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Gefälschte Sprachzertifikate: System der Entrechtung.

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Zustimmend gibt Fabio Gobbato, ehemaliger Chefredakteur des mehrsprachigen Informationsportals Salto, in ebenjenem Medium die unerhörte Position von Christian Bianchi (FI) zur massenhaften Fälschung von Sprachzertifikaten wieder. Wie nicht anders zu erwarten, bagatellisiert der Landesrat die systematische Umgehung des Minderheitenschutzes und behauptet, sie sei nicht den Einzelnen, sondern vor allem dem »System« anzulasten. Was soll jemand, der die deutschsprachigen Südtirolerinnen noch nicht einmal als Minderheit betrachtet und demnach auch vom Minderheitenschutz nicht viel halten kann, auch sagen?

Wenn eine Person, nur um arbeiten zu können, Tausende von Euro ausgibt und strafrechtliche Konsequenzen in Kauf nimmt, bedeutet das, dass sie diese Voraussetzung als nahezu unüberwindbares Hindernis wahrnimmt.

LR Christian Bianchi

Übersetzung von mir

Menschen, die beruflich darauf angewiesen sind, wurden auch schon mit gefälschten Führerscheinen und Schulabschlüssen erwischt. Würde Bianchi — und mit ihm Gobbato — auch hier mit der individuellen Wahrnehmung eines »unüberwindbares Hindernisses« argumentieren? Wohl kaum.

Der Grund für die vielen Fälschungen ist meiner Einschätzung nach ein ganz anderer: Die Rechte von Minderheiten werden im öffentlichen Bewusstsein als sekundär und demnach als optional wahrgenommen, der entsprechende Beschiss als Kavaliersdelikt. Und das hat in Südtirol leider tatsächlich System: Linke wie rechte, progressive wie rückwärtsgewandte Italienerinnen sind sich erstaunlich oft einig, dass Grundsäulen wie Proporz und Zweisprachigkeitspflicht nichts als ein lästiger Ballast aus der Vergangenheit sind, der längst überwunden werden müsse. Mehrsprachigkeit ist ein nettes Schlagwort — auf das man in der Praxis aber gern verzichtet, wo es nicht unbedingt nötig ist. Und solange nur die deutsche Sprache unter die Räder kommt.

Wie neben den regelmäßigen Stellungnahmen der Fachgewerkschaft ANAAO auch das — ebenso aufschlussreiche wie empörende — Interview von Gobbato mit einer erwischten Betrügerin aus Mittel-Süditalien (Deckname: »Francisca«) zeigt, scheint bis weit in den Gesundheitsbetrieb hinein die Auffassung verbreitet zu sein, dass der Sprachnachweis nichts weiter als eine überflüssige Formalität ist.

Wenn das zutrifft — und es gibt wenig Grund, daran zu zweifeln —, ist genau dies das System, das manche Ärztinnen dazu veranlasst haben kann, sich gefälschte Zertifikate zu beschaffen: Ein toxisches Umfeld, in dem ihnen vermittelt wird, dass die Sprachrechte der deutschen Bevölkerungsmehrheit ein lästiges Beiwerk sind und sie moralisch nichts Verwerfliches tun, wenn sie betrügen.

Bianchis Argumentation vom »unüberwindbaren Hindernis«, um arbeiten zu können, ist hingegen nicht stichhaltig. Personalmangel gibt es bekanntlich nicht nur in Südtirol, sondern in fast ganz Europa — und nahezu genauso akut wie bei uns auch im benachbarten Trentino. Wer also Tausende Euro sparen und keine strafrechtlichen Konsequenzen riskieren wollte, hatte dazu jederzeit die Möglichkeit.

In der Einleitung seines verständnisvollen Interviews mit »Francisca« schreibt Gobbato denn auch:

Der Sanitätsbetrieb braucht Ärzte wie das tägliche Brot, und Anästhesisten sind sehr gefragt. Francisca erhält vom Bozner Sanitätsbetrieb eine befristete Stelle, die sie mühelos überall kriegen würde, und der Sanitätsbetrieb löst mit ihrer Anstellung eines der vielen Probleme bei der Stellenbesetzung — aber ausnahmsweise nicht mit einer Ärztin in Fachausbildung, sondern mit einer erfahrenen Fachkraft.

– Fabio Gobbato

Übersetzung von mir

Sie ist also nicht nur wie das Manna vom Himmel gefallen, sondern hätte offenbar überall sonst hingehen können — ohne zu betrügen. Die Arme war aber so selbstlos, für uns zu bescheißen, und wird jetzt auch noch ungerechtfertigt dafür bestraft.

An dieser Erzählung stimmt etwas ganz eindeutig nicht. Oder genauer gesagt: Sie funktioniert nur, nur wenn man sie aus einer tiefsitzenden kolonialen und minderheitenfeindlichen Perspektive betrachtet, ohne die durchschaubaren Tarnargumente der »Verständnisvollen« ernstzunehmen.

Zu lange wurde weggeschaut — so lange, dass sich ein offenbar weit verzweigtes System kriminelles etablieren konnte, dessen Aufarbeitung das öffentliche Gesundheitswesen (und darüber hinaus) bis in seine Grundfesten zu erschüttern droht. Vielen Beteiligten — einschließlich Bianchi und Gobbato, die dieses System rhetorisch decken — dürfte das gar nicht unrecht sein, denn sie können den Skandal vorzüglich dazu missbrauchen, die Abwicklung des Minderheitenschutzes weiter voranzutreiben.

Cëla enghe: 01 02 03 04



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