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Leere Worte.
Verfassungsartikel 6

Die Republik schützt mit besonderen Bestimmungen die sprachlichen Minderheiten.

— Art. 6 der italienischen Verfassung

Wie berichtet hatte die Mittelinksregierung um Romano Prodi kurz vor ihrem Untergang einen vielbeachteten Vorstoß in Sachen Minderheitenschutz beschlossen. In einem ihrer letzten Akte einigte sie sich auf Betreiben von Regionenministerin (!) Linda Lanzillotta darauf, das friaulische Sprachgesetz vor dem Verfassungsgericht anzufechten. Gleich mehrere wichtige Punkte beanstandete die Zentralregierung an diesem Gesetz, das eine ebenfalls mittelinke Regionalregierung um Riccardo Illy erlassen hatte.

Am 22. Mai hat nun das Verfassungsgericht sein Urteil gesprochen und der Zentralregierung Recht gegeben. Obwohl die im Sprachgesetz enthaltenen Förderungsmechanismen im Vergleich zu unseren mehr als bescheiden — ich würde sagen völlig unzureichend — sind, widersprechen sie angeblich der vielgepriesenen italienischen Verfassung und müssen zurückgenommen werden.

Unter anderem heißt dies, dass:

  • die eine (einzige!) geplante Wochenstunde in friaulischer Sprache an öffentlichen Schulen nicht stattfinden wird, obwohl sogar (wie beim Religionsunterricht) die Abmeldemöglichkeit vorgesehen war. Hirnrissig: Religion und Englisch ja, eigene Landessprache nein;
  • die Bürger sich nicht auf Friaulisch an die Regionalregierung wenden dürfen;
  • die Kommunen Orts- und Flurnamen nicht in die friaulische Version zurückführen dürfen.

Friaulisch ist genauso wie Sardisch, Katalanisch oder Deutsch eine wissenschaftlich anerkannte Sprache und eng mit dem Dolomitenladinischen verwandt. Das Urteil bezeichnete der ehemalige Regionalassessor Antonaz (Mittelinks) als »faschistisch«.

Dass das Verfassungsgericht der Anfechtung stattgegeben hat, zeigt einmal mehr, welch eine Ausnahme der Südtiroler Minderheitenschutz im italienischen System darstellt. Anders ausgedrückt: wie sehr wir die Schutzmechanismen der Autonomie den internationalen Verträgen, der Schutzmachtfunktion Österreichs und dem Einsatz der gesamten Bevölkerung, und wie wenig wir sie der italienischen Verfassung verdanken, die nach Auslegung des Gerichtes nicht einmal eine einzige Pflichtstunde in der Minderheitensprache hergibt.

Damit positioniert sich Italien auch im Minderheitenschutz am unteren Ende der internationalen Skala. Die Europäische Charta der Minderheitensprachen, von Italien unterzeichnet (aber wohl nicht ohne Grund nie ratifiziert) würde das Land zu wesentlich konkreteren Schritten zwingen, als sie das Verfassungsgericht jetzt zurückgewiesen hat [vergleiche].

Siehe auch:
Discriminaziun Minderheitenschutz Politik Recht Zentralismus | | Romano Prodi | | Friaul-Friûl Italy | PD&Co. Verfassungsgericht | Deutsch

18 replies on “Leere Worte.
Verfassungsartikel 6

Wir Südtiroler dürfen nie vergessen was z.b der Sozialist und überzeugte Linksdemokratische Politiker Österreichs Bruno Kreisky für unser Land getan hat. Er hat das Problem nach der Feuernacht und den Folterungen vor die UNO gebracht, mit einigen maßgeblichen Südtiroler Politkern wie Friedl Volgger (hierz sein Buch: Mit Südtirol am Scheideweg).
Und selbst da noch vor der gesamten Versammlung der Vereinten Nationen versuchte der ital. Redner alles schlechtzumachen was uns Südtiroler ausmacht. Zum Glück hat man es dann zu guter letzt mit Hilfe der Iren geschafft (USA waren z.b gegen die Vorschläge Kreiskys, auch hier das unrühmliche Tandem USA-Italien) eine Mehrheit durchzubekommen.
Dass anstatt „österreichische Minderheit“ (wie von Kreisky stark gefordert) in Italien leider nur mehr „deutschsprachige Minderheit“ (und dies ist ein wesentlicher Punkt, der uns viel gekostet hat an Identitätsverlust in den letzten Jahrzehnten!) in Italien blieb, hat mit dem unumstößlichen Versuch Italiens zu tun, die Identitäten seiner Minderheitenvölker zu verschleiern. So sollten die Südtiroler also zu deutschsprachigen Italienern werden, dank Schutzmacht Österreichs und spendablen Geldern für Tiroler Kulturerhaltung und nicht zuletzt uns Südtirolern selbst, kam es zum Glück nicht gar so weit, obwohl die Assimilierung natürlich weiter fortschreiten wird, bis auch der letzte Südtiroler vergisst, dass er ein österreichischer Tiroler ist.
Aber in keinem Fall kann man all diese anderern Minderheiten mit Südtirol
vergleichen, denn hier kam es zu einem Fall, der seinesgleichen sucht in der Geschichte. Ein Land, das Jahrhundertelang unter österreichischer bzw. Tiroler Hoheit war, und 1918 zu weit über 90% deutsch-österreichisch war, kann man mit keiner dieser Minderheiten vergleichen. Das Burgenland oder Kärnten z.b waren viel „weniger“ deutsch als Südtirol, trotzdem sind diese Länder heute bei Österreich und Südtirol nicht.

Interessant festzuhalten, dass ein gewisser Herr Frattini das Modell Friaul als vorbildhaft gelobt hat. Sagt einiges über seine Ansichten zum Minderheitenschutz aus. Zumindest hat er als Außenminister ja institutionell das richtige Amt um sich auch in Zukunft zum Thema Südtirol äußern zu können.

Caro hello,
io credo che il problema di voi sudtirolesi sia proprio evidenziato dal tenore del tuo contributo. Quando tu dici che il caso del Sudtirolo, passato all’Italia nel’18, è „unico al mondo“ ti sbagli di grosso. Di simili esempi di annessione è piena la storia. Solo per citarne un paio: Venezia (indipendente da più di mille anni!) fagocitata dall’Austria-Ungheria, e con essa tutto il Lombardo-Veneto, con il Trattato di Campoformio. Oppure la Bosnia, fagocitata sempre dall’Austria nel suo Impero agli inizi del ‚900. E si potrebbe continuare. Vi erano grandi presenze di popolazioni germaniche a Venezia e in Bosnia?
Il problema di voi sudtirolesi, appunto, è quello di credere di aver subito un torto „unico“ nella storia dell’umanità … Mi spiace deludervi, ma non è così. Certo, nessuno vuole sminuire i crimini del fascismo e l’italianizzazione forzata, ma chiunque, non accecato da furia nazionalista come il signor ellecosta, può facilmente riconosce che in Sudtirolo sono stati commessi più crimini contro l’umanità¡ durante l’anno e mezzo di occupazione nazista, grazie anche agli zelanti collaborazionisti locali, che in 20 di dittatura fascista.
Invece di „rompere“ con storie vecchie di 90 anni, iniziate a fare pulizia tra le vostre fila. A leggere gli ultimi sviluppi sugli Schützen mi pare ce ne sia un gran bisogno.
Enrico

Caro Enrico, permettimi, ma fai una gran confusione. Sicuramente molti sudtirolesi, ma non la maggioranza né tantomeno tutti, pensano (sbagliando) che il torto subito sia un torto unico al mondo. Ma non farei un confronto con le annessioni all’impero asburgico, per il semplice fatto che non si trattava di uno stato nazionale. Senza giustificare le politiche dell’Austria di allora, anzi, senza entrare nel merito, le sorti del Lombardo-Veneto e della Bosnia col Sudtirolo non c’entrano un bel niente.

Allo stesso modo mi rifiuto di accettare un paragone talmente superficiale come quello sui crimini commessi da fascismo e nazismo nel Tirolo meridionale. In entrambi i casi si tratta di regimi totalitari, che in questa terra hanno portato solamente dolore ed ingiustizia. Sono peggiori l’assimilazione forzata, l’esilio, la repressione violenta, le opzioni oppure i rastrellamenti, gli arresti ed i campi di concentramento? È possibile fare distinzioni nette tra le nefandezze che due regimi pur sempre alleati tra loro hanno perpetrato in questa terra? Credo proprio di no. Sarebbe ora di smetterla di accusare sempre e solamente gli altri, giustificando o sminuendo il ruolo degli uni, perché sia da parte tedesca che da parte italiana ci sono carnefici e vittime, e c’è bisogno di una presa di coscienza comune.

@enrico
Ich habe nicht geschrieben dass es einzigartig auf der Welt sei, jedoch einzigartig im HEUTIGEN Europa und in Italien sowieso.
Du widersprichst dich komplett, indem du die Beispiele Bosnien oder Veneto bringst. Sind diese Länder HEUTE in der Gegenwart noch bei Österreich? Eben nicht, doch Südtirol ist bei Italien, dazu noch einem Nationalstaat, was unser altes Österreich nie war. Also bitte, diese Argumente zählen nicht. Sag mir doch ein Land in Europa, das ethnisch HEUTE noch immer (wie gesagt, durch die Zwangseingliederung von Italienern heute 75% deutsche und ladinische Südtiroler, anno dazumal 97% mit einer Trentiner Minderheit, die ja auch voll und ganz italienische Tiroler waren) so verschieden ist in einem Nationalstaat wie Südtirol, bitte, ich warte…

Caro pervasion,
sottoscrivo a pieno le ultime righe del tuo intervento.
Il problema del Sudtirolo di oggi, a mio parere, sta proprio nel fatto che i nuovi mestatori d’odio (al momento quelli di parte tedesca la fanno da padroni, ma ce ne sono anche in campo italiano…) cercano di far dimenticare quanto siano importanti le conquiste della nostra autonomia. Un’autonomia certo perfettibile ma che io ritengo abbia riparato ampiamente i torti subiti dalla popolazione autoctona durante la dittatura. Ho viaggiato molto in Europa e devo dire che solo da noi si continua a litigare per questioni vecchie almeno 60 anni. Avete mai sentito gli alsaziani francesizzati a forza o i tedeschi cacciati da Slesia e Boemia, o ancora gli italiani deportati da Istria e Dalmazia, o gli ungheresi di Serbia fare i discorsi che fanno qui la Klotz, Pöder e certi signori in braghette di cuoio che parlano di „assimilazione“? Io no e penso anche che prima di sputare sulle conquiste di questi decenni, si debba riflettere su come se la passano, ad esempio, gli sloveni in Carinzia, a cui la „buon’anima“ di Haider ha negato persino la segnaletica bilingue, questo tanto per parlare della „Schutzmacht“ Austria.

La risposta vale naturalmente anche per hello, intento, come vedo, a snocciolare percentuali etniche neanche fosse l’ufficio statistico :)

@enrico
Die ganzen Beispiele die Du hier bringst können de facto nicht mit Südtirol verglichen werden. Zum Unterschied zu diesen Ländern ist Südtirol ja ein ganzes Territorium das in einem fremden Staat einverleibt wurde. Das kann nicht mit Minderheitenproblemen in Europa verglichen werden, sondern muss unter anderen Gesichstpunkten betrachtet werden, soviel Geschichtsverständnis traue ich Dir zu. Und was dies mit Hass zu tun haben soll, möchte ich auch einmal wissen. Ich hasse bestimmt niemanden, aber Tatsachen verleugnen bringt generell nix. Und dass Du in Europa herumkommst und hörst dass man nur hier „streitet“, das glaubst Du wohl selbst nicht ganz :). Außerdem, soviel streiten wir dann auch nicht, wir kommen doch alle miteinander klar, so wie es auch sein sollte. Hier aktuelle Beispiele, was sagst du zu dem:

http://www.vienna.at/news/politik/artikel/zwang-zum-katalanisch-sprechen-in-schule-von-barcelona/cn/news-20090422-10282087

oder hier:

http://www.tvblog.it/post/14026/la-tv-spagnola-censura-i-fischi-allinno-scatta-il-licenziamento

oder hier:

http://geography.about.com/b/2007/05/03/independence-for-scotland.htm

Also ganz so viel scheinst du in Europa dann doch nicht unterwegs gewesen sein, ganz unter uns, braucht ja keiner zu wissen ;).

Se tanto mi dà  tanto… la discussione che avete iniziato assomiglierà  alle molte discussioni che non abbiamo avuto il piacere di leggere, negli ultimi sessantacinque anni.

@hello,
tutto dipende dalla prospettiva con cui uno gira il mondo, o l’Europa. Se, come te, lo fa con l’orologio mentale puntato a questioni di 100 anni fa e con il naso rivolto al proprio ombelico a fare da centro di gravitazione universale, allora certo sì: l’Europa è tutto un insieme di povere minoranze oppresse da terribili stati centralisti. Ma se si prendono gli esempi da te citati, Sudtirolo compreso, senza la lente deformante del micronazionaslismo, allora si capisce che qui siamo di fronte più che altro a gente viziata che non sa cosa dice e dimentica quanto duro è stato il cammino, in Italia come in Spagna, per arrivare alle odierne garanzie per le minoranze.
Certo poi ti do atto che vestirsi da pagliacci e portare in pellegrinaggio corone di spine, gridando al cielo quanto crudele e unico nella storia sia il destino dei sudtirolesi di lingua tedesca, fa più effetto che sforzarsi di proporre idee nuove sulla convivenza e il futuro della nostra terra.

@hello+Enrico:

Ich glaube dieses Blog ist durch seine »internationale« Ausrichtung ein Beitrag dagegen, dass wir uns einzigartig fühlen, sowohl im Guten (Nabelschau) wie im Schlechten (Selbstmitleid). Gerade dieser Artikel macht deutlich, wie schlecht es anderen Minderheiten (auch noch im selben Land!) geht.
Andererseits weist jede Situation ihre Eigenheiten und Besonderheiten auf, die sie mit anderen nur bedingt vergleichbar machen.

Hier steht auch nicht etwa die Klage im Mittelpunkt, wie schlecht es uns denn in Südtirol geht, denn es steht außer Zweifel, dass wir eine recht solide Autonomie erreicht haben. Vielmehr geht es darum, Zukunftsperspektiven zu erforschen und aufzuzeigen — damit wir vielleicht eines Tages die Nachteile dieser Autonomie überwinden, und von einem überwachten in ein freies, angstfreies Zusammenleben entlassen werden können.

im grossen und ganzen könnte man sagen, dass das grösste problem italiens rom ist.

da italien zentralistisch regiert wird, wird auf minderheiten – jedes volk ist innerhalb dieses staates eine minderheit, egal ob südtiroler, lombarden oder sarden – gar nicht erst eingegangen und lokale eigenheiten/identitäten nicht anerkannt, bzw. „dem inoffiziellen“ überlassen.

ich persönlich sehe nur zwei auswege für italien: echter föderalismus oder die auflösung in „europa-regionen“ mit eu-recht. der zentralstaat hat schon vielzuviel „gutes“ getan.

dass die ital. verfassung nichtmal das papier wert ist, auf das sie geschrieben ist, sollte hinlänglich bekannt sein und dieser zustand hat einen anderen hintergrund, nämlich die sprachkunstwerke diverser akteure um deren grundsätze auszuhebeln. ich glaube, das kann man mit jeder verfassung anstellen – nur ist die frage ob es eine opposition (WIRKLICH) gibt und diese die möglichkeit hat dagegen etwas auszurichten.

also: kantone für italien!

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