Welch eine Überraschung: Wenn die Nationalismen — insbesondere der deutsche und der italienische — erstarken, gerät Südtirol wieder ins Visier.
Aktueller Anlass ist eine für den 23. September angekündigte Veranstaltung der AfD-Bundestagsfraktion, bei der es um das Gruber-Degasperi-Abkommen geht. Als Gastredner ist Otto Mahlknecht von den rechtsradikalen Südtiroler Freiheitlichen angekündigt.
Die Tatsache, dass die Region Trentino-Südtirol auf dem Ankündigungsmotiv farblich von Italien abgesetzt erscheint, war für den italienischen Außenminister und FI-Chef Antonio Tajani Anlass zu einer besonders heftigen Reaktion.
Im Corriere della Sera unterstellte er, dass die AfD die Sezession Südtirols von Italien unterstütze und fördere. Er bezeichnete die Partei als »antiitalienisch« und »schlimmsten Feind« Italiens.
Seine Forza Italia, die in Südtirol mit Christian Bianchi einen stets zündelnden Landesrat stellt, legte nach und kündigte eine Anfrage an die EU-Kommission an.
Italienische Rechte und Rechtsextreme sprechen reflexhaft davon, dass die (angeblich »nicht existierende«) Grenze und die heilige nationale Einheit nicht in Frage gestellt werden dürften. Dass es bezüglich der Zugehörigkeit Südtirols zu Italien keine Ambivalenzen geben dürfe. Dass das Thema der staatlichen Zugehörigkeit ein für alle Mal entschieden worden sei und nicht zur Diskussion stehe. Und dass — sowieso — die Autonomie, die sie tagein tagaus abschwächen oder zu ihren Gunsten umbauen wollen, vorbildlich sei.
Letzteres betont im heutigen A. Adige auch Federico Guiglia, der sonst in einem beeindruckenden Rhythmus seine autonomie- und minderheitenfeindlichen Ergüsse im Athesia-Blatt veröffentlichen darf. Erst kürzlich hatte er behauptet und gefordert, dass Österreich in Bezug auf Südtirol nichts mitzureden habe.
Weder Spielball Berlins, noch Besitz Roms
Doch die gegensätzlichen, sich gegenseitig verstärkenden Nationalismen bringen uns nicht bloß nicht weiter, sondern führen uns schnurgerade ins Verderben. Es wäre höchst an der Zeit, dass wir uns — ähnlich der Schweiz — durch mehrsprachige Eigenstaatlichkeit möglichst endgültig aus ihrer Schusslinie nehmen.
Wir sollten uns weder zum Objekt großdeutscher Projektionen deutscher Neonazis machen noch uns von ihren italienischen Pendants das Recht nehmen lassen, frei und demokratisch über eine Änderung des Status Quo nachzudenken.
Geschichte bewältigt man nicht dadurch, dass man ihr Ende dekretiert, sondern indem man aus ihr lernt und eine bessere Zukunft ermöglicht.
Cëla enghe: 01 02 03 | 04 | 05

Scrì na resposta