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Der giftige ›Zapfenstreich‹ von El Alamein.

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Auch dieses Jahr wieder haben das italienische Heer und die Regierung der »antifaschistischen« italienischen Republik die angeblichen Heldentaten von Einheiten des faschistischen Italien in Afrika (konkret: bei der Schlacht von El Alamein) gefeiert. Einmal mehr bestätigt sich: Der italienische Staat hat es nicht bloß verabsäumt, seine imperiale und faschistische Vergangenheit kritisch aufzuarbeiten, sondern huldigt ihr bis heute — und integriert sie nahtlos in sein Selbstbild. Militärische Ereignisse aus jener Zeit werden stolz in eine patriotische Erzählung überführt, während ihr historischer Kontext einfach ausgeblendet wird.

In der offiziellen Medienmitteilung der italienischen Streitkräfte wird unter anderem sogar die nach dem faschistischen Liktorenbündel benannte Division Littorio erwähnt. Sie war vor ihrem Einsatz in Afrika bereits an der Invasion Frankreichs und Jugoslawiens beteiligt. Selbst eine derart eindeutig mit dem faschistischen Regime verbundene Militäreinheit wird im Rahmen einer offiziellen Gedenkveranstaltung gewürdigt, als wären Kolonialismus und Imperialismus ganz gewöhnliche Bestandteile der italienischen Geschichte.

In ihrer offiziellen Rede behauptete Verteidigungsstaatssekretärin und Rechtsextremistin Isabella Rauti (FdI) auch noch, dass die »Werte« — welche? — der »Helden von El Alamein« bis heute in der Folgore-Brigade weiterlebten. Diese kämpfe, so Rauti unter Berufung auf eine traditionelle Fallschirmjägerhymne, »für die Zivilisation«. Welche Zivilisation hier gemeint ist und wer in dieser Inszenierung als deren Gegner oder gar als zivilisatorisch minderwertig dasteht, lässt sich nur erahnen. So wird die koloniale Perspektive nicht hinterfragt und überwunden, sondern durch die Berufung auf eine überlegene, in einem Krieg auf einem fremden Kontinent zu verteidigende Zivilisation unsichtbar gemacht.

El Alamein war kein beliebiger Kriegsschauplatz, an dem sich italienische Soldaten in einem abstrakten Kampf für irgendwelche universellen Werte befanden. Die italienischen Truppen kämpften dort als Teil eines imperialistischen Krieges — an der Seite nationalsozialistischer Einheiten — und verteidigten nichts anderes als die Interessen faschistischer Kolonialherrschaft in Nordafrika. Die Bevölkerung der betroffenen Gebiete, ihre Selbstbestimmung und ihre Perspektiven kommen in der offiziellen Erinnerungserzählung gar nicht vor. Aus einem Krieg zur Aufrechterhaltung imperialer Herrschaft wird so nachträglich eine heroische Episode nationaler Geschichte.

Dass Rauti sich immer wieder gerne in Südtirol aufhält, mag Zufall sein. Doch hierzulande kann sie die »Werte« von damals leben, da die koloniale Kontinuität nie vollständig gebrochen wurde. Die Perspektive der Kolonisierten bleibt dabei noch immer allzu oft ungehört.

Besonders deutlich trat diese Asymmetrie ausgerechnet wenige Tage nach der El-Alamein-Gedenkfeier zutage. Rautis Parteikollege Alessandro Urzì kritisierte einen vergleichsweise völlig harmlosen Zapfenstreich in Bozen scharf und brachte ihn sogar mit dem nationalsozialistischen Anschluss in Verbindung. Während also offenbar die Traditionspflege faschistischer Militäreinheiten im offiziellen Rahmen problemlos als patriotisches Gedenken durchgeht, genügt auf Südtiroler Seite eine österreichische Flagge, um italienische Rechte zur Nazikeule greifen zu lassen.

Das ist mehr als nur eine Inkonsistenz, sondern verweist auf eine Hierarchie der Erinnerung, in der italienische Neofaschistinnen festlegen, welche Geschichte als legitim, ehrenhaft und identitätsstiftend gelten darf — und welche als verdächtig, gefährlich oder politisch inakzeptabel gebrandmarkt wird. Wir kennen das vom Karsthöhlengedenken.

Hier beansprucht der Kolonisator das Recht, seine eigene imperiale Vergangenheit zu heroisieren, während den Kolonisierten die Deutungshoheit über ihre Geschichte abgesprochen wird.

In El Alamein kämpften die Truppen des faschistischen Italien Seite an Seite mit nationalsozialistischen Einheiten. Dass der offizielle italienische Staat diese militärische Vergangenheit in eine positive nationale Traditionslinie einordnet, während Vertreter derselben politischen Rechten in Südtirol mit historischen Verdächtigungen operieren, ist ein deutliches Beispiel für koloniale Doppelmoral.

Quod licet colonisatori, non licet colonisato.

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