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Wieder: Polizei erniedrigt Geflüchtete.

Einmal mehr erfahren wir — via Salto — wie menschenverachtend und kaputt das italienische Einwanderungssystem ist.

Es war vor gut 15 Jahren ein gewichtiger Mitgrund für meinen Wandel zum Unabhängigkeitsbefürworter, von meinen ost- und außereuropäischen Mitstudentinnen regelmäßig (durch deren Schilderungen) mitbekommen zu haben, wie unmenschlich, ja geradezu boshaft sie — als immerhin noch Privilegierte — von italienischen Behörden (Konsulat) in der Schweiz behandelt wurden, wenn sie für eine Exkursion oder einen Besuch ein Visum beantragen wollten. Auch und gerade im Vergleich zu den Schweizer Behörden, die zwar oft strengere Regeln anzuwenden hatten, wo sie aber immer freundlich — wie Menschen — behandelt wurden, was auch nicht wenig ist.

Schon damals hatte ich versucht mir vorzustellen, wie italienische Behörden wohl agieren würden, wenn sie (a) es mit weniger Privilegierten zu tun haben und (b) sich vielleicht in einem minder rechtsstaatlichen Umfeld befinden.

Natürlich war es eine traumatische Erfahrung, dass Freunde, um mich in Südtirol besuchen zu dürfen, von italienischen Behörden derart niedergemacht wurden.

Seitdem habe ich eigentlich nur Bestätigungen dafür gefunden, dass die italienischen Behörden mit sogenannten Ausländerinnen mehr oder minder systematisch umspringen, als wären sie der letzte Dreck.

Einige meiner damaligen Kommilitoninnen, fast alle aus Ländern, die inzwischen der EU angehören (so schnell kann sich die Perspektive ändern) und überwiegend in der Schweiz oder in Westeuropa lebend und arbeitend, meiden Italien wegen ihrer damaligen Erfahrungen wenn es geht bis heute. Und es geht meistens.

Die ukrainische Menschenrechtsaktivistin Iryna Panchenko, von Valentina Gianera für Salto interviewt, schildert, wie sie zehn Mal (!) zur Quästur in Bozen pilgern musste, bis sie endlich einen Asylantrag stellen konnte. Gelungen sei es ihr schlussendlich nur dank einer freiwilligen Helferin. Von den Beamtinnen spreche fast niemand Englisch — weil sich ja die Einwandernden an die Polizei anpassen müssen und niemals anders herum.

Als ich zum ersten Mal hinkam, durfte ich die Quästur aber überhaupt nicht betreten. Ich musste also wieder und wieder hingehen und jedes Mal musste ich die Frau, die ich pflegte, alleine zu Hause lassen. In der Quästur wiesen sie mich an zu warten – draußen, bei jedem Wetter, tagelang und ohne Grund. Erst nach einem Monat habe ich es geschafft, den Antrag zu stellen. Das ist eine Verletzung der Menschenrechte.

– Iryna Panchenko im Salto-Interview

Diese erniedrigende Art, ohne Nennung von Gründen ewig warten zu müssen, sogar im Freien und bei schlechtem Wetter, hat mich sofort an den damaligen Umgang mit meinen Freunden erinnert.

Niemand denkt auch nur daran, mich mit “Sie” anzusprechen.

– Iryna Panchenko im Salto-Interview

Was mir auch in Brixen beim Abholen meines Reisepasses aufgefallen ist: Während mit uns »Einheimischen« freundlicher gesprochen wird, werden Eingewanderte, die auf ihre Papiere warten, autoritär hin und her dirigiert und sowieso nur geduzt*.

Ich habe oben geschrieben, dass das italienische System kaputt sei. Vielleicht ist es das aber gar nicht, vielleicht soll es genau so sein. Kaputt wäre es dann, wenn es Menschen wie Menschen behandeln würde?

Und nein: nur weil ich schreibe, dass das italienische System menschenverachtend ist, glaube ich nicht, dass wir in Südtirol alles richtig machen — oder machen würden. Ganz im Gegenteil. Allein schon, dass wir großteils tatenlos dabei zusehen, wie unsere Mitmenschen behandelt werden, macht uns zu Mitschuldigen.

Frau Panchenko weist außerdem auf grundsätzliche Mängel der Integration hin, den Paternalismus, der sie als Menschen, der autonom leben könnte, entwürdigt. Auch daran muss dringend gearbeitet werden.

*) Nach einer Besprechung mit Harald hatte ich damals entschieden, diese Beobachtung — da zu flüchtig — nicht hier zu thematisieren. Sie passt nun aber wie die Faust aufs Auge.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/ 6/ 7/ 8/

Grundrechte Kohäsion+Inklusion Medien Migraziun Plurilinguismo Polizei Racism Service Public | Zitać | | Salto | Italy Südtirol/o Svizra Ukraine | Staatspolizei | Deutsch

7 replies on “Wieder: Polizei erniedrigt Geflüchtete.”

Ich kann die geschilderten Erfahrungen in Teilen bestätigen, weiß aber nicht, ob dies ein typisch italienisches Verhalten ist. Marcus Omofuma, Rooble Warsame und George Floyd sind Beispiele wie rassistisch Staatsbeamte in ihrem Vorgehen sein können.
Mit ein Grund – der das Vorgehen der Beamten klarerweise nicht rechtfertigt, sondern nur als Erklärung dienen soll – könnte die schlechte Bezahlung und die Tatsache von mangelnder Perspektive in den Polizeikorps sein.
Grundlegend, von positiven Einzelfällen abgesehen, muss man Südtirol jedoch auch eine einigermaßen ausländerfeindliche Attitüde attestieren. Es genügt ein Gespräch zwischen durchschnittlichen Kindern (nicht mal Jugendliche) mitzuhören, um Bezeichnungen wie “der Ausländer”, “die Albaner”, “die Neger” zu erhaschen.
Die grundlegend anti-italienische Haltung dieses Blogs trägt jedoch ebenso wenig zur Völkerverständligung bei, um es gelinde auszudrücken.

Ich kann die geschilderten Erfahrungen in Teilen bestätigen, weiß aber nicht, ob dies ein typisch italienisches Verhalten ist.

Wenn du mit »typisch italienisch« meinst, dass es nur in Italien so ist, dann sicher nein. Wenn du damit aber meinst, dass Italien ein Rassismusproblem (und auch sonst ganz viele ungelöste Probleme, siehe G8 von Genua, siehe Foltervorwürfe…) mit der Polizei hat, dann würde ich klar ja sagen.

Marcus Omofuma, Rooble Warsame und George Floyd sind Beispiele wie rassistisch Staatsbeamte in ihrem Vorgehen sein können.

Völlig einverstanden.

Mit ein Grund – der das Vorgehen der Beamten klarerweise nicht rechtfertigt, sondern nur als Erklärung dienen soll – könnte die schlechte Bezahlung und die Tatsache von mangelnder Perspektive in den Polizeikorps sein.

Da gibt es meiner Meinung nach ganz tiefsitzende strukturelle Probleme, die nicht nur mit den einzelnen Beamten zu tun haben. Die Bezahlung kann ein Mitgrund sein, aber zum Beispiel in den Konsulaten waren/sind das ja keine Polizistinnen.

Grundlegend, von positiven Einzelfällen abgesehen, muss man Südtirol jedoch auch eine einigermaßen ausländerfeindliche Attitüde attestieren. Es genügt ein Gespräch zwischen durchschnittlichen Kindern (nicht mal Jugendliche) mitzuhören, um Bezeichnungen wie “der Ausländer”, “die Albaner”, “die Neger” zu erhaschen.

Eindeutig ist Rassismus auch in Südtirol ein Problem. Hier geht es aber um Behörden und somit um eine ganz andere Dimension, wiewohl das eine mit dem anderen zusammenhängen kann.

Die grundlegend anti-italienische Haltung dieses Blogs trägt jedoch ebenso wenig zur Völkerverständligung bei, um es gelinde auszudrücken.

Konkrete Beispiele bitte!

Den Vergleich zwischen Italien und USA finde ich nicht mal so unpassend. Sind beides Länder wo Faschismus, Rassismus, Chauvinismus eine lange Tradition haben.

Die grundlegend italophile Einstellung dieses seltsamen Domprobstes (zum Glück unterscheidet er sich mindestens um einen Buchstaben von den mir bekannten und geschätzten Dompröpsten) hat einen erheblichen Realitätsverlust bei diesem Menschen verursacht. Mit seiner ganz eindeutig faschistenfreundlichen Einstellung trägt er ganz sicher nicht zur Völkerverständigung bei.

Hartmuth, ich denke du hast schlecht geschlafen oder ein generelles Problem mit einer anderen Meinung als jene, die dir gerade in den Kram passt. Damit zeigst du jedoch wunderbar auf, dass du im Geist weiterhin Teil der politischen Bewegung bist, die du letzthin verneinst.
Abgesehen davon, dass ich auf Provokationen eines ehemaligen Athesia-Journalisten, der mit fortschreitendem Alter jene Kritik am Medienhaus anbringt, die er eigentlich vorher hätte anmerken müssen (Zivilcourage!), erkenne ich bei aller Kritikfähigkeit beim besten Willen nicht, wo ich hier italophil gewesen sein sollte – das Gegenteil ist der Fall.
@Simon, bitte um Moderation solch unnützer Beiträge. Und dann fragst du mich noch um Beispiele für eine anti-italienische Grundhaltung in diesem Blog; ich musste lachen.

Moderationshinweis: Bitte um Beachtung von Punkt 19 der Netiquette.

Bei den Kommentaren von Domprobst wäre mir bisher eigentlich nichts Faschistenfreundliches aufgefallen. Er schildert seine Beobachtungen einfach so wie sie für ihn sind, mehr vom Gesellschaftlichen Aspekt, ohne es gleich immer politisch oder ideologisch einordnen zu müssen. Politisch unabhängiges Denken ist bei Weitem nicht jedermanns Sache, aber jene, die es zumindest versuchen, erkennen sich recht bald untereinander.

@ Domprobst: Ich habe für das Athesia-Medium “Dolomiten” gearbeitet, als die “Dolomiten noch von Dr. Toni Ebner Senior und Dr. Josef Rampold geleitet wurden – weitgehend im Sinne von Kanonikus Gamper. Je mehr sich die “Dolomiten” vom Geist des Kanonikus entfernt haben, habe ich mich von den “Dolomiten” entfernt. Dazu hat es keine Zivilcourage gebraucht, sondern es hat meine Pensionierung genügt. An meine grundlegenden Einstellung hat sich all die Jahre nichts geändert: Ich setze mich gegen Faschismus, Nationalsozialismus und ganz besonders gegen Antisemitismus ein, und kritisiere derartige Einstellungen bei jeder Gelegenheit, so auch hier in diesem erfreulich offenen Blog. Ich mache dies auch mit meinem Namen und verstecke mich nicht hinter einem Pseudonym, in dem ich eine Beleidigung für jeden echten Dompropst sehe.

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