ANPI in der Schule: Der Bock als Gärtner?

Wie die Landesregierung mitteilt, haben die drei Schulämter des Landes sowie die Schullandesräte Achammer, Mussner und Tommasini mit der Associazione Nazionale Partigiani d’Italia (dem Partisanenverband ANPI) eine Vereinbarung unterzeichnet.

Ziel ist es, das Wissen um die historischen Ereignisse im Zeitraum zwischen 1919 und 1948 und insbesondere die Geschichte des Widerstandes gegen den Faschismus und Nationalsozialismus zu verbreiten.

Landespresseamt

Nun kann man den SchülerInnen nicht genug Wissen über die verhängnisvolle Zeit der nationalsozialistischen und der faschistischen Diktaturen, ihre unvergleichlichen Verbrechen, ihre Auswirkungen auf unser Land und über den Widerstand vermitteln.

Allerdings drängt sich der Verdacht auf, dass hier der Bock zum Gärtner gemacht wird, hat sich der italienische Widerstand in Südtirol — ähnlich wie in Triest und dem »julischen Venetien« — vor allem dadurch ausgezeichnet, den Verbleib bei Italien zu unterstützen. Dabei waren ungerechtfertigte Gewaltanwendung und Zusammenarbeit mit den angeblich bekämpften Faschisten keine Ausnahme:

Auf italienischer Seite gab es auch in Bozen eine Zweigstelle des “Comitato di Liberazione Nazionale” (CLN), auf deutschsprachiger Seite den “Andreas-Hofer-Bund” (AHB). Militärische Widerstandshandlungen gab es bei beiden Gruppen praktisch nicht. […] Ende 1944 tauchte der Mailänder Sozialist Bruno De Angelis in Südtirol auf. […] Claus Gatterer meinte zu De Angelis: “Sein Auftauchen akzentuierte den Importcharakter der italienischen Widerstandsbewegung in eher negativer Weise, zumal ihm — im Gegensatz zu Longon oder auch Manci — die wesentlichen Grundelemente für das Verständnis der Lage im Lande fehlten.” So wurde der CLN Bozen unter der Leitung De Angelis zu einer nationalistischen Gruppe, die als erstes Ziel den Erhalt der Brennergrenze für Italien sah. […] Die Vertreter des CLN Mailand waren über die Kapitulationsverhandlungen unterrichtet und sich im klaren darüber, daß die Südtiroler nun eine Wiedervereinigung mit Tirol wollten. Von daher war es wichtig, wer beim Einrücken der Alliierten die Macht in Südtirol hatte. Es ging darum, sich eine gute Ausgangsposition für künftige Friedensverhandlungen zu schaffen, um die Brennergrenze zu erhalten. Bruno De Angelis wurde daher nach Bozen geschickt, um die Machtübernahme des “Nationalen Befreiungskomitees” und damit Italiens in Südtirol durchzuführen. Er ging dabei äußerst rücksichtslos vor und scheute auch nicht vor unnötiger Gewaltanwendung zurück. […] Im allgemeinen Befehlsdurcheinander gelang es De Angelis schließlich, mit Hilfe der wenigen Bozner CLN-Mitglieder die Regierungsgewalt in Südtirol von den deutschen Befehlshabern übertragen zu bekommen. So wurden noch vor dem Einmarsch der Amerikaner vollendete Tatsachen geschaffen. […] Am 3. Mai 1945 übernahm der CLN endgültig die Verwaltung des Landes bis zum Brenner. Am gleichen Tag hißten Carabinieri dort die italienische Fahne. Italien hatte wieder die Regierungsgewalt in Südtirol übernommen; in Bozen war eine Regierung im Amt, die ihre Tätigkeit im Namen Italiens ausübte und dann von den Amerikanern in diesem Amt bestätigt wurde. Die […] zunehmend antideutsche Einstellung des CLN machte sich dann besonders im administrativen Bereich sofort bemerkbar. Das Bozner Unterland, Cortina d’Ampezzo und Buchenstein wurden von der Provinz Bozen abgetrennt und der Provinz Trient bzw. Belluno angegliedert. In vielen Gemeinden wurden ehemals faschistische Funktionäre wieder als Bürgermeister eingesetzt, und auch in der Bürokratie fand eine allgemeine Re-Italianisierung bzw. Re-Faschistisierung statt. Es kam zu einer direkten Fortsetzung der ehemals faschistischen Politik.

— aus Steininger, Rolf: Südtirol im 20. Jahrhundert, S. 205ff.

Auch der Politologe Günther Pallaver schreibt (in der Tageszeitung vom 02.09.2011):

Die italienische Resistenza (das nach der Ermordung Manlio Longons von Bruno De Angeli geleitete CLN) war von Nationalisten und Faschisten unterwandert. Ihr primäres politisches Ziel war die Aufrechterhaltung der Brennergrenze.

Der italienischsprachige Südtiroler Historiker Andrea Di Michele berichtet in einem Aufsatz von der Eingliederung der stramm nationalistischen Bewegung Giovane Italia sowie ehemaliger Faschisten ins Bozner »Befreiungskomitee«:

È con De Angelis che avvenne l’inquadramento nel CLN dei resistenti nazionalisti della «Giovane Italia», nonché l’infiltrazione nelle formazioni partigiane di ex fascisti desiderosi di ricrearsi una verginità  politica. Ciò si inseriva nello sforzo di dare forza numerica ad un’organizzazione militare che, secondo le stesse dichiarazioni di De Angelis, doveva porsi come obiettivo principale quello di assumere i poteri al momento dell’ormai prossima resa tedesca. […] Il fatto di riuscire ad assumere formalmente il governo della provincia in nome delle autorità  italiane al momento della resa tedesca, veniva visto come decisivo per garantire il mantenimento dell’Alto Adige in mani italiane. L’interesse di De Angelis non era solo di tipo nazionale, ma anche di carattere economico: i suoi strettissimi legami con il mondo industriale lombardo lo portavano a rappresentare gli interessi di quelle forze economiche fortemente interessate all’«oro bianco» (l’energia elettrica) prodotta [sic] in Alto Adige.

Zweifel an der jetzt abgeschlossenen Vereinbarung zwischen Land und Partisanenverband — respektive am vorgeblichen Ziel, »insbesondere die Geschichte des Widerstandes gegen den Faschismus und Nationalsozialismus zu verbreiten« — kommen außerdem auf, wenn an anderer Stelle in der Pressemitteilung des Landes davon die Rede ist, dass

der Geschichte des Durchgangslagers in Bozen-Gries, der Zeit des “Alpenvorlandes” und den Formen des Widerstands in der Bevölkerung besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden soll.

Sowohl das Durchgangslager als auch die Operationszone Alpenvorland fallen in die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft. Im Grunde nicht schlimm, sondern geradezu großartig, wenn die SchülerInnen tatsächlich objektiv über die damaligen Verbrechen der Nazis, die weitverbreitete Kollaboration in Südtirol und den Widerstand aufgeklärt werden.

Die Geschichte des italienischen Partisanentums in Südtirol bewirkt jedoch, im Zusammenspiel mit der Tatsache, dass die »besondere Aufmerksamkeit« nur auf der einen Seite liegen soll, während die 20 Jahre Faschismus offenbar vernachlässigt werden, zumindest einen merkwürdigen Beigeschmack.

Das Protokoll sieht außerdem Initiativen vor, die sich mit dem Widerstand und dem Freiheitskampf befassen; hierbei sind Projekte zur Wiederentdeckung der Gedenkstätten und zur Verankerung der grundlegenden Werte der italienischen Verfassung geplant.

— Landespresseamt

Auch dies scheint keineswegs unproblematisch zu sein. Der CLN hatte dazumal mit dazu beigetragen, dass die BürgerInnen nach langen Jahren der Diktatur nicht über die staatliche Zugehörigkeit Südtirols befinden durften. Und die italienische Verfassung verhindert kraft ihrer »grundlegenden Werte« bis heute — und wenn möglich sogar in alle Ewigkeit — dass ein derartiger Entscheid jemals möglich wird.

Nur konsequent ist dann auch, dass das Projekt »zudem einen kontinuierlichen Austausch mit dem gesamtstaatlichen Institut Centro Turistico Studentesco CTS« vorsieht. Die alten Ziele der Partisanen, Südtirol im Sinne eines Verfassungspatriotismus in die italienische Nation zu integrieren, scheinen nach wie vor aktuell zu sein. Und die Landesregierung spielt willig mit.