Achtung Falle.
Quotation 242

“Ach”, sagte die Maus, “die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.” – “Du mußt nur die Laufrichtung ändern”, sagte die Katze und fraß sie.

— Franz Kafka

Terrorismus führt zwangsläufig in eine Dilemma-Situation. Die Überreaktion des Provozierten gehört zum terroristischen Kalkül. Gleichzeitig ist ein Ignorieren des Aggressors aufgrund der Ungeheuerlichkeit der Tat nahezu unmöglich. Und würde man es doch schaffen, würde der Terrorist den Schockierungsgrad so lange steigern, bis schlussendlich doch die Überreaktion eintritt.

Der IS hat Letzteres mit seinem Pariser Anschlag offenbar bereits erreicht. Präsident Francois Holland sprach noch am selben Tag von “Krieg” und vom Papst abwärts ist vom “3. Weltkrieg” die Rede, (obgleich Franziskus das ganze noch am differenziertesten und metaphorischsten sieht). Das deutsche Handelsblatt titele gar “Weltkrieg III.” und dessen ehemaliger Chefedakteur Gabor Steingart schreibt: “Wer Terroranschlag sagt, will verharmlosen. Der Westen befindet sich in einem weltweit geführten Krieg mit radikalisierten Islamisten.” In Südtirol darf Joseph Zoderer in der Tageszeitung die Apokalypse verkünden:

Es ist kein Weltkrieg, wie man ihn seit dem Zweiten Weltkrieg kennt, weil es keine Fronten zwischen Ländern gibt. Aber was soll es anderes sein als Krieg, wenn man sich an keinem Ort der Welt mehr sicher fühlen kann? Das ist ein noch größerer Krieg als was wir uns bisher darunter vorgestellt haben. Die Welt steht in Flammen und insofern ist es ein Dritter Weltkrieg. Ein ganz teuflischer, weil es keine Fronten gibt. Wir sind überall von Angreifern umgeben.

Die Anschläge von Paris (Beirut, Sinai, Ankara, Yola  usw.) sind grauenvoll, begangen von gott-, hirn- und herzlosen Verbrechern, oder wie John Oliver es ausdrückte: “gigantic, fucking assholes, unconscionable, flaming assholes.” Und dennoch sind wohl das letzte, was wir jetzt brauchen, Panik, Angst und Rachegefühl. Genau das hieße, dass das terroristische Kalkül aufgeht. Der IS mag überdurchschnittlich brutal, vermögend und vernetzt sein. Aber im Endeffekt sind diese paar tausend Idioten eine hundsnormale Terrororganisation, wie es schon etliche vorher gab und die es bestimmt nicht schaffen (sollte), eine Gemeinschaft von 7 Milliarden Menschen zu destabilisieren und in einen globalen Krieg zu jagen. Terrorismusforscher Peter Waldmann schrieb 2002 ein kurzes Papier unter dem Titel “Das terroristische Kalkül und seine Erfolgsaussichten”, aus dem ich ein paar Absätze zitieren möchte, die dies belegen und die uns hoffentlich wieder zur Besinnung bringen.

Der Dreiersequenz bei Vollzug und Wirkung terroristischer Aktionen entsprechen drei Personengruppen, die in das Geschehen einbezogen sind. Das sind zum ersten die Gewaltakteure selbst, von denen der terroristische »Prozeß« seinen Ausgang nimmt, zweitens die Opfer der Gewaltanschläge und drittens die eigentlichen Zielgruppen, um deren emotionale Beeinflussung und entsprechende Verhaltensreaktionen es in erster Linie geht. Hier wiederum ist zu unterscheiden zwischen jenen, die als Angegriffene und potentielle Opfer weitere Verluste zu befürchten haben, und der Gegenseite anvisierter Sympathisanten, denen die Terroristen mit ihren Anschlägen Mut zu machen und die sie für ihren Kampf zu mobilisieren trachten.

Von einer allgemeineren Warte läßt sich Terrorismus als ein Spezialfall des Handlungsprinzips »Provokation« interpretieren, dem wir in zahlreichen Machtkonstellationen begegnen. Bezeichnend für eine Provokation ist im Regelfall die Herausforderung eines Starken durch einen Schwächeren.

Der Soziologe Rainer Paris [Anm.: der heißt wirklich so] hat sie definiert als »einen absichtlich herbeigeführten, überraschenden Normbruch, der den anderen in einen offenen Konflikt hineinziehen und zu einer Reaktion veranlassen soll, die ihn, zumal in den Augen Dritter, moralisch diskreditiert und entlarvt«.

Der Angriff muß, soll er seinen Provokationseffekt nicht verfehlen, überraschend, sozusagen aus heiterem Himmel, erfolgen. Dies entspricht genau den Momenten der Unberechenbarkeit, Unwägbarkeit und Willkür terroristischer Anschläge, durch die Verwirrung und Furcht gestiftet werden sollen.

Bezüglich der Verwendung des Wortes “Krieg” statt “Terror” schreibt Waldmann:

Man sollte sich bei der strukturellen Klärung der Frage nicht ohne weiteres von dem oft taktisch bedingten Gebrauch leiten lassen, den die am terroristischen »Prozeß« beteiligten Akteure selbst von der Kriegsformel machen.

Ob und inwieweit eine Gewaltbotschaft vernommen wird, hängt vom allgemeinen Gewaltpegel in einer Gesellschaft ab. Es liegt auf der Hand, daß in Ländern, in denen Guerillagruppen einen Teil des Territoriums besetzt halten oder bürgerkriegsähnliche Verhältnisse herrschen (aktuelles Beispiel: Kolumbien), terroristische Anschläge keinen sonderlichen Eindruck hinterlassen. Das ist es, was für Terroristen die gewaltfreien westlichen Demokratien als Operationsfeld so attraktiv erscheinen lassen, wo eine überraschende, brutale Gewalttat auf Anhieb großer allgemeiner Aufmerksamkeit sicher sein kann.

[Es bedarf] zweier zusätzlicher Handlungssequenzen, damit das terroristische Kalkül aufgeht: Erstens muß der angegriffene Staat überreagieren, das heißt die Fassade von Recht und Rechtsstaatlichkeit fallenlassen und sich als der wahre Angreifer entpuppen; und zweitens muß diese Überreaktion die Masse der lauen und stillen Sympathisanten der Terroristen aus ihrer Reserve locken, aus passivem Widerstand eine offene Rebellion werden lassen, die schließlich zum Sieg der Aufständischen führt.

Aus zwei Gründen sollte man den unmittelbaren Zerstörungs- und den mittelbaren Abschreckungseffekt, der von militärischen Exempeln ausgeht, wie soeben eines in Afghanistan statuiert wurde, nicht überschätzen. Zum einen bedarf es nur minimaler infrastruktureller Voraussetzungen, um ein oder mehrere Lager, wie sie in diesem Lande existierten, an anderer Stelle wieder zu errichten. Dies gilt zumindest für den islamischen Radikalismus, dem ein riesiger, von Nordafrika bis nach Zentralasien reichender geographischer Raum für die Anlage bzw. den Ausbau vergleichbarer Schutzlager zur Verfügung steht. Als Warnung und Abschreckung kann die Invasion Afghanistans zudem nur jenen islamischen Herrschern dienen, welche über die Mittel und Möglichkeiten verfügen, die Entstehung eines Oppositionszentrums radikaler Islamisten auf ihrem Territorium zu verhindern, die also das Gewaltmonopol innerhalb ihres Staates ausüben.

Es kann nicht genug betont werden, daß die Denkweise von Terroristen nur begrenzt den Gesetzen militärischer Logik folgt. Mag auch die von ihnen angestrebte umfassende Konfrontation, etwa der heilige Krieg (Djihad), nicht zustande kommen, so bedeutet das keineswegs, daß sie in ihrer Wut und Opferbereitschaft nachlassen werden. Im Falle Afghanistans dürfte sowohl die kriegerische Einmischung der USA in innerafghanische Angelegenheiten, also der neokoloniale Zug des militärischen Strafzugs, als auch die Tatsache, daß viele Kämpfer von Al Quaida dabei ihr Leben lassen mußten und somit den Märtyrertod starben, dazu beitragen, die Verbitterung und den Haß der Islamisten noch zusätzlich zu schüren. Terroristen sind von einem bestimmten Punkt des Engagements ab nicht mehr bereit, Niederlagen zu akzeptieren. Rückschläge wie auch Zugeständnisse, die ihnen gemacht werden, werden stets in positive Stimuli, ihre kämpferischen Anstrengungen zu verstärken, umgesetzt.

Zu den eigentümlichen Zügen terroristischer Gruppen gehört ein der modernen Welt und insbesondere den modernen Demokratien fremder Zeitbegriff. Dies gilt sowohl für die Entstehung dieser Gruppen als auch für die Realisierung der von ihnen angestrebten Ziele. Sie sind nicht auf rasche, definitive Erfolge angewiesen, sondern denken und planen in längerfristigen, unter Umständen ganze Generationen umfassenden Zeitperioden. Darin liegt ein klarer Vorteil gegenüber für eine begrenzte Regierungszeit gewählten politischen Führern, die schnell spürbare und sichtbare Fortschritte bei der Bekämpfung der terroristischen Bedrohung vorweisen müssen.

Zwar gelingt es ihnen häufig, den öffentlichen Raum und das kollektive Denken mit spektakulären Anschlägen zu besetzen und nicht allein die Gegenseite zu heftigen militärischen Überreaktionen zu veranlassen, sondern die Wahrung der öffentlichen Sicherheit zu einem allgemeinen Trauma und Dauerthema werden zu lassen. Doch der entscheidende Erfolg im Sinne einer Eskalation der bewaffneten Auseinandersetzung sowie eines an ihrem Ende stehenden Machtumschwungs bleibt ihnen im Regelfall versagt.

Dem IS muss man kurz- und langfristig begegnen. Sich jetzt auf einen Luft- und eventuell einen Bodenkrieg zu konzentrieren ist aber die teuerste, ineffizienteste und zugleich am wenigsten erfolgversprechende Methode, da sie eben oben angesprochenes Kalkül bedient.

Beispielsweise hat der “War on Terror” seit 9/11 allein im Irak laut einer Berechnung der Brown University 370.000 unmittelbare Kriegstote gefordert und den USA 4,4 Billionen (4,000.000,000.000) Dollar gekostet. Wirklich beendet wurde das Terrorproblem dadurch nicht. Weder im Irak noch anderswo. Sogar aus den USA verortet man mittlerweile andere als die gewohnten Töne.

Ein paar Ideen, wie man 4,4 Billionen Dollar (4.400 Milliarden) eventuell besser einsetzen könnte und gleichzeitig ein paar Hunderttausend Leben schont.

  • Kriminalistische Verfolgung der Täter und Hinterleute im Rahmen unseres Rechtssystems.
  • Ausbau der EU-weiten polizeilichen Zusammenarbeit
  • Kommunikationswege des IS unterbinden (Internet, Mobilfunk usw.).
  • Verstärkte Investitionen in den Cyberwar. Das Internet ist das wichtigste Rekrutierungsinstrument des IS. Online-Kanäle (Youtube, Facebook usw.) kappen.
  • IS-Konten einfrieren.
  • Waffenexporte einstellen.
  • Diplomatische Bemühungen ausbauen.
  • Druck auf Unterstützer ausüben (anstatt ihnen Fußballweltmeisterschaften zuzuschanzen).
  • Materielle Versorgungswege des IS abschneiden.
  • IS Geschäfte (Öl- und Antiquitätenverkauf usw.) verunmöglichen.
  • Verzicht der Medien, IS-Propagandavideos öffentlich auszustrahlen. Konzentration auf den reinen Nachrichtenwert.
  • Massiver Ausbau von Streetwork-, Bildungs- und Infrastrukturprogrammen in den “Hotspots” europäischer Großstädte. (Für ein paar Milliarden Euro, die man jetzt locker und ohne mit der Wimper zu zucken in Kriegsgerät investiert, ginge da schon ein bisschen was).
  • Europäische Verpflichtung, Imame vor Ort auszubilden und Verbot außereuropäischer Finanzierung.
  • Schärfer gegen Paralleljustiz in Problemvierteln vorgehen.
  • usw.

Und wir müssen uns damit anfreunden, dass zumindest auf kurze bis mittlere Sicht einige von uns (immer noch verhältnismäßig sehr sehr wenige) in diesem Kampf für und um die Freiheit ihr Leben werden lassen müssen. Aber:

Wer Freiheit für Sicherheit aufgibt, wird beides verlieren.

— Benjamin Franklin

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