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Rai: Bravo italiano, cattivo tedesco zum Holocaust-Gedenktag.

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Anlässlich des diesjährigen Holocaust-Gedenktags strahlt der öffentlich-rechtliche italienische Rundfunk Rai den Zweiteiler Morbo K aus — und das sagt nicht nur viel über den Stand der Geschichtsaufarbeitung im Land aus, sondern trägt auch zur Verfestigung eines verzerrten, selbstentlastenden Geschichtsbildes bei, das die eigene Schuld in den Hintergrund rückt.

In den beiden Folgen, die gestern und heute Abend im Programm stehen, geht es um Professor Giovanni Borromeo. Der Primar am katholischen Krankenhaus Fatebenefratelli rettete im Oktober 1943 mehrere Jüdinnen vor den Razzien im römischen Getto, indem er eine hochansteckende Krankheit erfand, an der sie vorgeblich litten — was es ihm ermöglichte, sie im Spital zu verstecken.

Borromeo wurde 2004 als Gerechter unter den Völkern anerkannt.

Problematisch ist jedoch nicht die Würdigung dieser mutigen Tat, sondern der Kontext, in den sie in der Verfilmung gestellt wird — oder vielmehr: nicht gestellt wird. Wie von verschiedenen Seiten kritisiert wurde, sind in Morbo K nur die deutschen Nazis als Täter präsent, während die italienischen Faschisten fast vollständig aus dem Bild verschwinden.

Das widerspricht den historischen Tatsachen. Die Grundlage der Verfolgung bildeten die faschistischen Rassengesetze von 1938, und italienische Behörden waren aktiv an der Identifikation, Registrierung und Verhaftung jüdischer Bürgerinnen beteiligt. Zwar lag die Hauptverantwortung für die Deportationen ins Konzentrationslager bei den deutschen Besatzern, doch ohne die vorbereitende und begleitende Mitwirkung des faschistischen Staatsapparates wären die Razzien nicht in dieser Form möglich gewesen.

Auf entsprechende Kritik angesprochen, sollen die Filmemacherinnen erklärt haben, es sei ihnen nicht um eine historisch präzise Darstellung gegangen. Dass jedoch ein Werk, das einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Tätergeschichte im Weg steht, vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgerechnet zum Holocaust-Gedenktag ausgestrahlt wird, ist empörend.

In Italien wird gerne auf den eigenen Widerstand verwiesen — den es zweifellos gab und dessen Würdigung notwendig und richtig ist. Allzu oft dient diese Erzählung jedoch dazu, eine selbstentlastende Lesart der Geschichte zu reproduzieren und die strukturelle Verantwortung des faschistischen Staates für Verfolgung, Entrechtung und Deportation zu relativieren oder ganz auszublenden. Auch Morbo K reiht sich in dieses gefestigte Muster ein.

Dem Sinn und Zweck des Holocaust-Gedenktags widerspricht dies diametral.

Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08



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Comentârs

One response to “Rai: Bravo italiano, cattivo tedesco zum Holocaust-Gedenktag.”

  1. Hartmuth Staffler avatar
    Hartmuth Staffler

    Die Sachen wiederholen sich. In Brixen ist die SVP dagegen, die jüdische Mitbürgerin Lea Pincherle zu ehren, weil sie nicht von den deutsche Nazis, sondern von den italienischen Faschisten enteignet und verfolgt wurde. Eine Ehrung der Lea Pincherle wäre eine Beleidigung für die Italiener. Aus dem gleichen Grund hält man auch an der Ehrenbürgerschaft für den faschistischen Kriegsverbrecher Gennaro Sora fest.

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