Kronbichlers Wut auf die »Europeada«.

In einem offenen Brief auf seinem Facebookprofil wendet sich der ehrenwerte Parlamentarier Florian Kronbichler (Linke/Grüne) gegen die Europeada, die »(Fußball-)Europameisterschaft der autochtonen nationalen Minderheiten«, welche vom 18. bis zum 26. Juni in Südtirol stattfindet. Anlass: Er war von Landesrätin Martha Stocker (SVP) zur Eröffnung eingeladen worden, was er jedoch ausschlug.

Der Grund für Kronbichlers Rundumschlag ist schnell genannt: Die Europeada habe eine politische Dimension und halte sich an ethnische Kriterien. »Bravo«, möchte man sagen! Gut erkannt und gut gebrüllt.

Wären da nicht einige »Details«, die Herrn Kronbichler als Heuchler entlarven.

Nationale Minderheiten kann es per Definition nur dann und nur dort geben, wo es nationale Mehrheiten gibt und wo sich Staaten nach nationalen Kriterien (eine Sprache und Kultur sind die Regel, alles andere sind Ausnahmen) definieren. Der Alpinipreisträger Kronbichler hat sich noch nie daran gestoßen, ja sich immer vehement gegen eine multiethnische, entschieden mehrsprachige Staatswerdung Südtirols ausgesprochen. Nun aber die Ausnahme (die Minderheiten) für den »Missstand« verantwortlich zu machen, ohne die Regel (die Mehrheiten, die Nationalstaaten) zu kritisieren, ist eine Tatsachenverdrehung nach allen Regeln der Kunst.

Kronbichler prangert die ethnische Ausrichtung einer Freizeitveranstaltung an, die eh niemanden interessiert. Das wäre konsequent, wenn er die nationale und nationalistische Ausrichtung der in bälde stattfindenden Fußball-EM ebenfalls kritisieren würde. Das tut er aber nicht — im Gegenteil: Er lobt die offiziellen Meisterschaften der großen Fußballnationen für ihre »bunten, vielsprachigen Nationalmannschaften«. Dabei muss wohl niemand bei der Europeada einen Nachweis erbringen, dass er tatsächlich einer Minderheit angehört, während Spieler von offiziellen Fußballnationalteams sehr klar nach ihrer Nationalität, nach Reisepass eingeteilt und zugeordnet werden, ob sie es selbst möchten oder nicht. Mitglieder von »nationalen Minderheiten« werden da ganz sicher nicht gefragt.

Wenn etwas so groß aufgezogen und medial derart aufgedonnert wird, wie es bei der Europeada der Fall ist, dann ist es zumindest fahrlässig, wenn bestimmte Regeln oder auch nur Empfindlichkeiten außer Acht gelassen werden.

— Florian Kronbichler

Es sei »in unserem offiziell dreisprachigen Land« wörtlich »verfälschend und politisch unkorrekt«, wenn nur die Deutschsprachigen als »die Südtiroler« an — wohlgemerkt: — der Europeada teilnehmen.

Florian Kronbichler sorgt sich zwar um »die Italiener« in Südtirol, die von diesem Freizeitevent der Minderheiten ausgeschlossen sind, aber meines Wissens niemals um die Empfindlichkeiten der mehrsprachigen Südtiroler SpitzensportlerInnen, wenn sie qua Staatsangehörigkeit dazu gezwungen sind, lebenslang Nationalmannschaften anzugehören, Nationalflaggen zu schwenken und womöglich Nationalhymnen zu singen, die ihnen möglicherweise nicht gefallen.

Die Europeada, so wie sie aufgezogen wird, hat eine politische Dimension. Ich hielte es für naiv und unverantwortlich, das zu leugnen.

— Florian Kronbichler

Natürlich hat die Europeada eine politische Dimension, so wie Sport fast immer eine politische Dimension hat — auch und gerade Fußballwelt- und -europameisterschaften als Kriegssurrogat.

Und: Autonomiepatriot Kronbichler findet es besonders schlimm, dass Landeshauptmann Arno Kompatscher in Lederhosen erscheinen will, wenn die Südtiroler das Finale erreichen:

Ich bitte ihn, er möge sein Versprechen nicht wahrmachen.

— Florian Kronbichler

Herr Kronbichler, im Ernst: Fast alle ihre Argumente kann ich verstehen, könnte ich verstehen — aber nicht im Lichte ihrer offensichtlichen Einseitigkeit und Doppelzüngigkeit.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit der ach so bunten Fußball-EM, die so gar nicht »verfälschend und politisch unkorrekt« ist.

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