Landesrat Tommasinis englische Ortsnamen.

Wie die Tageszeitung in ihrer heutigen Printausgabe berichtet, schlägt Landesrat Christian Tommasini (PD) in der aktuellen Toponomastikdiskussion vor, Ortsnamen künftig auch ins Englische zu übersetzen, anstatt über die Abschaffung nicht gebräuchlicher Namenserfindungen aus dem Faschismus nachzudenken. Es ist zwar ernüchternd, dass jemand, der einen derartigen Vorschlag einbringt, für Kultur zuständig ist — und grundsätzlich, dass ein Landesrat keine fundierte Meinung zu einem immer wiederkehrenden Problem hat, sondern offenbar improvisierte »Ideen« einbringt. Doch andererseits ist dieser Einfall auch absolut konsequent: Wenn man, wie leider noch immer viele PolitikerInnen in Südtirol, der Meinung ist, dass man Namen (wie eben im Faschismus geschehen) übersetzen kann, dann ist es nur logisch, dass man sich irgendwann darüber Gedanken machen muss, diese Namen in noch mehr Sprachen zu übersetzen. Für die TouristInnen und für unsere neuen MitbürgerInnen.

Es heißt doch immer so schön, die italienischen MitbürgerInnen könnten sich ohne die von Ettore Tolomei erfundenen Ortsnamen in Südtirol nicht heimisch fühlen. Wenn man so denkt, muss man (wie ich hier bereits prognostiziert hatte) die Toponyme irgendwann natürlich auch ins Englische, Französische, Spanische, Urdu, Arabische (…) übersetzen, damit sich auch die neuen SüdtirolerInnen hier zuhause fühlen können. Viel Arbeit für viele neue Tolomeis im Auftrag des Landes.

Oder aber man sieht endlich ein, dass Toponyme Namen sind, die als solche nicht übersetzt werden brauchen und sollen. Fritz bleibt Fritz und Giovanna bleibt Giovanna, genauso wie ein Italiener auch einen Volkswagen (und keine Vettura del Popolo) und eine Deutsche einen Lancia (und keine Lanze) besitzt und fahren kann.

Übrigens: Wie erst neulich aufgezeigt, hat man selbst im zentralistischen und nicht gerade minderheitenfreundlichen Frankreich verstanden, dass Ortsnamen nichts mit Zwei- und Mehrsprachigkeit zu tun haben. Und trotzdem hat man etwa in der Bretagne wirklich nicht den Eindruck, dass sich dort Frankophone nicht heimisch fühlen könnten.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4] [5]

25 Antworten auf „Landesrat Tommasinis englische Ortsnamen.“

  1. wobei man sagen muss, dass es sehr wohl orte mit mehreren endonymen bezeichnungen gibt.

    mich würde auch interessieren, was die uno – oder besser gesagt die United Nations Group of Experts on Geographical Names (UNGEGN) zu tommasinis vorschlag sagt.

    1. mich würde auch interessieren, was die uno – oder besser gesagt die United Nations Group of Experts on Geographical Names (UNGEGN) zu tommasinis vorschlag sagt.

      Dich (und mich) würde das interessieren. In der Regierungsmehrheit scheint sich hingegen niemand für solche »Nebensächlichkeiten« zu erwärmen. Lieber hat man immer wieder neue »Ideen«.

  2. Wie wird das dann übersetzt? Werden — wie es Tolomei gemacht hat — englische Namen erfunden oder werden bestehende in Englische transferiert? Welche Bezeichnung wird dann genommen, die italienische oder die deutsche? Tommasini wird wohl gerne die italienische verwenden.
    Ortler
    Ortles
    Mount Ortles oder Mount Ortler?

      1. Vllt. kann man ja einen Sponsorenvertrag auftun und er heißt dann Mac Mountie? Oder M0unt Galaxy S7? Und Bozen dann iCapital. Und Neumarkt Marketplace. Und Sigmundskron Messner Mountain Museum…oh Moment…da war jemand schneller als ich. Warum also nicht das notwendige mit dem nützlichen verbinden…

      1. Der Klockerkarkopf hat mit Glocken nichts zu tun. Klocker waren die Leute, die das in den mittelalterlichen Bergwerken geförderte Erz für die weitere Aufbereitung zerkleinerten (klockten). So entstand der Klockerhof, darüber das Klockerkar und noch eine Etage höher der Klockerkarspitz. Den gleichen Ursprung hat der Ortsname Clocchi (früher Klocker) in dem von deutschen Bergleuten besiedelten Brandtal bei Rovereto. Für die Übersetzung unserer Ortsnamen auch in das Englische gibt es ein schönes Beispiel. Schreckbichl wurde im Italienischen zu Colterenzio. Im Englischen müsste es dann Terence Hill heißen.

    1. Ich kenne eigentlich nur zwei englische Ortsbezeichnungen fuer Suedtirol: South Tyrol und The Dolomites. Die derzeitige Toponomastik sollten eigentlich ausreichen, um internationale Touristen zu verwirren… Man stelle sich z.B. John und Sally aus Hoboken, New Jersey, vor, die entnervt am Ortseingang eines bekannten Urlaubsortes stehen, und sich ueberlegen, warum an der Ortstafel St. Ulrich, Ortisei, Urtijei und Saint Ulric angeschrieben sind. Ich lebe in einer Stadt, die seit ihrer Gruendung durch spanische Kolonialisten den schoenen Namen San Francisco traegt, obwohl sie seit 1848 Teil der USA ist. An eine Umbennung wurde nie gedacht, und weder Einheimische noch Touristen scheinen Schwierigkeiten zu haben, die Stadt auf der Landkarte zu finden, obwohl die Amis bekanntlich nicht so mit den Fremdsprachen haben.
      PS: Schreckbichl wuerde ich mit Horror Hill uebersetzen. Das koennte man dann marketingmaessig ganz grossartig fuer Urlaube zu Halloween anpreisen…)

  3. Warum erprobt Tommasini seinen genialen Vorschlag nicht zuerst auf gesamtstaatlicher Ebene, sagen wir mal in 5 bis 6 wichtigen Sprachen aufgrund der Nächtigungsstatistik? Deutsch, Englisch, Französisch, Japanisch, Chinesisch und Arabisch wären ja naheliegend. Seine römischen PD Freunde dürften ja hocherfreut sein. Sollte das in Italien gut ankommen können wir uns die Sache in Südtirol ja in einigen Jahren immer noch überlegen. An der Eurac könnte man ein Ortsnamensübersetzungskompetenzzentrum für sämtliche italienischen Toponyme ansiedeln. Da könnten wir echt mal wertvolle Expertise zur Verfügung stellen.

  4. Difficile est satiram non scribere…. Wobei ich zuerst wirklich gedacht habe, daß es sich hierbei um einen satirischen BBD Artikel handeln würde.
    Der beste Kommentar zu so einem Vorschlag stammt aus einem bekannten Lied von Wolgang Ambros:

    Zwickt’s mi, I glaab I tram!
    Des derf net wohr sein, wo sammer daham?
    Zwickt’s mi, egal wohin!
    I kann’s net glaubn, des gibt doch kaan Sinn!
    Aber zwickn hilft halt nix, I steh danebn –
    Könnt mer net vielleicht irgenwer a Watschn gebn?
    Danke, jetzt is mer klor:
    Es is wohr, es is wohr!

  5. Man kann sich lustig machen über diesem Blödsinn wieviel man will, dass sowas von einem Kulturassesor kommt ist eigentlich das Gravierende. Entweder schaltet’s bei ihn nicht mehr richtig oder er verzapft diesen Unsinn um den Leuten absichtlich auf dem Schlips zu treten.

  6. Zur Ortsnamensdebatte im Allgemeinen:
    Vielleicht kommt irgendwann mal jemand auf die Idee, das gedankliche Experiment zu wagen und zu allererst eine Definition von „Kultur“ an sich abzugeben, bevor man überhaupt Ortsnamen mit dem Begriff Kultur verknüpft.

    Dann nämlich sollte urplötzlich klar werden, dass es rein rational betrachtet vollkommen Wurscht ist, wie wir Orte bezeichnen und dies eine rein Emotionale Debatte ohne Fundament ist. Ortsnamen sind reine Konvention, ebenso ist Kultur reine Konvention. Bozen könnte auch „Achweisch“ heißen. Wäre das seit 1000 Jahren so, würden wir heute eben darum kämpfen, dass es wieder „Achweisch“ heißt. Das muss man sich mal vergegenwätigen.

    Die ganze Diskussion ist dermaßen konstruktivistisch, dass sie sich eigentlich erübrigt. Lasst das Volk demokratisch entscheiden … und das über jeden Orts- und Flurnamen einzeln. Das wäre die korrekte Lösung des Problems. Denn eigentlich ist es Wurscht ob es Bozen, Bulsan, Achweisch, Bolzano, oder alle vier zusammen heißt. Jede wissenschaftliche Expertise darüber, wie Orte zu benennen sind ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil es eben rein rational nicht messbar ist. Endonyme, Exonyme, Uttenheim, oder Uitnom … was ist besser? who cares? Würde meine Mutter Giulia heißen, würde ich sie trotzdem lieben, mein Vater darf sie auch gerne „die Olte“ nennen 😉 Also: stop mit der Gefühlsduselei. Abstimmen. Basta.

    1. Mit konstruktivistisch meinen Sie den Baustil oder die philosophische Schule?

      Wo Sie sich aber irren ist dass Namen nicht mehr als Konvention seien. Da irren sie sich sie transportieren immer etwas implizit mit. Sonst hätte man sich auch nicht dermaßen Mühe gemacht neue zu geben.

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