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Der neue Korridor.

Es ist noch nicht lange her, da waren in Südtirol zwischen Brenner und Winnebach sogenannte Korridorzüge unterwegs, Verbindungen zwischen Nord- und Osttirol, welche Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg von den Siegermächten zuerkannt worden waren. Aus Südtiroler Sicht handelte es sich um beängstigende Geisterkonvois, die hierzulande weder halten noch Leute ein- und aussteigen lassen durften.

Der dieswöchige Beschluss der italienischen Schienennetzbehörde dürfte die Korridorzüge jetzt im sogenannten »vereinten Europa« wieder auferstehen lassen. Demzufolge dürften Fernzüge nur noch durch Südtirol fahren, ohne an unseren Bahnhöfen zu halten. Ein Mitspracherecht hat das Land dabei nicht, denn die Behörde sitzt in Rom und entscheidet für das gesamte Staatsgebiet. Erklärbar ist die Regelung, welche Fernzügen allgemein jeden Zwischenhalt untersagt, mit dem groben Interessenskonflikt, der im italienischen Schienenverkehr vorherrscht: Dem Staat gehören gleichzeitig die Regulierungsbehörde, der Schienenbetreiber RFI und die angeschlagene Bahngesellschaft Trenitalia (TI), die beiden letzteren gehören sogar der selben Betriebsgruppe an. Innerhalb dieses Geflechts hat nun der eine Arm (TI) dem anderen Arm (der Regulierungsbehörde) »mitgeteilt«, der Fernverkehr (der Konkurrenz) störe den Regionalverkehr (von TI); obwohl alle von der Behörde angehörten Regionen eine solche Störung abgestritten haben, ist nun die Entscheidung ergangen, welche ganz klar als protektionistische Maßnahme zugunsten des staatlichen Platzhirsches TI zu werten ist und dazu dient, Mitbewerber auszuschalten. Die Erreichbarkeit Südtirols wird dadurch schwer schädigt.

Das ist ganz eindeutig eine Entscheidung, die nicht im Interesse von Bürgern und Bahnfahrern gefällt wurde, sondern einzig und allein den Partikularinteressen eines Unternehmens entspricht. Dabei hätte eine staatliche Regulierungsbehörde eigentlich die Aufgabe, gleiche Voraussetzungen für alle konkurrierenden Unternehmen zu schaffen. Dass das schon bisher nicht der Fall war beweist unter anderem die Tatsache, dass Trenitalia am Bahnhof keine Tickets für die DB-ÖBB-Züge anbieten musste — denen diese Regelung jetzt wohl ohnehin das Garaus bereiten wird.

Schlüsselkompetenzen, die unser autonomes Land nicht hat (und das sind die meisten) können wir auch nicht in unserem Sinne gestalten. Dazu gehören etwa das Schulsystem, Zuwanderung und Integration, der Konsumentenschutz — und eben auch die wichtigsten Verkehrswege (Schiene, Autobahn, Luftverkehr).

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4 replies on “Der neue Korridor.”

Da haben wir den Salat. Was sich immer mehr abzeichnete, wird nun Wirklichkeit. Trotz des Getöse von Ebner und Co bezüglich der mangelhaften Erreichbarkeit (in Wirklichkeit meinen sie Strasse und Luft) entgeht ihnen die Bahn, welche im Vergleich zum Flugzeug eine ungleich wichtigere Rolle spielt.
Hier zeigt sich wieder einmal eindeutig, dass der sogenannte Privatisierungsprozess der Bahnen vielfach einen gesamtgesellschaftlichen Schaden anrichtet, der schwer wieder gut zu machen ist. Die klare Trennung von Netz und Betrieb ist offensichtlich nicht gewährleistet, sodass Konkurrenten der TI ausgeschaltet werden können. Hier, aber auch in Deutschland, schalten und walten in der Netzgesellschaft und beim Betreiber (TI) Kollegen aus füheren Zeiten, die sich noch die Stange halten. Südtirol ist somit vom Ausland nur mehr noch mit Bus oder Regionalzügen erreichbar.
Auch hier zeigt sich wieder einmal auf fataler Weise, dass das Land den Fernverkehr nicht die nötige Aufmerksamkeit widmet, stattdessen erträumt man sich die Erreichbarkeit aus der Luft (!).
Übrigens, nicht nur DB/ÖBB ergeht es so, auch Arenaways, ein privates Bahnunternehmen, welches einen hochwertigen Verkehr zwischen Mailand und Turin anbietet, wurden Unterwegshalte untersagt.

Gott sei Dank haben wir eine umfassende Autonomie und Selbstverwaltung, leben in einem vereinten Europa in dem Grenzen absolut keine Rolle mehr spielen und haben Politiker, die sich alle Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben haben, oder?
Hmmmm, hab nur ich das Gefühl es läuft was gewaltig falsch?

Wie die Tageszeitung heute berichtet, schlägt nun die EU (im Artikel natürlich wieder einmal als »Bürokraten« diffamiert) eine härtere Gangart gegen Italien ein: Nicht nur die außerhalb Südtirols nach wie vor aufrechten Halteverbote sollen rückgängig gemacht werden, auch die Bahnhöfe müssen endlich allen Bewerbern offenstehen. Bislang hatte sich Trenitalia ja geweigert, Tickets der Konkurrenz zu verkaufen oder auch nur Fahrscheinautomaten in den Bahnhöfen aufstellen zu lassen.

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