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Salto: Nationalistische Einblicke.

Selbst ein angeblich progressives und weltoffenes Portal wie Salto kann sich dem Nationalismus der Fußball-WM nicht entziehen. Das heutige Foto des Tages zeigt einen Mietwohnkomplex in Bozen, an dem viele italienische und auch ein paar deutsche Flaggen prangen. Der vielsagende Bilduntertitel lautet:

Ecco come si presenta la facciata di un condominio di Bolzano in questi giorni […]. E’ l’eterno derby dell’identità contrapposta, da un lato gli altoatesini, dall’altro i sudtirolesi, o almeno alcuni di loro, sempre meno persuasi di rappresentare la “minoranza austriaca” in Italia e opportunisticamente fieri, invece, di parlare più o meno la lingua in uso in un paese completamente straniero, com’è la Germania, ma almeno sportivamente vincente.

Dieser Kommentar fasst in wenigen Zeilen einen ganzen Fächer an Vorurteilen und Missverständnissen zusammen:

  • Es wird klar nicht nur nach Sprachgruppe unterschieden, sondern auch noch eine andere (Landes-)Bezeichnung benutzt — wie selbstverständlich leben die einen in A. Adige und die anderen in Sudtirolo.
  • Es wird davon ausgegangen, dass Italienfans alle italienischer Sprache und Deutschlandfans alle deutscher Sprache sind. Während letzteres mit großer Wahrscheinlichkeit zutrifft, ist ersteres immer weniger der Fall. Schon das zeigt ein klares »national(istisch)es« Gefälle: In einer ausgewogenen Situation gäbe es auch Mitbürgerinnen italienischer Zunge, die zu Deutschland halten, doch der Trend geht wohl fast ausschließlich in die andere Richtung.
  • Die Möglichkeit, dass die(se) Deutschlandfans auch Zuwandererinnen aus Deutschland sein könnten, wird nicht einmal in Betracht gezogen.
  • Mitglieder einer deutsch(sprachig)en Minderheit, die zu Deutschland halten, werden pauschal als Opportunistinnen betitelt — als ob es auf der anderen (also »italienischen«) Seite eine direkte Identifikation zwischen Spielerinnen und Fans gäbe. Fakt ist vielmehr: Südtirol ist nicht wirklich ein Fußballland und mit welcher Weltklassemannschaft auch immer man sich identifiziert, es ist Opportunismus.
  • Obwohl es in Europa angeblich keine Grenzen mehr gibt und etwa der Drang nach Unabhängigkeit standardmäßig mit dem Hinweis quittiert wird, dass in Europa ohnehin alles zusammenwächst, ist selbst für ein Portal wie Salto Deutschland ein paese completamente straniero.
  • Dadurch ist im Umkehrschluss auch ersichtlich, dass es eine Normalität gibt, nämlich die, zum (angeblich) »eigenen« Land zu halten; und eine Anomalie, nämlich die, einer anderen Mannschaft die Daumen zu drücken.
  • Nicht erkannt wird hierbei, dass genau dieselbe nationale Logik, die dazu führt, die Unterstützung für die italienische Nationalmannschaft als normal zu betrachten, ein Argument sein kann (aber nicht muss), dass die Südtirolerinnen deutscher Muttersprache, zumindest einige davon, zur deutschen Nationalmannschaft halten: Der nationalen Logik zufolge sind die Südtirolerinnen italienischer Muttersprache (pardon: die Altoatesinerinnen) Teil der italienischen Nation, die Südtirolerinnen deutscher Muttersprache (pardon: die Südtirolerinnen) Teil der deutschen Nation — und eben nicht der österreichischen, die (dieser Logik zufolge) ja nur ein Unfall der Geschichte ist. Genau diese Einstellung aber müssen wir endlich hinter uns lassen.
  • Der Hinweis schließlich, in Südtirol werde nur »più o meno« dieselbe Sprache gesprochen, wie im paese completamente straniero, ist nicht nur eine überflüssige Provokation, sondern darüberhinaus auch noch völlig falsch: Es gibt zwar unterschiedliche Dialekte, doch die Sprache ist unzweifelhaft dieselbe.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/

Grenze Kohäsion+Inklusion Medien Nationalismus Politik Sport Symbolik | Medienkritik | | Salto | Deutschland Europa Italy Südtirol/o | | Deutsch Italiano

53 replies on “Salto: Nationalistische Einblicke.”

Ich muss mich an dieser Stelle als Deutschland Fan outen. In Südtirol, wollte man der Logik von salto folgen, anscheinend ein progressives Nachrichtenportal, wohl eines der prekärsten Outings.
Nun ich tue dies seit meinem 12. Lebensjahr, vielleicht hat die nationalstaatliche Logik, nach der ich ja bei Fußballgroßereignissen zu Italien halten müßte, bei mir nicht gegriffen. Wohl ein Versäumnis des Zentralstaates oder des Schulsystems?
Ich halte also zu einem “paese completamente straniero” und ich werde mich hierfür auch nicht rechtfertigen. Diesbezüglich nur zwei Anmerkungen: 1. Ich fühle mich keinen Millimeter als Deutscher im nationalstaatlichen Sinne, höchstens als Deutscher im Sinne von Goethe und Schiller, als es noch keine Nationalstaaten gab. Aber zu erkennen, dass Staatsgrenze nicht gleich Sprach- und Kulturgrenze bedeuten muss, dass sich letztere sogar vielfach in bizarrer Art und Weise überschneiden und gegenseitig befruchten und dies global betrachtet in vielen Ländern glücklicherweise noch heute die Normalität darstellt, scheinen die Angehörigen der Titularnation eines Nationalstaates nicht recht kapieren zu wollen. 2. Ich tue mich schwer ein europäisches Land als “paese completamente straniero” zu bezeichnen. Wenn ich früher von Interkontinentalreisen zurückkehrte, dann fühlte ich mich am ersten europäischen Flughafen immer schon zuhause, unabhängig davon, ob es London, Amsterdam, Kopenhagen, Madrid, Paris, München oder Mailand war. Aber die Weltoffenheit scheint auf salto nicht immer zuhause zu sein.
Ja was könnte man zur Rechtfertigung noch anbringen. Zig Diskussionen haben wir mit etlichen unserer Freunde darüber geführt, die zu Italien halten.
Generell ließ sich festhalten: Wenn Italien gewonnen hat, dann gab es Fiesta, Diskussionen gab es dann keine mehr. Spielverderber waren ja nicht erwünscht.
Wenn Deutschland gewonnen hat, dann gab es Diskussionen über das Spiel, über den Faktor Glück, über den Schiedsrichter, über den anscheinend hölzernen Stil usw. und so fort.
Abschließend noch eine Anmerkung zum Thema Rechtfertigung: Ich möchte nie, dass sich Spieler, wie Khedira oder Özil, dafür rechtfertigen müßten, beim Abspielen der Hymne nicht mit Inbrunst mitzusingen und diesem Spektakel eher teilnahmslos beizuwohnen.
Vor zwei Jahren haben irgendwelche Nationalstaatler, die ja geübt sind im Erzwingen von Rechtfertigungen, dies von Spielern der deutschen Fußballmannschaft tatsächlich verlangen wollen. Diese sinnlose und menschenunwürdige Diskussion ist glücklicherweise bald abgeklungen.

Toh. :)

Diese sinnlose und menschenunwürdige Diskussion ist glücklicherweise bald abgeklungen.

No, dai. Altrimenti voi cosa ca… fate? Tifo e geopolitica sono le occupazioni predilette del popolino.

Man könnte diese Nationalismusfestspiele mit einer Krankheit vergleichen, die es zu heilen gilt, aber anhand derer man auch interessante Symptome analysieren kann. In diesem Sinne befasse ich mich damit.

Generell ließ sich festhalten: Wenn Italien gewonnen hat, dann gab es Fiesta, Diskussionen gab es dann keine mehr. Spielverderber waren ja nicht erwünscht. Wenn Deutschland gewonnen hat, dann gab es Diskussionen über das Spiel, über den Faktor Glück, über den Schiedsrichter, über den anscheinend hölzernen Stil usw. und so fort.

Ma che discussione e discussione se vi abbiamo sempre asfaltato! (1970, 1982, 2006, 2012)

Wer redet denn hier bitte von direkten Begegnungen? Im gesamten Kontext, unabhängig von der Spielpaarung, gab es diese Dynamik.

Es wird davon ausgegangen, dass Italienfans alle italienischer Sprache und Deutschlandfans alle deutscher Sprache sind. Während letzteres mit großer Wahrscheinlichkeit zutrifft

Einspruch ;-)
Ich kenne zumindest einen italienischsprachigen Bozner, welcher zu Deutschland hält. Ist zugegebenermaßen aber nicht in Bozen geboren, sondern nach dem Studium aus dem Belluno hierher gezogen.

Also könnte man sagen, dass Salto hier deutschnational argumentiert?
;-)
Scheinheilig wie immer… wichtig ist nur, unter dem Deckmantel bester Absichtserklärungen die Italianità  Südtirols zu sichern.

Ich kenne eine italienischsprachige Trentinerin (oder Welschtirolerin) die Deutschland die Daumen drückt, sie studiert in Bozen.
Übrigens verstehen laut Forum im “Alto Adige” und auch bei salto.bz die “Altoatesini” nicht warum Südtiroler zu Deutschland halten können, weil ja Österreich der Bezugspunkt ist (was ja effektiv stimmt). Allerdings liegen wir deutschsprachigen SüdtirolerInnen (also die österr. Minderheit in Italien) die der deutschen Elf die Daumen drücken da total im Einklang mit den österr. StaatsbürgerInnen, schaut mal hier die Überraschung:

http://medienportal.univie.ac.at/uniview/forschung/detailansicht/artikel/oesterreich-drueckt-bei-der-wm-2014-deutschland-die-daumen-1/

Dies müsste man im Foum des A.A oder bei salto.bz einmal posten.

D und AUT (auch CH) sind sehr befreundete und wirtschaftlich eng verbundene Staaten. Da ist sicher auch die Sprache schuld. Ich finde es logisch wenn man eine Fussballmannschaft aus solch einem Nachbarstaat unterstützt oder zumindest lieber gewinnen sieht als eine andere. Sowieso wenn man selbst nicht dran teilnimmt, im Fall von AUT. Deutsche sympatisieren auch gern mit der Schweizer Nati, nicht nur wegen Hitzfeld, und hätten sicher nichts dagegen wenn sie Vize-Weltmeister würden.
Als Südtiroler ist Italien zwar dabei aber ich persönlich mag die Trikolore nicht sehn, ich denk dabei nur an Rom, faschistische Denkmäler und Politik. Und davon will ich weg.

Und wenn man dann noch die Art und Weise sieht wie D gegen Portugal gespielt hat..das ist einfach schöner Fussball!
Die Italiener dagegen haben sich von England vorführen lassen und irgendwann kommt ein Balloballa und macht den Ball rein, fertig. Das ist zwar effektiv aber das anschaun macht keinen Spass.

Magari qualche albergatore di Kufstein o Jenbach tifa anche per i tedeschi (o fa finta) ma che gli austriaci in genere abbiano simpatia per i tedeschi è veramente grossa. Gli svizzeri poi non ne parliamo: a Basel e Zurigo i germanici sono veramente malvisti. No, direi che il fenomeno del tifo per la Germania fuori dalla Germania è diffuso solo tra gli ascari pangermanici del Sudtirolo, neanche tanti per altro.

ich bezweifle auch stark, dass es in österreich eine nennenswerte zuneigung zur deutschen nationalmannschaft gibt. aus persönlicher erfahrung vieler wm- und em-spiele bei public viewings in innsbruck weiß ich, dass – wenn deutschland am platz stand – fast alle (mit ausnahme der bundesdeutschen studenten) zur jeweils anderen mannschaft gehalten haben – egal wer diese mannschaft war.
allein cordoba verbietet dem gelernten österreichischen fussballfan jegliche sympathie für deutschland. diese hassliebe hört man sogar bei den sportkommentatoren des orf durch.
jeder, der mir nicht glaubt, sollte mal versuchen mit einem deutschland-leiberl und einer deutschland-fahne durch innsbruck zu marschieren und sich dabei als tiroler zu erkennen zu geben. viel spass!!!

@pippo
no pippo, anche in austria il mondo non è solo nero o bianco, esistono sempre piú possibiltà¡.
in der regel stimmt es aber, dass die bundesdeutschen sei es in österreich wie in südtirol nicht gerade beliebt sind. allerdings gibt es eben eine ausnahme. die bayern und auch die schwaben sind den österreichern/südtirolern sehr sympathisch, und umgekehrt ist es genauso. frag mal einen österreichischen staatsbürger oder einen echten bayern, wer ihm sympathisch ist: ein wiener, ein norddeutscher oder ein südtiroler. beide werden dir antworten dass sie wiener und norddeutsche nicht ausstehen können, aber die südtiroler mögen sie (außer natürlich die ganz italophilen, die sind nördlich des brenners nicht sehr beliebt). so ist das nun mal.
und der prozentsatz aus österreich scheint zu stimmen, das wurde von einem unabhängigen Institut ermittelt. in südtirol dürfte der prozentsatz der deutschlandfans unter den deutschen südtirolern ähnlich sein tipp ich mal.

Die Österreicher halten bei der Fußball-WM 2014 zu den Deutschen

Naja, Salto* ist immer so lange weltoffen und progressiv, soweit es nicht gegen die Italianità  und gegen die Gesamtheit des Staates an sich geht. Eigentlich so ziemlich ein Widerspruch in sich und auch ziemlich heuchlerisch und doppelmoralisch, da auf der anderen Seite jeder Meinung, die dieses (fragile) Gefüge schaden könnte, ausnahmslos die weltanschauliche Konzeption aberkannt wird.

*man könnte eigentlich die Grünen auch gleich mit ins Boot holen…

Salto* ist immer so lange weltoffen und progressiv, soweit es nicht gegen die Italianità  und gegen die Gesamtheit des Staates an sich geht.

D’altra parte non c’è verso di far capire alla gente che Garmisch e Verona son distanti uguali; e se un Bolzanino di Viale Europa sente indiscutibilmente Verona come qualcosa di assolutamente familiare, uno di Sarentino, è libero a buon diritto di considerare Garmisch allo stesso modo.
Solo che se il primo tifa Italia è normale, se il secondo tifa Germania, è un fiero nazionalista oppurtunisticamente antiitaliano.
Proprio per questo ho deciso che quest’anno sarò più aperto e moderno di tutti e tiferò quindi per un sacco di nazioni “competamente straniere”: tutte quelle che giocheranno contro l’Italia.

Io spero vivamente che la storia si ripeta e i tedeschi – boriosi fino alla nausea – vengano sbattuti fuori da un’Italia possibilmente brutta e cinica in semifinale (nelle scorse famose semifinali e nella finale di Madrid andò diversamente: l’Italia ha sempre superato la Germania anche giocando meglio, a Madrid addirittura cancellandola). Poi per me il mondiale può anche finire.

Na, das nenne ich doch mal einen qualifizierten Beitrag. Zur genannten Hochnäsigkeit kannst du sicher Quellen liefern, gell? Wo dus doch sonst auch so mit Links hast.

Ich besitze gar keinen Fernseher, bin im Urlaub, habe es mit meinen Söhnen auf Italienisch angeschaut. Es war unterhaltsam (England-Uruguay). Thats it.

Dir gefällt Fußball zuzuschauen. Was findest Du daran spannend? Ist doch nichts besonderes vor der Glotze zu sitzen, Bier zu trinken und ein paar Sprüche zu klopfen.
Das kann man gerne machen, aber so spannend ist es dann auch nicht, es sei denn ich stürze angetrunken vom Sessel. …

ist der erste schon vom Sessel gefallen? Habe das Italien-Costa Rica-Spiel erst nach dem Ende mitbekommen. gut so. die anderen werden auch bald verlieren und dann ist alles gut.

In der Tat ein hochqualifizierter Beitrag:
Siehe auch:

Guerre… Mondiali.

gadilu a dit ai 20. Juni 2010 a les 16:51 :
@ piripiri
Lo ripeto: crucchi di merda. Ora e sempre. Quando si gioca a calcio: crucchi stramerda

http://segnavia.wordpress.com/2008/06/26/crucchi/

Posted by gadilu
Ieri sera, appena finita la partita Turchia-Germania (che ha visto prevalere i tedeschi), ho lasciato un commento sul blog di Lorenz Puff (Mazinga) che ha destato prevedibile scalpore: ”Merda. Hanno vinto i crucchi di merda”.

Grazie niwo, sei in effetti un lettore di grande memoria (anche se capisci in genere poco).

Ziemlich trollig (nicht: *d*rollig) das Ganze.

Sich zu erwarten, dass ein “ernster” Fußball-Fan (also ausdrücklich nicht einer wie ich, der nur sporadisch die großen Meisterschaften oder die Liga-Spiele des eigenen Nachwuchses verfolgt) das Thema Fußball auf dem gleichen Niveau einer sachlichen Diskussion kommentiert ist wohl eher blauäugig.

Fan-Logik kann ein Außenseiter, der dem Ganzen auf einem gebildeten Niveau folgen möchte, kaum teilen. Zu derb, homophob oder nationalistisch die Sprechchöre, zu emotionsgeladen und überspitzt charikiert die Routinen der Fans. Das Ganze ist ein extrem polarisiertes Spektakel archaischen Ursprungs.

Völlig klar, dass dann auch “crucchi di merda” oder beispielsweise “schwuler, schwuler fcb” (typischerweise dargebracht nach der Melodie von “Sierra Madre”) Sprüche daherkommen. Beide Sprüche logischerweise nicht von mir, beide würde ich nicht über die Lippen bringen, und doch entspricht das exakt dem Gegröle von Zehntausenden in jedem Stadion am Sonntag.

Da ich nicht so tief in die Fanwelt einsteigen möchte, kann ich dort ganz einfach nicht mit hin, das ist nicht meine Welt. Ich brauch auch gar nicht mitzudiskutieren, warum es diese Sprüche braucht, um das Erlebnis “Fussball-Fan” zu vervollständigen.

Ich kann mir höchstens einen Tribünenplatz gönnen (geht auch nur noch in manchen Stadien), Süd- oder Nordkurve stehen außer Diskussion (obwohl ich als Student mich noch getraut habe, ein Paar legendäre 1860er Spiele in der Kurve der Grünwalder Straße und genauso spannende FCB Spiele in der Kurve des Olympiastadions zu erleben, das zählt dann als Lebenserfahrung).

Ich würde mich aber hüten, alle Leute, die Sonntags in der Kurve stehen nach dem zu urteilen, was sie an eben diesem Sonntag in der Südkurve tun. Oder eben der Spruch des gadilus außerhalb des Fancontextes zu betrachten. Fanlogik ist ein Schauspiel, das seiner eigenen Logik folgt, im Übrigen scheint mir, recht subjektiv, dass der hier gepostete “segnavia” Beitrag von gadilu genau dies reflektiert.

Der Knackpunkt für mich ist, bei allem Verständnis für dieses verquere Fan-Theaterstück, trotzdem wo man Grenzen setzen muss. Der Schritt von einem bedeutungslosen (für den Fan natürlich: bedeutungsschweren) Theaterstück zu einem Vorgang mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die reale Welt (zb Gewaltexzesse an jedem Sonntag, offene Homophobie) ist nur ein ganz kleiner. Nur allzu richtig, dass verbandsmäßig diesbezüglich immer härter durchgegriffen werden muss.

Für den Rest halte ich mich an ein paar Grundsatzannahmen:

Fussball ist völlig bedeutungslos. Nach ein oder zwei Nächten Frust über die Niederlage der eigenen Mannschaft folgt der bekannte Spruch “nach dem Spiel ist vor dem Spiel”.

Fussball ist äußerst simpel. Zwei Mannschaften, ein Ball, der muss ins Tor. Abseits und Fouls sind schnell erklärt. Jeder kann sofort mitverfolgen was Sache ist und völlig schlau mitdiskutieren. Selbst ich, eine völlige Fußballbanause, kann einwandfrei mit-fachsimpeln.

Fussballfans bilden eine eingeschworene Gemeinschaft. 90 Minuten lang fiebern, leiden, jubeln sie gemeinsam. Es gibt keine gesellschaftlichen Schranken, keine körperliche Abstandszone, die eingehalten werden muss. Die Fanuniform und das Spielgeschehen bieten absolute Identifikation. Die Logik und Anonymität der Massen führt zu bekannten kritischen Situationen.

Ich persönlich muss nicht einer solchen Fanlogik folgen, um ein Spiel zu genießen. Und schon gar nicht muss ich einen Fan von der angeblichen Unnötigkeit seines Fanschauspiels überzeugen. Davon verstehe ich einfach nichts.

meine italienischkenntnisse sind zwar enden wollend, aber ich lese aus gadilus einträgen schon ein wenig humor raus – wenngleich es nicht mein humor ist. sich über so einen kommentar aufzuregen ist gleich kindisch wie der kommentar selbst. 1. regel: ignore the bully

Falls Italien den Cup holt, könnten wir uns doch alle am Siegesdenkmal treffen und “Faccetta Nera” singen?
GaDiLu darf dirigieren….

@ Christoph:

Völlig richtig, was du sagst. Im Endeffekt geht mir Fußball auch am Allerwertesten vorbei und wenn ich in diesem Kontext von einer geistig minderbemittelten Person ob meiner Muttersprache beleidigt werde, kann ich idR nur müde darüber lächeln.
Wenn sich aber jemand als Saubermann aufspielt und jede Verfehlung unsererseits sofort (und oft genug mit Argumenten unter der Gürtellinie) aufzeigt, dann sind solche Äußerungen auch im Fankontext nicht akzeptabel und offenbaren mMn den eigentlichen Unwillen, eine faire und ergebnisoffene Diskussion zu führen.

‘Wir leben in Deutschland. Da ist man stolz auf sein Land’
Jeder (!) der dort lebt, kann stolz sein, ich mein ich bin auch aud Europa stolz.

@pervasion: party-patriotismus ist nationalismus

Ich nehme an, das ist auf mein München-Zitat bezogen, wo sich mir letzte Woche ein buntes Fahnenmeer gezeigt hat.

Nein, lieber Pervasion. Es ist nicht so schwarz/weiss. Ein Blau/Weisses Wimpel an einem Auto, gerne auch an einer alten studentischen Schrottkarre ist kein Nationalismus. So wie auch ein Schwarz-Rot-Goldener Stringtanga kein Nationalismus ist. Beides in München gesehen. ;)

Nein, es ist nicht dein München-Zitat gemeint. Aber spätestens dann, wenn man sich nicht mehr (nur) über den Erfolg der eigenen freut, sondern sich gegen andere wendet (z.B.: crucchi di merda), ist meiner Meinung nach eine rote Linie überschritten.

Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.

— aus dem SZ-Beitrag

Da bin ich übrigens sogar mal mit Frau Stocker (im von dir geposteten Interview) einer Meinung.

@pervasion

@Liberté: Man soll stolz sein, zufällig hier und nicht andernorts geboren zu sein?

Ja, ich denke man kann im Leben auch auf etwas stolz sein, für das man nicht aktiv etwas getan hat, wie z.B. hier geboren worden zu sein. Ich möchte mich an dieser Stelle mal als Südtirol-Patriot “outen”. Natürlich gemäß der oben zitierten Definition, wonach ein Patriot jemand ist, der seine Heimat liebt und nicht die Vaterländer der anderen verachtet. Das gilt übrigens auch für Italien, das ich als Land sehr mag, obwohl ich entschiedener Sezessionist bin.

@pérvasion
Ja, aber nicht geboren somdern leben. Und man soll nicht sondern kann darauf stolz sein.Den der Staat sind wir alle also können wir alle stolz sein wenn uns etwas gelingt. Von Zufälligkeit kann keine Rede sein.

Wieder einmal kommen sofort die Emotionen hoch. Ich schaue nur alle vier Jahre Fußball, nämlich zur WM. Ich habe keinen Favoriten, meist entscheide ich während des Spieles, wer mir sympathischer ist. Häufig ist es der Underdog, die vermeintlich schwächere Mannschaft. Umso schöner waren für mich die letzten zwei Tage, wo Spanien und England rausgeflogen sind. Also, alle mal entspannen, vielleicht fliegt ja noch Italien und Deutschland raus, dann kann man in Ruhe einfach Fußball genießen!

Besser schweigen und als Narr scheinen, als sprechen und jeden Zweifel beseitigen.
(Abraham Lincoln)

Der italienische Nationaltrainer
Prandelli wirkte deprimiert über die Zustände in seiner Heimat. “Wir haben keinen (sic!) Sinn für Patriotismus”, zürnte der 56-Jährige. Die Gründe für das Scheitern sieht er nicht allein auf dem Rasen, sondern auch im angeblichen Widerstand in Teilen der italienischen Gesellschaft. “Wir wurden mit einer Aggressivität kritisiert, als wären wir eine politische Partei”, sagte Prandelli.
Zu den Gründen des WM ausscheiden Italiens.

Ich weiß ein Marsch den Hitler mochte (wollen wir jetzt auch Wagner verbieten?)
Ich erkenne ansonsten nichts verwerfliches.

@Libertè:

Immer noch keine Hitler Grüße oder Flaggen kein scheiß Italiener usw.

Ich weiß ein Marsch den Hitler mochte (wollen wir jetzt auch Wagner verbieten?)

Du bist anscheinend blind für den Kontext und du verwechselst da was.

a) Es geht hier und auch im Bericht nicht um’s verbieten von irgendwelchen Melodien.

b) Es geht darum, dass der Marsch für diesen Anlass explizit ausgewählt und damit instrumentalisiert wurde. Wohlgemerkt: nicht die Musik als Solche wurde instrumentalisiert, sondern, aus dem Kontext wird ersichtlich, dass hier offensichtlich die Historie des Marsches missbraucht wird.

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