Sprache: Daten als Grundlage für Politik.

Immer und immer wieder haben wir bemängelt, dass in Südtirol Sprach- und Bildungspolitik ohne oder zumindest ohne ausreichende Daten gemacht wird. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Entscheidungen in diesen für ein mehrsprachiges Gebiet hochsensiblen Bereichen aufgrund von Launen, Bauchgefühlen und Mythen getroffen werden, ohne tatsächlich und umfassend erhoben zu haben, wie die aktuelle Situation ist, wie die Entwicklung über mehrere Jahr(zehnt)e aussieht und was die Bevölkerung — eine möglichst gut informierte Bevölkerung — tatsächlich wünscht. Bestenfalls kann von Schlamperei und Stümperhaftigkeit, schlimmstenfalls muss von vorsätzlicher Schädigung der sprachlichen Besonderheit dieses Landes die Rede sein.

Oft haben wir in diesem Blog auch darauf hingewiesen, dass Sprachsituation und -entwicklung in anderen mehrsprachigen Ländern und Regionen systematisch und akribisch erhoben werden, als Grundlage für eine seriöse, wissenschaftlich fundierte Sprachpolitik.

In Südtirol hat das Landesstatistikinstitut (Astat) im Jahr 2004 das erste Sprachbarometer erstellt, was fortan im Zehnjahresrhytmus wiederholt werden soll. Die zweite, auf 2014 bezogene Ausgabe wird in diesem Jahr erwartet.

Zum Vergleich: Katalonien erhebt und veröffentlicht jedes Jahr einen umfassenden Sprachbericht, in dem die Sprachsituation, die Entwicklung und die von der Regierung ergriffenen Maßnahmen aufgezählt und evaluiert werden. Jedes Jahr. Die Daten reichen zum Teil bis in die 70er Jahre zurück, als Diktator Franco noch am Leben und an der Macht war. Spätestens seit Beginn der Demokratie wurden wichtige Sprachdaten im Jahresrhythmus erhoben.

So enthält beispielsweise der letzte Sprachbericht, der sich auf 2013 bezieht, auf 110 Seiten unter anderem folgende Informationen:

  • Die Sprachsituation und -entwicklung:
    • Sprachkenntnisse der Bevölkerung von 1981 bis 2013, getrennt nach Kompetenzen (Verstehen/Sprechen/Lesen/Schreiben) und meistbeherrschten Sprachen (Katalanisch/Spanisch/Englisch/Französisch);
    • Herkunfts-, Identifikations- und gewöhnlich benutzte Sprache(n);
    • Sprachkenntnisse nach Altersgruppen und Kompetenzen;
    • Analyse nach Geburtsort (Katalonien/Spanien/Ausland);
    • Analyse nach katalanischen Regierungsbezirken;
    • Sprache im Umgang mit der Familie (Großeltern/Mutter/Vater/Partner/Kinder);
    • Sprachgebrauch im Umgang mit Handel und privaten/öffentlichen Dienstleistern (Großhandel/Nahversorgung/Staatsverwaltung/Arzt/Bank/Regionalverwaltung/Gemeinden) und Entwicklung seit 2008;
    • Sprachgebrauch am Arbeitsplatz (mit Arbeitskollegen/Kunden), getrennt nach Größe des arbeitsgebenden Unternehmens und katalanischem Regierungsbezirk;
    • Sprache im Medienkonsum, einschließlich Internet;
    • Sprache im Kulturbereich (Kino, Musik, Theater, Videospiele, Bücher) und Entwicklung seit 2009;
    • Sprachgebrauch in der (Aus-)Bildung, Evolution der ausländischen Schülerschaft;
    • Sprachgebrauch an den Universitäten, getrennt nach Universität und Regelstudium/Master;
    • Sprache in der Justiz, Anteil der Urteile auf Katalanisch und Spanisch, Entwicklung seit 2009;
    • Sprache der Unterlagen im Besitzurkundenregister, Merkantilregister, Register beweglicher Güter;
    • Sprachgebrauch in notariellen Unterlagen;
  • Maßnahmen der Regierung:
    • Anzahl und Sprachniveau (Katalanisch/Spanisch/Englisch/Französisch) der Schüler an öffentlichen Schulen;
    • Sprachliche Evaluierung der Schüler;
    • Universitäre Maßnahmen und Sprachprogramme für Studenten, Teilnehmerzahlen;
    • Spezielle Sprachprogramme für Austauschstudenten, Teilnehmerzahlen;
    • Erwachsenensprachkurse der Generalitat de Catalunya und anderer öffentlicher Körperschaften (Anwesenheitskurse, Fernstudium, via Internet);
    • Parla.cat, Onlineplattform zum Erlernen der katalanischen Sprache, Teilnehmerzahlen;
    • Online-Fortbildungskurse für Katalanischlehrer und -professoren weltweit;
    • Katalanischkurse für Zuwanderer, Teilnehmerzahlen;
    • Berufsaus- und Weiterbildung für Private und öffentliche Angestellte;
    • Spezielle Sprachfortbildung für Justizmitarbeiter, einschließlich Richter, Staatsanwälte aufgrund von Abkommen zwischen Generalitat, Berufskammern und Gerichten, 1.628 Teilnehmer im Jahr 2013;
    • Sprachzertifizierung durch die Generalitat de Catalunya (offizielle katalanische Sprachzertifikate), aufgeschlüsselt nach Sprachniveau und Entwicklung seit 2002;
    • Instrumente und Dienstleistungen zur Steigerung der Sprachqualität (Onlinedienste, Übersetzungsdienste, öffentliches Büro für Sprachfragen), zugänglich für Privatpersonen, Firmen, öffentliche Verwaltungen;
    • Termcat, Kommission zur Normalisierung und Weiterentwicklung von katalanischer Terminologie (363 neue Wörter und Anpassungen in 14 Sitzungen 2013);
    • Voluntariat per la llengua;
    • Kinoförderung, Synchronisierungen, Untertitel, Fernsehsendungen;
    • Zusammenarbeit mit Unternehmerverbänden zur Verbesserung der Präsenz der katalanischen Sprache in der Wirtschaft;
    • Stützung der Präsenz der katalanischen Sprache im digitalen Bereich;
    • Sensibilisierung kleiner und mittelständischer Unternehmen für die Sprachsituation;
    • Zusammenarbeit mit dem Handel zur Förderung der katalanischen Sprache;
    • Praktische Unterstützungsprogramme für Firmen zur Berücksichtigung der katalanischen Sprache;
    • Förderung der katalanischen Sprache im Sport und in der Freizeit, Sensibilisierung von Vereinen;
    • Fortbildung von Gesundheitspersonal, Herausgabe von Terminologiehandbüchern, Onlinedatenbanken; Anpassung des Voluntariat per la llengua an die speziellen Erfordernisse des Gesundheitspersonals;
    • Zusammenarbeit mit Vereinen, die den Gebrauch und die Förderung der katalanischen Sprache zum Ziel haben;
    • Ausschreibung von Preisen (für Firmen, Vereine, Kinos u.v.m.) die sich um die Förderung der katalanischen Sprache verdient machen;
    • Ahndung von Verstößen gegen die Sprachgesetzgebung (in 187 Fällen) und Entwicklung seit 2011;
  • Internationale Projektion:
    • Katalanischkurse und Katalanischstudien im Ausland;
    • Tätigkeit des internationalen katalanischen Kulturinstituts Ramon Llull und Zusammenarbeit mit internationalen Vereinen;
    • Teilnahme an europäischen Organismen (Europäisches Netzwerk zur Förderung der sprachlichen Diversität, Linguanet, Europäische Terminologievereinigung), Zusammenkünften, Kongressen;
    • Zusammenarbeit mit anderen Territorien mit katalanischer (Amts-)Sprache, einschließlich der Förderung der katalanischen Sprache in Nordkatalonien (Frankreich), L’Alguer (Sardinien);
    • Tätigkeiten im restlichen spanischen Staatsgebiet;
  • Förderung der katalanischen Gebärdensprache;
  • Situation und Maßnahmen zugunsten der okzitanischen Sprache;

Zur Vertiefung: Vollständige Fassung des Sprachberichts von 2013 (Katalanisch) und vollständige Fassung des Sprachberichts von 2012 (Englisch).

Siehe auch: [1] [2]

9 Antworten auf „Sprache: Daten als Grundlage für Politik.“

  1. Wenn ich die (sehr lange) Liste des katalanischen Sprachberichtes durchlese und diese Punkte auf ST übertrage, dann erklärt sich mir schon warum dieses „Messinstrument“ bei uns nicht implementiert wurde:
    Das Ergebnis würde zeigen, dass uns Pechschwarz über Jahre als Blütenweiß verkauft wurde.
    Aber ohne konkrete Daten reiht sich diese Aussage auch nur wieder in die Liste der Vermutungen ein.
    Zumindest bleibt so der Mythos vom zwei(drei)sprachigen Land am Leben.

  2. I Catalani se ne vogliono andare dalla Spagna. Noi, o meglio l’oligarchia SVP, in Italia si vuol restare più a lungo possibile… è chiaro che non valga la pena di spendere soldi per queste fesserie. Tra il resto una volta che si parlerà solo italiano i rischi di un’eventuale secessione saranno minimizzati…

  3. Im Musterland der Mehrsprachigkeit schlechthin (Südtirol) sind solche Daten doch nicht nötig. Es reicht doch, wenn z.B. ein Landeselternbeirat mit einer stümperhaften Umfrage nach vorne prescht, die Umfrage kurzerhand als repräsentativ bezeichnet und die Politik in punkto Schulentwicklung vor sich hertreibt. Die Medien erkennen daran keine Ungereimtheiten, am allerwenigsten diejenigen Medien, die von sich selbst glauben alternativ und recherchierend zu sein.
    Gratulationen jedenfalls für diesen Vergleich mit Katalonien. Bleibt noch die abschließende Frage, ob Südtirol von Dilettanten regiert wird, die nicht in der Lage sind in einer solch zentralen Frage für regelmäßig erhobene, belastbare Daten zu sorgen.

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