Alessandro Urzì lässt keine Gelegenheit aus, um zu zeigen, wer Herr im Hause Alto Adige ist
Das politische Ausflippen von Alessandro Urzì gehört zu seinem toxischen Arsenal. Seit Jahren schon. Im Landtag lief Urzì Amok gegen Autonomie und Minderheitenschutz, er pflegte einen kruden italienischen Nationalismus. Auch als Kammerabgeordneter blieb er seinen Ursprüngen treu. Man höre sich die ungehobelte Wutrede von Urzì während der Debatte zum neuen Wahlgesetz an. Ein völlig ausgeflippter Kammerabgeordneter, mit Schaum vor dem Mund.
Seiner Alto-Adige-These widmete Urzì dann gar eine »Studientagung« im Parlament. Wissenschaft war zwar wenig dabei, dafür aber umso mehr Ideologie, viel Italianità. Diese verteidigt Urzì nicht nur in Alto Adige, sondern auch an der italienisch-slowenisch-kroatischen Grenze und darüber hinaus.
Mich wundert deshalb seine Attacke gegen die pro-österreichische Kundgebung der Schützen auf dem Bozner Waltherplatz gar nicht. Simon schreibt zurecht von einem Kontrollverlust des Präsidenten der Sechserkommission. Für Urzì war die Südtirolautonomie immer nur eine inneritalienische Angelegenheit, mit keinem Bezug zu Österreich.
Die Schützen haben den »Südtirol«-Experten der Fratelli d’Italia dann auch noch kräftig geärgert. Sie waren es, die im Unterland den Protest gegen die Neuzuschneidung des Senatswahlkreises organisierten. Gewünscht und durchgezogen von Urzì, dem Koalitionspartner der SVP. Auch ein anderer Partner der Volkspartei vergisst seinen Pragmatismus. Außenminister Antonio Tajani (FI).
Wie ähneln sich doch die beiden Typen, Tajani und Urzì, Bündnispartner der SVP, in dieser Frage. Der Außenminister flippte völlig aus, als der Freiheitliche Otto Mahlknecht bei einer AfD-Veranstaltung in Berlin zu 80 Jahren Pariser Vertrag – Südtirol ist nicht Italien – seine Partei vertrat. Mehr als eine zweifelhafte Veranstaltung der rechtsextremen AfD. Tajani war nicht mehr zu halten, die AfD fördere die Abspaltung Südtirols von Italien, tönte der Außenminister. Die AfD-Kamerad:innen ruderten zurück und bekannten sich zur rechten Achse, über Südtirol hinweg. Wie immer schon.
Tajani seinerseits respektiert gezogene Grenzen genauso wenig. Bei einer Gedenkveranstaltung 2019 an die italienischen Vertriebenen aus Istrien 2019 in Triest beschwor Tajani das italienische Istrien und das italienische Dalmatien. Ja, beide Regionen waren einst auch italienischsprachig, venezianisch, istriotisch.
Das rechte Italien kümmerte sich auch effizient um die italienischen Sprachgruppen im slowenischen und im kroatischen Istrien. Eine der Berlusconi-Regierungen gab im Jahr 2000 an Bürgerinnen und Bürger im kroatischen und slowenischen Istrien italienische Pässe aus. Zehntausende, weit mehr als die italienische Sprachgruppe Angehörige zählt, erhielten die italienische Staatsbürgerschaft. Das Labor für die berühmt-berüchtigte Doppelstaatsbürgerschaft.
Im Fall Südtirol laufen gerade diese rechten Parteien Amok, im Schlepptau auch die Linke, die keine »nationalen Verräter« sein wollen. Allein schon die Diskussion darüber wurde als Anschlag auf die staatliche Einheit Italiens kriminalisiert. Südtiroler Forderungen nach einer Doppelstaatsbürgerschaft erhielten solidarische Unterstützung von der italienisch-kroatischen Lista per Fiume-Lista za Rijeku.
Trotz der Verleihung der italienischen Staatsbürgerschaft an kroatische Bürger:innen – begleitet anfänglich von kroatischen Protesten besonders der rechten Parteien – brach Kroatien nicht zusammen. Und auch sonst zeigen sich Slowenien und Kroatien gegenüber ihren italienischsprachigen Staatsbürger:innen entgegenkommend.
In Slowenien und Kroatien »genießt« die kleine italienische Sprachgruppe, es gibt aber deutlich mehr zweisprachige Istrier, Autonomie und Minderheitenschutz. Im slowenischen Teil Istriens darf die italienische Sprachgruppe ihre Trikolore hissen. In den vier italienischsprachigen Küstengemeinden Capodistria-Koper, Isola-Izola, Pirano und Ancarano-Ankaran muss an staatlichen Feiertagen und bei lokalen Festen – an öffentlichen Gebäuden – die italienische Flagge neben der slowenischen Staatsflagge aufgehängt werden. Private Personen und italienische Kulturvereine dürfen außerdem die Trikolore auf ihren Grundstücken und Balkonen hissen.
Ähnlich lautet auch die Regelung im kroatischen Teil Istriens. Die »Bandiera della Comunità Nazionale Italiana« wird an öffentlichen Gebäuden, Schulen der Minderheit und Sitzen von Minderheitenorganisationen gehisst. Diese »Bandiera« entspricht der Trikolore, gilt aber als die Flagge der italienischen Sprachgruppe. Auch das private Hissen wird toleriert und gilt als Ausdruck der kulturellen Identität der italienischen Sprachgruppe im plurikulturellen Istrien.
Der Ausfall von Urzì gegen den österreichischen Zapfenstreich auf dem Bozner Waltherplatz perlte an der SVP ab. Entweder die Volkspartei-Akteure haben inzwischen eine sehr dicke Haut oder das gehört eben zum Deal, genehmigte Autonomiereform, dafür ständige Attacken unter der Gürtellinie. Was kommt da noch? Ja, der 4. November steht an.

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