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Linguistische Unsicherheit.

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Sprachliche oder linguistische Unsicherheit entsteht bei Individuen, Gemeinschaften oder beiden, wenn sie subjektiv den Eindruck gewinnen, ihre Sprache oder Varietät sei »falsch«, minderwertig oder wenig prestigeträchtig. Mit objektiven sprachlichen Defiziten hat dies meist wenig zu tun.

Eine zentrale Ursache für dieses Phänomen ist die sogenannte Standardsprachenideologie. Sie vermittelt die irrige Vorstellung, es gebe eine (einzige) richtige, neutrale und überlegene Sprachform, während Dialekte, regionale Varietäten oder Minderheitensprachen als Abweichung erscheinen. Öffentliche Institutionen wie Schule, Staat, Gesetzgebung oder Medien tragen häufig aktiv zu dieser Hierarchisierung bei, indem sie Standardvarietäten als Norm und alles andere als defizitär darstellen.

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist diese Vorstellung nicht haltbar. Sprache existiert nicht losgelöst von Sprecherinnen, geographischem Raum und sozialem Kontext. Dialekte und andere Varietäten sind keine fehlerhaften Versionen der Standardsprache, sondern voll- und gleichwertige sprachliche Systeme.

Besonders häufig betrifft sprachliche Unsicherheit Sprecherinnen minorisierter Sprachen. Dort kommt ein strukturelles Machtgefälle dazu: Die staatliche Mehrheitssprache ist institutionell besser abgesichert, wird deshalb weniger hinterfragt und ist im öffentlichen Raum sichtbarer. Für minorisierte Sprachen erzeugt dies zusätzlichen Druck. Am Beispiel frankophoner Kanadierinnen ist dies gut erforscht.

In Südtirol sind es auch führende Politikerinnen, bis hin zu Mitgliedern der Landesregierung, die die Standardsprachenideologie offensiv propagieren. Wenn selbst sie suggerieren, Südtirolerinnen sprächen kein »richtiges« Deutsch oder der Dialekt sei minderwertig, schlecht oder für Italienerinnen unverständlich, reproduzieren sie genau jene Denkmuster, die sprachliche Unsicherheit fördern.

Eine solche Abwertung bestimmter Sprachformen ist letztlich eine Form von Glottophobie oder Linguizismus.

Eine häufige Folge sprachlicher Unsicherheit ist Anpassung. Sprecherinnen passen ihre Sprache im Kontakt mit anderen vorschnell an, insbesondere bei Begegnungen mit Mitgliedern einer sprachlichen Mehrheitsgruppe. Wer die eigene Varietät als problematisch empfindet, verzichtet auch schneller auf sie.

In ihrer unproblematischen Ausprägung trägt die Anpassung als »Akkommodation« zur Verständigung bei: Wenn etwa ein Ahrntaler und eine Ultnerin miteinander sprechen, werden sie ihre jeweiligen Dialekte vermutlich etwas aneinander angleichen. Um sich zu verstehen, müssen sie aber keineswegs ins Standarddeutsche (oder was dafür gehalten wird) wechseln, sondern es genügt, dass sie einige dialektale Eigenheiten abschwächen.

Problematisch wird sprachliche Anpassung dann, wenn sie — etwa aufgrund von sprachlicher Unsicherheit — einseitig und dauerhaft verläuft. Genau das ist bei minorisierten Sprachen häufig der Fall. Sprecherinnen einer Minderheitensprache verzichten in gemischten Kontexten (Outgroupkontakten) oft vorschnell auf ihre Sprache und wechseln rasch in die Mehrheitssprache, während die Anpassung in die Gegenrichtung deutlich seltener erfolgt.

So entsteht ein Teufelskreis: Je seltener eine minorisierte Sprache in gemischten Kontexten verwendet wird, und je mehr sie aus der öffentlichen Sphäre gedrängt wird, desto größer wird der Druck, aus falsch verstandener »Rücksicht« weiterhin auf sie zu verzichten.

Auf individueller Ebene lässt sich dem entgegenwirken, indem Sprecherinnen bewusst auf voreilige Anpassung verzichten. Entscheidend wäre aber vor allem ein institutioneller Kulturwandel. Schule, Medien, Politik und öffentliche Einrichtungen aller Art sollten sprachliche Unsicherheit nicht bloß nicht verstärken, sondern aktiv linguistische Sicherheit fördern.

Das bedeutet konkret: regionale Varietäten und Dialekte nicht als Problem, sondern als legitimen Teil der sprachlichen Realität behandeln.

Interessant finde ich übrigens, dass gerade auch die Gefahr von Sprachverlust bzw. Assimilation ein wichtiger Faktor sprachlicher Unsicherheit sein kann. Sprecherinnen einer bedrohten Sprache oder Varietät haben oft ein besonders fragiles Verhältnis zur eigenen sprachlichen Identität.

Sprachliche Sicherheit ist also ein zentraler Bestandteil von Minderheitenschutz und echter sprachlicher Gleichstellung — sowie eine Voraussetzung für eine langfristig mehrsprachige Gesellschaft.

Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 09



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Comentârs

9 responses to “Linguistische Unsicherheit.”

  1. Hartmuth Staffler avatar
    Hartmuth Staffler

    Ich glaube, dass Simon bei diesen (seltsamer Weise in Standardsprache geschriebenen Überlegungen) von einer falschen Voraussetzung ausgeht. Laut Simon gibt es angeblich eine Standardsprachenideologie, die die irrige Vorstellung vermittle, es gebe eine (einzige) richtige, neutrale und überlegene Sprachform, während Dialekte, regionale Varietäten oder Minderheitensprachen als Abweichung erscheinen. Meiner Meinung nach ist gerade die Vorstellung von einer Standardsprachenideologie irrig. Standardsprache beruht, wie jeder weiß, der sich mit Linguistik befasst, auf einer Konvention. Man hat sich auf eine Kunstsprache mit klaren Regeln geeinigt, um die Kommunikation vor allem auch im Schriftlichen zu fördern. Grundlage jeder Sprache sind ihre Dialekte, die sich im Gegensatz zur Standardsprache auf natürliche Weise entwickelt haben. Auch die Dialekte haben ihre, allerdings meist ungeschriebenen Gesetze, die von den Sprechern meist unbewusst respektiert werden, beim Schreiben aber nicht beachtet werden, was zu totalem Chaos führt, wenn Dialekt verschriftlicht wird. Nicht jeder ist eine Maridl Innerhofer die das Dialektschreiben perfekt beherrscht hat. Die deutsche Standardsprache ist jedenfalls nicht die einzig richtige oder gar überlegene Sprachform, aber sie ist die sinnvollste Sprachvariante für eine allgemein verständliche Kommunikation innerhalb des deutschen Sprachraumes, vor allem in schriftlicher Form. Auf lokaler Ebene dürfte der Dialekt wichtiger sein. Dialekt und Standardsprache sind daher gleichwertige Sprachvarianten, deren Anwendung vom jeweiligen Verwendungszweck abhängt. Die Behauptung, dass die “Standardsprachenideologie” angeblich auch Minderheitensprachen als “Abweichung” empfinde, widerspricht sich selbst. Minderheitensprachen sind, wie der Name sagt, eigene Sprachen, die daher nicht von einer anderen Standardsprache abweichen können, sondern eventuell selber mit dem Phänomen der Aufteilung in Dialekte zu tun haben.

    1. Simon avatar

      seltsamer Weise in Standardsprache geschriebenen Überlegungen

      Ich sage erstens nirgends, dass man sich der Standardsprache (oder was dafür gehalten wird) nicht bedienen soll und bin zweitens weder gegen vorherrschende Ideologien und Mythen noch gegen sprachliche Unsicherheit immun.

      Meiner Meinung nach ist gerade die Vorstellung von einer Standardsprachenideologie irrig. Standardsprache beruht, wie jeder weiß, der sich mit Linguistik befasst, auf einer Konvention.

      Da ich hier eine — hoffentlich einigermaßen richtige — Zusammenfassung sprachwissenschaftlicher Erkenntnisse versucht habe, wäre es merkwürdig, wenn mein Eintrag der Linguistik widerspräche. »Standardsprachenideologie« (und »linguistische Unsicherheit«) kann man ja im Internet suchen und sich vergewissern, dass es sich um (ein) etablierte(s) sprachwissenschaftliche(s) Konzept(e) handelt.

      Die Behauptung, dass die “Standardsprachenideologie” angeblich auch Minderheitensprachen als “Abweichung” empfinde, widerspricht sich selbst. Minderheitensprachen sind, wie der Name sagt, eigene Sprachen, die daher nicht von einer anderen Standardsprache abweichen können, sondern eventuell selber mit dem Phänomen der Aufteilung in Dialekte zu tun haben.

      Das gilt vielleicht weniger für Deutsch in Südtirol oder Französisch in Kanada, aber sehr wohl für zahlreiche Minderheitensprachen in Italien, Frankreich oder Spanien, die häufig als dialektale Abweichungen der italienischen, französischen oder spanischen Standardsprache deklariert werden. Im Faschismus (und nicht nur) wurde ja auch versucht, Ladinisch als Dialekt des Italienischen einzuordnen.

      1. Hartmuth Staffler avatar
        Hartmuth Staffler

        Natürlich findet man, wenn man sucht, den Begriff “Standardsprachenideologie”. Es ist jedoch eine, vermutlich wohl ideologisch bedingte Erfindung, die in der Realität keine Bestätigung findet. Kein vernünftiger Linguist behauptet,, dass Standardsprache die einzig richtige Sprachvariante oder gar wertvoller als die verschiedenen Dialektvarianten sei. Es ist aber in manchen pseudowissenschaftlichen Kreisen üblich geworden, eine angebliche Ideologie zu erfinden, um dann mit den vollen Breitseiten von Argumenten dagegen schießen zu können. Die Argumente wären stimmig, wenn das Ziel nicht nur erfunden wäre.

      2. Simon avatar

        Kein vernünftiger Linguist behauptet,, dass Standardsprache die einzig richtige Sprachvariante oder gar wertvoller als die verschiedenen Dialektvarianten sei.

        Die Linguistinnen, die von Standardsprachenideologie sprechen, behaupten ja nicht hauptsächlich, dass es andere Linguistinnen wären, die diese Ideologie vertreten und befeuern. Vielmehr stellen sie fest, dass diese Ideologie auf gesellschaftlicher Ebene existiert und von Schulen, Medien usw. (implizit oder explizit) propagiert und gefördert wird.

        Denken wir nur daran, wie oft Nichtsüdtirolerinnen (oder Südtirolerinnen italienischer Muttersprache) behaupten, die Südtirolerinnen sprächen gar kein Deutsch, sondern einen miserablen Dialekt (Grattlersprech™), den kein Deutscher verstehen könne. Oder wie oft deutschsprachige Südtirolerinnen selbst behaupten, sie selbst oder die Südtirolerinnen allgemein könnten nicht — nicht »richtig« — Deutsch. Das ist die Standardsprachenideologie.

      3. Harald Knoflach avatar
        Harald Knoflach

        Die Opposition zum Dialekt beispielsweise im Landtag muss nicht notwendigerweise auf einer Ideologie basieren, die von Minderwertigkeit des Dialekts ausgeht. Ich stimme Hartmuth zu, dass Konvention hier eine große Rolle spielt. Und aus diesen Konventionen resultiert, was wir für situationsadäquat halten. Mit dem Anzug in der Sauna ist genauso blöd wie nackt im Gerichtssaal.
        Man muss diese Konventionen nicht teilen und kann sie hinterfragen und andere Dinge für situationsadäquat erachten – aber nicht jede Haltung dazu ist Standardsprachenideologie.

      4. Simon avatar

        Natürlich ist nicht alles Standardsprachenideologie. Doch vieles, was man dazu hört, etwa das laut Bianchi angeblich fast »pure« Deutsch von Arno Kompatscher und Sven Knoll, ist es sehr wohl. Mir ging es in dem Beitrag aber ohnehin nicht hauptsächlich um den Sprachgebrauch im Landtag.

  2. Martin Brugger avatar
    Martin Brugger

    sag wer mag das Männlein sein…? Das eine hat eine bundesdeutsche Mutter, das andere immer die K.I. dabei: das eine spricht hochdeutsch, das andere standarddeutsch, beide vereint das staatsmännische Format.

    1. Hartmuth Staffler avatar
      Hartmuth Staffler

      Die verschiedenen südbairischen Dialekte, die in Südtirol gesprochen werden, gehören alle zum Hochdeutschen.

      1. Martin Brugger avatar
        Martin Brugger

        Das mag schon stimmen, nur dass die Südtiroler einen Sprachwortschatz von ein paar wenigen tausend Wörtern haben und gesprochen, der dann oft mit Anglizismen versetzt wird, weil dies schick zu sein scheint, klingt aber belämmert wie zum Beispiel “einen Touch” (gesprochen “Tatsch”) , oder mit aus dem Italienischen entlehnten Wörtern wie das bekannte “Targa” nur um eines zu nennen oder teilweise lachhaft wie z.B. Demokratie, ausgesprochen bei uns: “Demokrazie”. Klingt leider… Scheiße!

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