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Grober kulturpolitischer Unfug.
CAI will alle Wege mit Tolomei-Namen beschildern.

von Thomas Benedikter*

Soll Tolomei einen späten Triumph erhalten, indem flächendeckend alle Wegschilder des AVS zweinamig gefasst werden müssen? Oder sollen zumindest die Wanderer und Bergsteiger vom Unfug der Tolomeischen Fantasienamen verschont bleiben? Jahrzehntelang haben sich weder die italienischen Mitbürger noch die Urlaubsgäste an den einnamigen Wegweisern gestoßen. Erst die Digitalisierung der Wanderrouten durch den AVS hat der italienischen Rechten den Anlass geliefert, einen Angriff gegen dieses Refugium gewachsener Ortsnamen zu starten. Statt Tolomeis Prontuario im öffentlichen Gebrauch aufs unvermeidliche Minimum zu reduzieren, statt eine Lösung im Einklang mit internationalen Standards des Minderheitenschutzes bei der Ortsnamengebung zu suchen, soll das Tolomei-Erbe bis aufs letzte Hinweisschild im hintersten Bergtal ausgedehnt werden, obwohl fast kein Italiener diese Namen kennt oder jemals verwendet hat. Sogar ein Ultimatum meinte Regionenminister Fitto dafür setzen zu müssen: eine Revanche der italienischen Rechten gegen die langjährigen Bestrebungen der Südtiroler, zumindest einen Teil der Tolomei-Namen ins Kuriositätenfach der Geschichte zu entsorgen? Dazu kommen konnte es freilich nur, weil das Land die Materie seit Jahrzehnten vor sich herschiebt und nicht in der Lage war, durch ein klares Landesgesetz den vom Autonomiestatut erlaubten Spielraum vor dem Verfassungsgericht auszuloten.

Dabei könnten einnamige Wegschilder, versehen mit den italienischen geografischen Bezeichnungen (Berg, Bach, Alm usw.), Teil der Südtiroler kollektiven Erinnerung sein. Die AVS-Schilder erinnern die italienischen Gäste und Mitbürger daran, dass hier die allermeisten Flur- und Ortsnamen einnamig deutsch oder ladinisch waren, bis es einem Roveretaner Fanatiker eingefallen ist, sich am Schreibtisch 8000 Namen aus den Fingern zu saugen und per Dekret Mussolinis einem ganzen Land aufzustempeln. Es war ein Projekt der kulturellen Kolonisierung und wird der deutschen Sprachgruppe als solches in Erinnerung bleiben. Wie die nicht durch Kontextinformationen relativierten faschistischen Denkmäler sind sie ein penetrant störendes Element im Zusammenleben der Sprachgruppen. Ein sprachgruppenübergreifender Widerstand gegen den Tolomei-Unfug aus Einsicht in die Revidierbarkeit einer kulturpolitischen Aggression der Vergangenheit ist in Südtirol nie entstanden, doch auch eine Kompromisslösung etwa im Sinne der Prozentlösung der fünf Vereine oder des Durnwalder-Vorschlags zur Regelung der Mikrotoponomastik auf Gemeindeebene wird nicht ohne deutlicheres Engagement gelingen.

Dass die italienische Rechte und PDL-Minister diese Linie fahren, kann niemanden überraschen, bietet doch der Symbolgehalt von Namen und Denkmälern den klassischen Stoff für nationalistische Stimmungsmache. Dass sich der CAI für 7000 solcher Namen stark macht, ist aber wenig angetan, die Stimmung zwischen deutsch- und italienischsprachigen Bergfreunden zu verbessern. Traurig schließlich, dass die Grünen und der PD sich für das Ansinnen der Durch-Tolomeisierung der Landschaft hergeben. Die Grünen müssen sich fragen, ob solche Positionen mit der Tatsache in Zusammenhang stehen, dass es landesweit nur mehr 20 grüne Gemeinderäte gibt. Der PD, offensichtlich gefangen in der italienischen Wahlarithmetik, glaubt, dass jegliches Nachgeben bei den Ortsnamen als Kniefall gegenüber der deutschen Sprachgruppe ausgegeben wird und nicht als Akt kulturpolitischer Vernunft. Um keine Stimmen zu riskieren, lässt man sich die Position von der italienischen Rechten diktieren. Für die italienische “società  civile” Südtirols bleibt es ein Armutszeugnis, die Tolomei-Namen auf allen Wegweisern im Land durchsetzen zu wollen. Diesen kulturpolitischen Unfug einzudämmen wäre ein wichtiger Schritt zur gemeinsamen Beheimatung der Sprachgruppen in diesem Land, nicht seine Ausweitung und Perpetuierung.

*) Thomas Benedikter ist Wirtschafts- und Sozialforscher in Bozen. Er ist u. a. Autor von »Autonomien der Welt« (Athesia, Bozen 2007) und »The World’s Working Regional Autonomies« (Anthem, London/Neu-Delhi 2007).

PS: Sollten, wie der HGV dies vorschlägt, auf den künftigen Wegschildern auch englische geografisch-technische Bezeichnung Platz finden, wäre ich absolut für die Ergänzung mit chinesischen Bezeichnungen. Wie kann man es bloß den Angehörigen dieser großen Kulturnation, zahlreiche und zahlungskräftige Touristen der Zukunft, zumuten, “Tal”, “Alm” und “Berg” in einer Fremdsprache lesen zu müssen?

Dieser Beitrag ist auch in der aktuellen Ausgabe des Wochenmagazins ff erschienen.
Cultura Ortsnamen Plurilinguismo Politik | Italianizzazione | Ettore Tolomei Luis Durnwalder Thomas Benedikter | | Südtirol/o | AVS CAI PD&Co. PDL&Co. Vërc Verfassungsgericht | Deutsch

14 replies on “Grober kulturpolitischer Unfug.
CAI will alle Wege mit Tolomei-Namen beschildern.

Gratuliere Herr Benedikter, dieser Artikel ist ein Meisterstück. Fast alle wichtigen Argumente und Zusammenhänge sind hier prägnant auf den Punkt gebracht. Vielleicht machen sich die Grünen endlich Gedanken, würde es mir wünschen!

Ich bin ebenfalls der Meinung, dass Thomas‘ Stellungnahme nicht viel hinzuzufügen ist. Dieser sehr ausgewogene Beitrag wäre allen Linkspolitikern, die nach wie vor auf Unitalia-Positionen verharren, ans Herz zu legen.

Das ist die grüne Position von eh und jeh, die da als besonders großzügig angepriesen wird. In Wirklichkeit sind private Bezeichnungen sowieso von der Zuständigkeit des Landes ausgeklammert. Jeder darf seinen eigenen Hof, seine eigene Wiese nennen wie er mag. Also wollen die Grünen alles übersetzen was das Land übersetzen darf. Verschont bleibt Privates, also dankenswerterweise auch unsere Vor- und Nachnamen.

Höfenamen, auch Namen von Gasthöfen und privaten Schutzhütten, sind immer schon großteils einsprachig/einnamig gewesen. Hat das für Italiener schlimme Folgen (Aussprache? Sicherheit? Orientierung?) gehabt? Nein, laut ASTAT war der letzte Sommer mit den gescholtenen AVS-Schildern sogar ein Touristen- und Italiener-Rekordjahr.

http://www.stol.it/Artikel/Politik-im-Ueberblick/Lokal/Einigung-im-Schilderstreit-Einsprachige-Schilder-nur-auf-privatem-Grund

Hmm, wie ist hier diese Passage zu verstehen?

Auch Hofnamen, Bezeichnungen von Privateigentum oder seit Jahrhunderten gebrauchte Namen sollen nicht übersetzt werden müssen, so Durnwalder.

Das hieße doch, dass die allermeisten Toponyme wirklich nicht übersetzt werden müssen. Oder besteht hier noch ein Ermessenspielraum?

Ich habe heute einen Beitrag auf SDF mit Landesrat Berger gesehen, in der er meinte, dass in nächster Zeit kein Toponomastikgesetz verabschiedet wird, sondern nur ein „Beschluss“. Ein Gesetz kann laut Berger auch deswegen nicht so ohne weiteres durchgesetzt werden, da man mit Obstruktion von Seiten der italienischen Rechten zu rechnen habe (Seppi kündigte ja an, wie in der Vergangenheit den Landtag mit tausenden sinnlosen Anträgen lahmzulegen, sollte ein Toponomastikgesetz angenommen werden, das auch nur Teile der Tolomei-Namen nicht berücksichtigt).
Insofern versucht die SVP, die derzeitige Beschilderungsproblematik „pragmatisch“ zu lösen und den für den Alpinisten oder Wanderer informativen Charakter in den Vordergrund zu stellen. „Informativ“ wird hier so verstanden, dass geografisch-technische Begriffe auf jeden Fall übersetzt werden sollen, nicht jedoch das gesamte historische Namensgut, also v.a. Flurnamen nicht (damit sind auch die ca. 3.000 von Berger und AVS als „Kompromiss“ angebotenen Schilder gemeint). Etwas irritierend empfand ich den Satz, dass im Grunde die Beschilderung „sehr wenig mit der Toponomastik zu tun habe“.

Meines Erachtens mag dies zwar die Beseitigung der derzeitigen Polemik bedeuten, eine langfristige Lösung schaut aber anders aus!

Was sind denn „seit Jahrhunderten gebrauchte Namen“? Wenn man das eng auslegt sind es ja fast alle! Aber eine wissenschaftliche oder juridische Bezeichnung ist das, so viel ich weiß, nicht. Man muss sich schon wundern, dass der LH ein Abkommen mit einem römischen Minister abschließt zu einem Thema (Toponomastik), welches Zuständigkeit des Landes Südtirols ist. Das ist ein unangenehmer Präzedenzfall, dass sich Rom in Dinge einmischen kann, die nur uns was angehen. Umgekehrt aber darf Südtirol über die genau definierten Kompetenzen hinaus nicht mitreden. „Abkommen“ mit der Regierung in Rom sind gerade sehr „modern“.

Ich habe jetzt die heutigen Dolomiten gelesen, da wird es schon ein bisschen klarer: Kofleralm soll malga Kofler werden, Durnwalder hat erreicht, dass Kofler nicht übersetzt weden muss. Das klingt nach einem „großen“ Erfolg: Private Eigennamen müssen nicht nachträglich italianisiert werden, wenn sie nicht schon von Tolomei übersetzt wurden. Sollen wir jubeln, weil das demokratische Italien nicht ganz so weit geht, wie das faschistische?
Ich will aber noch warten, wie die „Lösung“ in der Realität aussieht. So wie sie beschrieben wird, klingt es nach einem Kniefall.

Che Kofleralm debba diventare Malga Kofler è il frutto di un elementare buon senso. Ma non mi stupirei se neppure questo bastasse a tacitare gli idioti di entrambi i gruppi linguistici.

Warum muss diese Lösung die „Idioten“ (= alle die nicht denken wie gadilu) verstummen lassen? Anhand von diesem Beispiel (Kofleralm-Malga Kofler) ist ja nicht verständlich, was der Erfolg des Landeshauptmanns ist. „Kofleralm-Malga Kofler“ war genau (sogar wortwörtlich) die Forderung des CAI, und Durnwalder hat vor 10 Tagen im Fernsehen gesagt, dass das zu weit geht. Viel wichtiger ist mir aber zu verstehen, wie mit anderen Ortsnamen umgegangen werden soll, denn eine Malga Kofler hatte ja nicht einmal Tolomei übersetzt. Müssen jetzt alle berechtigten Forderungen (siehe Artikel von T. Benedikter) verstummen, weil der Landeshauptmann „erreicht“ hat, dass der Name von privaten Höfen und Almen nicht übersetzt wird? Müssen wir uns mit der Selbstverständlichkeit begnügen, dass der Prontuario nicht noch dicker wird?

Das habe ich kapiert. Meine Frage aber ist, warum dieses Abkommen, insoweit es bis jetzt bekannt ist, irgendjemand zum Schweigen bringen soll. What’s new?

@ dauergast: Ein Kniefall schaut anders aus.

Schon vor einem Jahr (also kurz nachdem diese Polemik von CAI und „Alto Adige“ losgetreten wurde) hat Durnwalder sich für die jetzt getroffene Lösung starkgemacht bzw. diese erst vorgeschlagen: Historische Flurnamen sollen nicht übersetzt werden , größere Katastralgemeinden und die wichtigsten geografischen Bezeichnungen von Flüssen, Seen, Bergspitzen (ob Tolomei-Namen oder nicht) und dergleichen mehr hingegen werden zweinamig angeführt. Zweisprachigkeit gilt bei all dem immer.

Das Gespräch mit Fitto ging v.a. über zusätzliche EU-Gelder für die Provinz. Der „Kompromiss“ zur Toponomastik hatte als Ergebnis das, was AVS und Durnwalder eben schon längst vorgeschlagen hatten (und nicht, wie du schreibst, dass „malga Kofler“ von CAI gefordert worden sei; dieser wollte die „malga Covolo“).

Darüber hinaus erscheint mir die Bedeutung dieses „Elefantentreffens“ mehr als fadenscheinig: Beide, Durnwalder wie Fitto, haben bei weitem keinen so großen Einfluss bzw. Entscheidungskompetenz (qua Amt), um hier überhaupt tätig zu werden. Wie hätte Fitto denn einerseits den Staatswillen exektuieren können, wo doch seine Befugnisse bei der Landesgrenze enden? Wie hätte Durnwalder sich andererseits einer tolomeischen Toponomastik erwehren können, wo es doch noch kein Landesgesetz zur Thematik gibt und alleine der Artikel 101 des Autonomiestatuts (der ja „Zweisprachigkeit“ einfordert) herangezogen werden kann?

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