Schon vor einigen Jahren hatten es die Elsässerinnen geschafft, den Würgegriff teilweise zu lösen, den die französische Gebietsreform von 2014 für sie bedeutet hatte. Zum 1. Jänner 2016 waren sie gemeinsam mit Lothringen und Champagne-Ardennen in die neu geschaffene Region Grand Est (Großer Osten) mit Hauptstadt Straßburg eingegliedert worden, die größer als die gesamte Schweiz ist.
Dank massiven politischen Drucks wurde schon 2019 der Zusammenschluss der beiden Départements Unterelsass (Bas-Rhin) und Oberelsass (Haut-Rhin) zur Europäischen Gebietskörperschaft Elsass erreicht, die 2021 ihre Arbeit aufnehmen konnte — und die mit der früheren Region Elsass deckungsgleich ist. Sie ist zwar noch immer Teil von Grand Est, hat aber neben den Zuständigkeiten der Départements, aus denen sie hervorgegangen ist, auch neue Kompetenzen in den Bereichen Zweisprachigkeit, lokale Sprache und Kultur, Tourismus sowie grenzüberschreitende Zusammenarbeit erhalten. Ferner wurden ihr die Staatsstraßen und Autobahnen (!) übertragen, die sich auf ihrem Gebiet befinden, wobei diese Zuständigkeit innerhalb der Metropolregion Straßburg direkt von dieser ausgeübt wird.
Am Mittwoch (8. April) hat die französische Nationalversammlung — nur wenige Tage nach ihrer weitreichenden Entscheidung über Kanaky — nun den vollständigen Austritt des Elsass aus der Region Grand Est beschlossen. Dies ist das Ergebnis einer parteiübergreifenden, beharrlichen Strategie der elsässischen Politik im Zusammenspiel mit der Zivilgesellschaft. Auch ein offener Brief von Politikerinnen aus anderen Teilen der Region Grand Est, der kurz vor der Abstimmung erschienen war, konnte die Entscheidung nicht mehr abwenden.
Somit ersteht das Elsass stärker als zuvor aus der eigenen Asche, da es nun wieder eine unabhängige Region wird und gleichzeitig die zusätzlichen Kompetenzen der Europäischen Gebietskörperschaft beibehält. Nicht ausgeschlossen, dass noch weitere hinzukommen.
Mit diesem auf dem französischen Festland bislang einmaligen Modell einer Region mit Sonderstatus fordern die Elsässerinnen auch den traditionellen Einheitsstaat und seinen tiefgreifenden Zentralismus heraus.
Während also Südtirol, das angeblich die innere Selbstbestimmung in Italien erreicht haben soll, nach Jahrzehnten noch immer in einer ungewollten und unbeliebten Zwangsehe mit dem Trentino verharrt, konnten die Elsässerinnen die traditionell hochzentralistische Elite in Paris überzeugen, ihnen wieder eine eigene Region zuzugestehen. Grand Est — in Zukunft vielleicht Moyen Est oder Petit Est? — verliert damit nicht nur die zur Europäischen Gebietskörperschaft vereinten elsässischen Départements, sondern mit Straßburg auch seine bisherige Hauptstadt und sein wirtschaftlich-kulturelles Zentrum. Diese Tatsache hatte die Abspaltung noch heikler und schwieriger gemacht, da sich die übriggebliebene Region (aus Lothringen und Champagne-Ardennen) völlig neu orientieren muss.
Wiewohl die Umsetzung der eigenständigen Region Elsass bis 2028 ins Auge gefasst wurde, bleibt abzuwarten, ob dies tatsächlich in so kurzer Zeit gelingen kann — auch weil der Senat dem Ansinnen noch zustimmen muss. Der Weg in eine neue politische Zukunft scheint aber vorgezeichnet.

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