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Riskantes Unterfangen?
Der Zentralismus im Kopf

Die TAZ schreibt heute auf der Titelseite:

Der zweite Sonderweg
Obwohl die römische Regierung Südtirol nach wie vor als rote Zone einstuft, wagt der Landeshauptmann “vorsichtige Öffnungen”. Ein riskantes Unterfangen.

Den ganzen Artikel habe ich zugegebenermaßen nicht gelesen. Doch ich will bewusst diese Darstellung auf Seite 1 kommentieren, weil sie symptomatisch für die Bewertung der Corona-Maßnahmen im Lande ist.

Dass auch ich kein Fan zu schneller — womöglich unüberlegter — Öffnungen bin, habe ich bereits an anderer Stelle dargelegt.

Doch was genau hat das schon wieder mit Rom zu tun? Entweder die epidemiologischen Daten, der politische Wille, die Vorkehrungsmaßnahmen in Südtirol geben (bei aller Unwägbarkeit) eine Öffnung her oder nicht.

Wären wir — nicht nur rechtlich, sondern vor allem im Kopf — autonom, würden wir darüber debattieren, und nicht stets alles im Lichte römischer Entscheidungen betrachten, die zudem äußerst undurchsichtig sind.

Außerdem würden wir uns an den Ländern mit den besten Ergebnissen orientieren und nicht an jenem einzigen, das hier bestimmen würde, wenn wir unsere Autonomie nicht hätten oder nicht wahrnähmen.

Ich selbst bin der Meinung, dass die Landesregierung am Ende des Sommers falsche Entscheidungen gefällt hat, was — im Zusammenspiel mit einem noch immer schlecht vorbereiteten Gesundheitssystem und dem Verhalten vieler Menschen — zur extrem schlechten Lage der letzten Wochen geführt hat.

Die Maßnahmen und das Risiko in Südtirol stets nur aufgrund ihrer Strenge im Vergleich zu jenen Roms zu beurteilen, bringt uns m.M.n. jedoch nicht weiter.

Siehe auch:

Gesundheit Medien Vorzeigeautonomie Zentralismus | Coronavirus Medienkritik Zitać | Arno Kompatscher | TAZ | Italy Südtirol/o | Landesregierung SVP | Deutsch

13 replies on “Riskantes Unterfangen?
Der Zentralismus im Kopf

…dem Verhalten vieler Menschen…

Da liegt schon der Hund begraben, welches Verhalten ist gemeint? Genau dies wird in den Medien immer wieder gepredigt, dass man “Schuld” an irgendwelchem Verhalten hätte. Fehlen nur noch die Ablassbriefe des Mittelalters, um aus dieser großen Schuld noch herauszukommen… Dabei habe ich in Südtirol bislang das Gegenteil, nämlich einen exzessiven Maskengebrauch erlebt. Ich habe bei uns noch nie jemanden gesehen, der gänzlich ohne Maske in öffentlichen Innenräumen und in Geschäften unterwegs war.
In meinem Bekanntenkreis sind vor allem jene Menschen positiv getestet worden, kann Zufall sein, die die Maske eher auch dann noch verwenden, wo es keinen Sinn ergibt (alleine im Auto, im Freien alleine usw.).
Da liegt es doch Nahe, was einem ja auch der bloße Hausverstand sagt, dass genau auch die Masken ein Problem darstellen. Praktisch niemand wäscht die sog. Communitymasken richtig oder wechselt chirurgische Masken so oft, dass es hygienisch korrekt wäre. Diese sind aber nachweislich natürlich voller Keime, Pilze, Viren und Bakterien. Dann werden sie in die Hosen gesteckt oder auf den Tisch gelegt und von dort verbreiten sich diese dann munter weiter.
Genau unter anderem jene Länder, wo diese Regeln strikt und streng befolgt werden, sind viele Infektionen zu verzeichnen, siehe Frankreich, Italien usw.
Schweden hingegen hat gänzlich ohne Maske im Verhältnis viel weniger Tote und Infizierte als Südtirol. Deutschland, das bis vor Kurzem irgendwo in der Mitte zwischen Südtirol und Schweden liegt was die Maßnahmen betrifft, auch viel weniger. Wo übersehen wir was?
Etwa, dass jeder die Zahlen auslegt wie es ihm beliebt? Oder dass Maßnahmen wie Maskenpflicht völlig überbewertet sind? Im Freien und bei Kindern bin ich total dagegen, das sind Unterdrückungssymbole die psychologisch noch lange auf die Gesamtbevölkerung nachwirken werden – man suggeriert unterbewusst, “ich bin schlecht und Virenverbreiter und muss auch noch den Mund halten”. Das Argument vieler, dass sich mehr die Eltern als die Kinder was aus der Maskenpflicht in Schulen machen, mag im ersten Moment stimmen. Allerdings kann man Kindern alles schmackhaft machen, leider auch viele ungute Dinge (wie es schlussendlich leider auch bei Missbrauch durch Manipulation der Täter der Fall ist), deshalb kann dieses Argument nicht ziehen. Die psychologischen Folgen kommen immer erst viel später raus. Das ist in etwa dasselbe, wenn immer wieder behauptet wird, man habe ja nichts zu verbergen, deshalb könne man auf Privatsphäre verzichten. Da muss man aber auch -frei nach Snowden- bereit sein, die Meinungsfreiheit aufzugeben, weil man nichts zu sagen hat…
Vielleicht wäre es an der Zeit, eine in bestimmten Bereichen eigenverantwortliche und selbst-denkende Gesellschaft zu formen wie etwa in Schweden, anstatt alles zu übernehmen was halt bei uns die Leitmedien behaupten, mit Zahlen und scheinbare Fakten die sie selbst nicht deuten können…Aber das ist wohl nicht wünschenswert, da hat man halt lieber die Kontrolle…
Deshalb, helfen die Pandemie einzudämmen großes JA, KH entlasten JA, aber nicht mit widersprüchlichen Maßnahmen, die nichts bewirken außer eine Eindämmung sämtlicher Grundrechte und psychologischer Spätfolgen. Spätestens wenn es auch bei uns zu einem “normales Leben Pass” wie in GB vorgesehen kommen sollte (auch was etwaige Pflichtimpfungen, Bargeldabschaffung im Zuge von Corona, massive Überwachung usw. betrifft), sollte man sehr sehr wachsam sein…

Ich will jetzt nicht auf alles im Einzelnen eingehen. Könntest du aber das bitte etwas näher ausführen?

[…] widersprüchlichen Maßnahmen, die nichts bewirken außer eine Eindämmung sämtlicher Grundrechte und psychologischer Spätfolgen.

Auf welche Maßnahmen beziehst du dich da? Und warum bewirken sie »nichts« (außer Negatives)?

Ich will hier vorerst nur diese Maßnahmen nennen, obwohl ich auch andere ziemlich widersprüchlich finde: Die allgemeine Maskenpflicht für alle im Freien, die durchgehende Maskenpflicht für Kinder in der Klasse obwohl der Abstand vorher eingehalten wurde und das Amateursportverbot im Freien für Kinder und Jugendliche.

P.S.: zwei meiner drei Kinder gehen in die Grund- und Mittelschule, das andere in den Kindergarten. Von den Schulkindern haben wir mittlerweile hunderte unpraktische von der Schule ausgeteilte Masken rumliegen, wenn das mal nicht Geschäftssache ist…Nach den Aussagen von Gänsbacher beim letzten Pro & Contra (man muss mit einem Infizierten mind. 10 min. auf Minimalabstand sprechen um angesteckt zu werden) fragt man sich schon aus welchem Grund also diese exzessive Maskenpflicht?

mir stellen sich da ein paar fragen.

1. weit besser als alle europäischen länder haben japan und südkorea die pandemie im griff. und ich glaube mich erinnern zu können, dass dort masken ziemlich konsequent getragen wurden und werden. ein argument also, das dagegen spricht, dass masken grundsätzlich teil des problems und nicht teil der lösung seien.
2. es mag stimmen, dass es menschen gibt, die psychologische probleme aufgrund des maskentragens entwickeln. ich frage mich dann aber schon, ob wir nicht ein grundsätzlich problem dann haben, wenn ein paar wochen im leben den stofffetzen zu tragen, uns alle und unsere kinder dazu in massen aus der bahn wirft.
3. “man muss mit einem Infizierten mind. 10 min. auf Minimalabstand sprechen um angesteckt zu werden”
ich frage mich dann, wie ich mich wohl infiziert habe. denn in so einer situation war ich im in frage kommenden zeitraum nie. die einzige situation wo ich mir vorstellen kann, dass meine ansteckung herrührt ist, dass ich vier tage vor den ersten symptomen in einer schulklasse mit 25 jugendlichen war, von denen 11 später positiv getestet wurden und wir keine masken getragen haben. beweisen kann ich es freilich nicht. aber ich wüsste keine andere situation.
4. “außer eine Eindämmung sämtlicher Grundrechte” – welche Maßnahmen schränken SÄMTLICHE (!) deiner Grundrechte ein? Welches deiner Grundrechte wird durch das Tragen der Maske tangiert und ist dann deiner Meinung nach auch das verpflichtende Tragen eines Sicherheitsgurtes im Auto eine Grundrechtseinschränkung?

Also wenn Versammlungsverbot, Bewegungseinschränkung, zum Teil Redeverbote (Zensur auf den “Big Five” Facebook und co. bei abweichenden Meinungen zu den Coronamaßnahmen, undifferenziertes abstempeln als “Coronaleugner” bei Kritik an den Maßnahmen usw.), Berufsausübungsverbote, Verbote im Jugendsportbereich, Bildung, Einschränkungen im Gesundheitsbereich, Überwachung usw. keine Einschränkung der Rechte sind was dann? Es ist schon klar, dass dies Maßnahmen einer Pandemiesituation sind. Aber erstens: ist dies wirklich so eine schwerwiegende Pandemie die diese Maßnahmen und massiven Folgen rechtfertigt ? Und zweitens gehen diese Maßnahmen nun schon über einen längeren Zeitraum und noch ist kein Ende in Sicht.
Man muss schauen wie lange diese Lockdowns noch anhalten und welche Einschränkungen bzw. Überwachungsmaßnahmen bleiben. Du hast zum Teil schon recht, dass man zuversichtlich sein soll und bis zu einem gewissen Punkt bzw. einem überschaubaren Zeitrahmen einiges tolerieren kann, v.a. wenn es ein Nutzen für die Gesellschaft darstellen würde. Da bin ich der Erste der sich auch solidarisch gibt. Es sieht aber aktuell eher wie eine längere Geschichte aus und die sozialen, wirtschaftlichen und psychologischen Folgen sind jetzt schon so vehement, dass man sich fragen sollte wie lange das noch so gehen kann. Man denke nur an die Situation in den Familien, Pflegeheimen (meine Frau ist im sozialen Bereich tätig und bekommt alles aus erster Hand mit), den Arbeitslosen usw. Was die Masken betrifft so bin ich kein totaler Maskenverweigerer, sondern wundere mich wieso man die Maske im Freien tragen muss, wo doch von verschiedenen Seiten betont wurde, dass dies aus epidemiologischer Sicht nicht viel bringt und die Masken nebenbei noch bei unsachgemäßer Nutzung Bakterienschleudern sind. Und wer meint, dass bei geschlossenen Klassenräumen und mit Maske eine gute Luftzufuhr herrscht, siehe die bestellte Studie vom Land, da kann man nur den Kopf schütteln. Aber bitte, wenn es jeweils “nur” ein paar Wochen geht und bald wieder Normalität herrscht kann man darüber hinwegsehen…ist dem aber so? Wir wissen es nicht, aktuell sieht alles eher wie ein “Great Reset” und eine in vielen Bereichen bleibende neue Normalität (“Schöne neue Welt”) aus. Ich bin also ein Gegner des Tragens von Masken v.a. im FREIEN (und bei Kindern) wenn man so will, wenn eine allgemeine Maskenpflicht bei Verlassen des Hauses herrscht.
Aber nicht nur das durchgehende Maskentragen, v.a. viele andere Maßnahmen verstehe ich nicht.
Prof. John Ioannidis, einer der renommiertesten und vielzitiertesten Professoren weltweit, ist etwa ein scharfer Kritiker der Coronamaßnahmen über das Frühjahr 2020 hinaus, seine Aussagen würde ich sofort unterschreiben. Und er ist nicht wie ich ein Laie, sondern ist Professor für Medizin und Professor für Epidemiologie und Bevölkerungsgesundheit. Nebenbei noch Statistiker.

Stanford Professor Warns COVID Shelter-in-Place Orders Are ‘Killing People’

Wenn dieser Neustart (“Great Reset”) nach der Coronapandemie wirklich in eine bessere, sozialere, nachhaltigere und umweltbewusstere Welt mündet, bin ich als begeisterter Vegetarier und lernender Minimalist der Erste der dies unterschreiben würde. Also abwarten und Tee trinken…

https://en.wikipedia.org/wiki/Great_Reset

Warte, das Wichtigste hab ich vergessen. Seit mehr als einem halben Jahr wird weltweit mit Dekreten (Verfügungen) regiert, fernab von demokratisch gewählten Institutionen.

keine Einschränkung der Rechte sind was dann?

logisch gibt es (Grund)Rechtseinschränkungen, aber du hast geschrieben, dass sämtliche Grundrechte eingeschränkt wären. Und das stimmt einfach nicht. Auch weil sich der Schutz unterschiedlicher Grundrechte diametral im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit bzw. Gesundheit gegenübersteht

Und zweitens gehen diese Maßnahmen nun schon über einen längeren Zeitraum und noch ist kein Ende in Sicht.

Im Sommer gab es sofort wieder Lockerungen, als es die Situation zulies.

Es sieht aber aktuell eher wie eine längere Geschichte aus

Sollten die Impfungen tatsächlich effizient und sicher sein, könnte das schon ein Gamechanger werden.

sondern wundere mich wieso man die Maske im Freien tragen muss,

das sehe ich auch kritisch, wenngleich ich kein Experte bin

Prof. John Ioannidis, einer der renommiertesten und vielzitiertesten Professoren weltweit, ist etwa ein scharfer Kritiker der Coronamaßnahmen

Das ist das Schöne an Wissenschaft. Gleichzeitig findet man Fachleute auf dem Gebiet, die etwas völlig anderes sagen. In der Wissenschaft geht es um die Mehrheitsmeinung (das macht das peer-review, oder nicht?). Und diese Meinung ist so lange gültig, bis eine andere aufgrund von Evidenz zur Mehrheitsmeinung wird. Das unterscheidet Wissenschaft auch von Verschwörungsgläubigen. Die ändern ihre Meinung auch bei Evidenz nicht. Es gibt gar nichts, was ihre Meinung ändern kann. Stattdessen finden sie Ummantelungserklärungen.

fernab von demokratisch gewählten Institutionen.

Falsch. Erstens werden in Präsidialsystemen die Regierungen direkt vom Volk gewählt und zweitens sind Regierungen in parlamentarischen Systemen zwar nicht direkt vom Volk gewählt, aber sie haben dennoch demokratische Legitimation über die Parlamentsmehrheit. Sie sind also nicht fernab demokratischer Institutionen, sondern sind eine demokratische Institution. Das Problem ist eher, dass die Legislative nicht deren Aufgabe ist. Dennoch gibt es in sehr vielen Staaten die gesetzliche Möglichkeit der Dekrete für die Exekutive.

wirklich in eine bessere, sozialere, nachhaltigere und umweltbewusstere Welt mündet

da bin ich eher pessimistisch

Danke für die Antwort, hier nochmal meine Sichtweise zusammengefasst mit zwei -wie ich meine- interessanten Links:

1. Durch die Corona-Maßnahmen wurden sämtliche Grundrechte, die in der Verfassung verankert sind, angetastet: Recht auf Arbeit, Versammlungsfreiheit, Bewegungsfreiheit, um nur drei zu nennen.
2. Seit einem dreiviertel Jahr wird wegen der Coronapandemie mit Dekreten an den Parlamenten vorbei regiert.
3. Was ist ein Verschwörungsgläubiger? An Absprachen (oder anders ausgedrückt: Verschwörungen) zwischen Politikern, Lobbys, Verbänden, Banken, Privatpersonen usw. glaubst auch du, ich und der Rest der Menschheit, also sind wir alle Verschwörungsgläubige.
Zur wissenschaftlichen Mehrheitsmeinung. Auch wenn Studien peer reviewed sind, werden sich in der Wissenschaft trotzdem nicht alle einig und es gibt viele Wissenschaftler, die weiterhin an ihrer Meinung festhalten, genauso wie Verschwörungsgläubige. Man muss auch unterscheiden zwischen wissenschaftlicher Meinung und veröffentlichter Meinung. Die veröffentlichte Meinung zu den Coronamaßnahmen wird etwa z.B. in Schweden, Belarus und Deutschland ziemlich unterschiedlich ausfallen.
4. Prof. John Ioannidis letzte Studie vom Oktober 2020 über die Sterblichkeit von Covid-19 ist peer reviewed und im WHO-Bulletin (!) veröffentlicht. Im Gegensatz zu den meisten Regierungen, deren ausgewählte Experten und den Leitmedien hat er eine gänzlich andere Sichtweise was die Coronamaßnahmen betrifft.

Hier die Links zu der WHO-Studie und zu seinen Aussagen wegen den Maßnahmen (Arte-Doku bei 20:10)

https://www.who.int/bulletin/online_first/BLT.20.265892.pdf

https://www.arte.tv/de/videos/098118-000-A/corona-sicherheit-kontra-freiheit/

Kurz noch ein Zitat des wunderbaren Noam Chomsky passend zu den Maßnahmen und die öffentlich “zugelassene” Diskussion darüber:

Der kluge Weg, Menschen passiv und gehorsam zu halten, besteht darin, das Spektrum akzeptabler Meinungen streng einzuschränken, aber eine sehr lebhafte Debatte innerhalb dieses Spektrums zuzulassen – und sogar kritischere und dissidenten Ansichten zu fördern. Das gibt den Menschen das Gefühl, dass freies Denken im Gange ist, während die Voraussetzungen des Systems durch die Grenzen der Debatten immer weiter verschärft werden.

Dazu sei aber gesagt, dass er das nicht ausdrücklich über die Corona-Maßnahmen gesagt hat. Ich weiß schon, dass du das auch nicht behauptet hast, doch dieser Eindruck könnte sonst entstehen.

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