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Unser öffentlicher Rundfunk.

Um das Dekret Nr. 66, dessen Umwandlung in ein Gesetz ansteht, ist eine schwer interpretierbare Polemik entstanden. Neben der Irpef-Entlastung von 80,- Euro (die in Südtirol zu Lasten des Landeshaushalts geht) beinhaltet der Entwurf massive Einsparungen im öffentlichen Rundfunk der Rai (150 Mio.) sowie, parallel dazu, die Aufhebung der bislang geltenden Verpflichtung, in jeder Region einen Rai-Sitz aufrecht zu erhalten. Dies ist ein neuer Baustein in Renzis Zentralisierungsplan.

Nun hat Senator Zeller (SVP) einen Abänderungsantrag eingebracht, mit dem der Fortbestand und die Finanzierung von Rai Südtirol und Rai Ladinia gesichert, dem Land aber auch eine Mitsprache bei der Ernennung des Landesdirektors eingeräumt werden soll. Dass die italienische Rai mit keinem Wort erwähnt wird, hat Karl Zeller harsche Kritik eingebracht: Die SVP nehme die Auflösung der italienischen Redaktion bzw. ihre Umsiedlung nach Trient in Kauf, so der Vorwurf — der dreisprachige Dienst im Lande sei gefährdet. Der italienische Redaktionsrat wirft der SVP gar vor, im Widerspruch zum Autonomiestatut die politische Kontrolle über den Sender übernehmen zu wollen. Es sei schließlich kein Zufall, dass gleichzeitig Zellers Vollautonomie-Entwurf das Verbot eines Landessenders aus dem Statut streiche.

Hierzu einige Bemerkungen:

  1. Vorneweg und so klar wie nur möglich: Eine Umsiedlung der italienischen Rai-Redaktion nach Trient wäre inakzeptabel. Eine Auflösung unvorstellbar. Sollte dies die Absicht von Senator Zeller (gewesen) sein, ist dies ohne Wenn und Aber zu verurteilen.
  2. Der Fortbestand der deutschen und ladinischen Rai in Südtirol hätte vermutlich nicht eines Abänderungsantrages bedurft, das stimmt, doch es kann im derzeitigen politischen Klima nicht schaden, die Wichtigkeit des öffentlichen Rundfunks für die Minderheiten zu unterstreichen und erst gar keine Zweifel aufkommen zu lassen.
  3. Hätte Zellers Vorstoß auch die italienische Redaktion der Rai beinhaltet, hätte ihm dies vermutlich einen Vorwurf mit umgekehrten Vorzeichen eingebracht: Schließlich hat sich der Redaktionsrat immer wieder dagegen gestemmt, auch nur irgendwie mit dem Land in Verbindung gebracht zu werden. Die hysterische Reaktion auf den Abänderungsantrag deutet ebenfalls in diese Richtung.
  4. Der Schutz des öffentlichen Rundfunks in deutscher und ladinischer Sprache schadet der italienischen Rai in Südtirol nicht, sondern könnte ihren Fortbestand womöglich absichern. Wenn der Rai-Sitz in Bozen nämlich wegen des Minderheitenschutzes aufrecht bleiben muss, gibt es einen Grund weniger, die italienische Redaktion nach Trient zu verlegen.
  5. Der italienische Redaktionsrat sollte endlich aufhören, das Land als rotes Tuch zu betrachten. Dies ist nach wie vor der Fall, obgleich es die direkt Betroffenen leugnen. Unverständlich ist etwa, warum die Aufhebung des Verbotes, einen Landessender zu gründen, kritisiert wird — gepaart mit der Unterstellung, dass dann die Landesregierung über die Inhalte bestimmen wird. Eine derartige Haltung kann nur ideologische Hintergründe haben. Warum sollte es grundsätzlich besser sein, wenn die Rai dem italienischen Staat unterstellt ist, der im Laufe der Geschichte immer wieder direkten Einfluss auf die Berichterstattung — und nicht nur darauf — genommen hat (Berlusconis Bulgarische Edikte sind nur ein eklatanteres Beispiel dafür), als wenn sie dem Land gehört? Wichtig ist, dass klare Gesetze für Unabhängigkeit und Transparenz sorgen, also das Wie und nicht das Ob.

Bleibt mir abschließend nur noch, obige Feststellung nochmal zu wiederholen und zu bekräftigen: Südtirol braucht einen dreisprachigen öffentlichen Rundfunk und dies wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Alle BürgerInnen haben dafür Sorge zu tragen, dass diese notwendige Mehrsprachigkeit nicht in Frage gestellt wird, umso mehr, als eine lokale Sicht der Dinge das gegenseitige Verständnis und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert.

Siehe auch:

Kohäsion+Inklusion Medien Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik Recht Tech&Com Zentralismus | | Karl Zeller Matteo Renzi Silvio Berlusconi | Rai | Italy Südtirol/o | SVP | Deutsch

24 replies on “Unser öffentlicher Rundfunk.”

Ich stimme den Artikel vollsten zu!
Schade aber dass sich innerhalb 3 Tagen keiner der üblichen bbd-Kommentatoren zu diesem Thema etwas zu sagen hat, ist es schließlich das Motto des bbds: Drei Sprache ein Land,

einen dreisprachigen öffentlichen Rundfunk

Inwieweit stellt ihr euch das vor, kaum jmd kann als zweit/drittsprache ladinisch.
Ich würde immer noch bei ZDF/ORF/SRF(gutes Beispiel, die Schweiz ist auch mehrsprachig) bleiben.
In einem Staat lass ich mi mir reden, aber in Italien…

Inwieweit wir uns das vorstellen? Viel Vorstellungsvermögen braucht es nicht: Wir brauchen einen öffentlichen Rundfunk, der aus dem Land und für das Land in allen drei offiziellen Landessprachen berichtet. Das geschieht schon heute (wenngleich man sicher noch einiges verbessern könnte) und das soll auch so bleiben. Ein Abzug der italienischen Redaktion darf nicht zugelassen werden — und auch den Deutschsprachigen sollte klar sein, dass das Fehlen einer italienischen Redaktion die Identifikation der italienischsprachigen Mitbürger mit unserer Autonomie nicht fördert.

der aus dem Land und für das Land in allen drei offiziellen Landessprachen berichtet.

Wie ein Sender mit verschiedenen Tonspuren, wie z.B ARTE?

Ein Abzug der italienischen Redaktion darf nicht zugelassen werden

Ich finde es nicht schlimm wenn die Redaktion in Trient ist (Tirol isch lei oans…).

Identifikation der italienischsprachigen Mitbürger mit unserer Autonomie

Ich kann mich mit der Autonomie auch nicht identifizieren.
Ich denke wir drehen uns im Kreis, das Problem bleibt die zwangsweise Ansiedelung dieser Mitbürger, die Frage ist ob wir sagen jeder kann (sollte) sich als Tiroler sehen, oder ist es uns komplett wurst?
Von mir aus kann der deutschprachige RAI komplett gestrichen werden ORF reicht aus!

Obwohl ich nichts gegen den Ausbau zu einem Vollprogramm oder die Ausstattung mit Mehrkanalton habe…ganz im Gegenteil, spreche ich hier (zumindest) von der Beibehaltung des gegenwärtigen dreisprachigen Dienstes.

Du möchtest einen unabhängigen Staat, würdest aber auf einen eigenen öffentlich-rechtlichen Rundfunk verzichten? Merkwürdig.

eigenen öffentlich-rechtlichen Rundfunk verzichten?

Ja, in einem solchen Staat der nur Südtirol umfasst, seien wir mal realistisch bis auf die Nachrichtensendung wird man eh nichts schauen, dies stünde in keinem Verhältnis zu den Kosten die ein solcher Dienst hätte und welche mediale Macht er auch hätte. Eine Nachrichtensendung im ORF reicht vollkommen aus.
Dieses ganze Thema (Medien) ist recht komplex. Wir sollten nicht all zusehr ins Dunkle hineinraten.

der Beibehaltung des gegenwärtigen dreisprachigen Dienstes

Ja, wobei es für mich keinen Beinbruch darstellt die italienische Redaktion mit der in Trient zusammenzulegen.

Wenn der Rai-Sitz in Bozen nämlich wegen des Minderheitenschutzes aufrecht bleiben muss, gibt es einen Grund weniger, die italienische Redaktion nach Bozen zu verlegen.

Hier war wohl ‚‚nach Trient’’ gemeint? Stimme übrigens dem Artikel definitiv zu.

Ich orte in dieser Diskussion ( nicht im Artikel ) wieder so eine gewisse Selbstzufriedenfrei. Wenn wir von öffentlich-rechtlichen Sendern aus Rom, Wien, Zürich und Mainz passiv beschallt werden, dann denke ich mir eigentlich nur eines: höchste Zeit für ein lokales Fernsehprojekt! Bloß kein reines Südtirol TV. Mehrsprachig, aber nicht wie Arte Nationen-verbindend, sondern regional (also interprovenziell) endlich für alle, die zwischen München und Poebene sonst durchs Raster fallen. Mit dreisprachiger Redaktion in Bozen, und mehrsprachig auch in anderen Landeshauptstädten. Wer weiss, ob nicht gerade dazu gerade der Grundstein gelegt wird.

Bitte, passen sie sich den gegebenheiten an, die Mehrheit möchte gute Serien/Filme/Dokus, da ist mir völlig wurst in welchem Sender die laufen. Quizshows und dergleichen werden auch nie wirklich “mehrsprachig” funktionieren, müssen sie auch nicht. Ich muss sagen ich bin mit der derzeitigen Situation sehr Zufrieden.
BTW ServusTV (leider nur deutschprachig).
Welchen Vorteil hätte ein solches AlpenTV in Deutsch und Italienisch -> gar keinen

Liberte, wir reden hier von einem öffentlich-rechtlichen Sender mit einem Informations- und Bildungsauftrag. Nicht von RTL Südtirol.

Für Serien und Quizshows sollten die paar Dutzend Sender ausreichen, die wir schon empfangen.

gute Serien/Filme/Dokus

Du willst doch nicht ernsthaft sagen dass das RTL liefert?
Mir konnte noch keiner Erklären weshalb wir so ein Südtirol TV (24h) benötigen

Ich habe auch nicht von einem Südtirol TV gesprochen. 24h ist ein ehrgeiziges Ziel,. Ob wir nächtliche Schmuddelfilme brauchen, lasse ich andere beurteilen.

Aber wenn man sämtliches Budget, das heute in diverse Sender zwischen hier und dort gesteckt wird, dann kommt man schon auf ein paar Stunden. Ohne weiteres könnte man auch relevante Beiträge aus SRG, BR, RAI, ZDF, ORF, … einblenden. Für ein tägliches Tagesschau/ZiB/Heute/… -Meddley würde ich sogar Stadelwünsche anderer Mitbürger tolerieren ;-)

Vielleicht würde es sogar einen SAT tragen, damit nicht jede Frequenz und jedes Tal einen Autonomiezuschuss aus den fernen Hauptstädten benötigt.

Wir bekommen ORF und co. gratis, nachwievor erschließt sich mir der Sinn nicht. Über Inhalte usw. kann man ja dann streiten, auch darf man nicht vergessen das klassisches TV in wenigen Jahrzehnte höchstwahrscheinlich komplett verschwunden ist.

@bzler: Eine Frage hätte ich aber noch: Zwischen München und Poebene sagst du… wo fängt das denn an und wo hört es auf? Oder anders gefragt: Welche Karte würde man bei der Wettervorhersage einblenden? Ich denke du weißt worauf ich hinauswill…

Warum soll das denn von Relevanz sein? Zwischen München und Poebene gibt es nicht den einen Meter, der plötzlich den großen Unterschied machen würde und sich für eine unverzichtbare Grenze deuten ließe. Wir sind das relative große Loch zwischen den großen Ballungszentren und haben anders als diese eine vom Alpenkontext geprägte Wirklichkeit. Deinem Wetterbericht kann man ruhig ein 3D-Geländemodell unterlegen. Mir reicht das vollkommen.

Natürlich gibt es nicht den einen Meter, das ist mir schon klar. Den gibt es schon heute bei vielen Wetterkarten nicht. Aber es gibt den einen Kilometer (oder die zehn Kilometer), irgendwo ist Schluss, muss schon aufgrund der Begrenztheit der Bildschirmfläche eine »Grenze« gezogen werden. Und dann kann man mit deiner üblichen Frage kommen: Warum hört das hier und dort auf? Warum nimmt man nicht die Nachbarn noch mit? Ist das nicht unsolidarisch, eigenbrötlerisch, ungerecht? Genauso wie du eben stets mit der Frage nach Belluno und Sondrio kommst — was ich als (bewusstes oder unbewusstes) Einbremsen des Südtiroler Anspruchs auf Selbstbestimmung bzw. mehr Selbstregierung empfinde. Über Nuancen haben wir uns ja schon öfter unterhalten… aber wenn wir warten, bis alle Nachbarn und Nachbarsnachbarn soweit sind, feiert der Nationalstaat inzwischen fröhliche Urständ.

Ich hab Dir ja schon zwei Möglichkeiten gegeben: München am oberen Bildschirmrand, Poebene unten. Wenn das zu weiträumig erscheint, dann lass die Alpen drauf passen (bitte nicht zu knapp). Von Rosenheim bis Verona sollte schon draufpassen auf so einen HD Schirm. Ost und West wären eine Diskussion für sich. Wenn Tölz oder Bassano eine dominante Rolle spielen wollten, würde ich mich dagegen wehren, aber zu sagen, sie wären draußen, fände ich auch nicht richtig. Das Problem stellt sich aber erst, wenn man unbedingt dicke fette Grenzlinien ziehen will. Ich kann mit der Vorstellung von weichen Übergängen durchaus leben.

Sicher bin ich Skeptiker der “Südtiroler Selbstbestimmung”. Zum ersten, da im Begriff das Wort Südtirol vorkommt, was ich als sehr unspannend empfinde. Zum zweiten, weil man unter Selbstbestimmung letztlich das Bedürfnis nach politische Grenzziehung bzw. Ausgrenzung versteht. Auch ich will, dass wir uns selbstbewusst selbstbestimmen: in unserem alltäglichen Tun und Handeln, gemeinsam gegen die Mächte von außen, die uns besitzen wollen. Ein “transprovinzieller” ;-) TV-Sender wäre mehr Zeuge davon als eine “Verwaltungsgrenze” bei Salurn.

“Ich begrüße den Abänderungsantrag, weil er uns endlich Klarheit darüber brächte, wie es mit uns weitergeht”, sagt hingegen Wolfgang Mayr, Chefredakteur von Rai Südtirol. Die Reaktion seiner italienischsprachigen Kollegen bezeichnet er als “völlig daneben”. Diese hätten zuletzt sogar das Gespräch mit Eros Magnago, dem Generalsekretär der Landesverwaltung, über die weitere Finanzierung verweigert.

Die italienische Redaktion hatte sich vor eineinhalb Jahren massiv gegen die Konvention des Landes mit der RAI über einen Finanzierung der deutsch- und ladinsichsprachigen Programme gestellt. Als eine Maßnahme zur Übernahme der politischen Kontrolle.

Diese Gefahr sieht Wolfgang Mayr auch bei einer Umsetzung von Zellers Abänderungsantrag nicht: “Wir wären verpflichtet, dem Landtag über den Einsatz der uns zugewiesenen Gelder Rechenschaft abzulegen. Das ist viel transparenter als derzeit”.

Aus einem Bericht der Tageszeitung.

das Tragische ist, dass viele Italiener in Südtirol nicht ihr Heimatland sehen, haben eine nationale Sichtweise und hängen sich an Rom.

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