Eine breite Phalanx von Einflussreichen und Mächtigen wendet sich aggressiv gegen den Grieser Bürgermeister und seine Brennerblockade
Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) intervenierte bereits vor einiger Zeit in Rom und Wien gegen die Autobahnblockade hinterm Brenner. Schon damals sprach er von »schwerwiegenden Folgen«, jetzt legte er nach, die Demonstration werde zu einem gewaltigen Eigentor werden.
Der Landeshauptmann wird sekundiert vom Präsidenten des Unternehmerverbandes, Alexander Rieper, und seinem Trentiner Kollegen. »Blockaden lösen nichts«, halten sie dem Grieser Bürgermeister Karl Mühlsteiger entgegen, es helfen nur gemeinsame europäische Lösungen gegen die Pkw- und Lkw-Lawinen.
Ihre zweite Argumentationsschiene:
Längere Unterbrechungen des Transitverkehrs und Verbote haben negative Auswirkungen, nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auch auf die Umwelt, denn sie verursachen lange Staus und Stop and go – Verkehr, was die Abgase erhöht.
Sie wiederholen die schon geäußerte, fragwürdige, These, dass mit dieser Demonstration Lieferketten unterbrochen würden und die Versorgung nicht mehr garantiert werden könne. Bürgermeister Mühlsteiger versucht entgegenzuhalten, die »Bürgerversammlung« auf der Brennerautobahn beginne um 13:00 Uhr und ende um 16:30 Uhr. Wegen dieser dreieinhalb Stunden soll es zu einem Verkehrskollaps kommen, zu einer Unterbrechung der Lieferketten und einer prekären Versorgung? Echt?
Der 30. Mai ist ein Samstag, da gilt in Italien und Österreich ein Lkw-Fahrverbot. Ebenso dürfen am folgenden Sonntag auch keine Lkw fahren. Warum also diese absurde Panikmache? Anfangs Mai durften an drei Tagen keine Lkw auf die italienischen und österreichischen Autobahnen, wie auch Ende dieses Monats am 30. und am 31. Mai, genauso wenig am 2. Juni – Tag der Republik – auf italienischen Autobahnen. Deshalb wurde bisher kein Notstand ausgerufen.
Nur zu Erinnerung, 2012 blockierte das Transitforum Austria-Tirol bei Vomp am 28. September die Autobahn. Eine Blockade, deklariert als Bürgerversammlung. Die Aufregung darüber war groß, ein Eigentor war sie nicht. Die Lieferketten wurden nicht unterbrochen, niemand musste wegen der Blockade hungern, Stichwort Versorgungssicherheit.
Immerhin erreichte das Transitforum mit seinen ständigen Sticheleien, Protesten und Aktionen »Maßnahmen« für die Autobahnanrainer, es folgten dann auch Verbote, erlassen von der Tiroler Landes- und von der österreichischen Bundespolitik, von denen Südtirols Unternehmerchef nichts hält. Wieso hält die wirtschaftsfreundliche Schweiz an strikten Verboten fest? Ganz einfach, sie würde ansonsten von den Nachbarn recht unnachbarschaftlich überrollt werden. Mit allen Folgen.
Der ehemalige grüne Kammerabgeordnete und Ex-ff-Chefredakteur Florian Kronbichler geißelte die Südtiroler Transit-Allianz und ihre Anti-Blockade-Kritik in der ff–Außensicht zurecht als »schäbig, politisch dumm und wird noch zu büßen sein.« Kronbichler wirft den Lobbisten der freien Fahrt zudem vor, keinen Respekt vor den Opfern des Transits zu haben. Genau diese Opfer wehren sich, gegen die Kaltschnäuzigkeit der Mächtigen.
Diese Mächtigen schwadronieren von Investitionen in technologische Innovation, von der Modernisierung des Fuhrparks und von modalen Transportsystemen, um die Mobilität effizient und nachhaltig gestalten zu können. Vielleicht fördert der unerwünschte Protest am Brenner diese Entwicklung?
Und sie verweisen auf den Brennerbasistunnel, der angeblich die Mutter aller Lösungen ist. Nüchtern betrachtet, der BBT bleibt ohne Zulauf, erinnert top.tirol an die Fakten. Kurz und bündig, »das hat man verkehrspolitisch ordentlich vergeigt.« Ausführlich erläutert heißt es in top.tirol: »Wenn der Brennerbasistunnel – voraussichtlich erst 2034 – eröffnen wird, gibt es aus heutiger Sicht nur eingeschränkten Feierbedarf.«
Warum? Die Deutsche Bahn doktert seit Monaten an der Bahnstrecke im Deutschen Eck herum und sorgt für Verspätungen bei der ÖBB. Zudem zeige die Deutsche Bahn
keine Eile, die marode Bahnstrecke von München nach Kiefersfelden – den sehr wichtigen Zulauf für die Brennerstrecke – vor 2050 zu sanieren.
Top.tirol geht auch die ÖBB an, die die Modernisierung des Zulaufs zwischen Kufstein und Radfeld aus Budgetgründen auf unbestimmte Zeit verschoben hat.
Damit wird nichts mit der oft angekündigten Verlagerung des Transits von der Straße auf die Schiene. Erreicht wird hingegen eine doch spürbare Verringerung der Fahrtzeit zwischen Bozen und Innsbruck auf 50 Minuten. Ein kleiner Trost, findet top.tirol:
Ob diese Annehmlichkeit alleine eine 10-Milliarden-Euro-Investition rechtfertigen kann, bleibt aber wohl mehr als fraglich.
Wahrscheinlich sind weitere Eigentore und Weltuntergangsszenarien – also Blockaden – notwendig, um das Unterland, das Eisack- und Wipp- sowie das Inntal vom Transitterror zu befreien. Jährlich fast 15 Millionen Pkw und Lkw. Das ist für die Anrainer Eigentor und Weltuntergang in einem.

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