100% italienische Erdbeeren.
Nicht nur in Südtirol absurd

In Obstgeschäften und Supermärkten stößt man auch hierzulande immer wieder auf Produkte, die angeblich »100% italienisch« seien. Weil ich mich an diesem Schwachsinn stoße, vermeide ich — just for the record — solche Erzeugnisse fast reflexhaft. Genauso, wie ich übrigens 100% Südtiroler, 100% deutsches oder 100% spanisches Obst und Gemüse im Regal lassen würde.

Mit diesen Freienfelder Erdbeeren (es sind halt schon wieder die Erdbeeren) ist mir nun jedoch zum ersten Mal ein Landwirtschaftsprodukt aus Südtirol aufgefallen, das 100% italienisch sein will. Was, wenn möglich, noch absurder ist.

Über jedes Ärgernis hinaus, dass sich Südtiroler Bäuerinnen zu hundertprozentigen Italienerinnen erklären*, sei mir dies aber Anlass für eine grundsätzliche Feststellung: So etwas wie 100% italienisch oder 100% südtirolerisch gibt es faktisch nicht. Es ist nur eine Beleidigung und Geringschätzung für sämtliche ausländischen Arbeiterinnen, die mittelbar und unmittelbar an der Entstehung der Ware beteiligt sind.

Kann Agro Griesser garantieren, dass bei der Herstellung der Gewächshäuser und Folientunnels, der Beregnungsanlagen, der landwirtschaftlichen Maschinen und Hilfsmittel, beim Setzen der Pflanzen, am Pflücken und Sortieren der Erdbeeren keine Menschen oder Rohstoffe im Spiel waren, die nicht 100% italienisch sind? Wenn nein: Pity. Wenn ja: Was soll der Mehrwert sein?

Vor einiger Zeit hatte es das britische Modelabel Jigsaw mit einer beachteten Werbekampagne auf den Punkt gebracht:

British Style is not 100% British. In fact, there’s no such thing as ‘100% British’. Or 100% Dutch, French, American, Asian or European. Whatever your opinion, at some point in your ancestry someone moved in and unsettled the neighbours. Because none of us are the product of staying put. And we’re no different. […] Without immigration, we’d be selling potato sacks. We need beautiful minds from around the world. Working with beautiful materials from around the world. […]

Jigsaw – Beautifully British since 1970

In einem vielfältigen Land wie Südtirol sollte diese wirklich einfache Erkenntnis eigentlich allen bewusst sein.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4] [5]

*) was ggf. aber auch handfeste Auswirkungen haben kann, indem so ein nationalistisches Label etwa grenzüberschreitende Kooperationen in der ‘Euregio’ erschweren würde