Zeitbombe für die Integration.

Um in Südtirol eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen, müssen Zugewanderte seit Juni Kenntnisse der Staatssprache Italienisch belegen. Weder dürfen sie stattdessen einen Deutsch- oder Ladinischtest ablegen, noch werden die Kenntnisse dieser beiden Landessprachen gleichwertig erhoben. Einen Vorstoß der Landesregierung, die tatsächliche Gleichstellung von Deutsch und Italienisch zu erwirken, wurde von Rom entschieden zurückgewiesen. Lediglich ein freiwilliger zusätzlicher Deutschtest wurde in Aussicht gestellt.

Auch bei der Integration von Zugewanderten gibt es also nur eine »lingua franca«, die Sprache des zentralistischen Nationalstaates, während die anderen auf den Status von Folklore-Sprachen degradiert werden. Diese klare Hierarchie wird den neuen Südtirolerinnen fortan vermittelt werden, wobei auch die konkrete Gefahr besteht, dass gut integrierte Migrantinnen, die gut Deutsch und schlecht Italienisch sprechen, ausgewiesen werden — während etwa einsprachig italienisch sozialisierte Zugewanderte den Test problemlos bestehen. Die an und für sich bereits schwierigere Integration in eine Minderheitensprache wird hierdurch tatkräftig behindert.

Das ist eine regelrechte Zeitbombe für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für die effektive Integration neuer Mitbürgerinnen in unser mehrsprachiges Land. Gleichzeitig stellt die Regelung die fehlende Zuständigkeit des Landes (Autonomiemodell) in zukunftsträchtigen Schlüsselbereichen bloß und belegt, dass eine vollumfängliche Gleichstellung der Landessprachen nicht existiert.

Siehe auch:

Discriminaziun Kohäsion+Inklusion Migraziun Nationalismus Plurilinguismo Politik Vorzeigeautonomie Zentralismus | | | | | |

16 replies on “Zeitbombe für die Integration.”

Sono pienamente d’accordo con quanto affermi. Di nuovo una legge nazionale che non prende in minima considerazione la nostra specialità  ed un governo che si affretta a respingere tempestivamente delle richieste assolutamente ragionevoli.
In più aggiungo che, malgrado io non conosca i dettagli della legge in questione, non mi trovo del tutto d’accordo col principio dell’accertamento linguistico preventivo. Non si capisce infatti come un migrante possa apprendere le nostre lingue dal suo paese; l’esperienza, invece, insegna che una volta quì quasi tutti raggiungono col tempo un livello accettabile. Francamente sono tentato di credere che la questione della lingua sia solo uno strumento per rispedire indietro molte persone, quando anche i brutali militari di Gheddafi avessero fallito.

In diesem Fall geht es nicht um Tests, die Zuwanderer vor oder unmittelbar nach ihrer Ankunft ablegen müssen, sondern binnen zwei Jahren zur Erlangung einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung. Das ist u. U. durchaus sinnvoll.

Es ist aber unschwer vorstellbar, welche Sprachkurse die neuen Südtiroler besuchen, welche Sprache sie im Alltag praktizieren, welche Schulen ihre Kinder besuchen werden, wenn die Italienischprüfung die einzig verbindliche und ausschlaggebende ist.

Dieses Gesetz beweist mehrere Dinge:
1) Der Zentralstaat Italien schert sich in keiner Weise um die Eigenheiten Südtirols. Die Staatsräson lautet: Ein Staat, eine Sprache, eine Kultur
2) Die Autonomie Südtirols ist in wesentlichen, zentralen Punkten völlig unzureichend um innerhalb Südtirols den einzelnen Sprachen tatsächlich gleiche Würde und gleiche Gewichtung zu geben. Im Zweifelsfall ist Italienisch die lingua franca. Was sich bei einsprachig italienischen Beipackzetteln und der italienischen Etikettierung von Lebensmitteln wie ein roter Faden durchzieht, wird alsbald auch die Einwanderungspolitik bestimmen.
3) Das gebetsmühlenhafte Ritual unserer Regierungspartei diese Autonomie als Vorzeigemodell zu verkaufen entbehrt jeder Realität. Die Fähigkeit zur Integration, und das BBD Projekt hat sich immer für Einwanderung und Integration ausgesprochen, ist einer der zentralen Punkte um die Zukunftsfähigkeit einer Region zu bestimmen. Dieser zentrale Punkt wird in Südtirol von externen Faktoren gesteuert. Der Zentralstaat Italien bestimmt, wer in Südtirol eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt. Das wäre dasselbe, wenn Frankreich entscheiden würde, wer in Italien eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt und unter welchen Bedingungen (Französischkenntnisse) man diese erhält. Was zwischen unabhängigen Nationalstaaten absurd klingt wird im Falle von Südtirol als Faktum akzeptiert.
4) Südtirol benötigt die völlige Zuständigkeit (Erteilung der Aufenthaltsgenehmigungen usw.) im Bereich der Zuwanderung und zusätzlich eine regionale Staatsbürgerschaft, die bestimmte Rechte an diese knüpft. Letztere soll nicht als Instrument der Verhinderung von Einwanderung verstanden werden, sondern als Instrument diese im Sinne Südtirols zu gestalten. Thomas Benedikter hat diesbezüglich auf diesem Blog einen sehr zukunftsweisenden Vorschlag unterbreitet.
5) Wenn der Zentralstaat, die unter Punkt 4 geforderten Zuständigkeiten nicht unverzüglich zugestehen will, muss man die Ehrlichkeit haben unsere Autonomie in einem sehr wesentlichen Zukunftsbereich als zahnloses Papier zu deklarieren. Selbstbeweihräucherung à  la SVP bringen uns dann nicht weiter. Vielmehr gilt es für die Herausforderungen der Zukunft Konzepte und Visionen zu entwickeln. Den Bereich Einwanderung hat die SVP bisher völlig verschlafen. Aber was will man von einer Partei verlangen, in der Einwanderer nicht mal Mitglied werden können und sich somit politisch auch nicht im Sinne Südtirols einbringen können und auf zentralstaatlich organisierte und orientierte Parteien abgedrängt werden?

Ich arbeite ehrenamtlich in der Integration und Beratung von Zuwanderern. Es freut mich, dass auf diesem Blog immer versucht wird seriös-fundiert über dieses Thema zu diskutieren. Leider muss ich bestätigen, dass eine Vorschrift, welche nur die italienische Sprache berücksichtigt unsere Arbeit sehr erschwert: Es gibt schon genug Schwierigkeiten, die Ausländer zu Deutschkursen von der Wichtigkeit von Deutschkursen zu überzeugen. Wenn schon hätten wir uns Maßnahmen und Angebote gewünscht, um die Deutsche Sprache attraktiver zu machen. Nicht unterschätzen sollte man auch die gesellschaftlichen Auswirkungen (Misstrauen…) wenn die Zuwanderer einseitig mit Italienisch beheimatet werden, besonders in den Tälern. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt der Intergration, denn Integration ist keine Einbahn sondern ein aufeinander Zugehen.

Leider hat das Land hier zu wenige Kompetenzen und leider manchmal auch zu wenig Interesse.

Ziemlich skurril, dass die italienische Regionalpartei SVP anscheinend auch noch etwas mit dem Argument der Zentralregierung anfangen kann, ein Deutschtest hätte die Mobilität auf dem Staatsgebiet zu stark eingeschränkt. Es ist bedauerlich, wie tief der nationalstaatliche Gedanke und die Brennergrenze in den Köpfen der Menschen eingraviert sind. Gäbe es die Grenze nicht mehr, wie immer wieder beteuert wird, dann hätte eine derartige Argumentation gar keinen Sinn.
Auch in einem nicht zentralistisch-nationalstaatlichen Gebilde wäre ein solcher Gedankengang übrigens unmöglich: Niemand würde in der Schweiz sagen, ein Italienisch- oder Französischtest für Zuwanderer in der italienischen bzw. französischen Schweiz würde die Mobilität auf dem Staatsgebiet einschränken. Wir aber sind nach wie vor gefangen in einem Gedankengebäude aus dem 19. Jahrhundert — und wer da nicht mitmacht, soll auch noch »ewiggestrig« sein.

man sollte schon im hinterkopf behalten, dass Südtirol jetzt nicht unbedingt das erklärte- oder wunschziel viele auswanderer ist, die tatsächlich nach Italien kommen. tatsächlich ist es so, dass für die meisten auch Italien nicht unbedingt das sehnsuchtsland darstellt, sondern dass sie eben mehr oder weniger hier stranden, und in folge auch welche nach Südtirol kommen. wer gezielt nach Südtirol kommt, das sind angeheuerte saisonalarbeiter, die auch nicht unbedingt bleiben (wollen, können…). viele zuwanderer arbeiten hauptsächlich in der industrie oder in großen handwerksbetrieben oder am bau… eher italienisch geprägte “gefilde” wenn man an die bozner industriezone denkt u.a. — ich kann schon verstehen, dass dort ein deutschtest (den man bestehen muss) tatsächlich fehl am platze ist. überhaupt finde ich persönlich die zweisprachigkeitsprüfung ebenfalls als generell kontraproduktiv auf dem weg zur wirklich zweisprachigen region. den spracherwerb quasi von oben aufzuoktroyieren war nie eine gute idee und hat auch in den seltensten fällen funktioniert.

die meisten zuwanderer orientieren sich eh anderswohin, die wenigsten bleiben in Südtirol — oder ziehen spätestens dann weg, wenn die fabrik zusperrt in der sie als arbeiter angestellt waren. habe ich oft genug noch in den frühen 2000er jahren in bozen beobachtet. die, die tatsächlich ihren lebensmittelpunkt in Südtirol haben, die lernen auch deutsch (oder wohl eher den lokalen dialekt), da braucht es keinen sprachkurs. und von mir aus würde es auch keinen verpflichtenden italienischkurs brauchen — es ist gar nicht möglich, dass man irgendwo lebt und die sprache gar nicht beherrscht, das passiert irgendwann von alleine — aber das ist eine andere geschichte, und sollen sich die rechtspopulisten halt dran festbeißen ;)

Ob Südtirol das Wunsch- und Traumziel der Zuwanderer ist, lasse ich dahingestellt. Tatsache ist, dass sie zu uns kommen und das ist auch gut!

Sprachtests halte ich nicht für unverzichtbar, obwohl ich sie im Sinne der Integration auch nicht grundsätzlich verurteilen will. Gravierend wird es im Falle Südtirols, wenn in einem derartigen Schlüsselbereich die an und für sich bereits attraktivere Staatssprache (wie auch Haas schreibt) zur alleinigen Integrationssprache deklariert wird, während die anderen — nur auf dem Papier gleichgestellten — Sprachen zu folkloristischen Komparsen verkommen.

Über die Notwendigkeit solcher Tests lässt sich streiten, entscheidet man sich jedoch für deren Einführung, müssen alle Landessprachen berücksichtigt werden; es handelt sich schließlich um ein starkes gesellschaftliches Lenkungselement mit sozialer Sprengkraft. Sollten die Zuwanderer in Zukunft anstatt ausgleichend, entschärfend auf die Gesellschaftsstruktur zu wirken, was eine ausgewogene, offene, multikulturelle Integration durchaus zur Folge haben könnte, auch noch als Speerspitze einer neuen Italianisierung empfunden werden, müssen wir uns vorwerfen lassen, aus den Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt zu haben. Wie aber sollten wir auch die Konsequenzen aus dieser Vergangenheit ziehen, wo wir doch offensichtlich trotz bester Autonomie der Welt nicht einmal die Möglichkeit haben, auch nur marginal in die Aufnahmekriterien einzugreifen.

Was das Argument der in der Industriezone beschäftigten Ausländer betrifft, so lässt es sich ja problemlos umkehren. Und es ließe sich zum Beispiel dadurch lösen, dass Zuwanderer ENTWEDER Italienisch- ODER Deutsch- bzw. Ladinischkenntnisse nachweisen müssen — und zwar zur Zufreidenheit aller. Oder aber durch die Abschaffung von Sprachtests.

Heute schreibt ein Kommentator in der Zeitung “Alto Adige” spöttisch über den Deutsch-Test für Zuwanderer indem er simbolisch eine Spezial-Lizenz für Ausländer “per bere il vino Südtirol” fordert. Er spielt dabei einerseits auf die Polemiken rund um die Weinkorken mit der Aufschrift “Südtirol” (weil “Alto Adige” hier fehlt hat das Blatt “Alto Adige” wieder eine Kampagne gefahren) an, und andererseits auf den Sprachtest für Zuwanderer.
Weiter unten schreibt er bemerkenswerterweise, dass dann wohl auch rund 80% der Italiener weniger Sozialleistungen bekommen würden, weil so viele keine Deutschkenntnisse vorweisen können – immer laut Kommentator.
Auch an solchen Episoden sieht man wieder wie gefährlich das Thema Einwanderung besonders in Südtirol werden kann, wenn man nicht frühzeitig Strategien für die Integration entwickelt. Hieraus kann sich wirklich eine Zeitbombe entwickeln, von der pérvasion in seinem Artikel spricht. Aber um das zu verhindern müsste man zuerst einmal von Roms Gnaden die Zuständigkeit dafür bekommen.

[…] Wie berichtet ist die Erlangung einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung in Südtirol ab sofort an einen Sprachtest geknüpft, den Zuwanderer nur in der Staatssprache Italienisch ablegen müssen/dürfen. Das widerspricht eklatant dem Prinzip der sprachlichen Gleichstellung, welches die Südtirol-Autonomie — zumindest auf dem Papier — immer geleitet hat. Bittere Ironie: Organisieren und finanzieren muss die Kurse und die Tests auch noch das Land Südtirol. […]

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