Noch mehr Ärztinnen des öffentlichen Gesundheitsdienstes in Südtirol als bislang bekannt sollen gefälschte Sprachzertifikate vorgelegt haben, um die geltende Zweisprachigkeitspflicht zu umgehen. Es ist ein Skandal, der immer weitere Kreise zieht und zeigt, mit wieviel krimineller Energie versucht wird, Minderheitenrechte — fundamentale Patientinnenrechte! — auszuhebeln.
Wer gedacht hätte, dass gegen derartiges Fehlverhalten in einem Land wie Südtirol von allen Seiten Barrikaden hochgezogen werden, hat sich leider wieder einmal getäuscht. Eher das Gegenteil ist der Fall: es wird bagatellisiert, polemisiert und sogar noch gefordert, den Betrügerinnen durch Schleifung von Patientinnenrechten den Weg frei zu machen.
Neben italienischen Rechtspolitikern mit an vorderster Front ist wenig überraschend wieder einmal Edoardo Bonsante von der ultranationalistischen Ärztinnengewerkschaft ANAAO, der erst kürzlich öffentlich »mehr Mut« zur Abschaffung von Minderheitenrechten gefordert hatte.
Anstatt eine klare rote Linie gegenüber Kolleginnen zu ziehen, die das Wohl von Patientinnen gefährden, stellt er diesmal eine provokante Bemerkung in den Raum. Wie der heutige Corriere in seiner Südtirolausgabe berichtet, kommentiert Bonsante die Betrugsfälle mit der rhetorischen Frage, wer denn noch hier arbeiten wolle — bei niedrigen Gehältern, hohen Lebenshaltungskosten, Zweisprachigkeitspflicht und Proporz.
Ganz so unattraktiv kann es hier nicht sein, wenn das niedrige Gehalt und die hohen Lebenshaltungskosten offenbar nicht wenigen sogar die Begehung einer Straftat wert zu sein scheinen.
Und das, obwohl die ANAAO ohne Rücksicht auf Verluste dafür gekämpft hat, den Beruf in Südtirol unattraktiver zu machen — zumindest für einige. Sechs Jahre lang waren Bonsante und seine Gewerkschaft im Ring und haben letztendlich vergeblich versucht, die Ausbildung von Fachärztinnen nach österreichischem Modell in Südtirol zu verhindern. Obschon dieser Wahnsinn nach gerichtlichen Niederlagen kürzlich zumindest vorläufig ein Ende gefunden hat, hat die Gewerkschaft damit ein funktionierendes Modell über Jahre torpediert und unattraktiv gemacht, weil Interessentinnen als Gefahr für die Patientinnen kriminalisiert und durch die erhebliche Rechtsunsicherheit vergrault wurden. Wie viele Südtiroler Ärztinnen allein dadurch davon abgehalten wurden, nach ihrem Medizinstudium zurück ins Land zu kehren, werden wir wohl niemals genau wissen.
Durch diese chauvinistische Haltung, die die nationale Einheit und Einheitlichkeit über alles stellt und versucht, Autonomes in so engen Grenzen wie möglich zu halten, werden in Südtirol leider an allen Ecken sinnvolle Entwicklungen verhindert und verzögert, die für unser Land und seine besonderen Bedürfnisse unerlässlich wären.
Für die ANAAO müssen Patientinnen offenbar vor bösen Ärztinnen geschützt werden, die nicht nach italienischem, sondern nach österreichischem Modell ausgebildet werden — während ihnen einsprachige Ärztinnen jederzeit zugemutet werden dürfen. Zumindest solange diese Einsprachigkeit italienisch ist.
Herr Bonsante ist aber nicht nur Vorsitzender seines indiskutablen Vereins, sondern auch Vizepräsident der Ärztinnenkammer — also einer öffentlichen Institution. Es wäre also interessant und wichtig zu wissen, ob die offizielle Repräsentanz des Berufsstandes hinter den Grundrechten der Patientinnen steht oder hinter den Aussagen des ANAAO-Vorsitzenden.
Cëla enghe: 01 02 03 04 | 05 06 07 08 09 | 10 11 || 01

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