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Hyperventilationsmodus ein.
Südtirol und die Raute der Macht

“Buhh…schwer auszuhalten dieser Text.”, “Erbärmlich … kaum fassbar”, “schlimm. Peinlich. Furchtbar. Fremdschäm.”, “Fremdschämen ist ja gar kein passender Ausdruck- Empörung ist wohl treffender!”, “Ma proprio orrendo”, “eine bodenlose Frechheit!”, “unfassbar”, “Ich konnte es auch nicht glauben”, “das Bild schmerzt derart; ich hab mich nicht getraut, so genau hinzuschauen” oder “#notinmyname”. Das ist eine Auswahl an Kommentaren, die unter den jüngsten Facebook-Postings des grünen Co-Sprechers Felix von Wohlgemut und der grünen Landtagsabgeordneten Brigitte Foppa zu finden sind. Letztere hat zusammen mit ihren Fraktionskollegen in aller Dringlichkeit auch gleich eine Landtagsanfrage zu der Angelegenheit verfasst.

Was war passiert? Hat die Politik wieder einmal nichts getan, um zu verhindern, dass hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken? Wurden Veranstaltungen mit Beteiligung Rechtsextremer mit öffentlichem Geld unterstützt? Hat man mit einer falschen Corona-Politik Menschenleben aufs Spiel gesetzt? Haben sich die üblichen verdächtigen Politiker einmal mehr rassistisch oder sexistisch geäußert? Oder wurden weitere Schritte gesetzt, um den strauchelnden Haushalten im Land das Leben noch teurer zu machen?

Nö. Die renommierte Hamburger Boutique Agentur Carl Nann, hervorgegangen aus der ältesten Werbeagentur Deutschlands, hat für das Südtiroler Marketing und Destination Management IDM eine einseitige Anzeige für die F.A.Z. und die Süddeutsche Zeitung gestaltet: eine – wohl absichtlich – etwas cheesy formulierte und mit einem kitschigen Sujet versehene Einladung an die Altbundeskanzlerin Angela Merkel, ihren Frühjahrsurlaub in Südtirol zu verbringen.

Obige Debattenbeiträge und die Tatsache, dass wegen dieser Einschaltung sofort eine Landtagsanfrage gemacht wurde, zeigen, wie wir dabei sind, als Gesellschaft unseren Kompass zu verlieren, Graustufen nicht mehr wahrhaben wollen und unsere Empörung über Dinge, die wir nicht gut heißen, inflationär mit negativen Superlativen garnieren – und damit tatsächlich grobe Missstände und Verfehlungen abwerten.

Die Ad-hoc-Kampagne polarisiert (was ja vielfach eines der Hauptziele von Werbung an sich ist) und man kann sie unpassend oder misslungen finden. Aber aufgrund der “Unfassbarkeit”, “bodenlosen Frechheit” und “Unerträglichkeit” sich in hunderten Kommentaren zu echauffieren und eine Landtagsanfrage dazu zu machen, halte ich für ungefähr so provinziell, wie es dem Stil der Anzeige vorgeworfen wird. Nebenbei scheint die Werbung in der Zielgruppe offenbar gar nicht so schlecht anzukommen und wird auch von Werbefachleuten ausdrücklich gelobt. Christian Zich, Professor für Internationales Marketing- und Vertriebsmanagement, zieht in seinem Blog den Hut vor der “intelligenten, interessanten Gestaltung”, die ein “faszinierendes Spiel mit den Grundgedanken des Framing-Ansatzes” sei und Michael Jungwirth von der Chefredaktion der Kleinen Zeitung hält das Inserat für schlichtweg “genial”.


Das muss jetzt natürlich nicht der Maßstab sein und man kann freilich anderer Meinung sein (ich persönlich schwanke noch zwischen peinlich und genial), aber diesen “Skandal” dann zum südtirolweiten Aufreger der Woche zu machen, ist angesichts der grassierenden Pandemie, des Pflegenotstandes, der für viele existenzbedrohenden wirtschaftlichen Situation und der Klimakrise fast ein Hohn.

Interessant finde ich auch, dass von Seiten derer, die – wie ich auch – Ehrlichkeit, Authentizität und Respekt in der Werbung und Außendarstellung Südtirols fordern, kaum ein vergleichbarer Aufschrei zu hören ist, wenn beispielsweise Touristiker das Bild der ladinischen Täler in der Welt nachhaltig prägen, dabei auf die endonymen Toponyme wie Gherdëina, Urtijëi usw. verzichten und eine Gegend, die zu über 90 Prozent von ladinischsprachigen Menschen bewohnt wird, “ehrlich, authentisch und respektvoll” weltweit mit Val Gardena bewerben. Oder wenn Gastwirte deutscher Muttersprache für ein englischsprachiges (!) Publikum die “Tiroler Tradition” des Törggelens (ehrlich, authentisch und respektvoll) auf Italienisch statt auf Deutsch erklären müssen. Oder wenn Alleinstellungsmerkmale in Bezug auf das Weinland Südtirol im englischsprachigen Raum durch eine Anbiederung an eine vermeintlich italienische Winzertradition mit “Alto Adige Wines” und nicht mit dem im Englischen gängigen “South Tyrol” vermarktet werden.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/

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11 replies on “Hyperventilationsmodus ein.
Südtirol und die Raute der Macht

Ein Detail:

Sie nahmen Ehrendoktorwürden in Cluj, Nijmegen und Nanjing entgegen.

Cluj in Siebenbürgen heißt auf Deutsch Klausenburg. Auf sowas hätte man als Südtiroler Auftraggeber eigentlich schauen sollen… wir würden uns auch nicht freuen, wenn zum Beispiel Ostbelgierinnen sagen würden, sie seien in Chiusa gewesen. Aber diese mangelnde Sensibilität hat in Südtirol ja eine gewisse Tradition.

Unser Unternehmen unterhält Geschäftsbeziehungen mit verschiedenen Lieferanten aus Rumänien. Im Zuge dessen hatte ich das Glück bei einer Feier der deutschen Gemeinschaft in Cluj eingeladen gewesen zu sein.
Diese riskiert langsam, aber sicher von der Bildfläche zu verschwinden, auch weil der Erhalt der deutschen Sprache in Rumänien absolute Nebensache darstellt.
Die deutsche Gemeinschaft ist dermaßen klein (knapp 500 Mitglieder, dabei sind die Kinder bereits mit eingerechnet), dass die Namensgebung ihrer Heimatstadt das kleinste aller Probleme bereitet. In der Tat hatte in meinen Gesprächen keiner der Deutschen ein Problem die Stadt mit Cluj zu bezeichnen.
Man sollte hier das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Wie in der von mir stetig vertretenen Grundthese ist nicht die Mehrsprachigkeit und die mangelnde Einhaltung derselben das große Problem, sondern die soziale Frage. Und diese ist für die deutsche Minderheit in Cluj mehr als imminent, sorgen doch Rumänen, Roma und andere Ethnien, die mittlerweile die Deutschen zahlenmäßig überholt haben, für deren sozial-ökonomische Ausgrenzung. Würde man hier, sozusagen als in der Sprache vereint, von Südtirol aus helfen, wäre den Deutschen in Rumänien mehr geholfen.

Warum sollte mich die soziale Frage der Deutschsprachigen in Klausenburg mehr interessieren als jene der Ungarn, Roma und anderer? Das ist eine nationalistische Denk- und Herangehensweise, die mir fernliegt.

Und was heißt zahlenmäßig überholt? Laut Wikipedia war das schon vor dem ersten Weltkrieg so:

1910 waren von damals knapp 61.000 Einwohnern nach Muttersprache 83,4 % Ungarn, 12,4 % Rumänen und 2,8 % Deutsche.

Lieber Harald …für Dich mögen die € 100.000 an Steuergeldern für diese Peinlichkeit ja einen Lacher wert sein – für mich leider nicht.

wie geschrieben – über die qualität der aktion kann man geteilter meinung sein. diese reichen von genial bis peinlich. aber das was da gemacht wurde, ist die aufgabe der idm. dafür gibt es sie. um marketing zu machen. und das kostet auch geld. und dass die werbung wirkt, kann man angesichts der aufgeregten diskussionen kaum leugnen. stellt sich zuletzt noch die frage, ob man in pandemiezeiten geld für tourismuswerbung ausgeben soll. ich finde ja. gerne können wir eine grundsatzdiskussion darüber führen, wieviel tourismus südtirol verträgt und wie nachhaltiger tourismus funktionieren kann. aber overtourism ist im moment ja nicht das problem. vielmehr müssen tausende menschen im land, die vom tourismus abhängig sind, schauen, wie sie ein einkommen erlangen, mit dem sie über die runden kommen. und dafür ist indirekt auch die idm zuständig.

Wertfrei renditebetrachtet und von der benutzten Person getrennt mag Ihre positive Einschätzung im gläsernen Kubus werbemachender Kollegen gern zutreffen – als einfacher Südtiroler und Mensch mit Empathie finde ich diese Werbung peinlich, die Person instrumentalisiert; nein, “ich bin das nicht”.
Sie mögen Professionalität und Wirksamkeit erkennen, ich darf dafür Peinlichkeit und negative Berührung empfinden.
Sorry, Frau Merkel, viele hier fühlen, das “tut man nicht”.
.
So sind wir nicht.
Wirkung liegt uns nicht über Respekt.

Alexandra Kienzl hat auf Salto einige wirklich gute Punkte herausgearbeitet, die aber leider nicht der Grund für die Empörung von Grünen, Freiheitlichen und Team K waren.

Dass Felix mit den 100.000€ argumentiert, finde ich ein wenig… schwach. Wie viel Geld haut die IDM täglich an Steuergeldern raus, für Kampagnen, die Südtirol bestenfalls noch als Knödel- und Speckland verkaufen (wenn sie nicht gerade faschistische Symbole verharmlosen)?

Sobald wir aufs Geld schauen, dürfen wir uns sowieso nicht auf die Ausgabe an sich beschränken, sondern müssen mit berücksichtigen, was sie generiert.

Und wie Harald schreibt: Gerne können wir uns grundsätzlich über Tourismus, Werbung und Budgets unterhalten — doch das sind alles nicht Themen, die speziell mit dieser einen Anzeige in Verbindung stehen.

Das was mich an der Hyperventilation aber am meisten stört, ist tatsächlich, was in Südtirol alles gar keine Empörung — ja nicht einmal mehr Verwunderung — hervorruft, während man sich lang und breit an einer derartigen Schaltung abarbeitet. Das mag man als Whataboutism auslegen, ich habe aber (wie ich schon mehrmals geschrieben habe) nicht wirklich etwas gegen Whataboutism, wenn er nicht lediglich dazu dient, von Problemen abzulenken, sondern aufzeigt, dass mit zweierlei Maß gemessen wird.

Es geht Felix nicht darum ob für die Werbung 100.000 ausgegeben wurden, sondern um das was aus der Summe 100.000 gemacht wurde. Der Unterschied ist markant.

Genau! Dass ihn dabei aber genau diese Anzeige so stört, während ihm so viele andere (sicher gleich teure) keinen Kommentar wert sind, ist das was ich erstaunlich finde.

Dies umso mehr, als auch er keinen der stichhaltigen Gründe anführt, die Kienzl herausgearbeitet hat.

Und wenn wir das Geld ins Spiel bringen, müssen wir auch den wirtschaftlichen Output berücksichtigen.

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