Die etwas andere Präambel.
Ein Versuch der Entstaubung nach dem Motto "Zukunft statt Vergangenheit"

[Versione in lingua italiana]

Angesichts der im Konvent der 33 kursierenden Vorschläge [1] [2] für eine Präambel zum neuen Autonomiestatut, haben sich Christian Mair, Benno Kusstatscher, Simon Constantini und meine Wenigkeit dazu entschlossen, einen Alternativvorschlag zur Diskussion zu stellen, der unserer Meinung nach der Situation und dem Selbstverständnis Südtirols im 21. Jahrhundert besser entspricht.

Sehr geehrte Mitglieder des Konvents der 33,

was könnte unser kollektives Selbstverständnis als Südtirolerinnen und Südtiroler anderes sein, als ein bedingungsloses Bekenntnis zur Zukunft? Nicht die Betonung der Bedeutung politischer Verträge, nicht politische Sachzwänge, die durch professionell-juridische Fachsprache neutralisiert werden müssen, und schon gar nicht eine übertrieben komplette Auflistung von Schlagwörtern unserer üblichen Tagesdebatten, die letztlich nur den Baustellencharakter des Landes betonen; nichts davon sollte in der Präambel unseres neuen Autonomiestatus festgeschrieben werden, sondern vielmehr – so sind wir uns in ungewohnter Allianz absolut einig – das destillierte Wesentliche der angestrebten Zukunft, das erst nach radikal-konsequentem Verzicht auf liebgewordenen aber letztlich doch altbackenen Ballast, auf historisches Selbstmitleid und auf überstrapazierte Allgemeinplätze in der Reduktion zu erfassen ist:

Alternativentwurf für die Präambel des neuen Südtiroler Autonomiestatuts

Wir, alle Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes,

  • sind uns der bewegten Geschichte bewusst, die dieses Bergland im Dialog mit den bedeutenden Kulturen aus Nord und Süd bereichert, geprägt und gegliedert hat;
  • verstehen die sprachliche und kulturelle Vielfalt und Eigenständigkeit unseres Landes als Reichtum, als Chance und als Auftrag, Brückenbauer statt Grenzland zu sein;
  • sind bestrebt, unseren stetigen Beitrag zur friedlichen Ausgestaltung unserer europäischen Familie zu leisten, hin zu einem lebenswerten, nachhaltigen und gerechten Ort der Begegnung, geeint in Freiheit und selbstbestimmter Vielfalt;
  • sind uns unserer besonderen Verantwortung für den Erhalt des ökologischen und kulturellen Erbes des Alpenbogens bewusst, dem wir uns in Solidarität mit den anderen Alpenbewohnerinnen und Alpenbewohnern und in Freundschaft mit den umliegenden Ebenen und Metropolen verpflichtet fühlen;
  • bekennen uns zum humanistisch aufgeklärten Wertesystem, um in Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger unsere Rechte und Pflichten individuell wahrzunehmen und gemeinsam als Souverän die Geschicke unseres Landes zu bestimmen;
  • begreifen Toleranz, Inklusion, gegenseitigen Respekt und Chancengleichheit im Inneren als Grundsäulen für das friedliche Erblühen nachkommender Generationen auf einem zusammenwachsenden Planeten;
  • sehen uns, auch aufgrund unserer Geschichte, der Kraft der Subsidiarität verschrieben und der Verteidigung von Minderheitenrechten auf allen Ebenen – innerhalb, aber auch außerhalb unseres Landes – verpflichtet;
  • bauen diese unsere Zukunft im Schoß der europäischen Gemeinschaft in Dankbarkeit gegenüber den großen Frauen und Männern der österreichischen, italienischen und internationalen Politik für das Geleit aus vergangenen Krisen;
  • wünschen uns, den Weg gemeinsam mit unseren beständigen Begleitern, den Menschen in Nordtirol, Osttirol, Trentino und Souramont – ohne äußere Abgrenzung und weitere Nachbarn einladend – zu beschreiten;
  • möchten dabei unsere Verbundenheit auch mit allen anderen umliegenden Ländern, Regionen und Kantonen zum Ausdruck bringen, sowie die Selbstverständlichkeit, partnerschaftlicher Teil der gleichen Solidargemeinschaft sein zu wollen.

27. Mai 2017

Christian Mair, Benno Kusstatscher, Harald Knoflach, Simon Constantini

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2 Pingbacks/Trackbacks

  • Markus

    Ops, die Begriffe Tirol oder Südtirol suche ich hier wohl vergeblich. Hört unser Tiroler-sein beim “sind uns der bewegten Geschichte bewusst” auf?!?

    • hunter

      @Markus

      auch die Begriffe deutsch, italienisch, ladinisch, Demokratie, Euregio, EU, Zusammenleben, Sprachgruppe, Volksgruppe, Völkerrecht, Volk, Nation, Schutz, ethnisch, historisch und Autonomie wirst du vergeblich suchen.

  • Markus

    Dei atemberaubende Landschaft und unsere Kultur sind unsere höchsten Güter die deises land von anderen regionen der Welt unterscheiden. Wie wichtig sie sind, erkennen wir oft erst mit den Augen der millionen Urlauber, die unser Land jährlich besuchen. Sie kommen:
    – nicht um sich in Skihallen zu vergnügen, sondern in der Kulisse der Dolomiten skizufahren
    – nicht zum Joggen, sondern zum Bergwandern
    – nicht um im Chinarestaurant zu essen, sondern wegen der Speckknödel und Strudel
    – nicht für ein Rockkonzert sondern wegen der Volksmusik
    – nicht weil wir Entwicklungshilfe brauchen, sondern weil hier “alles funktioniert”

    So ist es recht. Das müssen wir schützen und bewahren. “Nur wer die Vergangeheit kennt, hat eine Zukunft!” (Humboldt). Und auf dieser Vergangeheit müssen wir aufbauen. Ich wünsche mir keinen aseptischen Einheitsbrei für unser Land. Wir müssen Farbe bekennen. Sich des ökologischen und kulturellen Erbes nur “bewusst” zu sein, ist mir eine zu schwache Aussage.

    • bzler

      @Markus, das mit dem Erhalt des ökologischen und Kulturellen Erbes steht doch genau so drin. Geht es Dir um Speckknödel, Krachlederne und Stanzlmusi, oder um Tiroler Specknödel, Tiroler Krachlederne und Tiroler Stanzlmusi, damit ja demarchiert wird, dass die Oberbayern Fastenknödel haben, die Lesachtaler andere Musi spielen, die Spatzlen im Engadin als Pizzocles etwas größer sind und die Dolomiten in Comelico weniger abendberaubend wären?

      • Markus

        @bzler: es steht eben nur, dass wir uns “bewusst” sein sollen – nicht mehr. Das ist mir extrem schwach. Wir sollen schon auch etwas dafür tun um diese Güter zu erhalten. Laut obiger Präambel können diese Werte genausogut verloren gehen, Hauptsache sie werden irgendwo in einem Geschichtsbuch erwähnt, damit sie nicht ganz vergessen werden. So verstehe ich das jedenfalls. Da nützt es auch nichts, daß bereits im ersten Punkt diese Werte “erwähnt” werden. Programm oder gar Garantie zum Erhalt dieser Werte ist das jedenfalls keines.

      • bzler

        Vielleicht hätte man die Punkte nummerieren sollen, damit man leichter darüber diskutieren kann. Ich hatte mich auf den 4. Punkt bezogen, der meines Erachtens den gebrachten Einwand vollständig abdeckt. Um uns nicht den Mund fuselig zu reden, schlage ich vor, Alternativvorschläge für die einzelnen Punkte zu formulieren. Dann wird vielleicht konkreter, was wie gemeint ist.

      • Markus

        @bzler: im 1. wie im 4.Punkt steht beide mal “bewusst”.

        Zudem steht was von “friedlichen Ausgestaltung”, “Solidarität”, “humanistisch aufgeklärten Wertesystem”, “Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger”, “Toleranz, Inklusion, gegenseitigen Respekt”, “einem zusammenwachsenden Planeten”, … wohin das führt sehen wir ja gerade: zur Aufgabe unsere christlichen Wurzeln und Werte, und somit unserer Kultur.

      • bzler

        Welcher der gelisteten Ausdrücke ist jetzt genau der Dorn im Auge? Alle?

      • hunter

        @Markus
        damit würde ich auf Tour gehen:
        Du siehst also “friedliche Ausgestaltung”, “Solidarität” usw. im Widerspruch zu christlichen Werten?

    • Ich finde, dass der Text trotz Verzichts auf die üblichen Floskeln und Formulierungen alles andere als beliebig ist. Und berücksichtige bitte auch, dass es sich um einen Vorschlag für die Präambel handelt — nicht um einen vollständigen Statutsentwurf.

  • Liebe Freunde!
    1. Es ist sehr lobenswert, dass jemand versucht eine solche Präambel zu schreiben, in der alle Platz finden sollen und können.
    2. Sie kann für uns alle eine Grundlage sein darüber nachzudenken, was für unser Land gelten soll und Anreiz, an ihrer Verbesserung zu wirken.
    3. Weil der Autonomiekonvent nicht so angelegt wurde, dass 1 und 2 in seinem Rahmen stattfinden können, sollte diese Präambel auch Ansporn sein, den Weg zu gehen, der den richtigen institutionellen Rahmen findet, diese Aufgabe zu verfolgen.

    Erste ganz einfache Änderungswünsche:
    Punkt 1: Was Südtirol geworden ist, ist nicht Frucht eines “Dialogs”, sondern als markante Schnittstelle von und in Auseinandersetzung mit zwei großen Kulturräumen.
    Punkt 2: Brückenbauer gibt es nur dort, wo Brücken nötig sind. Also sind wir effektiv und im fruchtbaren Sinn ein Grenzland, das wachsen kann aus der Verbindung dessen, was hier aufeinander trifft. Ich würde es somit einfach beim Brückenbauer-Sein belassen und das Grenzland weglassen. Also nicht entweder/oder.
    Punkt 3: Der Begriff “Familie” ist zu sehr mit Assoziationen besetzt, die hier nicht brauchbar sind. Ich würde ihn mit dem Begriff “Gemeinschaft” ersetzen.

    Vorerst einmal …, und vielen Dank für den für mich wertvollen Anstoß!

    • @schierhangl

      Es sollten viel mehr Personen des öffentlichen Lebens den Autonomiekonvent und auch die alternative Präambel zum Anlass nehmen über ein progressives Südtirol nachzudenken. Bei aller berechtigter Kritik am Konvent ist jetzt die Möglichkeit offen darüber eine Debatte anzustossen und das Feld nicht den Besserwissern und MAdigmachern zu überlassen. Das ist eine echte Chance!

      Im Übrigen stimme ich in allen Änderungsvorschlägen überein und schlage vor, dass diese übernommen werden.

      Demokratie ist nicht ein kurzer Akt, wo mal irgendwas geschieht und dann ist alles anders. Demokratie ist ein langer komplizierter Prozess.
      Autonomie ist nicht die Ausnahme eines falschen Systems, Autonomie ist der demokratische Anker einer Föderation.
      Europa ist weiblich, die Republik ist weiblich und die Regionen sind weiblich. Vive la République européenne!

    • hunter

      @lausch
      danke für die wohlwollende rückmeldung.
      zu deinen änderungsvorschlägen ein paar gedanken:
      1. Ich denke, Dialog ist hier auch im übertragenen Sinn zu verstehen (ein Dialog aus Topfencreme und Erdebeerreduktion). Und dass die gesamte Frucht ausschließlich aus der Auseinandersetzung entstanden ist, ist mir persönlich zu negativ.
      2. Das haben wir bewusst so geschrieben, als “Abgrenzung” (sic) sozusagen zum Perathoner-Vorschlag, der explizit von Grenzland spricht – was wir als primäre Definition (auch in einem fruchtbaren Sinne) unschön finden.
      3. Familie trägt in der Tat zu viel Pathos. Gemeinschaft wiederum konnotiert zu sehr mit EG (dem EU-Vorläufer). Da bräuchte es vielleicht wirklich ein anderes Wort.

  • @schierhangl

    Dzt. Platz 10 (von 42) für die etwas andere Präambel in der Inoffiziellen (!) Umfrage zu den besten Ideen des Autonomiekonvents!

    Wer IDeen des Konvents kennenlernen will und gleichzeitig seine MEinung dazu abgeben will, kann das ganz einfach machen unter:

    http://www.allourideas.org/autonomiekonvent-consulta/results

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