtiroler Identität“ nicht mehr im Vordergrund. Für mich – und für die absolute Mehrzahl anderer Landsleute – bleibt Frau Wierer das was sie ist, eine charaktervolle Athletin und ein Aushängeschild für Südtirol! Dass sie sich zu einzelnen gesellschaftlichen Situationen Gedanken macht, spricht absolut für ihren Charakter, der unabdinglich ist Top-Leistungen abzurufen und sie landauf landab beliebt macht – außer natürlich bei Leuten, die ihr Leben verbringen das Haar in der Suppe zu suchen.
Ihre politische Forderung nach Südtiroler „National“mannschaften ist ebenfalls vollkommener Mumpitz, außer Sie erklären sich bereit aus Ihrer Tasche z.B. bei der populärsten Ballsportart der Welt den Akteuren, die großteils Handwerker/Studenten/Lehrer sind, die 25-Mann-Fahrten nach Aserbaidschan, Kasachstan und Georgien während der Arbeitswoche zu vergüten und den ganzen Rest ebenfalls zu sponsoren.

Warum können wir uns nicht einfach freuen, dass wir eine solch tolle Athletin haben?!

Solche Aussagen oder in abgewandelter Form „Wir können stolz auf unsere Sportler“ hört man immer wieder. Ich verstehe diese Aussagen nicht ganz. Wer ist dieses „Wir“? Frau Wierer gehört mir nicht. Ebensowenig wie Dominik Paris oder Armin Zöggeler. Ich kenne Frau Wierer nicht persönlich, habe sie nie getroffen (Pun unintended :-)), ebensowenig wie alle anderen Teilnehmer bei der Biathlon-WM.
Warum sollte ich mich über den Erfolg einer Sportlerin mehr freuen als über jenen einer anderen? Ich gehe davon aus, dass alle hart für ihre Leistungen gearbeitet haben. Somit haben es sich alle zumindest annähernd gleich verdient zu gewinnen.
Warum beurteilen wir Sportlerinnen nicht ausschließlich übere ihre Leistung und über ihre faire und sportsmännische Art? Warum sollte die geografische Nähe des Geburtsortes eine Rolle bei der Sympathiebekundung spielen? Leistung und Fairness sind eben das – Leistungen. Der Geburtsort ist Zufall – dazu habe weder ich noch Wierer etwas beigetragen.
Dabei ist es ja oft nicht einmal die geografische Nähe, sondern eigentlich die – ach so unwichtige – Grenze, die den Unterschied macht.
Thomas Dreßen wuchs in Mittenwald auf (50 km von meinem Stubaier Heimatort entfernt). Warum also sollte ich mich über einen Sieg Dreßens weniger freuen, als über einen von Matthias Mayer (stammt aus St. Veit an der Glan – über 300 km von meinem Heimatort entfernt)?
Hier beispielsweise die Hitliste meiner liebsten Skifahrer bei den Herren, über deren Siege ich mich immer gefreut habe, weil es mir Spaß gemacht hat, ihnen zuzusehen:
– Lasse Kjus
– Luc Alphand
– Marcel Hirscher
– Bode Miller
Ist mir doch egal, wo die geboren sind. Michael Walchhofer ist Österreicher, hat auch viel gewonnen, aber es war mir wurscht, weil ich seine Art zu fahren weder attraktiv noch spektakulär fand. Warum sollte dann im Sport – wo es doch um Leistung/Fairness geht – der nationale Aspekt den essentiellen sportlichen Aspekt überwiegen? Lange Rede kurzer Sinn – ich kann mich über Wierers Siege freuen, weil sie eine weltklasse Sportlerin ist, aber doch nicht weil sie Südtirolerin ist, oder?

http://www.brennerbasisdemokratie.eu/?p=12329
http://www.brennerbasisdemokratie.eu/?p=32385

Schlimm genug wenn Sportler meinen sie müssten zu allem eine Meinung haben (vgl. Reinhold Messner), wenn sie dann aber glauben sie müssten den Rest der Bevölkerung belehren oder gar in ihrem Namen sprechen, dann halte ich das für eine Frechheit. Frau Wierer kann sich gerne fühlen als was sie will, das selbe Recht beanspruche ich aber auch für mich persönlich!

Quo vadis, Südtirol? Ein Statement, das mich traurig macht, … eine unschöne Entwicklung für unser Landl, welches sich seine (Minderheiten-) Rechte so hart erkämpfen musste.

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