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Logischer Vorgang.
Quotation 358 // Migration und Sprache

Durch diese neue Migration haben sich aber die traditionellen Trennlinien zwischen den drei Landessprachen verhärtet, zumal Migranten als erstes die italienische Sprache lernen. Das ist an und für sich ein logischer Vorgang, weil sie in Italien den Asylantrag stellen.

Zeithistorikerin Eva Pfanzelter im Barfuss-Interview.

Aussagen wie diese bestätigen, dass die Autonomie außerstande ist, die intrinsischen Mechanismen des Nationalstaats im Sinne einer plurilingualen Gesellschaft wie der unseren außer Kraft zu setzen. Obschon das ihr eigentlicher Zweck sein sollte. Dabei muss der Nationalstaat gar nicht aktiv tätig werden, damit die »selbstverständliche« Wirkung seines »Nationalismus« greift. Darüberhinaus wird in Südtirol auch nicht (wie woanders) versucht, durch asymmetrische Maßnahmen (affirmative action) für mehr Gleichgewicht zu sorgen. Stattdessen

  • ist zum Beispiel für eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung nach wie vor ausschließlich der Nachweis der Staatssprache vorgeschrieben;
  • werden ZuwandererInnen teils Italienischkurse kostenlos angeboten, während Deutschkurse kostenpflichtig sind;
  • ist man selbst in Südtiroler Landgemeinden oft der Auffassung, dass Italienisch für Migrantinnen die »bessere« Sprache sei, weil angeblich leichter zu erlernen.

Gerade in mehrheitlich deutschsprachigen Ortschaften wirken sich derartige Ansätze zudem ausschließend auf die neuen Mitbürgerinnen aus. Solche für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtigen Überlegungen in die rechte Ecke zu stellen — nur weil sie aus durchsichtigem politischem Kalkül auch von den Rechten angestellt werden — halte ich für brandgefährlich.

Einwanderung ist zumindest bei den Migrationsnetzwerken immer noch ein “italienisches” Phänomen – mehr als vier Fünftel der Vereinigungen bedienen sich der Referenzsprache Italienisch und weniger als 20 Prozent der deutschen.

Historiker und Konfliktforscher Kurt Gritsch auf Salto.

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One reply on “Logischer Vorgang.
Quotation 358 // Migration und Sprache

Ich stimme dir zu, dass das Bemühen in unserem Land jenes sein muss, allen die hier leben – und sei es auch nur mehr oder weniger vorübergehend – unsere drei Landessprachen näher zu bringen und deren Erlernen gleichwertig zu fördern.
Gleichzeitig ist es innerhalb des nationalstaatlichen Rahmens (den du ablehnst, schon klar), nachvollziehbar, dass sowohl jemand, der auf die Behandlung seines Asylantrags wartet, als auch jemand, der seit mehr als 5 Jahren mit gültiger Aufenthaltsgenehmigung in Italien lebt und arbeitet und daher Anrecht auf eine langfristige Aufenthaltsgenehmigung hat, zunächst ein größeres Interesse daran hat, Italienisch als Deutsch zu lernen. Ersterer, weil er so vielleicht die Möglichkeit hat, bei der Verhandlung seines Antrags durch die italienischen Behörden, diese zumindest in Ansätzen selbst zu verstehen. Zweiter, weil er für den Erhalt dieser langfristigen Aufenthaltsgenehmigung eine Sprachprüfung auf Italienisch ablegen muss.
Trotzdem, das alles sollte uns, wie gesagt, nicht daran hindern, bewusste Maßnahmen zum Erlernen aller drei Landessprachen zu setzen, auch wenn das für das Deutsche (oder das Ladinische) mit einem höheren finanziellen Aufwand seitens des Landes verbunden ist, weil nur begrenzt auf staatliche oder europäische Fördertöpfe zurückgegriffen werden kann.
Wichtig erscheint mir aber auch – angesichts der geschilderten Rahmenbedingungen – dass Geflüchtete und MigrantInnen sich frei entscheiden können, (vorerst) auch nur Italienischkurse zu belegen. Selbst wenn das negative Auswirkungen auf ihre zukünftige Bereitschaft, Deutsch (oder Ladinisch) zu lernen haben könnte.

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