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Ein Nicht-Thema mit Potential zum Weltuntergang.

Ich habe mir fest vorgenommen, mich aus dem Thema “österreichische Staatsbürgerschaft für Südtiroler” weitestgehend rauszuhalten, weil ich es für kein vordringliches halte. Ich persönlich halte die Angelegenheit eigentlich für ein “Nicht-Thema”, wenngleich ich niemandem absprechen möchte, sich auf demokratischem Wege für etwas einzusetzen, das ihm/ihr wichtig ist. Jeder hat das Recht dazu und es liegt nicht an mir, zu beurteilen bzw. vorzuschreiben, welchen Stellenwert eine Agenda für jemand anders haben muss. Ich habe aber auch das Recht zu sagen, dass mir dieser Einsatz weder für mich persönlich noch für die Gesellschaft zielführend erscheint. Wenn der gegenteilige Eindruck aber bei einer kritischen Masse gegeben ist (was auf eine Landtagsmehrheit zutrifft), dann ist das zu akzeptieren.

Zugegeben, ich habe leicht reden, denn zum einen bin ich selbst Träger des “gefährlichen Spaltpilzes” – sprich der österreichischen Staatsbürgerschaft – und zum andere sind meine Kinder bereits jetzt Doppelstaatsbürger. Ich hoffe nur nicht, dass eine etwaige Entscheidung für die eine oder andere Staatsbürgerschaft, die sie vielleicht mit 18 Jahren treffen müssen, sie und mit ihnen gleich ganz Südtirol zerreißt. #ironieoff

Die Diskussion scheint mir nämlich völlig aus den Fugen geraten zu sein und Kommentatoren überbieten sich im Ausmalen von Horrorszenarien, welche eine meines Erachtens einigermaßen belanglose Entscheidung angeblich auszulösen imstande wäre. Ich möchte an dieser Stelle auch nicht zum Thema selbst, sondern zur Diskussion Stellung beziehen. Denn das Problem ist nicht die Umsetzung oder Nicht-Umsetzung dieses Vorhabens, sondern vielmehr die Art und Weise, wie hierzulande Diskussionen dieser Art geführt werden und auf welchem Niveau „Argumentation“ stattfindet.

Es tut mir leid, dass ich jetzt ein Stereotyp bedienen muss, aber es ist irgendwie typisch Südtirol: Man sieht sich wieder einmal als der Nabel der Welt, an dem Dinge, die andernorts völlig unspektakulär von statten gehen, fast notwendigerweise zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führen müssen, weil man ja so speziell ist. Untergangsszenarien werden heraufbeschworen für etwas, dem allein nur durch die Art der Diskussion Sprengkraft angediehen wird. Das Thema selber ist harmlos. Es gibt kaum praktischen (abgesehen von ein paar Dingen) und fast nur ideellen Nutzen (der individuell legitim ist). Wobei das “Nutzen-Argument” ohnehin ein zweischneidiges ist. Heben die Befürworter der Doppelstaatsbürgerschaft den Nutzen (Wahlrecht, deutschsprachige diplomatische Vertretung/Botschaft im Ausland, Vorteile an Universitäten als “Innländer” usw.) werden sie sofort als Opportunisten und Rosinenpicker bezeichnet. Streichen sie hingegen keinen praktischen Nutzen heraus, wird der Mangel an solchem als Gegenargument gebracht: “Was soll das dann bringen?“ Eine echte Lose-lose-Situation.

Die Diskussion erinnert mich ein wenig an jene zur Homoehe. Da haben auch jene am lautesten protestiert, dass das nicht sein könne, die es gar nicht betrifft. Niemandem wird etwas genommen. Und die, die es wollen, bekommen etwas dazu. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die, die gar keinen zweiten Pass beantragen wollen, auch nicht wollen, dass andere das tun können. Warum?

Grundsätzlich stehe ich dem Ansinnen “Doppelstaatsbürgerschaft” skeptisch bis ablehnend gegenüber*, da es aus inhärent nationalistischen Motiven heraus angestrebt wird. Wobei das eigentlich paradox ist, denn das Konzept der Doppelstaatsbürgerschaft an sich ist das antinationalistische überhaupt. In der Logik eines echten Nationalisten kann man nämlich nur Teil einer und nicht mehrerer Nationen sein. Auch erlaubt einem die Doppelstaatsbürgerschaft das sowohl-als-auch und nicht bloß das entweder-oder. Pluriidentitär zu sein heißt in letzter Konsequenz antinationalistisch zu sein. Und sollte das Kriterium für einen möglichen Verleih – das wir noch nicht kennen – historisch und nicht ethnisch sein, sprich alle ehemaligen österreichischen Staatsbürger und ihre Nachkommen, die ihre österreichische Staatsbürgerschaft unfreiwillig verloren haben – egal welcher Muttersprache – betreffen, dann wäre das Unterfangen streng genommen gar nicht einmal nationalistisch motiviert.

Am Ende entscheidet jedenfalls Österreich – und Österreich allein – wem es seine Staatsbürgerschaft zuerkennen möchte und wem nicht. Das hält die Diskutanten in Südtirol aber nicht davon ab, die abstrusesten Argumente ins Treffen zu führen.

Die Entscheidung für oder gegen die österreichische Staatsbürgerschaft wäre eine neue Option.

Diese Verharmlosung nazi-faschistischer Verbrechen an der Südtiroler Gesellschaft entbehrt eigentlich jeden Kommentars. Umgelegt auf die Selbstbestimmung ist hier bereits alles gesagt.

Eine derartige Regelung würde die guten Beziehungen zwischen Österreich und Italien aufs Spiel setzen.

Meines Wissens gibt es in 26 von 28 EU-Staaten Regelungen, die Doppelstaatsbürgerschaften in irgendeiner Art vorsehen. Österreich ist eines der zwei Länder, die sehr rigide sind, was doppelte Staatszugehörigkeit betrifft. Grundsätzlich basiert die zwischenstaatliche Zusammenarbeit auf Gegenseitigkeit. Warum also sollte Italien “verschnupft” sein, wenn Österreich eine Regelung einführt, die Italien selbst unter den EU-Staaten wohl am exzessivsten betreibt. Italien verleiht den italienischsprachigen Bürgern Istriens, ja sogar Leuten, deren Vorfahren im 19. Jahrhundert nach Argentinien ausgewandert sind, ohne weiteres zusätzlich die italienische Staatsbürgerschaft. Die Auslandsitaliener haben bei staatsweiten Wahlen sogar mehrere Wahlkreise! Italiens Motivation diesbezüglich ist freilich von einem übersteigerten Nationalismus geprägt und ich halte es nicht für zielführend, wenn Österreich da mitzieht. Aber als Gegenargument taugt die Sache nicht.

Wenn Österreich den Südtirolern die Staatsbürgerschaft zuerkennt, müsste es diese auch den Tschechen, Slowaken, Ungarn und allen anderen Bewohnern der Habsburgermonarchie zuerkennen.

Nein. Müsste es nicht. Österreich kann das regeln, wie es das möchte. Zudem haben Ungarn und Tschechen – wenn man die nationale Logik weiterführt – nach dem Zusammenbruch der Monarchie ja letztendlich eigene Nationalstaaten gebildet. Der Unterschied zu Südtirol ist, dass es unfreiwillig im falschen Nationalstaat gelandet ist – wie gesagt, wenn man in nationalen Kategorien denken würde.

Die FPÖ spricht sich vehement gegen eine Doppelstaatsbürgerschaft türkischstämmiger Menschen in Österreich aus, fordert sie aber gleichzeitig für die Südtiroler. Das ist widersprüchlich.

Nein, ist es nicht. Ich lehne die Politik der FPÖ ab, wie man weiß, aber ihr da eine Widersprüchlichkeit anzudichten, ist unsinnig. Die Türken in Österreich haben sich freiwillig für Österreich entschieden. Südtirolern wurde ihre Staatszugehörigkeit unfreiwillig genommen. Da ist ein kleiner Unterschied – nicht bloß dann, wenn man wie die FPÖ eine nationalistische Logik, die mir nicht gefällt, anwendet. Widerspruch gibt es in dieser Haltung somit keinen.

Die Südtiroler waren nie Staatsbürger einer österreichischen Republik und die, die Bürger der Monarchie waren, sind schon alle tot.

Zum einen – wenn ich richtig informiert bin – waren die Südtiroler für kurze Zeit nach Kriegsende bis zur Annexion durch Italien Bürger Restösterreichs. Und zum anderen könnte man die Verleihung der Staatsbürgerschaft auch als eine Art historische Kompensation sehen, wie das in Artikel 116 des deutschen Grundgesetzes zum Ausdruck kommt. Dort ist nämlich geregelt, dass diejenigen und deren Nachfahren (!), die zwischen 1933 und 1945 die deutsche Staatsbürgerschaft unfreiwillig verloren haben (vertriebene Juden usw.), Anspruch darauf haben. Für Südtirol könnte man ähnliche Kriterien festlegen und die Verleihung der österreichsichen Staatsbürgerschaft auch an die Nachfahren der ehemaligen österreichischen Staatsbürger (freilich nur für jene, die das möchten) als symbolischen Akt und eine Art Kompensation für den faschistischen Zwang, der nicht nur die Aufgabe der Staatsbürgerschaft, sondern auch der Staatszugehörigkeit des gesamten Gebietes vorsah, verstehen.

Haben wir denn keine wichtigeren Probleme?

siehe FAQ C1

Wenn nicht alle in Südtirol lebenden Menschen in den Genuss dieses Rechtes kommen, wäre das eine Ungleichbehandlung, die zu einer Spaltung der Gesellschaft führt.

Geht es auch eine Nummer kleiner? Rechtstitel sind immer an gewisse Voraussetzungen und Kriterien, die man erfüllen muss, gebunden. Proporz und Frauenquoten wären dieser Logik folgend auch Ungleichbehandlungen. Zudem gibt es bereits jetzt tausende Doppelstaatsbürger in Südtirol, die Voraussetzungen erfüllen, die andere nie erfüllen werden können (z. B. Elternteile mit zwei unterschiedlichen Staatsbürgerschaften zu haben). Zu einer Spaltung der Gesellschaft haben diese Bürger meines Wissens bislang noch nicht geführt. Sie sind vielmehr überhaupt nicht aufgefallen.

Als Staatsbürger müssten die männlichen Südtiroler zum österreichischen Bundesheer.

Nein. Es ist zwar jeder männliche Staatsbürger stellungs- und wehrpflichtig. Aber jene, die dauerhaft im Ausland leben, werden nicht zum Wehrdienst eingezogen.

Die Doppelstaatsbürgerschaft ist rechtlich nicht möglich.

“Rechtlich nicht möglich” ist Firlefanz. Natürlich ist es rechtlich möglich, wenn der politische Wille dafür gegeben ist – schließlich wird das Recht durch den demokratischen Willen (die Legislative) bestimmt.

Die Doppelstaatsbürgerschaft ist unrealistisch.

Mein Lieblingsargument, das meist mit obigem im Paarlauf auftritt. Realismus ist keine politische Kategorie, wie ich immer zu sagen pflege. Wir wissen zwar noch nicht, ob Österreich diese Regelung einführt, aber es gibt zumindest eine starke Willensbekundung der zukünftigen Regierungsparteien. Immer wenn solch “unrealistische” Dinge passieren – und das ist gar nicht so selten – krame ich gerne alte Zeitungsartikel heraus.

So hat zum Beispiel Salto die Angelegenheit schon vor zwei Jahren definitiv zu Grabe getragen:

Gnadenstoß für den Doppelpass
Die doppelte Staatsbürgerschaft steht vor dem definitiven Aus. 

Auch der Kammerabgeordnete Florian Kronbichler meldete sich mit einer doppelt präzisen Prognose zu Wort:

Andreas Khol hat es letzte Woche schon ausgesprochen: Er hat gesagt, das Ding mit der Doppelstaatsbürgerschaft ist Unfug, unnütz, unrealistisch, gefährlich. So lang haben wir geeiert. Und so lang haben es auch die Höchstverantwortlichen im Land, auch der Landeshauptmann, treiben lassen. Nicht einmal der Landeshauptmann, der selbst dagegen ist, hatte die Schneid, offen zu sagen: aufhören mit der Forderung nach Doppelstaatsbürgerschaft! Jetzt hat es der Mann sagen müssen, der wahrscheinlich nächster österreichischer Bundespräsident wird. Danke, Herr Khol.

Kronbichler spricht von jenem Andreas Khol, der mit 11,12 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang auf Rang fünf von sechs Präsidentschaftsbewerbern kam.

Und vor drei Jahren meinte der damalige österreichische Bundeskanzler Werner Faymann, dass das alles Hirngespinste seien:

Auf die Frage, ob eine Doppelstaatsbürgerschaft realistisch sei, meinte der Kanzler: „Die Gepflogenheit und die politische Realität schauen anders aus“.

Die beiden sinnbefreitesten Argumente in einer an sinnbefreiten Argumenten nicht armen Diskussion liefern zum Schluss zwei Universitätsprofessoren.

Francesco Palermo meinte im Salto-Interview:

E non è finita, perché bisogna valutare cosa comporta la cittadinanza. Uno status tout court, con il diritto di voto, oppure no, quindi discriminando chi non può? E ancora: esentando dall’obbligo di pagare le tasse in Austria, quindi dando un trattamento di maggior favore? Ecco, prima di fare affermazioni di tipo politico vanno elencati tutti i punti della questione.

Ein Politiker, der gerne den Wissenschaftler gibt, behauptet allen Ernstes, dass die Steuerfrage diesbezüglich von Relevanz wäre! Die Steuerpflicht ist vom Lebensmittelpunkt und nicht von der Staatsbürgerschaft abhängig. Unglaublich, dass Professor Palermo offenbar annimmt, dass chinesische Staatsbürger, die regulär in Südtirol beschäftigt sind, ihre Steuern an China abliefern.

Der in Sterzing geborene und in Graz lehrende Soziologe Max Haller wartet als Sahnehäubchen der Propaganda in seinem oberflächlichen und mit vielen faktischen Unschärfen gespikten Beitrag “Ein gefährlicher Spaltpilz” mit folgendem Statment auf:

Jene Südtiroler Politiker – aber genauso jene in Österreich – die die Forderung nach einer Doppelstaatsbürgerschaft unterstützen, scheinen sich ihre Implikationen bei weitem nicht klar gemacht zu haben. […] Beim Wehrdienst (sofern sich jemand dafür melden würde) könnten es sich die Wehrpflichtigen aussuchen, in welchem Land sie diesen ableisten wollen. Im Extremfall könnte dies im Falle eines Krieges dazu führen, dass Südtiroler gegen Südtiroler kämpfen müssten.

Krieg? Zwischen Österreich und Italien? Da hat sich jemand die Implikationen wohl ganz klar gemacht. Und überdies: wenn Südtiroler “nur” gegen Nordtiroler, Salzburger oder Schweizer in den Krieg ziehen müssten, wäre alles paletti? Oder wie soll man diese Aussage verstehen? Wo ist der Unterschied, ob Südtiroler gegen Südtiroler oder Südtiroler gegen Nordtiroler/Salzburger/Schweizer Krieg führen würden. Wäre eines von beiden weniger schlimm?

In dem Artikel spricht sich Haller – und dabei stimme ich mit ihm überein – für eine großzügigere Einbürgerung von Zuwanderern aus. Wenn also jemand aus Afghanistan nach Österreich kommt und österreichischer Staatsbürger wird, kann es dann nicht auch sein, dass er im Zuge einer UN-Mission in Afghanistan in Kampfhandlungen verwickelt wird (eine Spur wahrscheinlicher als Krieg zwischen Italien und Österreich) und somit gegen Afghanen kämpfen müsste? Sollte er deshalb keine Staatsbürgerschaft erhalten, um ihm dieses Schicksal zu ersparen?

Ein Ende der Schlacht mit “Argumenten” dieser Art ist leider nicht abzusehen.

Im Prinzip fallen mir nur zwei Pro- und zwei Contra-Argumente ein.

Pro

  • Ein opportunistisches, weil ich mir die (wenigen) Vorteile sichern möchte
  • Ein sentimentales, das sich aus Identitätsgefühlen speist, die nationalistisch sein können oder auch nicht.

Contra

  • Das Ansinnen folgt – soweit man das bislang beurteilen kann, da ja noch keine Kriterien für eine etwaige Vergabe bekannt sind – einer nationalistischen Logik, die kontraproduktiv ist.
  • Doppelstaatsbürgerschaften sind grundsätzlich kein Zukunftsmodell, da die Ansässigkeit ein wesentliches Kriterium für die Staatsbürgerschaft sein sollte und man generell lieber eine Unionsbürgerschaft anstreben sollte, die „nationale“ Staatsbürgerschaften obsolet macht.

Alles andere ist Humbug.

* Obwohl ich wahrscheinlich im Falle einer positiven Entscheidung für die Doppelstaatsbürgerschaft – wäre ich in der Situation eines “berechtigten Südtirolers” – die zweite Staatsbürgerschaft annehmen würde.

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23 replies on “Ein Nicht-Thema mit Potential zum Weltuntergang.”

Geht es bei dieser Debatte nicht (auch, vorwiegend?) darum, dass sich (viele, wenige?) SüdtirolerInnen zu Österreich bekennen und sich damit gegen Italien aussprechen wollen? Dass es also um eine vorläufige Doppelstaatsbürgerschaft geht, die aufgrund der derzeitigen Unmöglichkeit der eigentlichen Wunscherfüllung, nämlich jener, wieder Teil Österreichs zu sein, als erster Schritt auf dem Weg dorthin angesehen wird? Dann bin ich vorläufig AuslandsösterreicherIn. Aber jedenfalls ÖsterreicherIn und ItalienerIn nur mehr formal, weil’s aktuell halt nicht anders geht.
Das unterscheidet diesen Südtiroler Diskurs vielleicht auch grundlegend von jenem der AuslandsitalienerInnen in Argentinien oder Australien, die sich weitgehend (habe keine Belege dafür, nur ein paar Gespräche geführt) als Angehörige jener Staaten fühlen, in denen sie leben, größtenteils auch dort geboren und aufgewachsen sind und für welche die italienische Staatsbürgerschaft einen vorwiegend “sentimentalen“ (manchmal auch praktischen) Wert hat. Dies aber völlig losgelöst von einem wie auch immer gestalteten Anspruch der territorialen Angliederung an Italien (wäre ja auch absurd). Vergleichbare Überlegungen gelten vielleicht aber auch für ItalienerInnen in Grenzgebieten wie zum Beispiel Istrien, wo territoriale Ansprüche in rechten Diskursen mitschwingen, es aber nicht einmal potentielle Mehrheiten dafür gibt.

Könnte das nicht mit ein (oder gar der) nachvollziehbare(r) Grund dafür sein, dass dieses Thema hierzulande starke Emotionen und eine harte Debatte auslöst?

logisch. aber ich bin ja auch der meinung, dass das staatliche-zugehörigkeitsthema einer ähnlich hysterischen logik folgt.
es wäre interessant zu sehen, wieviele südtiroler ihre italienische staatsbürgerschaft zurücklegen würden, sobald sie die österreichische haben. wohl nicht sehr viele, vermute ich.

Mein Kommentar war nicht meritorisch und an vielen Argumenten ist einiges auszusetzen. Ich teile deine Aussagen, dass “das Thema selber harmlos (ist)” oder dass es einer “hysterischen* Logik” folgt, aber nicht. Sondern habe versucht, eine Erklärung dafür zu finden, weshalb es starke Emotionen auslöst. Darüber zu debattieren, ob Emotionen legitim und begründet sind, finde ich nicht zielführend. Wichtiger ist es, so meine ich, eine Erklärung für ihr Entstehen zu suchen und sie dann entsprechend zu adressieren.
*Wirklich? Hysterisch?

Darüber zu debattieren, ob Emotionen legitim und begründet sind, finde ich nicht zielführend.

Da hast du völlig recht. Als Mann vergess ich das immer wieder :-). Die Worte “beruhige dich” haben noch nie jemanden beruhigt und “hab keine Angst” hat noch niemandem die Angst genommen. Völlig klar. Wobei ich ja auch nicht die Lösung anbiete, sondern meines Erachtens eine nicht rationale Reaktion aufzeige, die zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird.
Wenn ein Uni-Prof. vom Krieg zwischen Südtirolern und Südtirolern schreibt, ist das für mich hysterisch.

Ich würde mich der Angliederung Südtirols an Österreich zwar mindestens genauso widersetzen, wie dem Verbleib bei Italien — aber man sollte schon auch sagen, dass es sich im demokratischen Rahmen um eine völlig legitime Forderung handelt.

In meinem Kommentar ging es nicht um die Legitimität der Forderung. Ich habe nach einer Erklärung für die emotionalisierte Debatte gesucht.

Ich wollte dir auch gar nicht widersprechen… sondern nur etwas ergänzen.

Nachdem aber die Forderung legitim ist, sollte man eben auch sachlich darauf antworten — und nicht mit irgendwelchen sinnfreien »Argumenten«, die die Debatte nur vergiften und ad absurdum führen. Nicht an dich gerichtet, Sabina, sondern zum Beispiel an die Wissenschafter- und Professorinnen, die so verantwortungsvoll sein sollten, nicht Diskussionsbeiträge »wider besseren Wissens« abzusondern.

Glaubt ihr (Harald und Simon) nicht, dass es auch in der Argumentation der BefürworterInnen der doppelten Staatsbürgerschaft (ich generalisiere hier aus „Bequemlichkeit“, obwohl ich nicht davon ausgehe, dass es sich bei
BefürworterInnen und GegnerInnen um homogene Gruppen handelt) Lücken gibt, die den emotionsgeladenen Diskurs befeuern? Also dass die ins Feld geführten Argumente der „Harmlosigkeit“ (Was ist schon dabei?) und der “Individualität“ (Das betrifft doch nur jene, die es auch möchten.), deren Beweggründe und Zielsetzung nicht transparent abbilden und dass auch dieser Aspekt zur Emotionalisierung beiträgt? Ganz unabhängig von der demokratischen Legitimität dieser Beweggründe und Zielsetzungen.

klar haben sie den vorteil, dass sie nicht mit angstargumenten und horrorszenarien arbeiten müssen, sondern sich zurücklehnen können. wenn es um fragen der migration usw. ist es oft umgekehrt.

dass es auch in der Argumentation der BefürworterInnen der doppelten Staatsbürgerschaft […] Lücken gibt, die den emotionsgeladenen Diskurs befeuern?

Ja, da gibt es zumindest bei einigen durchaus Lücken. Aber Lücken sind was anderes als derart unlautere und offensichtlich falsche Behauptungen.

Für mich persönlich wäre bzw. ist die österreichische Staatsbürgerschaft ein Herzensanliegen und ich wäre sehr, sehr stolz darauf, sollte es damit klappen. Sie würde mir auch ein großes Maß an Sicherheit geben. Man weiß nie, wie sich alles entwickelt in Italien. Und ich meine jetzt nicht unbedingt wirtschaftlich, sondern vor allem denke ich da – wenn jetzt auch weit hergeholt, aber nicht zu unterschätzen – an dunkle (faschistische) Zeiten.

Vielen Dank für diesen Artikel!

Zu einem der häufigsten “Argumente” der DSB Gegner

Haben wir denn keine wichtigeren Probleme?

möchte ich anmerken, die Frage müsste man sofort zurück an die DSB Gegnern stellen:

Habt ihr DSB Gegner eigentlich keine anderen Probleme mehr, als mit soviel Zeit, Energie und nur Scheinargumenten bzw. Nichtargumenten gegen die DSB zu kämpfen? Euch wird nichts aufgezwungen, euch wird nichts genommen, euch entsteht kein Schaden, ihr habt dadurch keine Nachteile. Habt ihr echt keine anderen Probleme mehr?
Und erzeugt nicht ihr selbst mit dieser z.T. niveaulosen Diskussion und untergriffigen Behauptungen selbst die Spaltung, von der ihr ständig warnt?

Danke für den Artikel Harald. Hier ist mehr oder weniger alles gesagt zum Thema.

Mal sehen wie es sich weiterentwickelt. Selbst Günther Platter hat zu dem Thema nahezu einen 180° Schwenk vollzogen. In einem Dolomiten-Interview vom Dezember 2009 meinte der Nordtiroler Landeshauptmann Günther Platter noch auf die Frage “Die Südtiroler mit österreichischem Pass, ein Traum?”:

Ich sehe darin mehr einen Vorwand für eine neuerliche Diskussion um die Verschiebung der Staatsgrenzen. Hier wird ja seitens der freiheitlichen Seite sehr engagiert Populismus betrieben.

Es ist unbestritten, dass Tirol gewaltsam geteilt und eine Unrechtsgrenze installiert worden ist. Gerade in den letzten Jahren hat sich aber vieles getan. Die Leute leben heute in beiden Landesteilen, als ob es keine Grenzen mehr gäbe. Diese Fortschritte zu verleugnen, zeugt von Verantwortungslosigkeit und mangelndem Geschichtsbewusstsein.

Manche, die heute besonders laut schreien, haben wohl Sorge, dass sie mit dem friedlichen Zusammenleben in Südtirol ihre Geschäftsgrundlage verlieren, die da lautet: Nur wenn es dauernde Konflikte gibt, werden wir wahrgenommen.

Aber vielleicht erweitert der gute Günther auch nur seine eigene Geschäftsgrundlage, weil Februar 2018 die nächsten Wahlen anstehen…

Nun steht der Doppelpass also im Koalitionsabkommen. Noch lange keine Option und auch kein Ahnenpass… aber die Aussicht, dass die Vergabe an die Sprachgruppenzugehörigkeit gebunden sein soll, ist alles andere als erfreulich. Hoffentlich ist diese Formulierung im FPÖVP-Vertrag — falls dieser Punkt überhaupt umgesetzt wird — nicht das letzte Wort.

Der Hirte war ja gerade in der Tagesschau und meinte, der Doppelpass spalte die Gesellschaft und sei zudem anachronistisch. Wir sollten lieber nach vorne schauen… darauf angesprochen wollte er aber nicht ausschließen, dass er den Pass beantragen wird.

Alles interessant, aber da fällt mir glatt nochwas ein, was die Gesellschaft spaltet und anachronistisch/rückwärtsgewandt ist. (Tipp: Fängt mit »R« an und hat was mit dem Bischof zu tun.)

Mir fällt da auch was ein nämlich das Walsche Seppele, das haben die Leute nicht vergessen wie unchristlich dieser sich verhalten hat und dieses Amt dadurch beschädigt hat. Mit ein Grund warum die Aussagen des Bischofs, zumindest bei einem seiner Schäfchen keine Bedeutung findet.

Warum glaubt die Regierungsspitze in Wien zu wissen, dass ich einen rot-weiß-roten Doppelpass haben will?

Veronika Ellecosta auf Barfuss

Ich frag mich, womit ich das verdient habe. Was habe ich verbrochen, dass ich sowas lesen muss?

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