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Tirol Werbung – impossible to understand.
Instagram-Posting als Griff ins Klo

Autor:a

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Die großteils öffentlich finanzierte Tirol Werbung hat auf ihrem Instagram-Kanal ein Posting veröffentlicht, in dem sich die Urlaubsdestination Tirol von Südtirol abzugrenzen versucht.

Instagram visittirol – Querbalken von mir

Das Posting wurde mittlerweile offenbar wieder gelöscht. Dennoch schlägt es Wellen. Von FPÖ und STF kommt Protest und Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP) sah sich zu einer Distanzierung veranlasst.

Und in der Tat ist das Posting auch für touristische Standards sagenhaft dumm und unsensibel. Natürlich muss Werbung zu- oder überspitzen und auch einmal “tongue-in-cheek” sein. Aber als Tourismusmarketing-Organisation innerhalb der Euregio so einen herablassenden (nationalistischen) Schwachsinn zu posten, den italienische Nationalisten freilich feierlich auskosten, ist bemerkenswert.

Erbsenzählerei liegt mir für gewöhnlich fern, aber für das Social-Media-Team der Tirol Werbung mache ich eine Ausnahme und liefere ein paar ganz basale Informationen:

  • Südtirol ist einer der Teile Tirols. Selbst der Name “Tirol” wie auch der Wappenadler und die Landesfarben weiß-rot (die die Tirol Werbung im Logo trägt) haben ihren Ursprung in Südtirol im heutigen Dorf Tirol (evtl. einmal “Grafen von Tirol” und “Schloss Tirol” googlen). Und prophylaktisch für eventuelle spätere Postings, in denen die Tirolität des nördlichen Landesteils hervorgehoben werden soll: Andreas Hofer stammte aus St. Leonhard in Passeier.
  • Südtirol gehört zwar zu Italien, verfügt aber aufgrund der turbulenten Geschichte über einen autonomen Sonderstatus, der die Vielfalt und Unterschiedlichkeit des Landes garantieren soll. Für diesen Sonderstatus haben vornehmlich auch österreichische Politiker gekämpft und mit der Errichtung der Euregio wurde weiter versucht, die nationale Logik, die in Südtirol noch weniger als anderswo funktioniert, abzuschwächen und die durch den Ersten Weltkrieg getrennten Landesteile wieder anzunähern.
  • Rein geografisch betrachtet dürfte Südtirol “alpiner” sein, als das Bundesland Tirol. Während Teile des Bundeslandes Tirol zum Alpenvorland zählen, liegt Südtirol zur Gänze in den Alpen und hat somit wohl auch “Classic Alps vibes” – was immer damit gemeint ist. Gleichzeitig war das historische Tirol nie ein rein deutschsprachiges Land. Ladinisch ist die älteste Landessprache und als Region, die den deutschen und italienischen Kulturraum verbindet, waren Teile Tirols immer schon italienischsprachig (evtl. “Welschtirol” googlen).
  • Die erste bildliche Darstellung von Tiroler Knödeln (ca. 12./13. Jahrhundert) findet sich in der Burgkapelle Hocheppan (Südtirol). Das weiß sogar das österreichische Landwirtschaftsministerium. Knödel gehören allgemein zur alpenländischen Kulinarik, ungeachtet auch noch anderer Vereinnahmungsversuche. Der Kaiserschmarrn hingegen stammt aus dem Wien des 19. Jahrhunderts. Eine Zeit, in der die Grafschaft Tirol Teil des Habsburgerreiches war.
  • Es gibt keinen Südtiroler Dialekt. Die hoch- bzw. oberdeutschen Mundarten, die in Südtirol gesprochen werden, sind – gleich wie im Bundesland Tirol mit Ausnahme des Außerferns – südbairische Dialekte. Diese zeigen große lokale Varietät und halten sich nicht an Staatsgrenzen. Dementsprechend ist die Mundart, die im obersten Vinschgau (Südtirol) gesprochen wird jener des Oberen Gerichts (Nordtirol) ähnlicher als der des Hochpustertales (Südtirol) oder des Unterlandes (Südtirol). Umgekehrt ähnelt die Mundart im Osttiroler Pustertal jener des Südtiroler Hochpustertales mehr als beispielsweise der des allemannischen Außerferns oder des südmittelbairischen Unterinntales.

P.S.: suedtirol.official (Südtirol Werbung) hat übrigens ein “Like” und einen Kommentar (“Hey, Knödel haben wir auch, aber beim Dialekt kann es schon mal schwierig werden”) dagelassen.

P.P.S.: Der Tiroler Tageszeitung liegt mittlerweile eine Stellungnahme der Tirol Werbung vor:

Wir wollten mit unserem Posting zum Vergleich zwischen Tirol und Südtirol einem aktuellen Trend auf Instagram folgen, in dem sich Destinationen vorstellen und auch humorvoll vergleichen. Das ist in diesem Fall nicht gelungen und wurde der besonderen Beziehung zwischen Südtirol und Tirol leider in keinster Weise gerecht. Da dieses Posting in dieser Form ein Fehler war, haben wir es unverzüglich gelöscht.

– Tirol Werbung

Cëla enghe: 01 02 03 || 01



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Comentârs

15 responses to “Tirol Werbung – impossible to understand.
Instagram-Posting als Griff ins Klo

  1. Simon avatar

    Es gibt ja schon genug minderheitenfeindliche Vorurteile gegenüber Südtirol, unter anderem, dass hier gar nicht »richtiges« Deutsch gesprochen würde, was auch immer das sein soll. Wenn jetzt schon die Nordtiroler schreiben, unser Dialekt sei selbst für sie unverständlich, was ja objektiv ein absoluter Schmarrn ist, ist das natürlich Wasser auf die Mühlen derer, die unsere Deutschsprachigkeit in Abrede stellen wollen — oder die behaupten, hier könne und brauche man nicht Deutsch zu lernen, weil die hier gesprochene Sprache nix/wenig mit Deutsch zu tun habe.

    Aber einfach mal ein dämliches Posting raushauen kann man ja immer…

    1. Simon avatar

      Und natürlich lässt sich die IDM keine Gelegenheit entgehen, in einen Fettnapf zu treten.

  2. Hartmuth Staffler avatar
    Hartmuth Staffler

    Landeshauptmann Mattle, der aus Galtür stammt und damit einen in seinem gepflegten Deutsch deutlich erkennbaren walserdeutschen, das heißt alemannischen Akzent aufweist und damit zwischen Nord- und Südtirol steht, hat sich wohl von dieser auch strafrechtlich wegen Verleumdung relevanten Werbung distanziert. Noch nicht geäußert hat sich Bundespräsident Alexander van der Bellen, aber so wie ich ihn kenne – ich hatte das Glück, ihn persönlich in einem längeren Gespräch kennenzulernen – dürfte der überzeugte Tiroler diesen schrecklichen Fehlgriff der Tirolwerbung klar verurteilen. Aber wenn wir bedenken, dass eine eindeutig tirolerische Stadt wie Klausen damit wirbt, dass sie italienisches Lebensgefühl verkörpert, dann dürfen wir uns über den Fehltritt der Nordtiroler nicht allzu sehr wundern. Und die aus Südtirol stammenden Tiroler Speckknödel sind ja inzwischen italienisches Kulturerbe. Das wäre doch ein Argument für den Galateo, gegen die Werbung aus dem Bundesland Tirol vorzugehen. Speck und Knödel sind für ihn ja italienisch und nicht tirolerisch.

  3. Martin Brugger avatar
    Martin Brugger

    „…Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger Tirols, und deshalb bin ich als freier Mensch stolz darauf, sagen zu können ‚Ich bin ein Tiroler‘!“

  4. Werner Pramstrahler avatar
    Werner Pramstrahler

    Es gibt offenbar ein Bedürfnis eines Teils der Bevölkerung des Bundeslandes Tirol, sich von Südtirol abzugrenzen und *uns* als Italiener:innen und das Land als Italien zu klassifizieren. Das begegnet mir auch individuell. Sicher spielt auch die entsprechende Eigendefinition vieler Südtiroler:innen eine Rolle. Aber ich vermute noch weitere Gründe für diesen Exklusivitätsanspruch der Nordtiroler:innen auf die Tirolität: die mittlerweile grassierende Unwissenheit über die Landesgeschichte, die Überbetonung der eigenen Regionalität als Abgrenzung zu Wien. Schade.

    1. Harald Knoflach avatar
      Harald Knoflach

      Und freilich die Dominanz und Strahlkraft des nationalen Prinzips, das regionale Identitäten erschwert.

  5. Helmut G. avatar
    Helmut G.

    Wenn wir Südtirols Spitzensportler:innen betrachten, dann dürfen wir auch nicht zu sehr überrascht sein. Und auch die lokale Sportberichterstattung, wo ein “banaler Nationalismus” der ständige Begleiter ist.

    1. Kritiker avatar
      Kritiker

      Wie wahr. Die lokale Sportberichterstattung ist übelster banaler Nationalismus. Also haben in einem bestimmten Maße die Nordtiroler uns nur einen Spiegel vorgehalten?

  6. Karl-Heinz Voelker avatar
    Karl-Heinz Voelker

    FPOE und STF empoeren sich.

    Beim STANDARD sehen die Reaktionen etwas anders aus

    https://www.derstandard.de/story/3000000306049/aufregung-um-s252dtirol-posting-von-tirol-werbung

  7. Harald Knoflach avatar
    Harald Knoflach
  8. Walter Kircher - Euregio Guide avatar
    Walter Kircher – Euregio Guide

    … diese Werbe-Entgleisung ist wohl einmal mehr Ausdruck der immer öfter wahrnehmbaren Befindlichkeit der Touristik-Strategen: es zählen nur mehr die Ü- u. Ankunfts-ZAHLEN …

    1. Harald Knoflach avatar
      Harald Knoflach

      Süd-Tirol ist mit Schloss Tirol das historische Kernland Tirols, von dem das gesamte Land seinen Namen hat. Die älteste Darstellung des Tiroler Adlers stammt aus Süd-Tirol. Andreas Hofer kam aus dem Passeiertal in Süd-Tirol. Und selbst der von der Tirol-Werbung bemühte Knödel-Vergleich geht ins Leere: Auch die älteste Darstellung eines Knödels stammt aus Süd-Tirol.

      Interessante Auflistung. Wie die wohl darauf kommen – einen Tag nachdem ich meinen Artikel gepostet habe.

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