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Tschöggl.
Quotation 27

Ich fühle mich auch als Italienerin. Ich weiß, dass Südtirol zu Italien gehört und ich halte auch zu Italien, beim Fußball und beim Skifahren. Manchmal treffen wir uns im Jugendzentrum oder in einer Bar, und wenn zufällig ein Abfahrtsrennen übertragen wird, dann verfolgen wir es im Fernsehen. Wenn ein Österreicher im Rennen ist und am Ende nicht die Eins aufscheint, klatschen wir. Ob ein Franzose oder ein Norweger oder ein Italiener — das sind ja meistens auch Südtiroler — die Abfahrt gewinnt, ist egal, Hauptsache kein Österreicher.
Wir machen das teilweise auch, um die anderen zu provozieren. Bei uns im Dorf gibt es unglaublich viele Tschöggl, die behaupten, dass wir nicht Italiener sind, dass die Tiroler immer schon deutsch waren und dass wir zu Österreich gehören. Die nennen sich dann Patrioten. Sie wollen mit Italien nichts zu tun haben, wollen natürlich auch nicht Italienisch lernen, geschweige denn reden. Sie behaupten, dass sie das nicht brauchen.

ff Nr. 43 veröffentlichte Auszüge aus »reden — Siebzehn Sprechgeschichten aus Südtirol« von Toni Colleselli (Verlag Alpha Beta).

Während abfällige Äußerungen über unsere italienischen Mitbürgerinnen längst nicht mehr gesellschaftsfähig sind, ist Tschöggl-Bashing in weiten Kreisen Konsens — und scheint in manchen Fällen sogar das Ansehen der Urheberin zu steigern. Es wäre interessant zu erforschen, inwiefern offen zur Schau getragene Ablehnung gegen »Tschöggl« (der zum Teil auch eine große Portion Selbstverleugnung beinhaltet, wie ich unterstelle) zum Emanzipationsritual Neu- oder Pseudo-Weltoffener gehört — wobei diesem Verhalten wohl die zweifelhafte Gleichung Weltoffenheit = Stadt = Italiener (die sich in Südtirol in den Städten konzentrieren) zugrundeliegt.

Siehe auch: 1/ 2/

Discriminaziun Kohäsion+Inklusion Medien Nationalismus Plurilinguismo Politik Publikationen Sport | Quote | | ff | Italy Österreich Südtirol/o | | Deutsch

9 replies on “Tschöggl.
Quotation 27

Ich bin selbst Abonnent der Wochenzeitung FF und habe diesen Artikel gestern mit Interesse gelesen. Der Artikel hat eigentlich das Thema Zweisprachigkeit zum Thema und handelt vom generell Südtiroler Problem, daß beim Thema Sprache Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Auch was die Zensuren anbelangt, die anscheinend mit der echt vorhandenen Sprachfähigkeit wenig bis nichts zu tun haben.
Zu pérvasions Zusatz wäre Einiges zu sagen. In Südtirol werden ethnische wie politische Auseinandersetzungen, auch in diesem Forum aber bei weitem noch härter andernorts, überaus hart geführt und dabei kommt es auf allen Seiten zu negativen Titulierungen des Gegners, unabhängig davon ob der Gegner ethnisch oder politisch ist.
Daß

abfällige Äußerungen über unsere italienischen Mitbürger längst nicht mehr gesellschaftsfähig sind

sind, ist schlicht und ergreifend ein Wahrnehmungsdefizit. In gewissen Kreisen sind Italienbashing, Italienerbashing und überaus negative Titulierungen für Italiener(oder auch für “Gemischtsprachige”) oft üblich bzw. mitunter identitätsstiftend. Beide ethnischen Seiten sparen leider nicht mit abfälligen Äußerungen über den Gegner und ich denke da ist der Unterschied nicht allzu groß.
Zu:

Es wäre interessant zu erforschen, inwiefern offen zur Schau getragene Ablehnung gegen »Tschöggl« (der zum Teil auch eine große Portion Selbstverleugnung beinhaltet, wie ich unterstelle) zum Emanzipationsritual Neu- oder Pseudo-Weltoffener gehört — wobei diesem Verhalten wohl die zweifelhafte Gleichung Weltoffenheit = Stadt = Italiener (die sich in Südtirol in den Städten konzentrieren) zugrundeliegt.

Das mag für manch bsw. Altlinken und Pseudointellektuellen gelten, die ihre beste Zeit längst hinter sich haben. Aber meist ist es schlicht und einfach das Symptom für den tiefen Konflikt zwischen Land und Stadt, der bereits während der Attentate in den 60ern offen zutage trat und seine Wurzeln eigentlich im Kulturkampf Ende des 19. Jahrhunderts hat(liberale Stadt und konservatives Land).
Generell spiegelt “Tschöggl” und seine Pendants für andere Ethnien oder politische Gruppen die tiefe politische, ethnische Zerrissenheit wieder, die einer “postethnischen” Entwicklung unseres Landes im Weg stehen. Das solltet ihr bedenken und sich nicht an einem Wort aufhängen.

MfG

@pervasion:
Da würd ich vorschlagen mal den Begriff (Tschöggl) an sich zu definieren. Unter Tschöggl versteht jeder etwas anderes. Z.B. ist für mich der Begriff nicht auf eine Sprachgruppe bezogen. Weiters ist “Tschöggl” eine sarkastische Bemerkung und nicht ein Teil einer Bevölkerungsgruppe. Du vermischst das in deinem Kommentar.

Sicuramente è frutto dell’associazione mentale “Apertura mentale=Città =Italiani”. Forse è anche un modo di sdoganare la propria scomoda provenienza e farsi accettare in ambienti (Bolzano) in cui l’associazione mentale “Tirolesi=Grezzi montanari=ignoranti/chiusi” è ancora la valuta corrente… in parte l’hai visto tu stesso…

@ fabivS:

in parte l’hai visto tu stesso…

Purtroppo… ;-)

@ Martin G.:

Daß

abfällige Äußerungen über unsere italienischen Mitbürger längst nicht mehr gesellschaftsfähig sind

sind, ist schlicht und ergreifend ein Wahrnehmungsdefizit.

Ich halte sie insofern für nicht mehr gesellschaftsfähig, als dass sie kaum noch jemand in der Öffentlichkeit (Politik, Medien etc.) mit Vor- und Nachnamen vorbringt. Die wenigen Ausnahmen, die es dennoch tun, werden gesellschaftlich geächtet. Das ist bei grundsätzlicher Kritik mit sogenannten »Tschöggeln« (bzw. oft mit der ländlichen Südtiroler Welt) gar nicht so. Eher im Gegenteil.

Ich rede nicht vom Stammtisch — am Stammtisch herrschen freilich oft andere Gepflogenheiten.

Eigentlich sind Konflikte zwischen städtischer und ländlich-“bäuerlicher” Welt spätestens seit der Industriellen Revolution in Europa recht weit verbreitet und keinesfalls ungewöhnlich. Dies äußert sich nicht zuletzt in erfindungsreichen Beschimpfungen für den jeweilig Anderen. Von diesem Spannungsverhältnis sind heute bloß noch die diffamierenden Bezeichnungen geblieben, und auch diese dienen meistenteils mehr der Folklore als ernster Zwistigkeit. Nur bei uns bekommt so ein harmloses Phänomen schnell eine pikante Note, da besagte Zuordnungen und die zugehörigen Schimpfnamen ethnisch aufgeladen werden: Urban-italienisch hier, deutsch-ländlich* dort. Was nimmt es dann Wunder, wenn die ursprünglich auch schon klischeehaften Prädikate wie “weltoffen”, “fortschrittsfreundlich”, “gebildet” bzw. ihre entsprechenden Gegenteile insgeheim eben auch — geographisch sowie ethnisch konnotiert — mittransportiert werden, und zwar sprachgruppenübergreifend?

Meines Erachtens hat das Aufkommen des neuen, “jüngeren” und v.a. auf dem Land auftretenden Tiroler Patriotismus dazu beigetragen, dass besagte Zuschreibungen ihre Fortführung und Verstärkung finden: “Tschöggl” ist nun auch ein Schimpfname, der Italienerfeindlichkeit impliziert, und die öffentliche Abgrenzung gegen diese “Bäuerlichkeit” genießt den Ruch der Weltoffenheit. Problematisch finde ich hierbei keinesfalls, dass man etwas gegen Ressentiments hat, oder die Bedienung von Feindbildern dieser “Patrioten” nicht goutiert (wäre ja noch schöner!), sondern dass mitunter eine Lebensweise — die ländliche eben — bzw. eine ganze “Volkskultur” (im Sinne Ginzburgs) auf unzulässige Weise mit einer diffusen Generalkritik verknüpft, und ihre Diffamierung dadurch gewissermaßen legitimiert wird. Stimmen mag es zwar, dass prozentual gesehen mehr Wähler patriotischer Parteien auf dem Land als in der Stadt leben; genauso wahr ist aber auch, dass diese selbst dort eine Minderheit stellen, und jener Umstand eigentlich niemanden dazu berechtigt, die Kultur des Bergbauern, des alpinen Dorfbewohners usw. substantiell abzuurteilen (als ob diese aufgrund ihrer Lebensform einem rückwärtsgewandten “ethnischen Mythos'” verfallen sei). Ich würde noch weiter gehen und die Tendenz der kritisch bis feindlichen Haltung dem so konzepierten “Tschöggl” gegenüber — in manchen ihrer “durchdachtesten”, nicht-ethnologischen Ausprägungen — als ansatzweise gefährlich betrachten, stammt sie doch dann meist von Personen, die sich qua akademischer Qualifikation oder intellektuellem Habitus Gehör in der Gesellschaft verschaffen können. (Harmlos-folkloristisch ist dann auch der Schimpfname selbst nicht mehr, da er unhinterfragt, selbstgerecht und v.a. unironisch Verwendung findet). Dem Urteil jener Personen könnte man gut unterstellen, ausschließlich von deren spezifisch urbanem “Milieu” auszugehen (mit ihren je eigenen Voraussetzungen), und dadurch der kritisierten Welt (die ja ganz anderen Gesetzen folgt) gar nicht gerecht zu werden, ja dieser sogar grobes Unrecht anzutun.
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*Viel könnte man über die politische Inszenierung dieser Dichotomie und des “Bauern” in der jüngeren Geschichte unserer Autonomie erzählen, so z.B. als Idealbild durch die SVP (Magnago), den Bauernbund, der Tourismuswerbung; oder durch die MSI-Postfaschisten als Feind- und Spottbild (“baccano”).

Man möge Nachsicht mit mir üben, mir ist natürlich bewusst, dass meine Beobachtung ziemlich angreifbar und brüchig ist, so ganz zufrieden mit ihr bin ich deswegen auch gar nicht. Denn je mehr ich darüber nachdenke, desto überzeugter bin ich, dass ich selbst den Fauxpas begehe, und diese heterogene, bäuerlich-ländliche Welt zum Objekt degradiere, das “hilflos” und sogar etwas exotisch ist. Vielleicht tue ich es den von mir hypostasierten Kritikern gleich, nämlich ein Zerrbild des Landlebens zu entwerfen (Stichwort “Volkskultur”), das es so gar nicht mehr gibt — sondern in hybrider Form viel mehr mit der Stadt gemeinsam hat als gedacht und vice versa natürlich auch. Und vielleicht wäre der eigentliche anzuzeigende Denkfehler (ich versuche mich jetzt in der nächsten Spekulation) im berüchtigten “Emanzipationsritual” tatsächlich nur der, das konstruierte Stereotyp des “Bauerntölpels” der eigenen moralischen Entrüstbarkeit über eine irgend geartete ethnische Intoleranz dienstbar zu machen (und man dadurch den Katharsis-Effekt der Entrüstung zwar auf “seine Gruppe” ausweitet, die eigentliche “Schuld” bequemerweise aber einer immaginierten, randständigen Minorität innerhalb derselben zuschieben kann, seine Hände also in Unschuld wäscht)?

Die diskriminierende Verwendung des Wortes “Tschöggl” disqualifiziert jeden Menschen, der dieses Wort in menschenverachtender Weise verwendet. Wer dann auch noch bekundet, dass er sich über den Sturz eines Skifahrers (gleich welcher Nation) freut, der hat damit endgültig bewiesen, dass er selbst zum Abschaum der Menschheit gehört. Ich bin als Süd-Tiroler kein Italiener, ich würde mich aber nie über das Ausscheiden eines italienischen Sportlers freuen, sondern gönne jedem Sportler seinen Erfolg, den er sich verdient hat, und freue mich natürlich über die Erfolge unserer einheimischen Sportler aus Nord-, Ost- und Südtirol, sofern sie nicht die Fahne der italienischen Eroberer schwenken. Dass wir Süd-Tiroler seit dem Jahr 1363 zu Österreich gehören und somit Österreicher sind, ist nicht die verrückte Idee irgend eines “Tschöggls”, sondern eine historische Tatsache. Als Tiroler Patriot will ich mit Italien, das uns überfallen und unterjocht hat, nichts zu tun haben. Dass ich trotzdem perfekt Italienisch kann (ich übersetze auch vom Deutschen ins Italienische) ist für mich selbstverständlich; Fremdsprachen kann man immer gebrauchen, sie sind eine enorme Bereicherung. Wenn die ff ein idiotisches Interview mit abfälligen Bemerkungen über sogenannte “Tschöggl” veröffentlicht hat, dann ist das meines Erachtens kein Hinweis auf ein angebliches Land-Stadt-Gefälle, sondern nur ein Hinweis auf eine immense Dummheit, die man sowohl in der Stadt als auch am Land finden kann.

Die ff hat den Auszug aus einem Buch wiedergegeben, welches abermals die ungeschminkte Realität (also die Aussagen befragter Südtiroler) beinhaltet. Den Medien (einschließlich BBD) ist also kein Vorwurf zu machen.

Die befragte Person sagt meines Wissens nicht, dass sie sich freut, wenn ein Österreicher stürzt. Es sei denn, das wird an einer anderen Stelle des Buches wiedergegeben.

Ich mache keineswegs den Medien (und schon gar nicht der BBD) irgendeinen Vorwurf, sondern ich beanstande nur, dass es bei uns Menschen gibt, die ein derart überhebliches, menschenverachtendes Verhalten an den Tag legen. Das sollte eigentlich Gegenstand der Diskussion sein. Übrigens: Wer klatscht, wenn ein Österreicher nicht Erster wird, der freut sich über sein Ausscheiden, was meistens mit einem Sturz verbunden ist. Mit Sportlichkeit hat ein solches Verhalten nichts zu tun.

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