Am 22. April hat an der Eurac eine Tagung zum 50-jährigen Bestehen des Sprachgruppenproporzes stattgefunden, die Andreas Gufler Oberhollenzer in einem Gastbeitrag für
zusammengefasst hat. Seinen Ausführungen ist zu entnehmen, dass Eurac-Wissenschaftler Andrea Carlà in seinem Beitrag und in der anschließenden Diskussion unter anderem folgende Behauptungen aufgestellt hat:
- Dass es in Südtirol eine Art vertikale Segregation nach Sprachgruppen gebe, wobei Führungskräfte in der öffentlichen Verwaltung häufig deutscher, aber nur selten italienischer Muttersprache seien. Dazu fehlten jedoch empirische Studien.
- Dass in Südtirol niemand die Zweisprachigkeit infrage stelle.
Zur ersten Behauptung habe ich bereits in einem Kommentar darauf hingewiesen, dass es mit »Ethnische Differenzierung und soziale Schichtung in der Südtiroler Gesellschaft« sehr wohl bereits eine Studie gibt, die übrigens zum Schluss kommt, dass es die vertikale Segregation nicht gibt.
Auch bezüglich seiner zweiten Behauptung gibt es Daten, nämlich im ASTAT-Sprachbarometer 2025. Demnach sind inzwischen 40 Prozent der Südtirolerinnen italienischer Muttersprache für die Abschaffung des Zwei- bzw. Dreisprachigkeitsnachweises als Voraussetzung für die Aufnahme in den öffentlichen Dienst. Nur noch 37 Prozent von ihnen wollen diesen Grundpfeiler unserer Autonomie und des Minderheitenschutzes beibehalten.
Der Anteil derer, die sich eine Abschaffung des Zwei- bzw. Dreisprachigkeitsnachweises im öffentlichen Dienst wünschen, ist in einem Jahrzehnt um 11 Prozentpunkte bzw. um rund 38 Prozent gestiegen.
Sowohl unter den Deutschen als auch unter den Ladinerinnen beträgt der Anteil derer, die die Verpflichtung zum Sprachnachweis abschaffen möchten, 14 Prozent. Ich finde diesen Prozentsatz, der seit 2014 in allen Sprachgruppen gewachsen ist, zwar ebenfalls hoch, doch eben sehr weit entfernt von den Werten in der italienischen Sprachgruppe.
Natürlich kann man argumentieren, dass die Abschaffung der Zwei- bzw. Dreisprachigkeitsnachweispflicht streng genommen noch keine Abschaffung der Zwei- bzw. Dreisprachigkeit sei. Wenn aber ein so großer Anteil der italienischen Sprachgruppe gegen das wichtigste — und nach internationalen Standards wohl gebräuchlichste — Instrument zur Sicherstellung des Rechts auf Gebrauch der Muttersprache ist, fällt es mir sehr schwer, etwas anderes zu vermuten.
Hier verabschiedet sich die Titularnation immer deutlicher vom Konsens, auf dem unsere Autonomie und insbesondere der Minderheitenschutz fußen. Und sie tut dies, indem sie sich auch immer mehr von den Vorstellungen der deutschen und ladinischen Sprachgruppe entfernt und verabschiedet. Da die Italienerinnen wissen, dass sie am wenigsten von einer Abschaffung der Zwei- bzw. Dreisprachigkeitspflicht zu befürchten hätten, kann man das auch als eine Form von Entsolidarisierung werten.
Der Aussage, dass in Südtirol »niemand« die Zweisprachigkeit infrage stelle, finde ich angesichts der Datenlage in jedem Fall sehr gewagt. Auch die Stellungnahmen zum Fälschungsskandal (vgl.) sind wohl ein guter Indikator für die unterschiedlichen Befindlichkeiten.


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