Finnische Mehrsprachigkeitsstrategie.

Vor wenigen Tagen hatte ich mich an das finnische Ministerium für Bildung und Kultur gewandt, um genauere Informationen über das dortige Schulsystem, insbesondere über den Sprachunterricht (CLIL, Immersion…) zu erhalten.

Von dort hat man mich auf das »Strategy for the National Languages of Finland« Portal und speziell auf den als PDF-Datei abrufbaren, gleichnamigen Regierungsbeschluss von 2014 aufmerksam gemacht.

Es handelt sich dabei um ein 48seitiges Dokument, das den damaligen Istzustand beschreibt, Herausforderungen benennt und schließlich konktete Handlungsvorschläge aufzählt, um die Mehrsprachigkeit des Landes langfristig zu sichern und zu verbessern.

In dem Dokument wird Finnland klar als zwei- bzw. mehrsprachiges Land definiert. Dies, obschon die schwedische Minderheit nur rund 5% der Gesamtbevölkerung ausmacht. Angestrebt ist auch weiterhin eine möglichst durchgehende Gleichstellung der beiden Hauptsprachen Finnisch und Schwedisch.

Aus Südtiroler Sicht ist insbesondere interessant, dass die beiden Sprachen klar voneinander unterschieden und auch positiv diskriminierende Maßnahmen zugunsten des Schwedischen empfohlen werden (Gleichstellung durch Ungleichbehandlung).

Auch in Finnland komme es bisweilen zu Konflikten zwischen den Sprachgemeinschaften, die unter anderem im Internet ausgetragen werden. Nichtsdestotrotz steht die finnische Regierung zur Mehrsprachigkeitsstrategie, die auch den Immersionsunterricht umfasst.

Das Dokument macht sehr deutlich, wie solide die Rahmenbedingungen für biligualen Unterricht in einem Staat sind, der sich (anders als etwa Italien oder Österreich) nicht aufgrund einer Sprache definiert — und am Fortbestand der kleineren Landessprache(n) stark interessiert ist. Dort wird die Schule auch nicht unabhängig von anderen sprachsichernden und sprachvermittelnden Maßnahmen betrachtet, sondern in einem breiten Kontext.

Darüberhinaus gewinnt man den Eindruck, dass die Handlungs- und Lösungsvorschläge nicht ideologisch durchtränkt, sondern pragmatisch abwägend und wohlüberlegt sind. Großer Wert wird auf eine ständige Evaluation gelegt, z.B. was die tatsächliche Umsetzung von Vorschriften und die damit erzielten Effekte betrifft.

Auch beim mehrmaligen PISA-Europameister entscheiden übrigens nicht die Eltern, welches Schulmodell örtlich angeboten wird, sondern die Kommunen.


Hier noch einige Auszüge:

  • Neben der individuellen Mehrsprachigkeit wird auch die gesellschaftliche Mehrsprachigkeit betrachtet, wobei hierfür auch der Wert schwedischer Einsprachigkeit in einem vorwiegend finnischsprachigen Land benannt und ausdrücklich gewürdigt wird:

    The Åland Islands are an excellent language resource for mainland Finland. The region consisting of 16 municipalities constitutes a community operating genuinely in the Swedish language. When visiting Åland, everyone has the opportunity in all situations to use Swedish and to experience the Swedish-language aspect of Finland. Åland’s readiness to offer, for instance, civil servants and politicians opportunities to use Swedish and to exchange information has also been recorded in the Government Programme of the Åland Government for the years 2011–2015.

  • Vor leichtfertigen und hemdsärmligen Schulversuchen wird deutlich gewarnt:

    Especially when children are concerned, extra care must be exercised: for instance, pilot projects and other experiments must not endanger children’s possibilities of learning their mother tongue and the other national language.

  • Im Sicherheits- und Gesundheitsbereich solle besonders auf die Mehrsprachigkeit der Verwaltung geachtet werden, heißt es im Beschluss, und zwar selbst in einsprachig finnischen Gebieten! Sicherheit und Gesundheit sind in Südtirol hingegen genau jene Bereiche, wo das Recht auf Muttersprache am häufigsten verletzt wird.

    Security and health are central factors in humanlife. However, in these sectors, for instance in health care, there are many professionals who lack sufficient Finnish or Swedish skills to explain to their clients what concerns them. In order to secure future bilingualism, it must be ensured that persons working in such sectors, such as the police, customs officials and the border guard, as well as social welfare and health care personnel, possess sufficient Finnish and Swedish skills. In addition, more attention should be paid to ensuring that persons who study for these and other corresponding important and human-oriented professions are informed, already during their basic studies, of their linguistic obligations, which have the purpose of securing citizens’ basic linguistic rights.

  • Ganz besonders unterstrichen wird die Wichtigkeit von Evaluation:

    Monitoring of linguistic rights and viable bilingualism is important even though language use situations and their quality are hard to measure. The same applies to how individuals, for instance, perceive the level of their own or another person’s language skills and to their attitudes towards languages and their users. Precise and objective information on these aspects is unlikely to be available. However, in order to measure trends, effort must be made to create indicators for the realisation of these objectives.

    Siehe auch: [1] [2] [3] [4]

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