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Nationaler Airport.

In der ff Nr. 35 vom 9.07.2015, äußert sich Oswin Maurer, Marketingprofessor an der Uni Bozen und ab Oktober 2015 Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, zum Erfolgsrezept des Tourismuslandes Südtirol.
Unter anderem kommt auch der Flughafen Bozen zur Sprache. Und alle, die bisher nicht recht verstehen wollten, warum dieser notwendig ist, werden spätestens nach der Lektüre der nächsten Zeilen wissen, warum dieser absolut notwendig ist.

Oswin Maurer: […] Das Kernproblem aber ist folgendes: Leute, die international anreisen, die wissen nicht, wo Südtirol ist, das sind Länder, da ist Südtirol nicht auf der Karte. Um nach Italien zu kommen, muss ich nach Österreich fliegen. Das ist die psychologische Hemmschwelle.

ff: Für wen ist das eine Hemmschwelle?

Oswin Maurer: Für potentielle Gäste. Lange Fahrten vom Flughafen in die Innenstadt haben sich etabliert. Ein solcher Anschlusstransport von zwei Stunden ist kein Problem. Aber ich fliege nicht nach Österreich, um in Italien Urlaub zu machen. Die Leute sagen nicht Südtirol. Für die ist das Italien. Die gedanklichen Realitäten sind international andere als in Südtirol. Stellen Sie sich vor, Sie müssten nach Sardinien fahren, um nach Korsika zu kommen. Warum sollten Sie das tun? Für jemanden, der nicht genau weiß, wo er hinfährt, ist das schwierig.

Ich frage mich nach diesen Aussagen ernsthaft, für wie blöd uns unsere Marketingexperten eigentlich halten. Ich buche soeben Hotels für eine Wanderreise ins Tessin. Interessanterweise ist es für die Tessiner Tourismuswirtschaft überhaupt kein Problem, die Mailänder Flughäfen als die logistisch beste Anreisemöglichkeit für Flugtouristen anzupreisen. Vom Tessin nach Mailand Malpensa wird soeben an einer direkten Bahnverbindung gebaut. Die Mailänder Flughäfen liegen bekanntlich in Italien und das Tessin in der Schweiz. Die Tessiner Tourismuswirtschaft erkennt in der Promotion der Mailänder Flughäfen für ihre Gäste kein psychologisches Problem, da diese Flughäfen logistisch die naheliegendste Lösung darstellen.
Gar nicht wenige internationale Fluggäste fliegen über die österreichische Hauptstadt Wien, um in die slowakische Hauptstadt Preßburg (Bratislava) zu gelangen oder umgekehrt. Gar nicht zu reden vom Flughafen Kopenhagen, der dank Öresundbrücke auch für Südschweden zum wichtigsten Flughafen geworden ist. Etliche ähnliche Beispiele aus Grenzregionen ließen sich auflisten.
Nicht so unser Marketingguru von der Uni Bozen. Logistisch naheliegend wäre eine Zusammenarbeit mit Innsbruck oder im Interkontinentalbereich sogar mit München. Aber von Logistik scheinen Marketingleute oder Menschen des Spitzenmanagements, die die Welt vielfach auf Flughäfen reduzieren, teils wesentlich weniger zu verstehen als ein Rucksacktourist.
Eine Episode: Im Dezember 1996 gab der Sänger Zucchero am Kronplatz ein Konzert. Eine junge Journalistin wollte mit ihm ein unangemeldetes Interview machen. Sie war der Meinung, dass ich als Türöffner geeignet wäre. So begaben wir uns zum Hotel, wo Zucchero logierte. Der Manager von Zucchero ließ uns tatsächlich vor. Mein Job war es, nun den Manager von Zucchero so lange wie möglich in ein Gespräch zu verwickeln, um die Interviewzeit für meine Begleiterin so lange wie möglich zu gestalten. Ich fragte unter anderem, wie das Team um Zucchero vom vorhergehenden Konzerttermin am 13.12.1996 in Stuttgart nach Bruneck angereist sei, wo das Konzert am 15.12.2015 stattfand. Flug von Stuttgart nach Zürich, dort eine mehrstündige Umsteigezeit und dann Flug von Zürich nach Innsbruck. Von dort dann per Hubschrauber ins Pustertal. Die Flugverbindung Stuttgart-Zürich-Innsbruck wurde damals tatsächlich angeboten. Damals verkehrte ebenfalls noch ein Eurocity-Zug von Dortmund über Stuttgart, München und Südtirol nach Mailand. Die Fahrzeit von Stuttgart nach Franzensfeste war kürzer als die komplexe Flugroute des Zucchero-Managements. Wenn man für den Sänger und sein Team mehrere 1.-Klasse-Abteile gebucht hätte, sicher auch komfortabler als der Check-In-Firlefanz und die Warterei an den Flughäfen. Logistisch also keine sehr sinnvolle Lösung, aber durchaus typisch für die Welt des Managements, die unsere Erde gerne auf Flughäfen reduziert und im Falle unseres Marketinggurus von der Uni Bozen sogar auf Nationalstaaten. Derart ungeschickt hat sich nicht mal das Management von Zucchero angestellt, ansonsten hätte man ja Verona, Venedig oder Mailand anfliegen müssen – aber selbst dieses hat Innsbruck als geeigneten Airport für das Pustertal erkannt.

Wird Südtirol derart unprofessionell vermarktet, dass man beispielsweise nicht in der Lage ist, über eine App den jeweils besten Flughafen aufzulisten? Diese Lösung würde nicht einmal eine institutionelle Zusammenarbeit mit irgendeinem Flughafen notwendig machen. Es geht lediglich darum Daten zu verknüpfen. Anscheinend denkt die SMG tatsächlich darüber nach.
Dass man auch auf institutioneller Ebene außerhalb des (logistisch) einengenden Horiziontes der Nationalstaaten sinnvolle Lösungen aufbauen kann, beweist der trinationale Flughafen Basel-Mulhouse-Freiburg. Dieser Flughafen wird weltweit einmalig von zwei Staaten (Schweiz, Frankreich) betrieben. Da er auch für den südwestdeutschen Raum große Bedeutung hat, bekam er den Zusatz Freiburg. Südbadische Vertreter sind im Verwaltungsrat und im trinationalen Beirat, allerdings ohne Stimmrecht, vertreten (siehe Wikipedia). Wäre ein Euregio-Flughafen Innsbruck-Bozen völlig abwegig?
Für Oswin Maurer wohl die geografische Verwirrung schlechthin. Internationale Flugpassagiere, und solche dürfte der Industriestandort Basel gar einige haben, müssen, ach wie verwirrend, im grenzenlosen Europa nach Frankreich fliegen, um in die Schweiz zu gelangen. Oder von Deutschland über Frankreich in die Welt fliegen.
Wohl alles unvorstellbar für unsere Marketinggurus, die gerne Wasser predigen, aber Wein trinken, sprich viel von Weltoffenheit und Blick über den Tellerrand predigen, um danach nicht einmal in der Lage zu sein, für eine Region logistisch sinnvolle Lösungen zu entwickeln, die sich nicht von nationalstaatlichen Grenzen einengen lassen.

Übrigens, wie ist dieser Ausspruch zu interpretieren? Die Leute sagen nicht Südtirol. Für die ist das Italien. Und ich dachte immer die SMG ist dazu gegründet worden, eine starke Marke Südtirol zu kreieren und zu promoten.
Trotzdem, ganz unrecht hat Oswin Maurer in seiner Annahme nicht. Deshalb ist dies durchaus ein gewichtiges Argument für die Eigenstaatlichkeit Südtirols. Sie würde Südtirol automatisch auf den internationalen Landkarten sichtbar machen. Und gar nicht wenige BesucherInnen werden Luxemburg, Malta, Estland oder andere Kleinstaaten unter anderem deshalb besuchen, da sie aufgrund ihrer Eigenstaatlichkeit international sichtbar sind und nicht nationalstaatlich von einem großen Nachbarn vereinnahmt werden, der sie ihrer Eigenheiten, Erkennbarkeit und Sichtbarkeit beraubt. Auch eine Südtiroler Sportautonomie würde für internationale Sichtbarkeit sorgen und einen entsprechenden Werbeeffekt generieren.

Siehe auch:
Außendarstellung Comparatio Grenze Kleinstaaten Medien Mobilität Nationalismus Sport Tourismus Verbraucherinnen Wirtschaft+Finanzen | Zitać | | ff | Elsass Svizra Ticino | Euregio Freie Universität Bozen | Deutsch

16 replies on “Nationaler Airport.”

Noch ein Beispiel: Die Vorarlberger fliegen vom Schweizer Flughafen Altenrhein nach Wien oder von Memmingen zu anderen Zielen.

… scharfsinnig wie immer, meine volle Zustimmung!
Aber Südtirol/AA ist anders! – Während Spanien weiterhin das Erbrochene der Franco-Diktatur verräumt (materiell wie auch Straßennamen), München sein NS-Dokuzentrum über dem Abbruch des braunen Hauses errichtet hat, lädt man in Bozen zum Hochglanz-Siegesdenkmal aus Rutenbündeln, welches täglich und vorsorglich versperrt wird, wo das Friedensplatz-Straßenschild von 2002 bereits zum „Doku-Museumsexponat“ gehört …

… mittlerweile „figuriert“ im Uni-Ranking von 24ore das Siegesdenkmal für Bozen wie das Kolosseum für Rom ! !
Da braucht es schon gerüttelt Maß an Sarkusmus um diesem Fakt zu begegnen, in aller Deutlichkeit: LECKIBUS ARSCHIBUS, so die Antwort die sich sogar reimt auf die beiden letzten Worte in Bronzelettern LEGIBUS ARTIBUS am „Kultur-denk-mal“ der Sonderklasse …

Wenn ich freie Universität Bozen höre, frage ich mich immer von was sie frei ist? Von politischen Einfluss oder vom akademischen Anspruch?

wenn ich mir die „Rechtfertigung für den Bozner Flughafen“ eines „Tourisitk-Experten“ der UNI Bozen durchlese, dann komme ich gar nicht zum Schluß, dass dieser notwendig ist. Allerdings eines frage ich mich schon:
wie lange muss man studiert haben, einen derartigen Stumpfsinn zu verzapfen?
Die Frage muss wohl doch erlaubt sein.

Gelegentlich kann man auch einen Stumpfsinn von Seiten eines Universitätsprofessors vernehmen. Diese Gelegenheit hat Herr Oswin Maurer, Marketingprofessor an der Uni Bozen und ab Oktober 2015 Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, in der ff Nr. 35 vom 9.07.2015 voll wahrgenommen. Anerkennenswert.

Einige Aussagen von Herrn Oswin Maurer im besagten Interview sind durchaus interessant. So z.B. die Feststellung, dass Südtirols Tourismus vor allem wegen der familiären Strukturen der Betriebe erfolgreich ist, da es bis dato gelungen sei die „Corporate Investments“ draußen zu halten. Eine Feststellung, die ich sofort unterschreiben würden.

vorhergehenden Konzerttermin am 13.12.1996 in Stuttgart nach Bruneck angereist sei, wo das Konzert am 15.12.2015 stattfand.

Wir brauchen unbedingt einen Flughafen!

…und wenn dann in einigen Jahren durch den Brennerbasistunnel wirklich der Flughafen München in 2 Stunden erreichbar sein wird: Wer fliegt dann wirklich noch von Bozen nach… ja wohin denn? München? Frankfurt? Rom?
Spätestens dann wird der Flughafen obsolet. Und das sagt einer dessen Freundin von Neuseeland anreist…

@pérvasion Ich zitiere

Spätestens dann wird der Flughafen obsolet

Obsolet=Überflüssig. Es braucht ihn einfach nicht…

Etwas mehr Rationalität würde nicht schaden, der Prof hat recht!
Die Gegenargumente sind zt nicht einmal gültig und schon gar nicht schlüssig

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