Die Tiroler Volksschauspiele in Telfs haben für die heurige Eigenproduktion im wörtlichen wie im übertragenen Sinne schwere Geschütze aufgefahren. Bei einem Produktionsbudget im siebenstelligen Bereich gibt es jede Menge Sprengstoff und sich die Crème de la crème Tirols (Nord wie Süd) ein Stelldichein.
“Feuernacht” basiert auf Felix Mitterers legendärem Fernsehseriendrehbuch “Verkaufte Heimat”. Die beiden letzten Episoden des Vierteilers hat Peter Lorenz für eine Bühnenfassung adaptiert, nachdem Teil 1 und 2 bereits vor einigen Jahren von den Tiroler Volksschauspielen in der Südtiroler Siedlung in Telfs inszeniert wurden. Auch für die Uraufführung der “Feuernacht” (Regie: Thomas Gassner) dient die mittlerweile beinahe komplett geschleifte Optanten-Siedlung (die einem neuen Wohnbauprojekt weichen muss) als Kulisse. Das letzte noch verbliebene Gebäude wurde dafür wie ein Spielzeughaus aufgeschnitten und ermöglicht dem Publikum auf der Tribüne (23 seit Monaten ausverkaufte Vorstellungen mit je 850 Zuschauern) tiefe Einblicke in die jüngere Tiroler Geschichte wie auch in die Gedankenwelt der Protagonisten. In der Mitte prangt ein riesiges LED-Display, auf dem einzelne Szenen, die mitunter in der Ferne auf dem weitläufigen Gelände oder außerhalb des Blickfeldes spielen, in expressionistischem Schwarz-weiß live übertragen werden. Nur das Rot des Blutes der Gefolterten und das Rot der Rosen unter der Marienfigur kommen in Farbe. Daneben ein Hügel aus Bauschutt und ein Baukran, der abwechselnd ein Kreuz, Bruchstücke von Metallmasten und einen Tiroler Adler ins Sichtfeld schweben lässt. Es ließen sich unendlich viele Metaphern für das wahrlich imposante Bühnenbild von Raphael Jonathan Hanny finden: die Geschichte als Baustelle, Trümmerhaufen und Puppentheater zugleich.
Mitterer erzählt die Bombenjahre nicht historisch penibel und akkurat, sondern verdichtet die Geschehnisse der 1960er-Jahre auf das Schicksal dreier fiktiver Familien, das jedoch sehr stark an jenes tatsächlicher Akteure angelehnt ist. So wird aus Sepp Kerschbaumer ein Sepp Rabensteiner (Lukas Lobis) und aus Georg Klotz ein Hermann Tschurtschenthaler (Markus Oberrauch). Die Figur des Carabiniere Ettore Magalone (Lukas Spisser) wiederum spielt wohl – wenn auch weit hergeholt, da er in “Feuernacht” mit der Schwester Tschurtschenthalers verheiratet ist – auf Vittorio Tiralongo an, dessen Ermordung – im Stück wie in der Realität – nie vollständig geklärt wurde. Die Täterschaft wurde den “Puschtra Buibm” zugeschoben, während es Hinweise gibt, dass es sich bei der Tötung auch um einen Inside Job, eine False Flag-Aktion oder eine interne Fehde gehandelt haben könnte. Jedenfalls werden die prägendsten historischen Ereignisse – wie die Sprengung des “Aluminium-Duce” in Waidbruck, die Feuernacht mit dem Tod Giovanni Postals, die Folterung und der Tod Franz Höflers, die Geschehnisse auf den „Brunner Mahdern“ mit der Ermordung von Luis Amplatz und der Verwundung von Georg Klotz durch Christian Kerbler – dramaturgisch adaptiert behandelt. Dazu gesellen sich bis ins Karikaturhafte überzeichnete Darstellungen der Geheimdienstaktivitäten, der neonazistischen Vereinnahmung des BAS sowie der italienischen Exekutivkräfte und des Tiroler Klerus.
Die Rolle der Frauen ist meist eine kalmierende und auf Nebenschauplätze begrenzte, wie auch Margarete Affenzeller im Standard bemerkt:
Die Ehefrauen (Brigitte Jaufenthaler, Lisa Laner) werden nicht müde, die Männer von den gefährlichen Sabotageplänen abzuhalten. Viel Text wirft das nicht ab, auch sonst bleiben die Rollen einem alten Geschlechterbild verhaftet. Kurzum, es ist ein Männercast, in dem Frauen keine Akteurinnen sind.
Wobei das freilich auch daran liegen könnte, dass dieses “alte Geschlechterbild” ziemlich authentisch jenes der 1960er-Jahre in Südtirol widerspiegelt.
Interessant ist auch die Entscheidung, die italienischen Dialoge – die nicht wenige und sprachlich nicht banal waren – an einem Nordtiroler Spielort unübersetzt zu belassen bzw. nicht zu untertiteln, wenngleich sich aus dem Kontext heraus das Gesagte für Besucher ohne Italienischkenntnisse wohl im Groben durchaus erahnen ließ.
Ob es feige oder mutig von den Machern war, auf eine Inszenierung, die wie eine moralinsaure Kanzelpredigt daherkommt, zu verzichten, weiß ich nicht. Wohltuend war es allemal. “Wir haben keinen Zeigefinger. Wir haben keine […] moralische Aussage. Mittlerweile jede Wetterfee erzählt dir schon, was du denken, fühlen [musst], was richtig und was falsch ist”, sagt der künstlerische Leiter der Volksschauspiele, Gregor Bloéb, der bei der “Piefke-Saga” und in “Andreas Hofer – Die Freiheit des Adlers” an der Seite seines Bruders Tobias Moretti bereits selbst mehrfach in Mitterer-Werken mit Tirol-Bezug in Erscheinung getreten ist, bei Tirol Heute. Morettis Sohn Lenz und Bloébs Sohn Gustav sind übrigens Teil der Schauspieltruppe.
Für das spielfreudige Ensemble war zumindest die gestrige Vorstellung – nicht bloß aufgrund der Länge von fast zweieinhalb Stunden reiner Spielzeit – Schwerstarbeit. Während die Zuschauer unter dem Flugdach der Tribüne die Aufführung gemütlich im Trockenen verfolgen konnten, wurden die Darsteller bei den Szenen außerhalb des Hauses richtiggehend eingeweicht. Gleichzeitig unterstützten die sintflutartigen Regenfälle die Endzeitstimmung des Stücks, denn die Mimik und Gestik der Schauspielerinnen war aufgrund der großen Entfernungen leider kaum dazu angetan, den drückenden, aber stellenweise doch mit Humor garnierten Inhalt entscheidend mitzutragen. Die Inszenierung bedient sich daher anderer Mittel wie der reportagehaften Live-Kamera mit Close-ups, mächtiger, eindringlicher (Bühnen)-Bildsprache und – vor allem – der eigens von keinem Geringeren als Herbert Pixner komponierten Musik, um das Publikum auch emotional ins Stück zu holen. Zusammen mit Manu Delago, Marco Stagni und Alex Trebo performt Pixner, in einem Kämmerlein oberhalb der Schauspielszenen thronend, bei jeder Vorstellung seinen unverwechselbaren Klang live.
Dennoch ist “Feuernacht” in Summe ein grandioses Ereignis, das anscheinend zeitlose, komplexe Spannungsverhältnisse zwischen Loyalität und Verrat, individueller, lokaler und internationaler Interessen, Heimatverbundenheit und Nationalismus, zivilem Ungehorsam und politischer Gewalt aufzeichnet aber nicht bewertet. Gegen eine politische Instrumentalisierung der Attentäter und BAS-Mitglieder sollten wir uns wehren, meinte Christoph Franceschini, Autor der preisgekrönten Dokumentarreihe „Bombenjahre – Geschichte der Südtirol-Attentate“, in seiner Eröffnungsrede zu den heurigen Volksschauspielen. Urteil gibt es in Telfs also keines. Zumindest nicht auf der Bühne. Vielleicht aber in den Köpfen der insgesamt rund 20.000 Besucher, die ein Ticket ergattern konnten.



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