Der Unbelehrbare.

Im Rahmen der Militär-Skimeisterschaften CaSTA, bei denen sich das italienische Heer im Hochpustertal — pardon: Alta Pusteria — Jahr für Jahr als Hausherr und Gastgeber präsentiert, legen die Alpini regelmäßig einen Kranz am faschistischen Beinhaus ab, dessen erklärter Zweck es war, die heiligen Grenzen der italienischen Patria zu markieren. Und somit Süd- von Osttirol, Bruneck von Lienz, Pustertal von Pustertal zu trennen.

Absoluter Tiefpunkt auch in diesem Jahr: Die Anwesenheit des Innichner Bürgermeisters Werner Tschurtschenthaler (oder laut Tolomei: Dallepigne) bei der Kranzniederlegung. Mit umgehängter Trikolore-Schleife und trotz massiver Kritik im Vorjahr, auch aus den eigenen Reihen. Dies, während seine Partei, die SVP, landesweit stark an Glaubwürdigkeit und Zustimmung einbüßt.

Die CaSTA-Skimeisterschaften wurden 1931 vom faschistischen Regime eingeführt und finden seit 1995 ausnahmslos in Südtirol statt.

18 Replies to “Der Unbelehrbare.”

  1. Dass Signore Dallepigne, am liebsten in den 30er Jahren in Giulino di Mezzegra gelebt hätte, ist ja nichts neues, nur die Dreistigkeit ist jedes Mal wieder herzerfrischend…

  2. Der Herr ist Unternehmer und wahrt nur seine geschäftlichen Interessen. Allgemeinwohl interessiert ihn nicht. Das Problem ist daher nicht dieser Bürgermeister, der sich mit Trikolore-Schleife vor einem faschistischen Denkmal wohl fühlt, sondern die Bevölkerung, die eine solche Person wählt.

    1. Das ist wahrscheinlich so: Dieser Herr wäre mit “Leib und Seele” und rot-weiß-roter Fahne dabei, wenn es aufgrund einer heute nicht absehbaren geschichtlichen Entwicklung plötzlich opportun wäre.

  3. es gibt viele Studenten in Wien, die sich gerne als Dallepigne ausgeben. Warum das so ist, kann ich nur erahnen. Sie treten auch immer im Rudel auf, so wie die Schwarzhemden…warum das so ist, will ich erst gar nicht erahnen…

    Aber ich frage mich immer wieder, warum Studenten und Innen in Wien ihren Nordtiroler Kollegen so demonstrativ aus dem Weg gehen. Eher bilden sich Freundschaften zwischen Südtiroler und Sizilianer, als zwischen Südtiroler und Nordtiroler.
    Ob es die Osttiroler immer noch gibt, werde ich von unseren Südtiroler Freunden in Wien immer wieder gefragt. Diese Maulhelden müssten es doch am besten wissen, fahren sie doch jedes Wochenenden in Karawanen nach Osttirol einkaufen, oder lassen sich von österr. Ärzten wieder zurechtbiegen. Sie sagen immer Österreicher, nie Ost- oder Nordtiroler. Immer Österreicher. Umgekehrt jedoch wissen die Osttiroler noch immer, wo sie eigentlich hingehören- und das nicht nur geografisch …

    Servus Tirol!

    1. Nachdem ich vor ein paar Jahren selbst einige Semester im Tiroler Studentenheim in Wien zugebracht habe, kann ich dir von einem ganz anderen Bild erzählen. Es wurden und werden zahlreiche Freundschaften zwischen Nord, Süd und Ost geschlossen. Ein guter Bekannter von mir hat dort seine Nordtiroler Partnerin kennen gelernt. Beide sind nach wie vor ein Herz und eine Seele. Ich persönlich pfleg(t)e hauptsächlich Kontakte mit – stell dir vor – Wienern, obwohl Tiroler und Wiener laut Edmund Sackbauer angeblich gar nicht gut harmonieren. Meine Lebensgefährtin stammt ja zum Glück aus dem Mühlviertel. Aber naja, vielleicht bin ich ja wirklich nur eine krasse Ausnahme… 🙂

    2. Ein guter Bekannter von mir hat dort seine Nordtiroler Partnerin kennen gelernt. Beide sind nach wie vor ein Herz und eine Seele.

      es soll ja auch Freundschaften zwischen Japanern und Schwarzafrikanern geben.
      Auch Freundschaften zwischen Japanern mit Chinesen sind nicht unbedingt ausgeschlossen

      1. Naja, aber du aber musst zugeben, dass der Nord-Süd(-Ost)-Austausch wesentlich reger ist, als etwa zwischen Japanern und Subsaharianer, allein schon wegen der geografischen und nicht zuletzt kulturellen Nähe.

        Manchen von euch ist vielleicht entgangen, dass sich Südtiroler außerhalb Südtirols sich am ehesten bei anderen Südtirolern wiederfinden. Ich habe da meine Theorie, dass die Südtiroler während der letzten Dekaden damit begonnen haben, unter sich selbst zu bleiben. Zeitweise war das eine Frage des Überlebens der eigenen Identität. (Verzeiht die unschöne Genitivhäufung.)

    3. Es gibt ihn sicher, den Typus Südtiroler, den du hier grob skizzierst. Es ist oft diese Art von Südtiroler, der betont den “Italiano in sich” raushängen lässt. Im Grunde genommen machen solche Leute dann einfach nur eine brutta figura. Meist sind es nicht die hellsten Vertreter ihres Herkunftslandes. Aber verallgemeinern darf man dieses Phänomen nicht, dazu dürfen wir uns nicht verleiten lassen, auch wenn man zufällig auf eine Serie solcher Erscheinungen stößt. Ich würde sagen, wir werden bei genauerer Betrachtung da wie dort angenehme und weniger angenehme Zeitgenossen finden. Was mich persönlich betrifft, habe ich keine Präferenzen, wenn es um die Wahl zwischen den “Schwestern und Brüdern” im Süden und Norden geht.

      1. Um noch einmal meinen Senf dazuzugeben: Das Problem bei der Selbstdarstellung hängt sehr oft von den Erwartungshaltungen des Gegenübers ab. Würde ich auf die Frage der Herkunft antworten, ich stamme aus „Bozen, Tirol“ würde dies unweigerlich einen «cognitive overload» auslösen, könnte u. U. sogar als Provokation aufgefasst werden. Um jeglicher Diskussion auszuweichen, nehmen viele den Weg des geringsten Widerstandes: „Bozen, Italien“.

        Das Konzept der BBD ist das einzig psychologisch „verkraftbare“ für den/die SüdtirolerIn von heute. Eine Ausweitung der Südtiroler Unabhängigkeit auf die Euregio, also ein „Groß-Tirol“ klingt verführerisch, ist jedoch erst, wie das Manifest feststellt, zu einem späteren Zeitpunkt möglich, weil das Unter-Sich-Bleiben immer noch hoch im Kurs liegt – historisch bedingt. (Ist auch ein Grund für Argwohn und Aversion bei den Brüdern und Schwestern in den anderen Landesteilen.) Die Kohäsion unter Südtirolern habe ich auf diese Weise selten bei anderen Gruppen beobachten können. Ein vergleichbares Verhalten konnte ich höchstens noch bei den Nubiern in Oberägypten feststellen.

      2. @stonerblues: Der Vergleich mit den Nubiern gefällt mir – lustig!

        Bei den Südtirolern – gemeint ist damit die Schicksalsgemeinschaft der deutschen und ladinischen Tiroler seit 1919 und deren Nachkommen – hat sich durch den kulturellen Abwehrkampf gegen Italien so eine Art “Nationsbildung im Kleinen” vollzogen, die sich durch gemeinsame kollektive Erinnerung und ein gemeinsames Ingroup-Outgroup-Denken auszeichnet.

        Das ist für die einzelnen zwar ganz “nett”, weil es Geborgenheit und Heimatgefühl vermittelt, zugleich meines Erachtens aber ein schwerer Hemmschuh für grenzüberschreitendes Denken, interkulturelle Offenheit, Weltgewandtheit usw. Wegen der zahlenmäßigen Kleinheit der “Eigengruppe” führt dies häufig zu einer gewissen Beengtheit und selbstverschuldeten Provinzialität.

        Eine Chance zum Ausbruch aus diesem Dilemma böte die Verleihung der österreichische Staatsbürgerschaft, weil damit zwangsläufig eine Identitätsöffnung herbeigeführt würde. Abgesehen von diesem juristischen Mittel steht es natürlich jedem frei, die Frischluft hinter den Bergen zu schnuppern und sich persönlich hin zu einer weltoffenen Persönlichkeit zu entwickeln.

  4. Auch aufgrund obiger Postings und da ich in Grenznähe zu Österreich wohne möchte ich mich in die Diskussion einbringen. Meinen Post verstehe ich nicht als Zusammenhängende Antwort sondern eher als “lose” angehäufte Denkanstöße. An Hans möchte ich sagen: Ja, das gibt es den Süd-Tiroler als “Schmarotzer” auf Kosten des Staates Österreich und aber auch den, der italienische Verhältnisse für sich ausnutzt. Dies wurde uns m. E. auch von den regierenden in Süd-Tirol irgendwie gefördert (z.B. “gibts halt nur die Autonomie, wir bekommen ja fast alles von Österreich und Italien, was wollt Ihr mehr, Zusammenhalt der Volksgruppe”). Daraus ist m.E. obige Geisteshaltung entstanden, aber auch das Unter-Sich-Bleiben (z.B. “die verstehen uns eh nicht / wos willtsch mit dia”, die Anderen darüber “Schmarotzer / Rosinenpicker / Jammerer”) und darüber hinaus, dass sich Süd-Tirol(er) und Nord-Tirol(er) “nicht immer grün” sind….

  5. Heute ist in der Dolo eine »Meinung« von Innichens Bürgermeister Werner Tschurtschenthaler erschienen:

    Aufarbeitung der Landesgeschichte

    Werner Tschurtschenthaler, Bürgermeister von Innichen, beschäftigt sich im folgenden Beitrag mit der Aufarbeitung der jüngeren Landesgeschichte. Der Bürgermeister war in die Kritik geraten, weil er am Beinhaus einen Kranz niederlegte.

    Als Bürgermeister der Marktgemeinde Innichen muss ich mit Befremdung und Enttäuschung zusehen, wie mit überzogenem Hass und medialer Übertreibung eine Situation beschrieben wird, wie sie eigentlich heute Gott sei Dank nicht mehr anzutreffen ist.

    Während wir mit unserer älteren Geschichte keine Auseinandersetzung scheuen und uns mit ihr eigentlich gut „zurechtfinden“, scheint mir die Zeit für die Aufarbeitung unserer jüngeren Landesgeschichte noch nicht reif genug zu sein. Daher wird bzw. wurde sie nicht verstanden, sie bietet infolgedessen immer Zündstoff für Polemiken. Das Traurige daran ist, dass dieser Umstand von einigen Personen und Strömungen regelrecht missbraucht wird.

    Zu unserer Herkunft gehören auch die jüngeren und unentschuldbaren Vorkommnisse der Geschichte. Die große Herausforderung jedoch steckt in der Gegenwart und in der Zukunft. Wir müssen es schaffen, damit umzugehen und nach vorne, auf ein friedliches Miteinander, zu blicken. Nur so werden wir aus der Geschichte lernen und die damals gemachten schrecklichen Fehler hoffentlich vermeiden können.

    Ich bin mir sicher, dass die Mehrzahl der in den vielen Kriegen verstorbenen Soldaten sich nach einer Zeit des Friedens und Vertrauens gesehnt hat. Aus Respekt ihnen gegenüber sollten wir diesen ethnischen Frieden auch anstreben und leben, besonders im alltäglichen Umgang mit unseren Mitmenschen.

    Die Bevölkerung der Marktgemeinde Innichen versucht seit vielen Jahren, mit den genannten Werten untereinander umzugehen. Dies ist uns in einem friedlichen und harmonischen Miteinander sehr gut gelungen. Auch die Amtsvorgänger haben sich immer an diesen Wertehaltungen orientiert und stets nach Frieden und Harmonie im Sinne eines fruchtbringenden Zusammenlebens gestrebt. Und das werden wir auch in Zukunft weiterhin anpeilen. Dies hat nicht mit Verleugnung oder Verkennung der eigenen Identität und der eigenen Kultur zu tun. Nein, indem man anderen Kulturen, Sprachen und Völkern mit Respekt entgegentritt, erntet man für die eigene Identität wiederum Respekt und Anerkennung.

    Persönlich tut es mir leid, wenn der institutionelle Akt eines Bürgermeisters in seiner Funktion als Vertreter des Staates als Hochleben des Faschismus und meine Person als Faschist bezeichnet werden. Ebenso tut es mir leid, wenn italienische Heerestruppen mit Faschisten gleichgesetzt werden. Hier werden Tatsachen verkannt, bewusst oder unbewusst. All diesen Mutmaßungen können viele Innichner Bürger und ich absolut nichts abgewinnen. Umso mehr Unverständnis macht sich innerhalb der Bevölkerung ob des medialen Hochspielens dieser Begebenheiten in den letzten Tagen breit.
    Sehen wir in der Zukunft die alleinige Möglichkeit, den Frieden zu benutzen, um den Krieg zu verbannen!

    Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was er uns mitteilen will. Sind ja alles recht schöne Worte, doch

    • warum man sich dafür eine Trikolore umhängen und im Beisein von Militärvertretern einen Kranz vor dem Denkmal eines verbrecherischen Regimes ablegen muss und
    • was das mit Aufarbeitung der Landesgeschichte zu tun hat

    bleibt mir völlig schleierhaft. Vielleicht kann es mir jemand erklären?

    1. … der Bürgermeister weiß offensichtlich wenig von Geschichte (verlogener Standort des Beinhauses) und kann wohl deshalb wenig zur “Geschichtsaufarbeitung” beisteuern!?

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